{"id":4523,"date":"2021-02-23T08:12:59","date_gmt":"2021-02-23T07:12:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4523"},"modified":"2021-02-23T08:12:59","modified_gmt":"2021-02-23T07:12:59","slug":"das-weinberg-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-weinberg-lied\/","title":{"rendered":"Das Weinberg-Lied"},"content":{"rendered":"<h3>Sonntag Reminiszere, 28.02.2021 | Predigt \u00fcber Jesaja 5,1-7 | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p>Jesaja 5,1-7<\/p>\n<p><em>1\u00a0Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten H\u00f6he. 2\u00a0Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben br\u00e4chte; aber er brachte schlechte. 3\u00a0Nun richtet, ihr B\u00fcrger zu Jerusalem und ihr M\u00e4nner Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4\u00a0Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, w\u00e4hrend ich darauf wartete, dass er gute br\u00e4chte? 5\u00a0Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahlgefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6\u00a0Ich will ihn w\u00fcst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7\u00a0Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die M\u00e4nner Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Rechtlosigkeit.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die Auseinandersetzung mit dem Text, den wir eben geh\u00f6rt haben, hat mich zu drei Predigtschritten angeregt. Ich beginne mit der Auslegung des Textes. Die \u00dcberschrift dazu lautet: Ein Liebeslied, das in einer Katastrophe m\u00fcndet. In einem zweiten Schritt m\u00f6chte ich mit Ihnen \u00fcber die Stunde Null nachdenken, die auf die Katastrophe folgt und \u00fcber das, was nach der Stunde Null kommt. In einem dritten Schritt geht es um eine gro\u00dfe Vision f\u00fcr unsere Welt und unser Leben \u2013 und was diese Vision f\u00fcr uns bedeutet.<\/p>\n<p>Das Erste: Ein Liebeslied, das in einer Katastrophe m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es war im Sommersemester 1961, also vor knapp 60 Jahren: Ich sa\u00df im gr\u00f6\u00dften H\u00f6rsaal der Universit\u00e4t Heidelberg. Professor von Rad, ber\u00fchmter Professor f\u00fcr Altes Testament, hielt die Vorlesung \u00fcber den Propheten Jesaja. Um uns den Text aus Jesaja 5, den wir gerade h\u00f6rten, nahezubringen, schl\u00fcpfte er in die Rolle des Propheten. \u201eWohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.\u201c Der Prophet tritt als S\u00e4nger auf. Wie k\u00f6nnen wir uns die Situation vorstellen? Wahrscheinlich wurde in Jerusalem gerade gefeiert: das Laubh\u00fcttenfest, das Erntefest. Ausgelassen waren die Leute, neugierig, was sie wohl vom Propheten zu h\u00f6ren bek\u00e4men. Eigentlich ging es den Menschen in Jerusalem gut, damals im 8.\u00a0 Jahrhundert vor Christus. Es war eine wirtschaftliche Bl\u00fctezeit. Zwar gab es im Osten eine neue Gro\u00dfmacht, Assyrien. Aber deren Expansionsgel\u00fcste sp\u00fcrte man noch nicht direkt. Was hat der Prophet vor, wenn er als S\u00e4nger auftritt? Eigentlich war er nicht daf\u00fcr bekannt, ein fr\u00f6hliches Festlied zu singen, sondern eher daf\u00fcr, den Menschen ins Gewissen zu reden. Der Prophet beginnt: \u201eWohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAha, ein Liebeslied will er uns singen\u201c, m\u00fcssen die Zuh\u00f6rer gleich denken. Denn der Weinberg galt als Sinnbild f\u00fcr eine Braut, eine Geliebte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Als der beste Freund des Br\u00e4utigams, der alle wichtigen Vorbereitungen f\u00fcr die Hochzeit auszurichten hat, tritt der Prophet auf. Was f\u00fcr ein Lied kann er denn davon singen, wie es seinem Freund, der hier f\u00fcr den Br\u00e4utigam steht, mit seinem Weinberg, also mit seiner Braut, geht? Er schildert zun\u00e4chst ganz unverf\u00e4nglich, wie sein Freund sorgsam, ja geradezu liebevoll den Weinberg bebaut hat, wie ein guter Weinbauer: Der Weinberg liegt auf einer \u201efetten H\u00f6he\u201c, so dass er von allen Seiten von der Sonne beschienen werden kann. Zum Schutz vor Erdrissen in der Sommerhitze ist er gr\u00fcndlich durchgehackt und aufgelockert worden. Die Steine hat der Freund aufgelesen. Dann hat er edle Reben in den Boden gesetzt. Mitten in den Weinberg hat der Freund einen Turm gebaut, von dem aus der Weinberg bewacht werden konnte, damit weder V\u00f6gel noch Diebe ihm etwas anhaben konnten. Auch eine Kelter hat er gebaut, in der die Trauben ausgepresst werden konnten. Alles war auf das Beste vorbereitet, so dass der Besitzer mit Recht auf eine gute Ernte sch\u00f6ner, reifer Trauben warten durfte. Aber nun kam die bittere Entt\u00e4uschung: An den Reben fanden sich zur Erntezeit nur kleine harte Sauertrauben, ungenie\u00dfbar! Die spontane Reaktion der Zuh\u00f6rer d\u00fcrfte gewesen sein, dass sie innerlich denken: \u201eSoll er die Braut doch laufen lassen!\u201c<\/p>\n<p>Aber das Lied wird ernster. Auf einmal redet nun nicht mehr der Prophet, sondern sein Freund, der Br\u00e4utigam, selbst. Er wendet sich unmittelbar an die Menschen aus Jerusalem und der umgebenden Landschaft Jud\u00e4a, die bei dem Fest versammelt sind. Er fordert sie zum Schiedsspruch auf und fragt: \u201eWas sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, w\u00e4hrend ich darauf wartete, dass er gute br\u00e4chte?\u201c<\/p>\n<p>Jetzt merken die Zuh\u00f6rer, dass es nicht mehr um ein einfaches Liebeslied geht: War die Braut treulos geworden, so konnte das mit dem Tod durch die Steinigung bestraft werden!<\/p>\n<p>Dementsprechend hart geht es in dem Lied zu, das der Prophet nun weiter vortr\u00e4gt. Der Freund schildert, was er mit dem Weinberg tun will: Die Hecke, die zum Schutz gegen die Tiere gepflanzt war, soll niedergehauen, die Mauer niedergerissen werden. Dann kann, wer will, in die Pflanzung einbrechen. Weder beschnitten noch behackt wird der Weinberg, Disteln und Dornen wachsen darauf. Er ist der Vernichtung preisgegeben.<\/p>\n<p>Und nun folgt auch die Enth\u00fcllung der Person des Freundes: Wenn er die Macht hat, den Wolken zu befehlen, dass sie nicht darauf regnen, dann ist es Gott selbst \u2013 als der Br\u00e4utigam, der von seiner Braut so bitter entt\u00e4uscht wurde!<\/p>\n<p>Und so kann der Abschluss des Liedes die Zuh\u00f6rer nicht mehr \u00fcberraschen: Israel, die Gemeinschaft des Gottesvolkes, ist der Weinberg Gottes \u2013 der Weinberg, den er mit Liebe gepflanzt hat. Er wartete auf Treue, auf ein Leben nach seinen Geboten. In einem Wortspiel wird das am Schluss ausgedr\u00fcckt: \u201eEr wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Rechtlosigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Damit endet das Lied. Es hat keinen vers\u00f6hnlichen Schluss. Nicht lange danach wird das Nordreich Israels von den Assyrern erobert. Einige Generationen sp\u00e4ter werden auch die Menschen aus Jerusalem und Jud\u00e4a ins Exil nach Babylon gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was kann uns heute eine solch harte prophetische Botschaft bedeuten, was kann sie uns sagen: Ist sie nur eine Drohbotschaft, eine Vernichtungsank\u00fcndigung in vergangener Zeit \u2013 oder k\u00f6nnen wir sie als Weckruf auch in unsere Zeit hinein verstehen?<\/p>\n<p>Wie steht es bei uns um Rechtsspruch und Rechtsbruch, wie steht es bei uns um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit?<\/p>\n<p>Wof\u00fcr der Prophet Jesaja sein Volk anklagt, was er ihm vor Augen h\u00e4lt, besonders den f\u00fchrenden Leuten, das ist auch heute nicht \u00fcberholt. In dem Text, der dem Weinberglied folgt, wird das entfaltet: \u201eWeh denen, die das Unrecht herbeiziehen mit Stricken der L\u00fcge\u201c (5,18), \u201eWeh denen, die B\u00f6ses gut und Gutes B\u00f6se nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen\u201c (5,20), \u201eWeh denen, \u2026 die den Schuldigen gerecht sprechen f\u00fcr Geschenke und das Recht nehmen denen, die im Recht sind!\u201c (5,23). Leben wir, bei allem guten Bem\u00fchen in unserer Gesellschaft, nicht unter vergleichbaren Gef\u00e4hrdungen? Da gibt es Verleumdungen, da grassieren Fake News und Hassbotschaften, besonders in den Social Media. Da wird Wahrheit in L\u00fcge und Einsicht in Bosheit verkehrt. Da erleben wir eine Gesellschaft, in der Korruption im Kleinen wie im ganz Gro\u00dfen den Zusammenhalt unserer menschlichen Gemeinschaft bedroht. K\u00f6nnen wir uns dar\u00fcber beruhigen, dass in unserem Land mehr Reichtum vorhanden ist als je zuvor, und dass gleichzeitig die Zahl der Obdachlosen zugenommen hat? K\u00f6nnen wir ein ruhiges Gewissen haben, wenn uns Greta Thunberg prophetisch anklagt, dass unser Lebensstil unsere Welt in die \u00f6kologische Katastrophe treibt?<\/p>\n<p>Denkt nach, pr\u00fcft euer Verhalten, \u00fcberlegt, wo ihr anders denken, wo ihr euch anders verhalten m\u00fcsst!<\/p>\n<p>Das Weinberglied des Propheten Jesaja k\u00fcndigt die Katastrophe an, ohne einen Ausweg zu zeigen. \u2013 Aber das Weinberglied ist nicht das letzte Wort, das in dem gro\u00dfen Jesaja-Buch steht.<\/p>\n<p>Die Geschichte Israels damals f\u00fchrt in die Katastrophe hinein, bis schlie\u00dflich im Jahr 587 Jerusalem und der Tempel zerst\u00f6rt und die Menschen ins Exil nach Babylon gef\u00fchrt werden. Aber im Exil steht ein neuer Prophet auf, wir nennen ihn den zweiten Jesaja, der von der erneuten Liebe und Treue Gottes spricht, der das Ende der Verbannung ank\u00fcndigt: \u201eTr\u00f6stet, tr\u00f6stet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist\u201c (Jesu 40,1-2)<\/p>\n<p>Damit kommen wir zum zweiten Schritt: Es ist gleichsam die Stunde Null, der Neuanfang nach der Katastrophe. Die Israeliten kehren nach Jerusalem und Jud\u00e4a zur\u00fcck. Es ist ein m\u00fchsamer Wiederanfang in dem verw\u00fcsteten Land. Lange dauerte es, bis der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut ist. Aber Gott verspricht: \u201eF\u00fcrchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich st\u00e4rke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.\u201c (41,10). Dass Gerechtigkeit und Friede Hand in Hand gehen, das ist der Wille Gottes.<\/p>\n<p>Gibt es auch f\u00fcr uns so etwas wie eine Stunde Null? Ich erinnere mich noch, wie ich 1945 als kleiner Junge erlebte, dass die amerikanischen Panzer durch mein Geburtsdorf Schellerten rollten. Alle gro\u00dfen St\u00e4dte in Deutschland waren zerst\u00f6rt, auch die sch\u00f6ne alte Stadt Hildesheim in unserer N\u00e4he. 75 Millionen Menschen waren umgekommen in dem vom Nazi-Deutschland angezettelten Krieg. Der Irrglaube des Nationalsozialismus hatte in die Katastrophe gef\u00fchrt. Konnte es da \u00fcberhaupt einen Neuanfang geben? Konnten sich Christen an der Aufarbeitung der Schuld und an einem Weg zur Vers\u00f6hnung beteiligen? In dieser Situation kam es im Oktober 1945 zu einer erstaunlichen Erkl\u00e4rung: dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der neu gebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Erkl\u00e4rung wurde unter anderem von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Niem%C3%B6ller\">Martin Niem\u00f6ller<\/a> unterzeichnet, der viele Jahre als pers\u00f6nlicher Gefangener Hitlers im Konzentrationslager Dachau gesessen und wie durch ein Wunder \u00fcberlebt hatte. Die entscheidenden S\u00e4tze in der Erkl\u00e4rung lauten: \u201eDurch uns ist unendliches Leid \u00fcber viele V\u00f6lker und L\u00e4nder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gek\u00e4mpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fr\u00f6hlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Es war ein mutiges Zeichen, das damals von vielen Menschen in Deutschland noch nicht verstanden wurde, weil sie vor allem die eigenen Leiden im Krieg vor Augen hatten. Aber es war der Anfang eines Weges, auf dem die Christen in den anderen L\u00e4ndern den Deutschen die H\u00e4nde reichten und Deutschland beim Wiederaufbau halfen. Sich der eigenen Geschichte, der eigenen Schuld stellen, hat sich letztlich als notwendig in der Bearbeitung und Verarbeitung von Unrecht erwiesen.<\/p>\n<p>Und gegenw\u00e4rtig? Beschert uns die Corona-Krise so etwas wie eine neue Stunde Null? Es w\u00e4re vollkommen falsch, wenn wir sie mit der Katastrophe des babylonischen Exils oder des 2. Weltkriegs verglichen. Wie viele Wege und Hilfen, wie viel medizinisches Knowhow haben wir, der Krise zu begegnen \u2013 entgegen dem Elend dieser fr\u00fcheren Katastrophen? Und doch ist es eine Krise, die weltweit Menschen betrifft und bedroht, die unser Gemeinschaftsleben in eine Situation der Isolierung zwingt, die wir so noch nie erlebt haben. Nie war das gottesdienstliche Leben unterbrochen, auch in Kriegszeiten nicht. Ganz neu sind wir gefordert, Wege zu finden, wie wir in Verbindung miteinander bleiben und uns gegenseitig st\u00fctzen k\u00f6nnen mit den Mitteln, die wir haben, dem Telefon, dem Smartphone, und wenn wir die unterst\u00fctzen, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht sind. Dabei betrifft die Krise in besonderem Ma\u00dfe die \u00c4rmsten der Armen, die in ungesicherten Verh\u00e4ltnissen leben, auf der Flucht sind, die, die ohnehin unter D\u00fcrre und Hunger leiden. Allein in Afrika sind schon viele Menschen gestorben, weil der Lockdown bei uns die Lieferketten f\u00fcr Medizin unterbrochen hat. Neu sind wir herausgefordert zu Liebe, F\u00fcrsorge und Gerechtigkeit. Wenn Jesus im Gleichnis vom Endgericht sagt: \u201eWas ihr getan habt diesen meinen geringsten Br\u00fcdern \u2013 den Hungernden, den Durstigen, den Fremden, den Nackten, den Gefangenen \u2013, das habt ihr mir getan\u201c (Mt 25,40), dann ist jeder und jede von uns gefragt, wo und wie wir Zeichen der Liebe Gottes geben k\u00f6nnen, nicht zuletzt in der finanziellen Unterst\u00fctzung der Hilfsorganisationen, die vor Ort hier und in anderen L\u00e4ndern die allergr\u00f6\u00dfte Not lindern. Ein besonderes, unerwartetes Zeichen haben wir in Deutschland in der Bewegung <em>Religions for Peace<\/em>, <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em> im Mai vergangenen Jahres erfahren. In der Zeit, in der es \u00fcberall noch an Masken f\u00fcr den Mund-Nasen-Schutz mangelte, haben uns Menschen von <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em> China eine gro\u00dfe Sendung mit 20.000 zertifizierten Masken geschickt, die wir \u00fcber die deutschen Gruppen von <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em> dort verteilen konnten, wo sie am dringendsten gebraucht wurden \u2013 in Krankenh\u00e4usern, in Gef\u00e4ngnissen, in Ortsteilen, die als soziale Brennpunkte gelten.<\/p>\n<p>Und nun gibt es noch einen weiteren, dritten Schritt, zu dem wir von unserem Predigttext aus hingelangen k\u00f6nnen: Es ist eine gro\u00dfe heilvolle Vision f\u00fcr unsere Welt und unser Leben, gleichsam ein Versprechen Gottes f\u00fcr eine Zukunft, nach der wir ausschauen k\u00f6nnen. Sie findet sich auch im Jesaja-Buch und greift weit \u00fcber unsere Gegenwart hinaus. Aber sie will uns anstecken und anstacheln in unserer Gegenwart. Sie steht im 2. Kapitel des Jesaja-Buches \u2013 und \u00e4hnlich auch beim Propheten Micha. Da hei\u00dft es: \u201e\u2026viele V\u00f6lker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele V\u00f6lker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spie\u00dfe zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Dieses Friedensversprechen Gottes steht dem Bild der Katastrophe gegen\u00fcber, die Jesaja im Lied vom Weinberg ank\u00fcndigen muss. Die Leser des Jesaja-Buches, die die Katastrophe des Exils hinter sich haben, k\u00f6nnen sich auf dieses Bild ausrichten. Dass es in unsere Zeit hinein strahlen kann, haben die Christen in der DDR gezeigt, indem sie das Symbol \u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c zum Motto ihres Eintretens f\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit gew\u00e4hlt haben. Es fiel den DDR-Beh\u00f6rden nicht leicht, es zu verbieten, weil das Denkmal mit einem Schmied, der ein Schwert zu einer Pflugschar umschmilzt, vor den Vereinten Nationen in New York steht, von niemand anderem gestiftet als von der Sowjetunion.<\/p>\n<p>Diese Weissagung ist auch f\u00fcr uns eine Mahnung, \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Corona-Sorgen hinaus die n\u00f6tige Arbeit f\u00fcr den Weltfrieden nicht aus den Augen zu verlieren. Dass dieser Friedensweg von Leid, Not und Schuld begleitet ist und von gro\u00dfer Liebeskraft erf\u00fcllt sein muss, zeigen uns die Menschen, die uns Vorbilder auf diesem Weg sein k\u00f6nnen. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer, an Mahatma Gandhi, an Martin Luther King, an Nelson Mandela und an viele weniger bekannte unerm\u00fcdliche Friedensstifter an den friedlosen Orten dieser Welt. Im christlichen Glauben k\u00f6nnen wir davon getragen sein, dass Gott selbst in Jesus diesen Weg durchs Leiden zum Leben gegangen ist, und daran wollen wir heute, am Sonntag Reminiszere, dem Gedenken an Gottes Barmherzigkeit, besonders denken.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gebet im Anschluss an die Predigt zu Jesaja 5,1-7<\/p>\n<p>Vater im Himmel!<\/p>\n<p>Wir haben die Anklage des Propheten Jesaja gegen die Ungerechtigkeiten in seinem Volk, gegen die Missachtung Deiner Liebe geh\u00f6rt. Sei an unserer Seite, dass wir deine Gebote befolgen, dass wir uns f\u00fcr Gerechtigkeit einsetzen gegen alle Ungerechtigkeit. Lass uns aufmerksam sein auf das Recht der Schwachen, auf das Geschick derer, die unter Hunger, Krieg, Vertreibung und Unterdr\u00fcckung leiden. Sie sind es, die besonders hart von den Folgen der Corona-Pandemie getroffen sind. Lass uns auch an der Seite derer stehen, die mit der F\u00fcrsorge f\u00fcr Kranke an den Rand ihrer Kr\u00e4fte gelangt sind. Hilf denen, deren berufliche Existenz bedroht ist und die von Zukunfts\u00e4ngsten verfolgt werden.<\/p>\n<p>Wir bitten dich, lass uns Neuanf\u00e4nge suchen in der gegenw\u00e4rtigen Lage, in der es so viel Einsamkeit und Isolation gibt und in der es uns fast unm\u00f6glich ist, einander direkt zu begegnen. Gib, dass wir Fantasie aufbringen, das Beste aus dieser Situation zu machen: dass wir mehr Zeit f\u00fcr Ruhe und Besinnung finden, dass wir unsere Umwelt neu sch\u00e4tzen lernen: die Sonne, den Regen, den Wald, die ganze Natur. Lass uns die neuen Mittel der Kommunikation nutzen, mit denen wir einander austauschen k\u00f6nnen. Lass uns einander ermutigen, erz\u00e4hlen, aufheitern. Hilf uns, dass wir dem Alleinsein eine vertiefte Verbundenheit gegen\u00fcberstellen.<\/p>\n<p>Gib, dass wir mit der Hoffnung leben, die du uns schenken willst: der Hoffnung auf deine gute neue Welt. Ihre Zeichen hat Jesus unter uns aufgerichtet. F\u00fcr sie ist er auch den Weg ins Leiden und in den Tod hinein gegangen. Du hast darauf mit dem Licht des Ostermorgens, mit dem unerwartet neuen Leben, geantwortet. Mach uns stark in dem Glauben, dass du einst alles neu machen wirst, und lass diese Hoffnung in unser Denken und Handeln hinein ausstrahlen, damit wir \u00fcberzeugend den Weg der Liebe und der Gerechtigkeit gehen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p>Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der <em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission <em>Strenghtening Interreligious Education <\/em>der internationalen Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP).<\/p>\n<p>Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p>Die Predigt wird \u2013 unter den aktuellen Hygiene-Bedingungen \u2013 in der romanisch-gotischen Kirche St. Peter und Paul auf dem Frankenberg Goslar gehalten.<\/p>\n<p>Liedempfehlungen: EG 168,1-3 (Du hast uns, Herr, gerufen), EG 640 (EKHN \u2013 Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn), EG 572 (BT \u2013 Herr, wir bitten, komm und segne uns)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die folgende Schilderung lehnt sich an die Auslegung von Otto Kaiser an, in: Der Prophet Jesaja\/Kap. 1-12. G\u00f6ttingen\u00a0 1960.= NTD 17, 42ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Gerhard Besier, Gerhard Sauter: <em>Wie Christen ihre Schuld bekennen<\/em>, G\u00f6ttingen 1985, S. 62<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Reminiszere, 28.02.2021 | Predigt \u00fcber Jesaja 5,1-7 | Johannes L\u00e4hnemann | Jesaja 5,1-7 1\u00a0Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten H\u00f6he. 2\u00a0Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. 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