{"id":4375,"date":"2021-02-03T13:36:07","date_gmt":"2021-02-03T12:36:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4375"},"modified":"2021-02-04T19:00:21","modified_gmt":"2021-02-04T18:00:21","slug":"predigt-und-ein-trostbrief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-und-ein-trostbrief\/","title":{"rendered":"Predigt und ein Trostbrief"},"content":{"rendered":"<h3>Titel der Predigt: Glaubw\u00fcrdige und unglaubw\u00fcrdige Fr\u00f6mmigkeit | Estomihi\u00a0 14.Februar 2021 | Jesaja 58,1-9a | Ulrich Wiesjahn |<\/h3>\n<p><em>Hinweis: Unterhalb der Predigt findet sich aus aktuellem Anlass ein &#8222;Trostbrief in Coronazeiten&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde! Liebe Nachdenkliche!<\/p>\n<p>Meine Gedanken in dieser Predigt besch\u00e4ftigen sich mit etwas ganz Wichtigem, n\u00e4mlich mit dem, was wir \u201eGlaubw\u00fcrdigkeit\u201c nennen. Dazu stehen mir aus j\u00fcngster Zeit zwei Bilder vor Augen. Da ist das Bild des eine Bibel schwenkenden Donald Trump im Wahlkampf, so als w\u00e4re diese die Grundlage seines politischen Handelns. Es ist f\u00fcr mich das Bild einer Unglaubw\u00fcrdigkeit. Im Kontrast dazu erscheint Angela Merkel meist als sehr n\u00fcchtern, ernst, ja k\u00fchl sachlich. Doch gerade das wird in der Bev\u00f6lkerung als glaubw\u00fcrdig empfunden.<\/p>\n<p>Was ist denn nun \u201eglaubw\u00fcrdig\u201c? Mit einem Satz geantwortet: Hier muss etwas \u00fcbereinstimmen. Denken, Reden und Handeln m\u00fcssen eine Einheit bilden. Und warum m\u00fcssen sie das? Weil Glaubw\u00fcrdigkeit zu den wichtigsten Elementen des Zusammenlebens z\u00e4hlt. Sie ist ein Grundwert f\u00fcr jede Gemeinschaft. Glaubw\u00fcrdigkeit ist eine der wichtigsten Verbindungen der Menschen untereinander.<\/p>\n<p>Was nun f\u00fcr jede Gemeinschaft gilt, das gilt nun im besonderen Ma\u00df f\u00fcr alle Religionen und Glaubensgemeinschaften. Denn sie haben alle eine Botschaft. Sie predigen, lehren und handeln \u2013 und sie werden daran gemessen, ob das alles zusammenpasst. Und das kann immer wieder geh\u00f6rig schief gehen. Als Beispiele fallen mir da die Missbrauchsskandale ein, aber auch das peinliche Verhalten unserer Kirchen in den Zeiten der Nazi-Diktatur. Da beteten sie nicht ganz selten f\u00fcr diesen furchtbaren Diktator und hatten kein Wort f\u00fcr die verfolgten Juden \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Und noch ein letzter Gedanke, bevor wir den biblischen Abschnitt f\u00fcr diesen Sonntag h\u00f6ren: Glaubw\u00fcrdigkeit verlangt M\u00fche, verlangt Geradlinigkeit und Selbstzucht, verlangt vor allem Mut. Deshalb muss Glaubw\u00fcrdigkeit Pr\u00fcfungen bestehen. Wer ein Beispiel daf\u00fcr haben m\u00f6chte, der denke an die drei teuflischen Versuchungen Jesu, die in Wahrheit hochmenschliche Versuchungen waren: Menschheitsbegl\u00fcckung, Ruhmsucht, Macht. Erst nach dieser Glaubw\u00fcrdigkeitspr\u00fcfung trat Jesus an die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Und nun h\u00f6ren wir heute ein viel \u00e4lteres, aber geradezu klassisches Propheten- und Gotteswort vom 2.Jesaja. H\u00f6ren Sie genau hin, wie da eigentlich ganz eifrige und nach Gott fragende Menschen eben von diesem Gott zurechtgewiesen werden!<\/p>\n<p><em>Lesung von Jesaja 58,1-9a<br \/>\n1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verk\u00fcndige meinem Volk seine Abtr\u00fcnnigkeit und dem Hause Jakob seine S\u00fcnden! 2 Sie suchen mich t\u00e4glich und wollen gerne meine Wege wissen, als w\u00e4ren sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen h\u00e4tte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 \u00bbWarum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst&#8217;s nicht wissen?\u00ab Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Gesch\u00e4ften nach und bedr\u00fcckt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der H\u00f6he geh\u00f6rt werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf h\u00e4ngen l\u00e4sst wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedr\u00fcckst, rei\u00df jedes Joch weg! 7 Hei\u00dft das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, f\u00fchre ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenr\u00f6te, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschlie\u00dfen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. (LUT17)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>An dieser Stelle nur Stichpunkte, weil der Gesamttext doch recht lang ist:<\/p>\n<p>Gott spricht zum Propheten: Rufe laut \u2013 Verk\u00fcnde ihre Abtr\u00fcnnigkeit \u2013 Sie suchen mich t\u00e4glich \u2013 Sie wollen Gott nahe sein \u2013 Warum fasten wir und du siehst es nicht an? so fragen sie \u2013 Gottes Antwort: Ihr seid nur Gesch\u00e4ftemacher, Bedr\u00fccker, Z\u00e4nker \u2013 An eurem Fasten habe ich keinen Gefallen \u2013 Ein anderes Fasten gef\u00e4llt mir: Lass Gebundene frei, brich den Hungrigen dein Brot, Obdachlose beherberge, Nackte bekleide \u2013 Dann wird dein Licht aufleuchten und deine Heilung voranschreiten \u2013 Und wenn du dann zu Gott rufst, wird er dir antworten und sagen: Hier bin ich!<\/p>\n<p>Das ist schon eine gewaltige Rede, liebe Gemeinde, eine erregte Gottesrede, die eine unglaubw\u00fcrdige Fr\u00f6mmigkeit gei\u00dfelt. Reden und Handeln gehen da weit auseinander. Die Sozialverh\u00e4ltnisse sind im Gesch\u00e4ftlichen, in der Sklavenhalterei und im allt\u00e4glichen Gez\u00e4nke skandal\u00f6s. Da verlieren alle religi\u00f6sen Verrichtungen ihren Wert. Da wird die Frage nach Gott nur zum engen Egoismus. Das k\u00f6nnt ihr mit eurer Fr\u00f6mmelei nicht guttun, sagt der erregte Gott.<\/p>\n<p>Welche Gedanken schlie\u00dfen sich mir da an diese Gottesrede an? Es sind diese: Erstens, der Glaube an Gott spielt sich hier bei uns auf der Erde im Alltag ab. Und zweitens: Glaube und Fr\u00f6mmigkeit sind nie privat. Was ich glaube, denke und bekenne, muss sich im Umgang mit anderen zeigen. Wir verlieren Gott, wenn wir mit den Mitmenschen nicht klarkommen.<\/p>\n<p>Doch dann endet die gro\u00dfe Gottesrede in einer wunderbaren Aussicht: Geht das Zusammenleben hier auf Erden gut, dann leuchtet uns das Gotteslicht, dann sind wir geheilt, dann sind auch unsere Lebensfragen beantwortet. Dann sind wir bei Gott hier auf dieser Erde.<\/p>\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnte ich jetzt einen Punkt setzen und ein Amen sprechen. Aber ich habe das Gef\u00fchl, dass wir das Thema \u201eGlaubw\u00fcrdiges Glauben und Leben\u201c doch noch ein bisschen \u00fcbertragen m\u00fcssen. Wir hier in der Kirche, ein eher kleines, unscheinbares, oft etwas vereinzeltes H\u00e4uflein haben mit den gro\u00dfen Sozialproblemen oft nur von fern zu tun. An welcher Stelle, so m\u00f6chte ich jetzt fragen, fehlt uns vielleicht die Glaubw\u00fcrdigkeit? Und da antworte ich frischweg: Es ist unsere Sch\u00fcchternheit, unsere innere Zur\u00fcckgezogenheit und Privatheit unseres Glaubens. Nat\u00fcrlich sind auch wir voller Fragen, oft voller Unruhe, sind gar nicht heil und im Licht der Offenbarung. Diese Zaghaftigkeit wirkt dann m\u00fcde, resigniert und fl\u00fcchtet nur zu gern in die Ablenkung. Ohne einen inneren Kompass entsteht entweder Ziellosigkeit oder Unruhe oder am Ende blo\u00df Gleichg\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das sollen jetzt nur so ein paar Denkanst\u00f6\u00dfe sein. M\u00f6glicherweise empfinden Sie vieles anders als ich. Aber die Frage nach der Glaubw\u00fcrdigkeit von Glauben und Leben verbindet uns sicher. Ja, unser Glaube steht und f\u00e4llt mit der pers\u00f6nlichen Glaubw\u00fcrdigkeit. Sie spielt im gro\u00dfen gesellschaftlichen und weltpolitischen Leben genauso eine Rolle wie im engeren Bereich der Gemeinde, der Familie, der Freundschaft und Nachbarschaft. Und sie spielt nicht zuletzt f\u00fcr das eigene Seelenleben eine nicht unerhebliche Rolle. Lebe ich mit mir selbst im Frieden? Das w\u00e4re noch einmal ein ganz eigenes Thema.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mit den letzten S\u00e4tzen der Gottesrede: \u201eEntzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenr\u00f6te, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!\u201c<\/p>\n<p>A m e n.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfr.i.R. Ulrich Wiesjahn, Goslar<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ulrich.wiesjahn@web.de\">ulrich.wiesjahn@web.de<\/a><\/p>\n<p>Langj\u00e4hriger Pfarrdienst in Berlin und Goslar, lange zust\u00e4ndig f\u00fcr ein Alten- und Pflegeheim. Autor verschiedener theologischer und sch\u00f6ngeistiger Werke und Verfasser des Blogs <a href=\"http:\/\/kritischfromm.wordpress.com\">kritischfromm.wordpress.com<\/a>\u00a0(auch: Der christliche Blogger) zu Fragen des Christentums in der Gegenwart.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<h3>Trostbrief in Coronazeiten, in Krankheit und im Alter, zum 24.Januar 2021<\/h3>\n<p><strong>&#8222;Zu seinem Gl\u00fcck gezwungen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Leserinnen und Zuh\u00f6rer!<\/p>\n<p>\u00dcber diese Redensart muss ich jetzt h\u00e4ufiger nachdenken: \u201eMan wird zuweilen zu seinem Gl\u00fcck gezwungen\u201c. In meinem Lebensr\u00fcckblick fallen mir dazu einige Ereignisse ein, die ich anfangs als bitter und entt\u00e4uschend erlebt habe und die sich im Nachhinein als gl\u00fcckliche F\u00fcgungen herausgestellt haben. Meine unfreiwillige \u00dcbersiedlung von Ost- nach Westdeutschland geh\u00f6rte dazu. Auch die Nichtverwirklichung eines urspr\u00fcnglichen Berufswunsches erwies sich als mein Gl\u00fcck. Und dann machte ich die Erfahrung, dass meine poetische Produktivit\u00e4t immer zunahm, wenn ich unter inneren Spannungen litt.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnen Sie einmal nachforschen, ob es in Ihrem Leben \u00c4hnliches gegeben hat: eine Verhinderung hat sich als segensreich erwiesen, ein Zwang f\u00fchrte ins Gl\u00fcck. Als p\u00e4dagogische Erfahrung kennen wir das: als Kind oder Jugendlicher oder sonst Begeisterter hat man seine Tr\u00e4ume und W\u00fcnsche \u2013 und dann kommt von irgendwoher die n\u00fcchterne Stimme: \u201eGeh einen anderen Weg! Da kommst du zu einem Ziel. Denn deine Tr\u00e4ume zerplatzen und lassen dich ratlos zur\u00fcck.\u201c Ein Schulfreund erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, wie ein Lehrer ihm vom Abitur abriet und ihm die Praxis empfahl. Das war sein Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Wenn wir nun heute \u2013 im Alter und an der Grenze der Kr\u00e4fte \u2013 auf unser Leben blicken, g\u00e4be es da auch so etwas, dass wir zu unserem Gl\u00fcck gezwungen werden m\u00fcssen? Denken Sie doch einmal dar\u00fcber nach! Haben wir noch Sehnsucht nach Gl\u00fcck, Frieden, Erl\u00f6sung, Freude? H\u00e4lt uns noch etwas wie ein Zwang fest: alte Tr\u00e4ume, ungel\u00f6ste Probleme, offene Rechnungen? Oder ist es eine abgrundtiefe Gleichg\u00fcltigkeit? Wozu m\u00fcssten wir jetzt zu unserem Gl\u00fcck gezwungen werden?<\/p>\n<p>Mir ist als erstes Beispiel der Apostel Paulus eingefallen. Der litt unter einer qu\u00e4lenden Krankheit und best\u00fcrmte Gott. \u201eDreimal habe ich zum Herrn gefleht, dass er sie von mir nehme\u201c, schreibt er im 2.Korintherbrief. Und als Antwort erh\u00e4lt er von Gott: \u201eLass dir an meiner Gnade gen\u00fcgen; denn meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig.\u201c Was ist Gnade? Es ist Zuwendung. Und die Zuwendung Gottes kann \u00fcberall anwesend sein, vor allem in der menschlichen Schw\u00e4che. Und als n\u00e4chstes kamen mir die Seligpreisungen Jesu in den Sinn, mit denen er seine Bergpredigt Matth\u00e4us 5 beginnt: Selig sind die Armen, die Leidenden, die Hungernden usw. Wo der Mensch am d\u00fcnnh\u00e4utigsten ist, da soll er die N\u00e4he Gottes sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Und nun sind wir \u201egezwungen\u201c, unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen zu leben. Und da sollten wir uns auf die Suche begeben, ob sie uns nicht auch zu unserem Gl\u00fcck f\u00fchren k\u00f6nnten. Mit diesem Wunsch gr\u00fc\u00dfe ich Sie,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Ihr Ulrich Wiesjahn.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Titel der Predigt: Glaubw\u00fcrdige und unglaubw\u00fcrdige Fr\u00f6mmigkeit | Estomihi\u00a0 14.Februar 2021 | Jesaja 58,1-9a | Ulrich Wiesjahn | Hinweis: Unterhalb der Predigt findet sich aus aktuellem Anlass ein &#8222;Trostbrief in Coronazeiten&#8220;. Liebe Gemeinde! Liebe Nachdenkliche! Meine Gedanken in dieser Predigt besch\u00e4ftigen sich mit etwas ganz Wichtigem, n\u00e4mlich mit dem, was wir \u201eGlaubw\u00fcrdigkeit\u201c nennen. 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