{"id":4466,"date":"2021-02-18T18:09:25","date_gmt":"2021-02-18T17:09:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4466"},"modified":"2025-04-10T09:09:57","modified_gmt":"2025-04-10T07:09:57","slug":"judas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/judas\/","title":{"rendered":"Johannes 13,21-30"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Predigt von Johannes 13,21-30 | verfasst von Eberhard Busch |<\/strong><\/h3>\n<p>Wir begehen heute den ersten Sonntag in der Passionszeit. Nach alter kirchlicher Sitte tr\u00e4gt der Tag den lateinischen Namen \u201eInvocavit\u201c. Dieses Wort leitet sich ab von einem Satz in Psalm 91 (V15). Dort hei\u00dft es\u00a0 \u201eEr ruft mich (Gott) an, darum will ich ihn erh\u00f6ren; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausrei\u00dfen und zu Ehren bringen.\u201c Das ist ein Trostwort sondergleichen f\u00fcr Menschen, die in Bedr\u00e4ngnis sind. Gott gibt ihnen die Zusage, dass er sie erh\u00f6rt. Und dies nicht blo\u00df von ferne und nicht von oben herab. Er ist bei ihnen, er steht ihnen zur Seite, so sehr, dass er dabei selbst in Not ger\u00e4t, und mehr noch: er will sie dabei befreien aus ihrem argen Gedr\u00e4nge, will sie entlasten von dem, was ihnen schwer und zu schwer ist. Wie heilsam, dass Gott das seinen Menschen verspricht!<\/p>\n<p>Zu dem verlesenen Text scheint das jedoch beileibe nicht zu passen. T\u00e4uschen wir uns, wenn wir in der dunklen Geschichte, die wir in dem Johannes-Evangelium lesen, \u00fcberhaupt nicht dieses Gute und Heilsame und Aufrichtende h\u00f6ren? Zuletzt steht da der eine Satz: &#8222;Und es war <em>Nacht<\/em>.\u201c Kein Licht, nur Finsternis. Nicht das heimeliges Erlebnis einer Mondnacht, in der \u201edie goldnen Sternlein prangen.\u201c Nein, hier passt allenfalls der schauerliche Gesang: \u201eWo bist du Sonne blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, die Nacht des Tages Feind.&#8220; Ja, hier passt der Titel eines alten Films: \u201eNachts, wenn der Teufel kam.\u201c Denn der ist hier los. Was zuweilen auch am helllichten Tag vorkommt.<\/p>\n<p>Was passiert denn da? Ja, was wohl: wenn es derart aussichtslos ist! So rabenschwarz, wie man das bei unseren heutigen Stra\u00dfenbeleuchtungen kaum noch kennt. Wenn das keine Finsternis ist: Jesus wird von Judas verraten. Er, der J\u00fcnger Jesu, hat seine Finger im Spiel, dass der doch von ihm gesch\u00e4tzte Meister in die H\u00e4nde seiner Feinde ger\u00e4t, in den Zugriff derer, die ihn beseitigen wollen, die ihm das Leben rauben werden. Mit seinem Verrat liefert er ihn aus zu seiner Ermordung. Das t\u00f6nt so makaber, dass man oft genug diese Geschichte sich erleichtert hat durch Umdeutungen, &#8211; bis in dieser Nacht vielmehr doch &#8222;die goldnen Sternlein prangen&#8220;.<\/p>\n<p>Aber unser Bibeltext n\u00f6tigt uns, n\u00e4her hinzuschauen. Da sto\u00dfen wir darauf und sto\u00dfen uns gar daran, dass Jesus zur\u00fcckhaltend sagt: Nicht Judas, sondern \u201eeiner unter euch&#8220; wird mich verraten. Die J\u00fcnger haben das richtig verstanden: &#8222;Da sahen sie sich untereinander an und es wurde ihnen bange.\u201c Es geht ihnen n\u00e4mlich durch Jesu Wort auf: F\u00fcr diese abgrundtiefe Gemeinheit kommt im Grunde jeder von uns in Betracht. Die Veranlagung dazu steckt in uns allen. Verkehrt, wenn jetzt unser Finger anklagend auf Andere zeigt, wie <em>wir<\/em> das so gern machen, wenn etwas aus dem Ruder l\u00e4uft. Verkehrt, wenn man da auf Judas zeigt, geschweige auf <em>die <\/em>Juden! Martin Luther hat in einer hellen Einsicht gedichtet: \u201e<em>Unsre<\/em> gro\u00dfe S\u00fcnde \/ und schwere Missetat \/ Jesum, den wahren Gottes- Sohn, ans Kreuz geschlagen hat. \/ Drum wir dich, armer Judas\u00a0 \/ Dazu der Juden Schar \/ <em>nicht<\/em> feindlich d\u00fcrfen schelten. \/ Die Schuld ist <em>unser<\/em> zwar \/ Kyrie eleison.&#8220; So steht es ja auch in unserem Kirchgesangbuch im Blick auf den Gekreuzigten: \u201eUnd was du ausgestanden, \/ das hat verdienet <em>meine<\/em> Seel.\u201c<\/p>\n<p>Doch was ist \u00fcberhaupt das \u00dcble, das Judas sich zu Schulden kommen l\u00e4sst? Ist es nicht derart geringf\u00fcgig, dass es keines Aufhebens wert ist? Und wird es nicht voll aufgewogen durch das Gute, was die Leute von ihm zu berichten wissen (V29)? &#8211; etwa so, wie man in einer Beerdigungsansprache ja auch lauter gute Werke und Eigenschaften des Dahingegebenen zu h\u00f6ren bekommt. Also, was ist schon die Missetat des Judas! Scheinbar nichts Nennenswertes. So etwas wie das Wegwerfen eines Einzahlungscheins zugunsten der Hungernden in der Welt. Oder wie das, was im Jakobusbrief steht (3,5f): unsere Zunge sei ein kleines Feuer, das aber einen ganzen Wald anz\u00fcnden kann. Eine kleine Ursache \u2013 doch welche Folgen hat sie! Judas gibt nur einen Tipp, und damit liefert er Jesus aus zu seiner Kreuzigung.<\/p>\n<p>Achten wir auch noch darauf: Was ist das f\u00fcr ein Mensch, der Jesus verr\u00e4t und f\u00fcr seine Ermordung ausliefert? Irgendein Unmensch? Ein ausl\u00e4ndischer Krimineller? Ein herumlungernder Strolch? So w\u00fcrde es vielleicht lauten, wenn <em>wir<\/em> die Geschichte erfunden h\u00e4tten. Aber nein, es ist einer aus dem engsten Kreis der J\u00fcnger Jesu. Himmel, das wirft ja unsere ganze sch\u00f6ne Unterscheidung zwischen guten und b\u00f6sen Menschen, zwischen Anst\u00e4ndigen und Unanst\u00e4ndigen durcheinander. Vergessen wir einmal unsre argen Vorurteile \u00fcber den Menschen namens Judas! Bitte, er ist immerhin in die Nachfolge Jesus getreten, hat daf\u00fcr alles stehen und liegen lassen, kein blo\u00dfer Mitl\u00e4ufer, war eifrig dabei, sorgte f\u00fcr die Armen (V29). Besch\u00e4mend, was so manche Christen schon dem Judas unterstellt haben! Im Gedanken an ihn hat vor langer Zeit ein Papst Gregor geschrieben von der \u201egrauenhaften Verderbnis der Besten\u201c. Judas geh\u00f6rt zu den Besten. Aber es gibt ein S\u00fcnde der \u201ecr\u00e8me de la cr\u00e8me.\u201c Brauchen wir daf\u00fcr Belege? Es ist zum Heulen. Unser Bibeltext sagt: \u201eUnd es war Nacht.\u201c In ihr sind die Besten mit den Schlimmsten zusammenger\u00fcckt, aufs gleiche Niveau, und alle sind in \u201egrauenhafter Verderbnis\u201c.<\/p>\n<p>Allerdings, das ist jetzt gottlob nicht alles. Die Nacht des Tages Feind?, jawohl, so haben wir vorhin geh\u00f6rt. Aber nein, nun zieht ein neuer Tag herauf, ein Tag, der der Feind der Nacht ist. \u201eDoch das Dunkel <em>bleibt<\/em> nicht dort, wo Bedr\u00e4ngnis ist\u201c, hei\u00dft es beim Propheten Jesaja (8,2). <em>Wir<\/em> k\u00f6nnen wohl solches Dunkel nicht verschwinden lassen. Trotzdem, so sicher wie ein Morgen der Nacht folgt, so sicher vermag Gott das Dunkel zum Verschwinden zu bringen. \u201eWeil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein.\u201c Er vollbringt, was er vermag. Es lichtet sich bereits. Es d\u00e4mmert schon. Wohl uns, wenn auch uns das einmal d\u00e4mmert. So dass wir darauf hoffen und darum bitten, mit dem Vers von Johann Rist zu reden: \u201eBrich an, du sch\u00f6nes Morgenlicht, und lass den Himmel tagen!\u201c<\/p>\n<p>Sehen wir uns das noch einmal n\u00e4her an in unserm Bibeltext. Sicher, Judas hat schon da nichts Gutes im Sinn. Und Jesus wird davon nicht \u00fcbert\u00f6lpelt. Aber das hindert ihn nicht, ihm den Becher zu reichen, einen Bissen Brot darin einzutauchen und mit ihm zu teilen &#8211; er, der Heiland, zusammen mit seinem Verr\u00e4ter! Jesus feiert mit ihm das heilige Abendmahl. Und f\u00fcgen wir hinzu: es wird dir, Judas, gegeben zur Vergebung deiner S\u00fcnde. Und noch heute ist es so, Brot und Wein wird nicht Makellosen und nicht Astreinen gereicht. Es wird solchen gegeben, die Vergebung brauchen und denen sie trotzdem zugesprochen wird. Das gilt. Und das wird nicht r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht und nicht durchgestrichen durch das, was wir Menschen auch anstellen, insgeheim oder am helllichten Tag.<\/p>\n<p>Und das himmlische Morgenlicht zeigt sich uns erneut, wenn wir darauf achten, was Jesus seinem Verr\u00e4ter sagt: \u201eWas du tust, das tue bald!\u201c (V27) Er sagt nicht etwa: Lass es bitte sein, was du tun willst! Ich warne dich. Das ist b\u00f6se. Du handelst dir damit fortan einen schlechten Ruf ein. Dabei komme nicht nur ich, sondern kommst auch du unter die R\u00e4der. Nicht so. Vielmehr sagt Jesus: \u201eWas du tust, das tue bald.\u201c Sagt Jesus hier nicht nachgerade Ja zu dem, was Judas im Sinn hat? Ja nicht nur zu dem schweren Weg, auf den Gott ihn schickt, Ja auch zu dem l\u00e4stigen Vorgehen von Judas, das den Stein ins Rollen bringt und genau am Karfreitag zum Stillstand kommt. Wie sollen wir dieses R\u00e4tsel nur verstehen? Macht Gott hier einfach die Augen zu? Handeln hier beide nicht vielmehr <em>Hand in Hand<\/em>? Jesus <em>und<\/em> Judas! Ist es nicht in Wahrheit so, dass es hier geht, wie es schon im 1. Buch Mose (50,20) angezeigt ist: Menschen gedachten, es b\u00f6se zu machen, Gott aber hat es gut gemacht..<\/p>\n<p>Zuletzt wollen wir noch ein bisschen \u00fcber den Rand unseres Predigttextes hinausschauen: Unmittelbar nach den Worten \u00fcber das Dunkel, in dem Judas steht, lesen wir im Johannesevangelium die Worte, die Jesus uns hinterlassen hat: sein Auftrag, &#8222;dass ihr euch liebt, so wie ich euch geliebt habe\u201c (V34). Jawohl, erweist einander Liebe! Warum? Etwa weil ein jeder und eine jede so liebens<em>w\u00fcrdig <\/em>ist? Es gibt einen st\u00e4rkeren Grund: Tut es, sagt Jesus, wie und weil \u201e<em>Ich euch geliebt habe<\/em>.\u201c Ich mit allen Fasern meines Lebens \u2013 euch mit Haut und Haar! Ist etwa ein Mensch, wie dieser Judas von seiner Liebe ausgeschlossen? &#8211; von der Liebe Jesu?\u00a0 Kann da ein Typ wie der im Ernst au\u00dfen vor bleiben? Muss er in seiner Dunkelheit ewig ausgesto\u00dfen sein? Gilt denn etwa auch und gerade den\u00a0 gottverlassensten Menschen nicht das, was wir am Anfang der Predigt aus Psalm 91 h\u00f6rten, Gottes Zusage: \u201eIch will bei ihm sein und ihn herausrei\u00dfen&#8220;, heraus aus seiner Nacht? Und gilt es <em>uns<\/em> jemals anders als solchen Schweren\u00f6tern? Denken wir dem einmal nach! Und dann werden wir vielleicht besser verstehen, was es hei\u00dft, einander zu lieben.<\/p>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n<p>37133 Friedland<\/p>\n<p>&lt;ebusch@gwdg.de&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt von Johannes 13,21-30 | verfasst von Eberhard Busch | Wir begehen heute den ersten Sonntag in der Passionszeit. Nach alter kirchlicher Sitte tr\u00e4gt der Tag den lateinischen Namen \u201eInvocavit\u201c. Dieses Wort leitet sich ab von einem Satz in Psalm 91 (V15). 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