{"id":4516,"date":"2021-02-19T23:24:58","date_gmt":"2021-02-19T22:24:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4516"},"modified":"2021-02-23T21:09:06","modified_gmt":"2021-02-23T20:09:06","slug":"dein-glaube-ist-so-stark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/dein-glaube-ist-so-stark\/","title":{"rendered":"Dein Glaube ist so stark &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Dein Glaube ist so stark wie deine Verzweiflung | Reminiszere 2021 | Psalm 42,2-4 und Matth\u00e4us 15,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p>Ein ausgetrockneter Bach, ein Hirsch, der schreit. Da ist kein Wasser. Der Hirsch kann das Wasser nicht zur\u00fcckrufen. Sein Schrei ist Ausdruck von Verzweiflung und Ohnmacht.<\/p>\n<p>Warum eigentlich verwenden wir Tiere als Bilder, wenn wir beschreiben wollen, was es hei\u00dft ein Mensch zu sein? Dass dies sein kann wie ein Hirsch, ein Wurm, ein L\u00f6we, ein Zugvogel, eine Maus in einem Loch, ein B\u00e4r im Winterschlaf. Tiere verstehen wir als Nicht-Menschen. Vielleicht tun wir das, weil wir uns selbst gerade im Fremden besser verstehen k\u00f6nnen. Vielleicht tun wir das, um unserer menschlichen Einsamkeit zu entkommen, indem wir daran denken, dass es auch andere Lebewesen in der Welt gibt als uns und dass wir mit ihnen verbunden sind. Vielleicht verstehen wir Tiere besser als Menschen.<\/p>\n<p>Wie der Hirsch schreit, weil er durstig ist, so sehnt sich meine Seele nach dir, Gott. Wir wissen nicht, ob der der Mensch das einzige Wesen ist, das nach Gott fragt, nach Sinn im Leben, nach Hoffnung. Aber wir wissen, dass wir es tun.<\/p>\n<p>Manche denken nicht oft daran, andere suchen t\u00e4glich nach Gott, nach einem Gef\u00fchl, mit Gott verbunden zu sein. N\u00e4he zu sp\u00fcren \u2013 zu merken, dass <em>ich<\/em> nicht allein bin in diesem Universum oder dass <em>wir<\/em> nicht allein sind.<\/p>\n<p>Es ist schwer, \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zu Gott zu sprechen. Jeder einzelne Mensch hat das in sich als ein Fragen und ein Suchen \u2013 manchmal als ein ganz geborgenes Gef\u00fchl, in \u00dcbereinstimmung mit Gott zu sein und mit ihm immer reden zu k\u00f6nnen. Zu anderen Zeiten ist es als rufe man ins Leere.&nbsp; \u201eWo bist du, o Gott! Bist du \u00fcberhaupt?\u201c Auch wenn ich dies schreibe, wei\u00df ich nicht, ob das richtig ist, dass es sich so f\u00fcr andere als mich verh\u00e4lt. Das Gottesverh\u00e4ltnis ist wie andere Gef\u00fchle von Liebe und Furcht etwas Unbeschreibliches, und wir wissen <em>im Grunde<\/em> nicht, ob es den anderen so geht wie uns selbst. In den Worten, in der Musik und der Kunst k\u00f6nnen wir das Gef\u00fchl haben, dass andere etwas f\u00fchlen, das dem \u00e4hnelt, was wir selbst f\u00fchlen \u2013 und das ist ein Trost.<\/p>\n<p>Der Psalm aus dem Alten Testament bringt Verzweiflung zum Ausdruck, wenn er nach Gott sucht und keine Antwort erh\u00e4lt. In dem Psalm findet sich keine andere Antwort als die, die sich der Autor selbst gibt:<\/p>\n<p><em>Was betr\u00fcbst du sich, meine Seele?<\/em><\/p>\n<p><em>Und bis so unruhig in mir?<\/em><\/p>\n<p><em>Harre auf Gott!<\/em><\/p>\n<p>Das ist keine Antwort, die f\u00fcr den Hirsch etwas \u00e4ndert: Der braucht Wasser, und der kann kein Wasser bekommen. Niemand kann eine ausgetrocknete Quelle dazu bringen auszuspringen. Man muss nur warten.- Aber die Antwort ist die die einzige, die man in vielen Lebenslagen geben muss: Du musst warten. Die Antwort enth\u00e4lt die stille Hoffnung, dass etwas zu erwarten ist. Auch wenn du \u00fcberhaupt nichts tun kannst.<\/p>\n<p>Vom Hirsch an der ausgetrockneten Quelle wenden wir uns der Frau zu, die in der Erz\u00e4hlung aus dem Matth\u00e4usevangelium wie ein Hund abgelehnt wird. Die kanaan\u00e4ische Frau, die um Hilfe f\u00fcr ihre Tochter bittet, ist ausgeschlossen und ohnm\u00e4chtig. Sie geh\u00f6rt einem fremden Volk an und hat keine Rechte ihm gegen\u00fcber ihm, den die Anderen Christus nennen, den gesalbten K\u00f6nig. Er geh\u00f6rt dem j\u00fcdischen Volk an und versteht sich offenbar so, dass er nur denen helfen soll, die zu seinem eigenen Volk geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wie der Hirsch schreit sie. Und Jesus antwortet ihr kein Wort. Er, den wir als das Wort Gottes bekennen, die Liebe selbst, weist einen Menschen in Not zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Schweigen, Leere, Verzweiflung. Da steht sie. Wie so unendlich viele Menschen vor und nach ihr, die gerufen, geschrien und gebetet haben: \u201eHilf mir, Herr!\u201c \u2013 Da kam keine Antwort.<\/p>\n<p>Was Jesus sich dabei gedacht hat, k\u00f6nnen wir ja nicht wissen, aber was er sagte, ist zu verstehen: \u201eIch bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel\u201c.&nbsp; Der Sohn Davids zu sein bedeutet offenbar f\u00fcr Jesus, dem Volk Davids zu helfen, den Juden, nicht allen m\u00f6glichen anderen. Es hat seine Grenzen, man kann ja nicht allen helfen. Die Frau und ihre Tochter geh\u00f6ren leider nicht mit dazu, sie geh\u00f6ren dem falschen Volk an, sie sind ohne Rechte.<\/p>\n<p>Das ist eine wirklich menschliche und logische Begr\u00fcndung, die wir heutzutage gut kennen und verwenden. Jesus erweist sich als durchaus menschlich in seiner Ablehnung, er nennt die Frau und ihr fremdes Volk kleine Hunde im Vergleich zu den eigenen Kindern des Landes.<\/p>\n<p>Das sollte ja die Frau zur Verzweiflung bringen, so dass sie aufgibt. Aber das geschieht nicht. Sie nimmt den Tiernamen an und zeigt ihm die Gemeinschaft mit dem Fremden. Der Name Hund wird ver\u00e4chtlich auf Menschen bezogen, um ihnen ihre menschliche W\u00fcrde zu nehmen. Aber die Frau nimmt Jesus beim Wort und wendet es gegen ich selbst: \u201eJa, dann sagen wir, ich bin ein kleiner Hund, aber das entbindet dich nicht von der Pflicht, mir zu helfen. Die kleinen Hunde essen dasselbe Brot wie die Kinder \u2013 sie leben von demselben. Und wenn du das Brot bist, das Leben und die Hoffnung, die Gott min die Welt gesandt hat, dann geh\u00f6rst du auch mir\u201c. In dieser Antwort der anonymen Frau sammelt sich die Hoffnung aller gedem\u00fctigten Menschen: \u201eNenne mich, was du willst \u2013 ich bin noch immer ein Mensch, gerade auch wenn du mich ein Tier nennst\u201c.<\/p>\n<p>Und dann erhebt sich Jesus mit einem neuen Verst\u00e4ndnis dessen, wer Christus ist und was seine Aufgabe ist. Er gibt nach: \u201eFrau, dein Glaube ist gro\u00df. Dir geschehe, wie du willst!\u201c Ihr Glaube, ihr best\u00e4ndiger Schrei nach Hilfe, treibt Jesus \u00fcber die Grenze \u2013 \u00fcber die Grenzen seines Volkes, \u00fcber die Grenze zwischen dem unfehlbar G\u00f6ttlichen und dem verletzlichen und fehlbaren Menschenleben, \u00fcber seine eigenen Grenzen hinaus.<\/p>\n<p>Irren ist menschlich, sagen wir. Vielleicht ist dieser Bericht von der Begegnung zwischen Christus und der fremden Frau die am meisten evangelische, also erfreuliche Geschichte von allen. Jesus irrt sich und wird von einer fremden Frau korrigiert, die in Not ist. Der Menschensohn irrt, akzeptiert Belehrung und bekehrt sich. Gehe einen anderen Weg. Wenn wir nach Gott in Jesus suchen, dann finden wir einen Gott, der sich von der Not bewegen l\u00e4sst und der sagen kann: \u201eDu hast Recht, ich habe mich geirrt. Dir geschehe, wie du willst. Deine Sehnsucht siegt\u201c.<\/p>\n<p>Nach der Begegnung mit dieser Frau geht Jesus einen neuen Weg. In der Erz\u00e4hlung des Evangeliums hat er gerade tausende Menschen aus seinem eigenen Volk mit f\u00fcnf Broten und zwei fischen ges\u00e4ttigt und Menschen geheilt. Nun geht er weiter zu all denen, die sein eigenes Volk Heiden nennen, und heilt und s\u00e4ttigt auch hier Tausende, hier mit sieben Broten und zwei Fischen. Was im Menschen Jesus gegeben ist, ist allen gegeben. Das Brot des Lebens \u2013 als Brosamen, Reste, Manna, Sinn. Da ist genug f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Das neue Licht auf Gott, das wir in Jesus erhalten, ist auch neues Licht \u00fcber das, was es hei\u00dft ein Mensch zu sein: Dass wir dasselbe Brot teilen. Das wir uns bewegen lassen von dem verzweifelten Ruf, dass wir die Hoffnung haben d\u00fcrfen, dass die Ding e nicht blo\u00df so sind, wie sie sind, sondern dass es anders werden kann. Und wir k\u00f6nnen aus unseren Fehlern lernen und einen anderen Weg gehen. Das gilt auch f\u00fcr unseren Lebensstil in der Gemeinschaft mit anderen Gesch\u00f6pfen, Tieren und Menschen, alle die, die an den trockenen Quellen nach frischem Wasser schreien. Und dass wir stets das Selbstbewusstsein haben, dass jeder von uns eine einzigartige kleine Stimme hat, die das recht hat zu schreien und geh\u00f6rt zu werden. Nichts und niemand kann uns unsere W\u00fcrde nehmen, ganz gleich, was wir genannt werden oder wie wir uns selbst nennen.<\/p>\n<p>Es gibt einen fast f\u00fcnfhundert Jahre alten Chorsatz des Komponisten Palestrina \u00fcber den Psalm \u201eWie der Hirsch schreit\u201c, lateinisch <em>Sicut cervus<\/em>. W\u00e4hrend die Stimmen von dem Hirsch singen, der nach dem Wasser schreit, erklingen die T\u00f6ne so als sei das still str\u00f6mende Wasser schon da. Erst wenn sie zu dem lateinischen Wort <em>Anima mea<\/em> kommen, meine Seele, ist da eine Dissonanz, so als breche die Menschenseele ein in die Harmonie mit einem Schmerz und einer Sehnsucht. Die Seele ist allein, aber kurz darauf kommt das Wort Gott mit demselben Ton. Die Seele begegnet Gott in der Verzweiflung, und das wei\u00df die Musik. Deshalb beruhigt sie sich, noch bevor eine Antwort erfolgt ist.<\/p>\n<p>Diese Musik klingt wie der Glaube daran, dass eine Antwort kommt und dass Gott nicht gleichg\u00fcltig ist oder fern oder gar nicht da. In dem Psalm ist sind der Zweifel und die Verzweiflung gleichzeitig mit dem Glauben: Die Verzweiflung \u2013 der Schrei des Hirschen nach Wasser, der Schrei der Seele nach Hoffnung \u2013 ist begleitet von der anderen Stimme, die sagt: \u201eHarre auf Gott. Da ist ein <em>Du<\/em>, mit dem du sprichst und das dich h\u00f6rt, auch wenn du ins Leere rufst, dass du ganz allein bist. Dein Glaube ist so stark wie deine Verzweiflung. Und du wirst eine Antwort erhalten\u201c.<\/p>\n<p>Bis wir selbst das erfahren, haben wir das Wort und die Erz\u00e4hlung von der Begegnung Jesu mit der fremden Frau, um die Hoffnung am Leben zu halten. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p>Ribe Landevej 37<br \/>\n6100 Haderslev<\/p>\n<p>Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dein Glaube ist so stark wie deine Verzweiflung | Reminiszere 2021 | Psalm 42,2-4 und Matth\u00e4us 15,21-28 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |&nbsp;von Marianne Christiansen | Ein ausgetrockneter Bach, ein Hirsch, der schreit. Da ist kein Wasser. Der Hirsch kann das Wasser nicht zur\u00fcckrufen. Sein Schrei ist Ausdruck von Verzweiflung und Ohnmacht. 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