{"id":4387,"date":"2021-02-07T14:17:49","date_gmt":"2021-02-07T13:17:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4387"},"modified":"2021-02-07T17:02:02","modified_gmt":"2021-02-07T16:02:02","slug":"wir-sind-beduerftig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wir-sind-beduerftig\/","title":{"rendered":"Wir sind bed\u00fcrftig!"},"content":{"rendered":"<h3>14. Februar 2021, Estomihi | Jesaja 58, 1 &#8211; 8a |\u00a0von Ulrich Pohl |<\/h3>\n<p>Am kommenden Mittwoch beginnt die Fastenzeit. Und der Bibelabschnitt f\u00fcr den heutigen Sonntag stimmt uns auf diese sieben Wochen ein. Er sagt uns, wie wir das richtig machen sollen, fasten. Das Lied 420 aus unserem Evangelischen Gesangbuch fasst das, was Jesaja uns dazu sagt, in f\u00fcnf Zeilen zusammen: \u201eBrich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus. Such mit den Fertigen ein Ziel.\u201c Wir sollen uns nicht auf das konzentrieren, was wir besitzen oder anh\u00e4ufen k\u00f6nnen. Sondern darauf, wo andere uns brauchen. Wenn wir das tun, bekommen wir wieder ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, das, was uns umgibt ist ein Geschenk, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Es ist wertvoll und kostbar.<\/p>\n<p>So war es bisher, so haben wir die Fastenzeit immer verstanden.<\/p>\n<p>In diesem Jahr ist es anders. In diesem Jahr haben wir nicht nur \u201eSieben Wochen Ohne\u201c vor uns. Sondern eine bald zw\u00f6lfmonatige Zeit der Entbehrung hinter uns. Wir haben Dinge entbehren m\u00fcssen, die wir uns bis dahin nicht haben vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor allem haben wir die N\u00e4he zu den Menschen entbehrt, mit denen unser Leben eng verbunden ist. Unsere Eltern, unsere Geschwister, unsere Kinder, unsere Freunde, wir begegnen ihnen so gut wie gar nicht mehr. Die wenigen Telefonate oder Gespr\u00e4che am Bildschirm, die kurzweiligen Nachrichten per WhatsApp oder Instagram sind kein Ersatz. Wir sehnen uns danach, sie sollen leibhaftig zugegen sein. Wir vermissen es, zusammenzusitzen und zu lachen. Wir vermissen es, einander zu umarmen. Mit einem Wort, uns fehlt Liebe, praktisch gelebte und k\u00f6rperlich gesp\u00fcrte Liebe. Denn dabei f\u00fchlen wir uns selbst. Wir sp\u00fcren, wer wir sind, weil wir f\u00fcr die Menschen, die wir lieben, eben die sind, die wir sind. Was sind wir ohne sie?<\/p>\n<p>Und auf Freiheit haben wir verzichtet. Nein, nicht nur auf Freiheiten, sondern auf Freiheit. Mehr als eine Generation lang war es f\u00fcr uns alle selbstverst\u00e4ndlich, f\u00fcr manche ein Leben lang: Wir d\u00fcrfen hingehen, wo wir wollen. Wir d\u00fcrfen reisen. Das Recht auf Freiz\u00fcgigkeit nennt unser Grundgesetz das, und es steht dort sehr weit oben. Und nun? Monatelang hat man uns dringend geraten, in unseren Wohnungen zu bleiben. Kinder blieben eine Zeit lang ganz eingeschlossen. Es ist verboten, Besucher von ausw\u00e4rts zu beherbergen. Erholungsgebiete werden gesperrt. Nat\u00fcrlich, das alles geschieht mit guten Gr\u00fcnden. Trotzdem: Wir entbehren es. Ehepaare merken es daran, sie m\u00fcssen die feine Balance aus N\u00e4he und Distanz neu justieren. Familien merken es daran, der Druck w\u00e4chst, der Druck der Eltern auf die Kinder und der Druck der Kinder auf die Eltern. Eigentlich m\u00fcssten wir alle einmal raus. Aber wir k\u00f6nnen nicht. Wir m\u00f6chten uns bewegen, wie wir wollen. Aber wir d\u00fcrfen nicht. Die Freiheit, sie fehlt uns.<\/p>\n<p>Was uns noch mehr fehlt: Das Gef\u00fchl, Herr \u00fcber das eigene Leben zu sein, Selbstbestimmung. Je l\u00e4nger die Pandemie anh\u00e4lt, desto st\u00e4rker breitet sich ein Ohnmachtsgef\u00fchl aus. Zunehmend werden wir gewahr: Das, was wir zum Leben brauchen, bekommen wir nicht mehr. Aber wir k\u00f6nnen auch nicht selbst daf\u00fcr sorgen! Am schlimmsten f\u00fchlt es sich an, wenn man an den Impfstoff denkt. Stets war das der Hoffnungsschimmer: Wir halten dieses Jahr der Einschr\u00e4nkungen durch, und dann wird man uns impfen, so schnell es geht. Es ist ein Notstand, und man wird alle Anstrengungen unternehmen, um der Katastrophe Herr zu werden. Nun sehen wir, wie sich das, worauf wir uns verlassen haben, zwischen den Fingern zerrinnt. Wir f\u00fchlen uns betrogen, umso mehr, als der Impfstoff in unserem Land entwickelt worden ist. Jetzt bleibt uns nur noch \u00fcbrig, den Schuldzuweisungen derer zuzuh\u00f6ren, die die Sache vermasselt haben. Wir f\u00fchlen uns ohnm\u00e4chtig, und dieses Gef\u00fchl macht uns traurig. Manche macht es auch w\u00fctend. Es w\u00e4chst viel Unfrieden daraus.<\/p>\n<p>Liebe, Freiheit, Selbstbestimmtheit. Und nat\u00fcrlich die oft genannten Werte Friede, Gerechtigkeit, Verl\u00e4sslichkeit: Es ist eine Zeit der Entbehrungen, die wir hinter uns haben, seit fast 12 Monaten schon. Und anders als bei den Fastenprojekten Sieben-Wochen-Ohne, die wir bisher kannten, hatten wir diesmal nicht die Wahl, worauf wir denn verzichten wollten. Wir konnten es uns nicht aussuchen. Wir waren gezwungen und wir sind gezwungen, Lebensnotwendiges zu entbehren.<\/p>\n<p>Wozu soll da jetzt zu allem \u00dcberfluss noch die Fastenzeit gut sein?<\/p>\n<p>Einen kleinen Rest Antwort auf diese Frage bewahrt der Bibelabschnitt des Propheten Jesaja auf. Wir sollen Gott suchen und t\u00e4glich nach seinen Wegen fragen.<\/p>\n<p>Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Besser gesagt: Wir k\u00f6nnten es wieder einmal intensiver tun. Die \u00fcbrigen Vorschl\u00e4ge des Propheten haben wir ja durchaus beherzigt, Bed\u00fcrftige gespeist, unser Brot mit den Hungernden geteilt, die auf der Flucht waren, in unser Haus aufgenommen. Schon lange haben wir in unserer Gesellschaft davon sehr vieles befolgt. Es hat uns ein gutes Gef\u00fchl gegeben, von ganzem Herzen mit denen teilen zu k\u00f6nnen, die uns brauchen. Vielleicht hat es uns auch ein wenig mit Stolz erf\u00fcllt, so selbstlos f\u00fcr andere da sein zu k\u00f6nnen. Nun ruft uns die Fastenzeit dazu auf, etwas von diesen<\/p>\n<p>Stolz loszulassen. Sie ruft uns dazu auf, zu erkennen und anzuerkennen: Wir sind selbst bed\u00fcrftig. Das ist unangenehm, und es st\u00f6\u00dft auf Widerstand, denn das hohe Selbstbild, das wir von uns hatten, ger\u00e4t ins Wanken. Aber es ist so: Vieles, was wir zum Leben unverzichtbar brauchen, haben wir im Moment nicht, bekommen wir im Moment nicht. \u00dcber vieles von dem, was in den vergangenen 12 Monaten an uns und mit uns geschehen ist, hatten wir keine Verf\u00fcgungsgewalt. Was das in uns ausl\u00f6st, ist kaum noch anders als spirituell zu verarbeiten.<\/p>\n<p>Was ich sagen will: Fasten in diesem Jahr hei\u00dft, wir sollen anerkennen, wir sind bed\u00fcrftig. Und wir sollen erkennen, wie bed\u00fcrftig wir sind. Jaja, das Geld flie\u00dft noch, wenigstens das, und viele von uns entdecken im Moment noch einen vielversprechenden Saldo auf dem Konto. Aber t\u00e4uschen wir uns nicht, das sind Zahlen, das ist welkes Laub, nicht mehr. Wir halten nichts in H\u00e4nden. Wir sind Bettler. Und so sollen wir vor Gott treten.<\/p>\n<p>So sollen wir vor Gott treten, in den sieben Wochen, die nun vor uns liegen. Wir sollen t\u00e4glich zu ihm kommen, ihm zeigen, wie es um unser Herz bestellt ist und um unsere Seele. Wir sollen ihn t\u00e4glich suchen und ernsthaft danach fragen, was seine Wege sind. Und wir sollen nicht zu stolz sein, ihn zu bitten, er m\u00f6ge und das schenken, was wir zum Leben brauchen. Denn wir sind Bettler. Das ist wahr.<\/p>\n<p>Vielleicht kommt auf diese Weise der Friede Gottes zu uns zur\u00fcck. Der ist h\u00f6her als alle Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl, geb. 1961, Gemeindepfarrer, Autor, Mediator, Gef\u00e4ngnisseelsorger, 2010 &#8211; 2014 Sprecher beim Wort zum Sonntag in der ARD, seit 2014 Pfarrer im Projekt Pastoraler Dienst im \u00dcbergang der evangelischen Kirche im Rheinland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Februar 2021, Estomihi | Jesaja 58, 1 &#8211; 8a |\u00a0von Ulrich Pohl | Am kommenden Mittwoch beginnt die Fastenzeit. 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