{"id":4315,"date":"2021-01-27T11:08:54","date_gmt":"2021-01-27T10:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4315"},"modified":"2021-01-27T11:32:27","modified_gmt":"2021-01-27T10:32:27","slug":"alles-maerchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/alles-maerchen\/","title":{"rendered":"Alles M\u00e4rchen?!"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Predigt zu 2. Petrus 1,16-19 | verfasst von Thomas Muggli-Stokholm |&nbsp;<\/strong><\/h3>\n<p>Lesungstext aus dem ersten Testament: Jes 53,1-12<\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong>Wir leben in dunklen Zeiten. Ich denke nicht zuerst an die Corona-Pandemie, welche unseren Alltag so sehr dominiert, dass ich nicht mehr dar\u00fcber reden mag. Noch mehr bedr\u00fccken mich die Bilder vom Sturm auf das Kapitol in Washington am 6. Januar dieses Jahres, anl\u00e4sslich der formellen Best\u00e4tigung des neuen US-Pr\u00e4sidenten Joe Biden. Die USA gelten als \u00e4lteste Demokratie der Welt und sind nach wie vor f\u00fchrend in Wissenschaft und Wirtschaft.<\/p>\n<p>Umso unfassbarer scheinen die primitive Brutalit\u00e4t des Mobs, welcher das Regierungsgeb\u00e4ude teilweise mit Billigung und Unterst\u00fctzung der der Sicherheitskr\u00e4fte st\u00fcrmte und seine Beweggr\u00fcnde: Die ganze Aktion war massgeblich durch QAnon geleitet, eine rechtsextrem motivierte Verschw\u00f6rungstheorie, die Donald Trump mit v\u00f6llig absurden Argumenten zum Messias erhebt und seine Gegner samt und sonders zu Satanisten erkl\u00e4rt. Dass QAnon auch in der Schweiz mindestens 100&#8217;000 Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger findet, macht sprachlos. Ja, wir leben in dunklen Zeiten.<\/p>\n<p>Dabei sah es vor einigen Jahrzehnten so aus, als w\u00fcrde eine Zeit des ewigen Friedens und Gl\u00fccks anbrechen: Am 6. November 1989 geschah, was noch wenige Jahre zuvor niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte: Es kam zum Fall der Berliner Mauer. Das Symbol des kalten Kriegs zwischen dem kommunistischen Osten und dem kapitalistischen Westen verschwand fast \u00fcber Nacht. Innert weniger Monate fielen die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten in sich zusammen, und das auf weitgehend friedliche Weise. Deutschland wurde wiedervereinigt. Freiheit und Demokratie hielten Einzug in Gebieten und L\u00e4ndern, die seit dem zweiten Weltkrieg durch die kommunistischen Machthaber unterdr\u00fcckt und bevormundet wurden. Die Euphorie war so gross, dass der Politikwissenschafter Francis Fukuyama das Ende der Geschichte gekommen sah, den endg\u00fcltigen Sieg der liberalen Demokratie, die Frieden und Wohlstand schafft \u2013 f\u00fcr alle Menschen und f\u00fcr immer. Als damals noch junger Pfarrer fand ich dies gar nicht so abwegig. Heute w\u00e4ren solche Prognosen undenkbar.<\/p>\n<p>Auch die Menschen zur Zeit des zweiten Petrusbriefes leben in dunklen Zeiten. Als Christinnen und Christen bilden sie nach wie vor eine Minderheit, leben in rechtlicher Unsicherheit und m\u00fcssen st\u00e4ndig mit Schikanen und Verfolgung durch den r\u00f6mischen Staat rechnen. Das ist aber noch das kleinere Problem. Viel schlimmer steht es mit dem Glauben.<\/p>\n<p>Die Zeit der Euphorie, als in Jerusalem die Gef\u00e4hrten Jesu noch lebten und Paulus das Evangelium in ganz Kleinasien verk\u00fcndigte, liegt weit zur\u00fcck. Mittlerweile hat sich Ern\u00fcchterung breit gemacht: Die Wiederkunft Christi, mit welcher die ersten Christen noch zu Lebzeiten rechneten, bleibt aus. Das Reich Gottes, welches Jesus verk\u00fcndigte und dessen vollst\u00e4ndige Umsetzung man innert weniger Jahre erwartete, scheint weit weg. Nichts von Frieden und Freude, Freiheit und Gerechtigkeit, wo nicht mehr Mann und Frau, Sklavinnen und Herren, sondern nur noch Geschwister in Christus leben. Im Gegenteil: Rom ist so m\u00e4chtig wie nie zuvor. Und in den christlichen Gemeinden werden statt des Evangeliums zunehmend menschliche Geschichten und Theorien verbreitet. So gibt es eine starke Bewegung mit wortgewandten Predigern, welche die Heiligen Schriften, die Propheten und die B\u00fccher Mose zur Lehre eines finsteren, satanischen Gottes erkl\u00e4ren. Dieser G\u00f6tze, welcher die Welt schuf, um die Menschen darin einzusperren, ist der Gegenspieler zum wahren Gott, der Jesus in die Welt sendet, um die gefangenen Seelen zu befreien und zur\u00fcck ins Licht zu f\u00fchren. Solche antij\u00fcdischen Lehren gleichen frappant heutigen Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p>In dieser Zeit der Verdunkelung will der zweite Petrusbrief Mut und Orientierung vermitteln. Und er packt dies leidenschaftlich und pointiert an:<\/p>\n<p><em>Nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majest\u00e4tischen Wesens geworden sind. <\/em><\/p>\n<p>Der Verfasser setzt sich ab von jenen, welche die Menschen mit ihren selbst erfundenen Mythen, M\u00e4rchen und Theorien beschwatzen und nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, Augenzeuge Jesu zu sein. Er ist schliesslich ein J\u00fcnger Jesu und dann erst noch einer, der mit dem Meister besonders eng vertraut war.<\/p>\n<p>Wie gern w\u00fcrden wir das glauben. Doch leider gibt es allzu begr\u00fcndete Zweifel: Die historisch-kritische Forschung beweist mit erdr\u00fcckender Deutlichkeit, dass der zweite Petrusbrief nicht vom J\u00fcnger Petrus geschrieben wurde. L\u00fcgt der Verfasser unseres Textes also, wenn er behauptet, er sei ein Augenzeuge? Verbreitet er einfach einen weiteren, klug ausgedachten Mythos?<\/p>\n<p>Zwei Stellen im 3. Kapitel seines Briefs helfen uns weiter: Zum einen schreibt der Verfasser in Vers 4 selbst, dass alle Augenzeugen Jesu l\u00e4ngst verstorben sind. Zum anderen r\u00fchmt er einige Verse sp\u00e4ter die Weisheit des geliebten Bruders Paulus und empfiehlt die Lekt\u00fcre seiner Briefe \u2013 die offensichtlich schon eine l\u00e4ngere Traditionsgeschichte hinter sich haben.<\/p>\n<p>Der Verfasser selbst legt also offen, dass er und seine Leser in einer anderen Zeit leben als die ersten Christen. Wenn ihm wirklich daran gelegen gewesen w\u00e4re, sich als Petrus auszugeben, h\u00e4tte er solche verr\u00e4terischen Hinweise tunlichst vermieden. Nein, der zweite Petrusbrief will uns nichts vorgaukeln. Der Verfasser will seinen Zeitgenossen und uns allen, die an einem dunklen Ort sind, den Zugang zum Glauben neu \u00f6ffnen. Dazu versetzt er sich in den Augenzeugen Petrus, nicht um uns \u00fcber das Wesen Jesu zu belehren, sondern um uns alle zu Augenzeuginnen und Augenzeugen zu machen.<\/p>\n<p>Christlicher Glaube lebt nicht von Mythen. Er kommt aus dem Sehen und H\u00f6ren. So sagt Jesus seinen J\u00fcngern: Selig eure Augen, weil sie sehen und eure Ohren, weil sie h\u00f6ren. Zu der Zeit, als der zweite Petrusbrief entsteht, liegen die direkten Begegnungen mit Jesus schon fast 100 Jahre zur\u00fcck. Heute ist der Graben der Zeit noch viel tiefer. Der zweite Petrusbrief will uns helfen, diesen Graben zu \u00fcberwinden und l\u00e4dt uns ein, mit ihm zu zusammen zu sehen und zu h\u00f6ren, was es mit Jesus auf sich hat. So nimmt er uns mit auf eine Reise zur\u00fcck in die Zeit des irdischen Jesus. Dazu w\u00e4hlt er eine Schl\u00fcsselgeschichte, die besonders geeignet ist, uns zu sehen und h\u00f6ren zu lassen, wer Jesus ist, <em>damit sein Licht leuchtet in unserer Dunkelheit und sein Morgenstern aufgeht in unseren Herzen.<\/em><\/p>\n<p>Zusammen mit Jesus, mit Petrus, Jakobus und Johannes steigen wir auf den Berg. Auf dem Gipfel sehen wir, wie Jesus vor uns verwandelt wird; sein Angesicht strahlt wie die Sonne, und seine Kleider werden weiss wie das Licht. Wir sehen Mose und Elija, die mit Jesus reden. Und wir h\u00f6ren die Stimme aus der Wolke, die spricht: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Auf ihn sollt ihr h\u00f6ren! Jesus \u2013 der Sohn Gottes, der Messias, welcher das, was Mose und Elija begonnen haben, vollendet, das Volk Gottes neu sammelt und die Heilsgeschichte zum Ziel f\u00fchrt. Ein Gipfelerlebnis, wo alles klar ist, reiner, ungetr\u00fcbter Sonnenschein.<\/p>\n<p>Gezielt w\u00e4hlt der zweite Petrusbrief den H\u00f6hepunkt des irdischen Wegs Jesu, um uns in unserer Dunkelheit Mut zu machen. Einen Moment lang ist alles strahlend hell und sonnenklar: Doch dieser Augenblick darf nicht verweilen. Das m\u00fcssen Petrus, Jakobus und Johannes \u2013 und mit ihnen wir alle \u2013 bitter erfahren. Jesus steigt mit den dreien vom hohen Berg hinab, zur\u00fcck in die Tiefe, zur\u00fcck in den m\u00fchsamen Alltag, wo sie sofort mit ihren Grenzen und den Folgen ihres Kleinglaubens konfrontiert werden. Auch der zweite Petrusbrief verharrt nicht auf dem heiligen, erhabenen Berg. Er schreibt:<\/p>\n<p><em>Eine umso festere Grundlage haben wir im prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten, wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint.<\/em><\/p>\n<p>Elija und Mose sind nicht einfach Vergangenheit. Jesus als Sohn Gottes verstehen wir nur auf der Grundlage dessen, was die prophetischen Schriften bezeugen. In der Lesung haben wir eines der sogenannten Gottesknechtslieder aus dem Jesajabuch geh\u00f6rt. W\u00e4re Jesus einfach der Megaprophet, Hohepriester und Superk\u00f6nig, w\u00fcrde er sich nahtlos in die Herrschergilde einf\u00fcgen, zu denen auch Trump, Putin und Co geh\u00f6ren. Jesus wird erst der Sohn Gottes, weil er zugleich wahrer Mensch ist und sich der Dunkelheit der Welt, dem Leiden, dem Schmerz, der Verzweiflung und dem Tod aussetzt.<\/p>\n<p>Der zweite Petrusbrief will uns zum Sehen und H\u00f6ren von Herzen f\u00fchren, zum Gleichzeitig-Werden mit Jesus und seinem Weg, nicht nur auf dem hohen Berg der Verkl\u00e4rung, sondern auch in der Tiefe, im Dunkeln, in Zeiten von Ratlosigkeit und existentiellen Krisen. Gerade damit wird unser Glaube mehr als das F\u00fcrwahrhalten eines klug ausgedachten Mythos. Er wird zur Kraft, die aus dem Sehen und H\u00f6ren kommt, zur Hoffnung, die aus der pers\u00f6nlichen Beziehung zum Sohn Gottes erw\u00e4chst, der f\u00fcr uns und mit uns bis in die tiefste Tiefe geht \u2013 um hier, am dunklen Ort, sein Licht, den Morgenstern aufgehen zu lassen.<\/p>\n<p>Nichts weniger als die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus will uns der zweite Petrusbrief kundtun. Und er zieht dabei alle Register, vom hohen Berg bis zur finsteren Tiefe. Erreicht er damit sein Ziel \u2013 damals bei seinen Zeitgenossen zu Beginn des zweiten Jahrhunderts \u2013 und heute, bei uns? Tatsache bleibt, dass die Christenheit damals die schweren Krisen nach dem Ausbleiben der Wiederkunft Jesu durchsteht. Und 200 Jahre sp\u00e4ter wird das Christentum sogar Staatsreligion \u2013 \u00e4usserlich ein grosser Erfolg. Der zweite Petrusbrief w\u00fcrde das allerdings anders sehen: Das Christentum als Staatsreligion hat nicht mehr den Gottessohn, der sich f\u00fcr die Welt hingibt vor Augen und im Herzen, sondern klug ausgedachte, staatstragende Mythen, die erlauben, dass Priester Kanonen segnen und Pfarrer f\u00fcr den Sieg der eigenen Armee und die Vernichtung des Feindes beten.<\/p>\n<p>Mindestens in der Schweiz ist das Christentum als Staatsreligion l\u00e4ngst Vergangenheit. Wir k\u00f6nnen schon froh sein, wenn unsere diakonische Arbeit weiterhin von der Gesellschaft unterst\u00fctzt wird. Und die Aussichten sind angesichts der zahlreichen Austritte d\u00fcster. Wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, dass Christinnen und Christen in absehbarer Zeit eine Minderheit sind wie zur Zeit des zweiten Petrusbriefs. Wie sich in der Vergangenheit wiederholt zeigte, k\u00f6nnen solche dunklen Zeiten der Ungewissheit und Verunsicherung jedoch eine Chance sein.<\/p>\n<p>Genau da, wo wir von uns aus nicht mehr weitersehen, k\u00f6nnen wir neu Augenzeuginnen und Augenzeugen von Jesus Christus werden. Wir schauen nicht mehr auf unsere eigenen M\u00f6glichkeiten, Konzepte, Geschichten und Pl\u00e4ne, sondern auf Jesus allein. Er kommt und erweist seine Macht gerade da, wo wir schwach sind. Er befl\u00fcgelt uns, um sein Evangelium in die Welt zu tragen, die gute Geschichte der Liebe und Vergebung Gottes, die allen Menschen gilt. Und er erm\u00e4chtigt uns, um an seinem Reich mitzubauen, dem Reich des Friedens zwischen Gott und den V\u00f6lkern. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu 2. Petrus 1,16-19 | verfasst von Thomas Muggli-Stokholm |&nbsp; Lesungstext aus dem ersten Testament: Jes 53,1-12 &nbsp;Wir leben in dunklen Zeiten. 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