{"id":4341,"date":"2021-02-03T10:38:28","date_gmt":"2021-02-03T09:38:28","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4341"},"modified":"2021-02-03T13:05:01","modified_gmt":"2021-02-03T12:05:01","slug":"vom-vierfachen-ohr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/vom-vierfachen-ohr\/","title":{"rendered":"Vom vierfachen Ohr"},"content":{"rendered":"<h3>7. Februar 2021 | Predigt zu Lk 8,4\u20138(9\u201315) | Verena Salvisberg Lantsch |<\/h3>\n<p><em>Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re!<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Ein seltsamer Satz. Ohren zu h\u00f6ren. Gibt es auch Ohren, die nicht zum H\u00f6ren da sind?<\/p>\n<p>Vielleicht Ohren daran zu ziehen? Oder Ohren heiss zu werden? Oder Ohren zu wackeln?<\/p>\n<p>Vier Ohren gibt es, hat der Psychologe Friedemann Schulz von Thun<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> in den 1970ger Jahren behauptet und anhand dieses Bildes ein Kommunikationsmodell entwickelt, das heute sehr bekannt ist. Sein Anliegen war, Missverst\u00e4ndnisse in der Kommunikation zu verstehen und zu vermeiden.<\/p>\n<p>Mit dem H\u00f6ren ist es nicht so einfach. Weil man abgelenkt ist. Weil die Ohren nicht mehr gut funktionieren. Weil das H\u00f6rger\u00e4t eine neue Batterie braucht. Weil die Pfarrerin undeutlich spricht. Wir alle k\u00f6nnten unz\u00e4hlige Gr\u00fcnde dazu legen, warum das so ist mit dem H\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund daf\u00fcr ist, dass wir dasselbe auf vier verschiedene Arten h\u00f6ren, eben mit den verschiedenen Ohren.<\/p>\n<p>Eines dieser vier Ohren nach Schulz von Thun ist das Sach-Ohr. Dieses h\u00f6rt die reine Information, die eine Nachricht enth\u00e4lt. Es geht dabei um Fakten, um Daten, um den Inhalt einer \u00c4usserung.<\/p>\n<p>Ein anderes Ohr ist das Beziehungs-Ohr: Indem wir etwas sagen, gestalten wir auch Beziehung. Wir sagen: Ich sch\u00e4tze dich. Der oder die H\u00f6rende f\u00fchlt sich ernst genommen, geachtet, gedem\u00fctigt oder abgelehnt.<\/p>\n<p>Ein weiteres Ohr ist das Selbstoffenbarung-Ohr. Mit diesem Ohr h\u00f6rt man, dass der andere etwas \u00fcber sich selbst sagt, wie er sich f\u00fchlt, was er denkt oder was er f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse hat.<\/p>\n<p>Und schliesslich das vierte, das Appell-Ohr. H\u00f6rt die H\u00f6rende eine Nachricht mit dem Appell-Ohr, f\u00fchlt sie sich aufgefordert, etwas zu tun.<\/p>\n<p>Ein kleines Beispiel von Schulz von Thun illustriert das Modell mit den vier Ohren.<\/p>\n<p>Ein Ehepaar sitzt im Auto. Der Mann sagt zu seiner Frau: \u00abDu, da vorne ist gr\u00fcn\u00bb.<\/p>\n<p>Wetten, Sie haben wie vermutlich die Ehefrau gerade ihr Beziehungsohr aktiviert! \u00abF\u00e4hrst du oder fahre ich?\u00bb Oder das Appell-Ohr: \u00abWorauf wartest du noch? Fahr endlich los!\u00bb<\/p>\n<p>Es ist faszinierend, dass dieser simple Satz auf so viel verschiedene Weise geh\u00f6rt werden kann. Es w\u00e4re auch m\u00f6glich, dass die Frau den Satz mit dem Sach-Ohr h\u00f6rt. Vielleicht ist sie von der Sonne geblendet oder die Ampel ist durch ein Hindernis verdeckt. Dann ist sie froh \u00fcber Information: \u00abDie Ampel ist nicht mehr rot, sie ist gr\u00fcn\u00bb.<\/p>\n<p>Oder mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr. Sie nimmt zur Kenntnis, dass der Mann nicht schl\u00e4ft, sondern wach ist. Er kann rot und gr\u00fcn unterscheiden. Er ist ein aktiver Beifahrer.<\/p>\n<p><em>Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re.<\/em><\/p>\n<p>Ich vermute, dass wir Biblisches gerne und oft vorschnell mit dem Appell-Ohr h\u00f6ren. Darum lade ich Sie heute ein zu einem kleinen Experiment. Versuchen wir die Geschichte vom vierfachen Acker, die wir vorhin in der Lesung geh\u00f6rt haben, mit allen vier Ohren zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Spitzen wir das Sach-Ohr, nehmen wir zur Kenntnis, dass Jesus in einem Gleichnis zum Volk spricht. Das Volk ist von \u00fcberall her zu ihm gestr\u00f6mt, um seiner Predigt zu lauschen.<\/p>\n<p>Es geht im Gleichnis um das Schicksal des Saatguts, das von einem S\u00e4mann ges\u00e4t wird.<\/p>\n<p>Ein Teil f\u00e4llt auf den Weg und wird zertreten und von den V\u00f6geln aufgepickt.<\/p>\n<p>Ein Teil f\u00e4llt auf Felsen und verdorrt, weil es keine Feuchtigkeit hat.<\/p>\n<p>Ein Teil f\u00e4llt auf guten Boden, geht auf und bringt Frucht, hundertfach. Jesus ruft zum Schluss: Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re! F\u00fcr das Sach-Ohr eine Irritation. Was hat das denn jetzt mit dem Samen zu tun?<\/p>\n<p>Offenbar ist das auch f\u00fcr die J\u00fcnger nicht klar, denn sie fragen Jesus nach der Bedeutung des Gleichnisses. Und das ist gar nicht so schwer: Der Same ist das Wort Gottes.<\/p>\n<p>Die auf dem Weg h\u00f6ren das Wort. Aber der Teufel kommt und nimmt es ihnen weg, damit sie nicht glauben und gerettet werden.<\/p>\n<p>Die auf dem Felsen h\u00f6ren das Wort. Aber das Wort wird erstickt.<\/p>\n<p>Die auf dem guten Boden h\u00f6ren das Wort, behalten es, und bringen Frucht.<\/p>\n<p>Soweit die Facts.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir mehr mit dem Selbstoffenbarungs-Ohr, bekommen wir einiges von Jesus selbst mit.<\/p>\n<p>Er kennt sich aus in der b\u00e4uerlichen Umwelt seiner Zuh\u00f6rerinnen. Er ist ein spannender Erz\u00e4hler und traut offenbar den Geschichten einiges zu, kann aber auch erkl\u00e4ren. Er ist nachsichtig und geduldig mit seinen begriffsstutzigen H\u00f6rern.<\/p>\n<p>Gehen wir mit Hilfe des Beziehungs-Ohrs an die Geschichte heran, bekommen wir etwa folgendes zu h\u00f6ren: Viel Volk kommt zusammen. Sie sind Jesus aus allen St\u00e4dten zugestr\u00f6mt. Sie haben Erwartungen an diesen Wanderprediger. Vielleicht dass er auch f\u00fcr mich etwas Heilsames zu sagen hat?<\/p>\n<p>Offensichtlich gibt es verschieden Personengruppen. Eben das Volk. Die J\u00fcnger. Jesus sagt zu ihnen: <em>Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen,<\/em> obwohl sie ihn grad vorher gefragt haben, wie das Gleichnis zu verstehen sei. Und dann gibt es die anderen, die <em>sehend nicht sehen und h\u00f6rend nicht verstehen.<\/em> Zu welcher Gruppe geh\u00f6re ich? Zu denen, die Jesus nahestehen? Wie sieht meine Beziehung zu ihm aus? Wie habe ich es mit dem Teufel, dem Diabolos, dem Durcheinanderwirbler? Habe ich Wurzeln, die mich auch durch schwierige Zeiten hindurch im Grund verankern? Bin ich verloren im Gestr\u00fcpp der Zerstreuungen und Ablenkungen des Lebens?<\/p>\n<p>Und das Apell-Ohr. Allersp\u00e4testens durch die Aufforderung: Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re, wird es aktiviert. Ich soll h\u00f6ren. Ja klar, dazu wird das Wort Gottes verk\u00fcndigt, dass es geh\u00f6rt werde. Aber eben auf eine bestimmte Art muss ich h\u00f6ren. Mit dem Appell-Ohr h\u00f6re ich: Schau darauf, <u>wie<\/u> du h\u00f6rst! Bewahre, was du geh\u00f6rt hast. Lass es dir nicht madig machen durch andere. Achte auf deine Wurzeln, dass sie tief und fest sind. Ablenkung und Zerstreuung sind schlecht und gef\u00e4hrden den Glauben. H\u00f6re das Wort mit gutem und rechtem Herzen, bewahre es, sei geduldig. Bringe Frucht.<\/p>\n<p>Ich gebe es zu, vielleicht habe ich jetzt ein bisschen \u00fcbertrieben. Es w\u00e4re aber doch ein ziemliches Missverst\u00e4ndnis, dieses Gleichnis nur als Aufforderung zum richtigen Tun zu verstehen und dabei die Informationen, das Beziehungsangebot, und das Offenbarungsgeschehen zu \u00fcberh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der S\u00e4mann: Gott? Jesus Christus?, s\u00e4t den Samen. Es ist ein unglaublicher \u00dcberfluss an Samen da. Da wird nichts optimiert. Es wird nicht der Boden untersucht und mit den richtigen Mitteln ged\u00fcngt. Er steckt den fruchtbaren Teil des Ackers nicht ab. Der S\u00e4mann s\u00e4t im \u00dcberfluss. Dabei f\u00e4llt notgedrungen einiges auf ungeeigneten Untergrund, aber ein Teil f\u00e4llt auf fruchtbaren Boden, w\u00e4chst, gedeiht, tr\u00e4gt Frucht. Hundertfach!<\/p>\n<p>Das Thema des heutigen Sonntags Sexagesim\u00e4 ist das H\u00f6ren auf Gottes Wort.<br \/>\nMit dem H\u00f6ren ist es nicht einfach. Mit allen W\u00f6rtern teilt das Wort Gottes das gleiche Schicksal: Es wird \u00fcberh\u00f6rt, nicht verstanden, geht vergessen.<\/p>\n<p>Dann und wann aber trifft es pl\u00f6tzlich, unvermittelt, mitten ins Herz. Es ist <em>lebendig und kr\u00e4ftig und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert<\/em> wie es im Hebr\u00e4erbrief heisst (Hebr 4,12), oder: <em>meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Wege <\/em>im Psalm (Ps 119, 105). Allzuoft scheint es nicht zu wirken, setzt sich aber dann doch fest und w\u00e4chst im Stillen. Die Botschaft der Liebe ist grossz\u00fcgig ausgestreut. Auch wenn wir sie ignorieren. Sie gilt.<\/p>\n<p>Meine Predigt also ein Pl\u00e4doyer, alle Ohren aufzusperren. Und eine Einladung, das mit dem H\u00f6ren und dem S\u00e4en so gelassen und voll Gottvertrauen anzugehen, wie jener S\u00e4mann im Gedicht von Friedrich R\u00fcckert<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, welches ich Ihnen zum Schluss vorlesen will. Der S\u00e4mann wird von K\u00f6nig Salomo, der ja in Sachen Weisheit gewiss eine Instanz ist, aufmerksam gemacht auf die Ineffizienz seines Tuns.<\/p>\n<p>Im Feld der K\u00f6nig Salomon<br \/>\nSchl\u00e4gt unter&#8217;m Himmel auf den Thron;<br \/>\nDa sieht er einen S\u00e4mann schreiten,<br \/>\nDer K\u00f6rner wirft nach allen Seiten.<\/p>\n<p>&#8222;Was machst du da?&#8220; der K\u00f6nig spricht,<br \/>\n&#8222;Der Boden hier tr\u00e4gt Ernte nicht.<br \/>\nLass ab vom t\u00f6richten Beginnen,<br \/>\nDu wirst die Aussaat nicht gewinnen.&#8220;<\/p>\n<p>Der S\u00e4mann, seinen Arm gesenkt,<br \/>\nUnschl\u00fcssig steht er still und denkt;<br \/>\nDann f\u00e4hrt er fort, ihn r\u00fcstig hebend,<br \/>\nDem weisen K\u00f6nig Antwort gebend:<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe nichts als dieses Feld,<br \/>\nGeackert hab&#8216; ich&#8217;s und bestellt,<br \/>\nWas soll ich weiter Rechnung pflegen?<br \/>\nDas Korn von mir, von Gott der Segen.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<br \/>\n&#8212;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch, Roggwil<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden. St\u00f6rungen und Kl\u00e4rungen. Rowohlt 2008, S. 44ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Friedrich R\u00fcckert: Werke, Band 1, Leipzig und Wien [1897], S. 290.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Februar 2021 | Predigt zu Lk 8,4\u20138(9\u201315) | Verena Salvisberg Lantsch | Wer Ohren hat zu h\u00f6ren, der h\u00f6re! Liebe Gemeinde Ein seltsamer Satz. Ohren zu h\u00f6ren. Gibt es auch Ohren, die nicht zum H\u00f6ren da sind? Vielleicht Ohren daran zu ziehen? Oder Ohren heiss zu werden? Oder Ohren zu wackeln? 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