{"id":4544,"date":"2021-02-23T21:14:44","date_gmt":"2021-02-23T20:14:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4544"},"modified":"2021-02-23T21:14:44","modified_gmt":"2021-02-23T20:14:44","slug":"ich-singe-fuer-meinen-zornigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ich-singe-fuer-meinen-zornigen\/","title":{"rendered":"Ich singe f\u00fcr meinen zornigen&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Ich singe f\u00fcr meinen zornigen Gott | Predigt zu Jesaja 5,1-7 | Reminiszere 28.2.21 | verfasst von Sven Keppler |<\/h3>\n<p><strong>I.<\/strong> Mein Freund ist ein begeisterter Hobby-G\u00e4rtner. Zuletzt wollte er in seinem Garten Wein anbauen. Er wollte beweisen, dass auch in Westfalen pr\u00e4chtige Trauben wachsen k\u00f6nnen. Vielleicht nicht, um sie zu keltern. Aber mindestens, um sie als Fr\u00fcchte zu genie\u00dfen.<br \/>\nMit Leidenschaft nimmt er sein Projekt in Angriff. Sammelt Tipps. Macht die beste Ecke in seinem Garten ausfindig: sonnig, gesch\u00fctzt vor Wind und Frost. An der S\u00fcdwand seiner Garage bringt er Spanndr\u00e4hte an. Gr\u00e4bt den Boden vor der Mauer um und befreit ihn m\u00fchsam von Bauschutt.<\/p>\n<p>Lange ber\u00e4t er sich mit einem G\u00e4rtner, welche Rebsorte am besten geeignet ist. Widerstandsf\u00e4hig gegen Mehltau und Pilzbefall. Schlie\u00dflich entscheidet er sich f\u00fcr die kostspieligste \u2013 er will eben unbedingt erfolgreich sein und allen sein Ergebnis vorweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im April hat er gepflanzt. Im n\u00e4chsten Winter seine Lieblingspflanze f\u00fcrsorglich vor dem Frost gesch\u00fctzt. Zu allem \u00dcberfluss hat er sogar einen kleinen Zaun um den Weinstock gezogen. Und im letzten Herbst will er endlich zum ersten Mal ernten. In seiner Phantasie schmeckt er schon die s\u00fc\u00dfen, kernlosen Beeren auf seiner Zunge. Und heimlich tr\u00e4umt er davon, dass vielleicht doch ein kleiner, bescheidener Wein daraus werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dann kommt die Ernte \u2013 eine einzige Entt\u00e4uschung. Im Sp\u00e4tsommer hatte er schon so etwas geahnt. Als die Beeren einfach nicht \u00fcber ihre winzige Gr\u00f6\u00dfe hinauswuchsen. Aber da hatte er sich noch getr\u00f6stet: Je kleiner sie sind, desto s\u00fc\u00dfer und aromatischer werden sie sein! Sauer sind sie. Ungenie\u00dfbar und schrumpelig. In seinem Zorn ist er den Tr\u00e4nen nah. Geht erregt auf und ab. Denkt an die Peinlichkeit, mit der er sein Scheitern eingestehen muss. Vor all den Sp\u00f6ttern, die sein Projekt sowieso bel\u00e4chelt haben.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag hat sich sein Zorn immer noch nicht gelegt. Da geht er beherzt zur Tat. Er rei\u00dft den Weinstock aus. Zerhackt ihn und wirft ihn auf seine Totholzhecke. Den Zaun rei\u00dft er ein und stampfte die Erde fest, weil an der Stelle so schnell nichts mehr wachsen soll. Ich glaube, am liebsten h\u00e4tte er wieder Bauschutt in der Erde vergraben. Und ich wei\u00df nicht, wie oft er voller Grimm gemurmelt hat: Das hast Du jetzt davon. Du misslungene Kreatur.<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong> Ich muss gestehen, dass mich dieser verbissene Zorn peinlich ber\u00fchrt. Ein bisschen mehr Gelassenheit h\u00e4tte ich dem Freund schon zugetraut. Zumal man doch mit einem Misserfolg rechnen musste\u2026<\/p>\n<p>Aber das ist wahrscheinlich genau der Punkt: Den voraussehbaren Misserfolg hatte er ja immer bestritten. So enthusiastisch er zu Werke gegangen ist, so frustriert ist er nach seinem Scheitern. Die Energie, mit der er bei der Sache war, ist die gleiche geblieben. Nur dass sie vom Positiven ins Negative umgeschlagen ist. Vom Erbaulichen ins Zerst\u00f6rerische.<\/p>\n<p>Ich habe auch das Gef\u00fchl, dass er zornig sein <em>wollte<\/em>. Dass er sich seinem \u00c4rger so richtig hingeben wollte. Er <em>wollte<\/em> die arme Pflanze hassen. Wahrscheinlich hat er gesp\u00fcrt, dass er so am besten \u00fcber seine Entt\u00e4uschung hinwegkommen w\u00fcrde. Er musste sich dann nicht eingestehen, dass er selbst geirrt hat. Dass er ein aussichtsloses Projekt verfolgt hat. Dass er sich in eine fixe Idee verrannt hat, mit \u00fcbertriebenem Ehrgeiz. Alle Schuld liegt bei dieser dummen Pflanze.<\/p>\n<p>Man sagt ja, dass entt\u00e4uschte Liebe in abgr\u00fcndigen Hass umschlagen kann. Aber ist es wirklich Liebe, die da umschl\u00e4gt? Ist es nicht vor allem Selbstmitleid? Gekr\u00e4nkte Eigenliebe? Man hat sich wunderbar gefallen in seiner Rolle als Liebender. Man war stolz auf die ansehnliche Freundin. Man hat sich verletzlich gemacht und seine echten Gef\u00fchle ganz offen gezeigt.<\/p>\n<p>Und dann die Entt\u00e4uschung. Wer darauf mit Hass reagiert, ist, glaube ich, ganz bei sich selbst. <em>Ich<\/em> armer Mensch. So unfair behandelt. <em>Ich<\/em> habe mich doch ganz hingegeben. <em>Ich<\/em> hab alles getan, mich ge\u00f6ffnet und eingebracht. Und dann geschieht <em>mir<\/em> dieses Ungl\u00fcck. Lassen Sie mich in aller Vorsicht vermuten: Es ist wahrscheinlich eher Selbstliebe, die in Hass umschl\u00e4gt. Echte Liebe, der es um den anderen geht, f\u00fchrt wahrscheinlich eher zu Niedergeschlagenheit und Leere.<\/p>\n<p><strong>III.<\/strong> Solche Vermutungen h\u00e4tten meinem Freund jedoch nicht viel geholfen. In seinem Ungl\u00fcck noch die Lauterkeit seiner Gef\u00fchle zu hinterfragen \u2013 das w\u00e4re unbarmherzig gewesen. Aber was h\u00e4tte ich ihm stattdessen Gutes tun k\u00f6nnen? H\u00f6ren wir einen Text aus dem Jesajabuch. Hier geht es um eine ganz \u00e4hnliche Situation. Nur dass der Freund mit einem ganzen Weinberg hadert. Achten Sie beim Zuh\u00f6ren bitte besonders auf den Anfang. [lesen: Jes 5,1-7]<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein erstaunlicher Auftakt! Ich will f\u00fcr meinen Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Ich singe f\u00fcr meinen zornigen Freund. Ich diskutiere nicht mit ihm. Ich weise ihn nicht zurecht. Ich pr\u00fcfe nicht, ob sein Verhalten eigentlich angemessen ist. Frage ihn nicht, was aus seinem liebevollen Einsatz geworden ist.<\/p>\n<p>Sondern ich singe f\u00fcr ihn. Ich stelle mich auf seine Seite. Ich mache seine Sache zu meiner eigenen. Leihe ihm sogar meine Stimme. Ich mag ihn weiterhin, auch wenn er zornig ist. Ich sage ihm nicht, dass ich ihn albern oder ma\u00dflos finde. Sondern ich erz\u00e4hle ihm selbst seine eigene Geschichte.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00fchlt das ja seinen Zorn. Vielleicht f\u00fchlt er sich verstanden, angenommen. Vielleicht nimmt ihm das ja auch die Angst, l\u00e4cherlich dazustehen in seiner entt\u00e4uschten Liebe. Er hat seine Gef\u00fchle offen gelegt. Hat sich so gezeigt, wie er ist. Und ich als Freund singe ihm ein Lied, mit dem ich ihm zeige: Es ist in Ordnung, ich stehe zu dir. Und au\u00dferdem biete ich ihm an, sich mit anderen Augen zu sehen. Ein bisschen aus der Distanz. Vielleicht hilft ihm das auch, wieder zu sich zu kommen.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong> Das Weinberglied des Jesaja hat also einen \u00fcberraschenden Auftakt. Es bietet einen Weg an, mit dem Zorn umzugehen. Eine unerwartete Wendung. Ebenso \u00fcberraschend finde ich das Ende. Aber auf den ersten Blick nicht so hilfreich und befreiend wie den Beginn. Sondern eher befremdlich.<\/p>\n<p>Gott soll der Weinbergbesitzer sein. Der, bei dem F\u00fcrsorge, Eifer und Liebe so hart in Zorn und Hass umschlagen. Was ich beim Freund noch allzumenschlich fand und deshalb auch wieder verzeihlich \u2013 das soll Gott unterlaufen sein?<\/p>\n<p>Zu meiner Vorstellung von Gott will das nicht passen. Zumindest nicht das Verhalten nach der Entt\u00e4uschung. Der Anfang schon: Gottes Sch\u00f6pferkraft ist, wie wenn ein Mensch seinen Weinberg hegt und pflegt. Er m\u00fcht sich mit vollem Einsatz und unendlicher Energie um seine Sch\u00f6pfung. Sch\u00fctzt sie und wartet geduldig auf Frucht. Wie wunderbar.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich wei\u00df ich auch, dass manche Traube in dieser Sch\u00f6pfung ungenie\u00dfbar ist. Schlecht gewachsen und missraten. Wer sollte das nicht besser wissen als Gott selbst! Dass Gott mit Zorn darauf reagiert \u2013 von diesem Gedanken ist die theologische Tradition voll. Das kann ich nicht so einfach zur Seite wischen. Aber sollte ich mir Gottes Zorn wirklich so vorstellen wie bei meinem Freund, wie beim G\u00e4rtner des Weinbergliedes? W\u00fctend, hasserf\u00fcllt, in J\u00e4hzorn und Rachsucht? Und dann noch aus gekr\u00e4nktem Stolz, aus angefressener Selbstliebe heraus?<\/p>\n<p>Aber es gab anscheinend Leute, die Gott das zugetraut haben. Der Prophet Jesaja. Die Schreiber seines Buches. Seine Leser und H\u00f6rer, die das Weinberglied weiter \u00fcberliefert haben. Ich frage mich: Welche Erfahrungen m\u00fcssen sie dazu gebracht haben, so von Gott zu denken?<\/p>\n<p>Wenn mein Land zerst\u00f6rt w\u00fcrde. Wenn ich miterleben m\u00fcsste, wie meine Nachbarn sterben oder vertrieben werden. Wenn die Kirchen brennen und die Wohnungen zu Schutt w\u00fcrden. Also: Wenn meine Heimat w\u00fcrde wie ein zerst\u00f6rter Weinberg \u2013 w\u00fcrde ich dann vielleicht so von Gott denken lernen? Wenn ich trotz allem festhalten wollte an meinem Glauben, dass Gott der Herr meines Geschicks ist \u2013 m\u00fcsste ich dann nicht darauf kommen, dass er mir z\u00fcrnt? Dass er vielleicht sogar aus entt\u00e4uschter Liebe mit mir bricht?<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong> So weit ist das ja vielleicht gar nicht von unserer Erfahrung entfernt. Wir m\u00fcssen nicht einmal bis Syrien gucken. Gibt es nicht um uns herum Familien, f\u00fcr die alles zusammenbricht? Durch Krankheit. Durch Tod. Durch Verarmung. Gerade in der Pandemie k\u00f6nnen solche Gedanken kommen. Was soll ich tun, wenn ich pl\u00f6tzlich das Gef\u00fchl bekomme: Gott ist zornig mit mir? Seine Liebe ist in Wut umgeschlagen. Seine F\u00fcrsorge in Feindschaft.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, darauf etwas zu sagen. Was g\u00e4be es Schlimmeres, als das Vertrauen zu verlieren zu dem, von dem ich total abh\u00e4ngig bin? Vielleicht gibt in dieser Situation das Weinberglied ja doch eine Hilfe. Eine Unterst\u00fctzung von Menschen, die \u00c4hnliches erfahren haben.<\/p>\n<p>Ich will f\u00fcr meinen Gott singen, ein Lied von meinem Gott und seinem Weinberg. Ich singe f\u00fcr meinen zornigen Gott. Ich diskutiere nicht mit ihm. Ich weise ihn nicht zurecht. Ich pr\u00fcfe nicht, ob sein Verhalten eigentlich angemessen ist. Ob es zu meinem Bild von Gott passt. Frage ihn nicht vorwurfsvoll, was aus seinem liebevollen Einsatz geworden ist. Wer w\u00e4re ich, dass ich all das k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Sondern ich singe f\u00fcr ihn. Das, was meinen Freund tr\u00f6stet, ist vielleicht auch bei Gott das Richtige. Wenn Gott wirklich z\u00fcrnen kann, dann wird er sich doch hoffentlich auch tr\u00f6sten lassen. Schlie\u00dflich vertraue ich darauf, dass seine Liebe immer gr\u00f6\u00dfer ist als sein Zorn.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnen ganz unterschiedliche Lieder sein, die ich singe. Verschiedene Texte mit einer hoffentlich passenden Melodie. Ich kann ein Klagelied singen, ein Lied der Trauer. Und Gott damit zeigen: Ich verstehe Deinen Zorn. Ich erkenne ihn an und gebe Dir recht. Bitte vergib mir meine Schuld.<\/p>\n<p>Ich kann ein Liebeslied singen, mit Herz und Schmerz: Gott, denke daran, wie Du mich erw\u00e4hlt hast. Ich setze auf Deine Treue. Durch Jesus hast Du mir doch sagen lassen, dass Deine Liebe und Treue unzerst\u00f6rbar sind. Vergiss das bitte nicht. Auch ich m\u00f6chte unsere Liebe bewahren und an ihr festhalten.<\/p>\n<p>Vielleicht ist ein nostalgischer Ton angebracht. Yesterday. Gestern schienen alle Probleme soweit weg zu sein. Jetzt h\u00e4ngt ein Schatten \u00fcber uns. Aber ich glaube an das, was gestern noch war. Weil Deine Versprechen g\u00fcltig bleiben.<\/p>\n<p>Auch einen Protestsong k\u00f6nnte ich singen. Gegen die M\u00e4chtigen dieser Welt. Ich k\u00f6nnte Zorn und Energie in das Lied legen. Mich auf Gottes Seite schlagen. Und zugleich zeigen: Ein zorniges Lied ist besser als zornige Taten der Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Vielleicht bin ich kein gro\u00dfer S\u00e4nger. Aber singen ist besser als zu hadern. Als Erkl\u00e4rungen zu konstruieren. Oder als Vorw\u00fcrfe und Rechthabereien auszutauschen. Wenn ich meinem zornigen Gott singe, kann alles noch gut werden. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p>Versmold<\/p>\n<p>sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p>Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich singe f\u00fcr meinen zornigen Gott | Predigt zu Jesaja 5,1-7 | Reminiszere 28.2.21 | verfasst von Sven Keppler | I. Mein Freund ist ein begeisterter Hobby-G\u00e4rtner. Zuletzt wollte er in seinem Garten Wein anbauen. Er wollte beweisen, dass auch in Westfalen pr\u00e4chtige Trauben wachsen k\u00f6nnen. Vielleicht nicht, um sie zu keltern. 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