{"id":4540,"date":"2021-02-21T18:04:02","date_gmt":"2021-02-21T17:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4540"},"modified":"2021-02-23T21:06:43","modified_gmt":"2021-02-23T20:06:43","slug":"ein-blick-in-gottes-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ein-blick-in-gottes-herz\/","title":{"rendered":"Ein Blick in Gottes Herz"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jesaja 5,1-9 | Reminiszere, 28.2.2021 | verfasst von Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p>Lachen und Singen ist zu h\u00f6ren. Das Klingen von Gl\u00e4sern. Sie feiern ein Fest. Die Ernte war gut. Mitten im fr\u00f6hlichen Trubel steht einer auf. Ein Lied will er singen. Einige kennen den Mann. Jesaja ist es, Amoz\u2018 Sohn. Und er f\u00e4ngt an.<\/p>\n<p><strong><em>Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Schon bei den ersten Worten beginnen einige zu schmunzeln. Denn was Jesaja ank\u00fcndigt, ist zweideutig, doppelb\u00f6dig: Vom Weinberg will er singen, und das ist seit alters zugleich ein Bild f\u00fcr das M\u00e4dchen, das man liebt. Die Kenner wissen\u2019s und sind gespannt. Alle h\u00f6ren:<\/p>\n<p><strong><em>Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten H\u00f6he. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, das wissen die H\u00f6rer zu sch\u00e4tzen, wie umsichtig und gewissenhaft hier alles getan wird, damit der Weinberg gedeiht, wie liebevoll und verschwenderisch sich der Liebhaber um sein M\u00e4dchen bem\u00fcht, um ihr Herz zu gewinnen. Und auch den Lohn der Arbeit \u2013 reiche Ernte \u2013 haben sie erlebt und Liebe, die erwidert wurde. Doch anders als erwartet, singt Jesaja weiter:<\/p>\n<p><strong><em>Mein Freund wartete darauf, dass er gute Trauben br\u00e4chte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr B\u00fcrger zu Jerusalem und ihr M\u00e4nner Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, w\u00e4hrend ich darauf wartete, dass er gute br\u00e4chte?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Na, an dem Winzer jedenfalls liegts nicht, denken die H\u00f6rer. Was f\u00fcr ein Jammer, dass bei all seiner Arbeit nichts herausgekommen ist. Und wie soll man das M\u00e4dchen begreifen, das ihm trotz all seines Werbens die kalte Schulter zeigt! Leid kann er einem tun, der Winzer ohne Ernte, der verschm\u00e4hte Liebhaber. Das Lied geht weiter:<\/p>\n<p><strong><em>Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn w\u00fcst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Jawohl, so ist es richtig: den Weinberg liegen lassen, der Frau den Laufpass geben, wenn alle Arbeit umsonst, alle Liebesm\u00fch vergeblich ist.<\/p>\n<p>Ein trauriges Ende f\u00fcr ein Lied, das so vielversprechend begann, mochten die Leute denken. Doch sie irren sich. Das Ende des Liedes kommt erst noch:<\/p>\n<p><strong>\u00a0<em>Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die M\u00e4nner Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei \u00fcber Schlechtigkeit.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wie sie es aufgenommen haben. wissen wir nicht. Von Rechtsbruch und Schlechtigkeit im Land h\u00f6rten sie hier sicher nicht zum ersten Mal. Dass die Gro\u00dfbauern das Land der Kleinen aufkauften und diese in die Armut trieben, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich immer weiter \u00f6ffnete, dass Witwen und Waisen nicht zu ihrem Recht kamen und Richter sich bestechen lie\u00dfen, das war ja kein Geheimnis. Und das wurde auch von anderen Propheten angeprangert.<\/p>\n<p>Doch was sollten solche Klagen unter den Besuchern des Erntefestes, die doch sowieso daran nichts \u00e4ndern konnten. Das konnten doch nur die da oben. Hier aber ging ein solches Lied nur auf Kosten der Stimmung. Und wie! Es waren ja nicht nur die sattsam bekannten Missst\u00e4nde. Aber dass es in diesem Lied vor allem darum ging, was diese Ausw\u00fcchse mit Israels Gott machten, das ging noch mehr aufs Gem\u00fct. Der S\u00e4nger lie\u00df die H\u00f6rer ja ihrem Gott ins Herz blicken, Einem Gott, der wie ein Weinbergbesitzer und Liebhaber alles Erdenkliche getan hatte, um sein Volk zur Bl\u00fcte und zu vollem Liebreiz zu bringen. Und der nun hinnehmen musste, dass der Weinberg nur Abfall statt Fr\u00fcchten hervorbrachte, die Liebste sich entzog, sein Volk seine Wohltaten verderben lie\u00df und sich hinwegsetzte \u00fcber seine dem Wohl des Volkes dienenden Ordnungen. Damit zerst\u00f6rte es sich selbst. Der unfruchtbare Weinberg verkommt vollends, weil sein Besitzer ihn entt\u00e4uscht liegen l\u00e4sst und alle Schutzvorkehrungen beseitigt. Gottes Volk aber geht von selbst zugrunde, weil es seine heilsamen Ordnungen kaputtmacht. Diesem Volk braucht Gott nicht zu drohen, denn es bestraft sich selbst. Und Gott bleibt zur\u00fcck \u2013 tief entt\u00e4uscht, sich hilf- und ratlos qu\u00e4lend mit der Frage Warum?<\/p>\n<p>Wie gut wir sie kennen, diese Frage. Wenn wir mit unserer Liebe, mit m\u00fchevoller Arbeit, mit unserem Denken und Begreifen am Ende sind und alles nichts gebracht hat: Warum? Wenn Eltern alles getan haben, um einem Kind auf seinem Weg ins Leben behilflich zu sein und sie am Ende nichts als Abkehr und Verachtung erleben: Warum? Wenn alles nur M\u00f6gliche getan wird, um einem depressiven Menschen Farbe und Freude ins Leben zu bringen, f\u00fcr diesen aber alles heillos grau und bleischwer bleibt. Warum? Was macht das mit meinem Glauben? Warum l\u00e4sst Gott das alles geschehen?<\/p>\n<p>Diese zutiefst menschliche Frage begegnet uns im Weinberglied Jesajas als zutiefst g\u00f6ttliche Frage wieder: Was ist mit meinem Volk, was ist mit meinen Menschen \u00fcberall in der Welt, dass ihr zerst\u00f6rt, womit ich euch in f\u00fcrsorglicher Liebe ausgestattet habe: Warum? Ich habe euch ausgestattet mit allem, was ihr zum Leben braucht: Dieser Planet hat Nahrung genug f\u00fcr alle und Rohstoffe, die allen ein Auskommen sichern k\u00f6nnen. Dazu habe ich euch einen Verstand gegeben, mit dem allen vern\u00fcnftig umzugehen, und ein Herz, das Liebe und Geborgenheit zu geben vermag.<\/p>\n<p>Ihr aber habt es so weit gebracht, dass meine Gaben den Norden der Erde \u00fcberschwemmen, w\u00e4hrend einem Gro\u00dfteil meiner Menschenkinder im S\u00fcden das N\u00f6tigste fehlt: Warum? Und jetzt, wo ihr alle von einer lebensgef\u00e4hrlichen Pandemie bedroht seid, haben die Menschen im Norden zehnmal so viel Impfstoff wie die im S\u00fcden: Warum? Und was ist mit einer Kirche, die meine Barmherzigkeit weltweit bezeugen will, die aber trotz regelm\u00e4\u00dfiger Gottesdienste in allen Kontinenten und Landen nicht in der Lage ist, sich weltweit un\u00fcberh\u00f6rbar mit einer Stimme zum Anwalt der durch Hunger und Gewalt Vertriebenen zu machen: Warum?<\/p>\n<p>Im Weinberglied erschlie\u00dft sich ein Gott, der wie an seinem Volk so an seiner Menschheit im ganzen leidet und hilflos zusehen muss, wie sie sich selber zugrunde richten. Von wegen Allmacht! Seine Macht, alles zum Guten zu wenden, wird begrenzt durch eine Menschheit, die sich nicht richtet nach dem, was heilsam w\u00e4re f\u00fcr sie. Ein Gott, der nicht kann, was wir so gerne von ihm erbitten, n\u00e4mlich wieder in Ordnung zu bringen, was Menschen zerst\u00f6ren. Er kann es nicht, solange Menschen sich nicht richten nach dem, was er ihnen nicht nur in ihre religi\u00f6sen B\u00fccher, sondern auch ins Herz und ins Gewissen geschrieben hat.<\/p>\n<p>Dies ist der Gott, mit dem Jesus sich verbunden und dem er sich verpflichtet wusste. Er hat gelebt und gewirkt, um seinen Mitmenschen die Welt vor Augen zu f\u00fchren, wie Gott sie gemeint hat und wie er sie haben will: eine Welt, in der die Menschen miteinander teilen, womit Gott sie ausstattet. Wo sie darauf achten, dass alle haben, was sie zum Leben brauchen. Wo die Starken den Schwachen aufhelfen. Wo die durch Schicksal, Krankheit, Behinderung Benachteiligten sich in der Solidarit\u00e4t der Kinder Gottes aufgehoben erleben. Wohin sein Leben und Wirken f\u00fchrte, wird uns in der Passionszeit regelm\u00e4\u00dfig vor Augen gef\u00fchrt. Mit seinem Leiden und Sterben verk\u00f6rpert er den Gott, der an seiner Menschheit leidet.<\/p>\n<p>Doch bei dem Bild dessen, der am Kreuz leidet und stirbt, bei dem Bild, das an jedem Altar unserer Kirchen zu sehen ist, bleibt es nicht. Denn Gott bel\u00e4sst es nicht bei der Aussichtslosigkeit, mit der der Winzer bei Jesaja sich von seinem Weinberg, der Liebhaber sich von seiner Geliebten abwendet und beide dem Verderben anheimfallen. Er bringt es nicht \u00fcbers Herz, den Gekreuzigten im Tode und seine Welt zum Teufel gehen zu lassen. Er bringt ihn zur\u00fcck ins Leben und zwar so, dass er mit seinen Worten und Werken Menschen anstiftet, so zu leben, als sei die Welt, wie Gott sie haben will.<\/p>\n<p>Sie geben niemanden verloren, k\u00e4mpfen um jedes Leben und sei es noch so armselig, weil es ein unsch\u00e4tzbare W\u00fcrde hat. Und sie bleiben dabei, auch wenn sie die Not nur lindern, aber nicht beseitigen k\u00f6nnen. \u00dcberall begegne ich ihnen, in Krankenh\u00e4usern und Pflegeheimen, in der Lebenshilfe und unter denen, die Angeh\u00f6rige zu Hause pflegen. Und ich sehe sie, wenn im Fernsehen aus Fl\u00fcchtlingslagern und Katastrophengebieten berichtet wird. Sie alle sind oft, ohne es zu wissen, mit dem Gott im Bunde, um dessen Erbarmen, um dessen offenes Herz wir jeden Sonntag bitten mit unserem \u201eKyrie eleison\u201c.<\/p>\n<p>Dasselbe sagt der Name dieses Sonntags Reminiszere: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit. Mit dieser Bitte wird uns klar, dass Gott nicht weit weg ist mit seinem heiligen Willen und unbegreiflicher Macht. Nein, er ist uns nahe mit dem Herzen, das f\u00fcr seine Menschenkinder schl\u00e4gt, darunter leidet, dass sie so vieles kaputtmachen und das darauf aus ist, auch bei uns ein Herz zu finden, dass sich von ihm anr\u00fchren l\u00e4sst und die Regie \u00fcbernimmt in unserem Denken, Reden und Tun. Amen.<\/p>\n<p>(Mit der Ins-Bild-Setzung des Textes habe ich mich anregen lassen von J\u00fcrgen Dembek in Predigtstudien IV 1 (1987\/88).S. 162f)<\/p>\n<p><strong>\u00a0&#8212;<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Rudolf Rengstorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jesaja 5,1-9 | Reminiszere, 28.2.2021 | verfasst von Rudolf Rengstorf | Lachen und Singen ist zu h\u00f6ren. Das Klingen von Gl\u00e4sern. Sie feiern ein Fest. Die Ernte war gut. Mitten im fr\u00f6hlichen Trubel steht einer auf. Ein Lied will er singen. Einige kennen den Mann. Jesaja ist es, Amoz\u2018 Sohn. 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