{"id":4608,"date":"2021-03-08T20:28:38","date_gmt":"2021-03-08T19:28:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4608"},"modified":"2021-03-08T20:29:14","modified_gmt":"2021-03-08T19:29:14","slug":"wenn-der-tod-einen-sinn-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wenn-der-tod-einen-sinn-hat\/","title":{"rendered":"Wenn der Tod einen Sinn hat"},"content":{"rendered":"<h3>Laetare am 14. M\u00e4rz 2021 | Johannes 12, 20 \u2013 24 | von Reiner Kalmbach |<\/h3>\n<p>Die Gnade Gottes, unseres Vaters, die Liebe Jesu, unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Europa der Schnee schmilzt und die Natur aus ihrem Winterschlaf erwacht, \u201eder Bauer sein R\u00f6sslein einspannt\u201c und die dampfende Erde sich \u00f6ffnet, um das Samenkorn zu empfangen, bereitet sich die S\u00fcdhalbkugel auf den Winter vor. Dort die l\u00e4nger werdenden Tage und die besserwerde Laune, nach so viel Grau, N\u00e4sse und K\u00e4lte, und hier bei uns in Patagonien schon kalte N\u00e4chte und das Laub, das uns in allen Farben das Herz erfreut. Aber eben: es wird Winter, Zeit sich darauf vorzubereiten.<\/p>\n<p>Es ist die Zeit des \u00dcbergangs, etwas vergeht, stirbt, damit Neues entstehen kann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Norden Ostern das Ziel ist, scheint der S\u00fcden nur bis Karfreitag zu kommen. Aber das stimmt nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p>In der Stadt San Carlos de Bariloche gibt es eine wundersch\u00f6ne Tradition: am Ostermorgen, wenn die Sonne \u00fcber den Bergen hervorblinzelt und sich im riesengrossen Nahuel Huapisee spiegelt, feiern wir am Seeufer einen \u00f6kumenischen Ostergottesdienst. Manchmal pfeift uns ein eiskalter Wind um die Nasen, aber es ist immer ein unglaublich sch\u00f6nes Erlebnis: zu solch fr\u00fcher Stunde (in der Regel zwischen sieben und acht Uhr) kommen viele Familien mit ihren Kindern. Ich muss zugeben, dass ich mich jetzt schon auf diesen Gottesdienst freue. Aber noch ist es nicht soweit\u2026<\/p>\n<p>Passionszeit, Zeit des \u00dcbergangs, unvermeidlich!<\/p>\n<p>Das heutige Predigtwort l\u00e4dt uns ein, einen Halt zu machen. R\u00fcckschau zu halten, bevor wir nach vorne blicken. Wo kommen wir her und wohin f\u00fchrt der Weg\u2026 Das hat sicherlich auch Jesus getan: Was liegt hinter mir? Was muss ich jetzt zur\u00fccklassen? Kann ich das, was vor mir liegt, auf mich zukommt, annehmen? Bin ich dazu bereit?<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir aus dem Evangelium des Johannes, dem 12. Kapitel, die Verse 20 bis 24<\/p>\n<p><em>Textlesung<\/em><\/p>\n<p>Das \u201eVolk\u201c, zumindest viele aus dem Volk, hatten Jesus einen grossartigen Empfang in Jerusalem bereitet. Das war Symbolik hoch drei! Wie einst der junge K\u00f6nig David, so jetzt Jesus: auf dem R\u00fccken eines Esels, der Einzug in <em>die<\/em> Hauptstadt Israels. Jerusalem: Gibt es eine andere Stadt die noch symboltr\u00e4chtiger ist? Wohl kaum. Nicht einmal Rom kann sich mit der Geschichte und der Bedeutung Jerusalems messen.<\/p>\n<p>Nun ist er hier, der Nazarener. F\u00fcr viele der Messias, endlich!, f\u00fcr andere, besonders f\u00fcr die herrschende Schicht des Klerus in Jerusalem, ein Aufwiegler. Ja, Jesus ist angekommen, das Ziel ist nahe. Ganz langsam nimmt er diese Tatsache in sein Bewusstsein auf. Er sucht nach einer Antwort auf das \u201eWarum\u201c seines Todes\u2026 und weiss doch, es gibt kein Zur\u00fcck mehr, keine Umkehr. Das Unausweichliche ist jetzt ganz nahe.<\/p>\n<p>Es ist fast so, als ob als n\u00e4chstes Karfreitag k\u00e4me. Aber noch ist es nicht soweit.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Wir stehen sozusagen auf der Schwelle: hinter uns liegt\u2026, vor uns&#8230; Bald werden wir das Alte hinter uns lassen, endg\u00fcltig! Bald werden wir etwas ganz Anderes, etwas ganz Neues erleben. Aber: es fehlt noch ein letzter Schritt, ohne diesen Schritt kann es das Neue nicht geben.<\/p>\n<p>Jesus steht auf dieser Schwelle, schaut noch einmal zur\u00fcck und hat Angst diesen letzten Schritt zu tun. So stelle ich es mir jedenfalls vor.<\/p>\n<p>Wir alle wissen, dass auf Jesus das Kreuz wartet, wir alle haben auch unsere Vorstellungen von diesem grausamen Ende eines Menschen, der doch nur Liebe und Frieden um sich ausgebreitet hat. Noch ein Sieg der menschlichen und irdischen \u201eGerechtigkeit\u201c (und was manche sich darunter vorstellen) \u00fcber die W\u00fcrde des Lebens. Denn: Jesus wird ja nicht einfach ermordet, es gibt ein ordentliches Verfahren, dessen Ausgang jedoch schon vor seinem Beginn feststeht. Es wird \u201eRecht\u201c gesprochen.<\/p>\n<p>Aber Johannes erw\u00e4hnt das Wort \u201eKreuz\u201c gar nicht, er denkt hier viel weiter, er hat das Kreuz schon hinter sich gelassen, er ist schon am Ziel angekommen, am wirklichen Ziel.<\/p>\n<p>F\u00fcr Johannes geht es um \u201eVerherrlichung\u201c. Das Kreuz wird nicht als Erniedrigung und Dem\u00fctigung verstanden, sondern als \u201eErh\u00f6hung\u201c. Gott ist also gerade im Tod pr\u00e4sent und verwandelt ihn. Die W\u00fcrde Jesu wird durch und in seinem Tod nicht preisgegeben, sondern sie offenbart sich gerade hier. Aber das kann die Welt nicht verstehen! Die Welt hat ja das Kreuz erfunden, es aufgerichtet, damit sie das Leben besiegt. <em>Dieser<\/em> Mensch darf nicht mehr leben! Der Mensch, Herr \u00fcber Leben und Tod! So jedenfalls denken und handeln jene, die sich als die Herren dieser Welt verstehen.<\/p>\n<p><strong>Dunkelheit<\/strong><\/p>\n<p>Das Bildwort vom Weizenkorn: nur wenn es in die Erde f\u00e4llt und stirbt, bringt es Frucht, d.h. Leben. Wenn es aber nicht in die Erde f\u00e4llt, bleibt es allein. Dem Nichtsterben entspricht das Alleinsein, dem Sterben das Fruchtbringen und die Vermehrung.<\/p>\n<p>Wir verbinden mit dem Weizenkorn zuerst einmal Jesu Leiden und Sterben: Jesus blieb nicht \u201eallein\u201c, sondern ging in den Tod, um Frucht zu bringen. Wer ist mit der Frucht gemeint? Die Gemeinde! In Jesu Tod erkennt die Gemeinde Gottes hingebende Liebe, von der sie lebt und auf die sie sich verl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Aber, der Vergleich mit dem Weizenkorn hinkt. Das Weizenkorn \u201estirbt\u201c nicht, in ihm lebt bereits der Keim f\u00fcr neues Leben. Und was ihn umschliesst, dient ihm als Nahrung. In der Natur geht es also um Kontinuit\u00e4t. Aber das Weizenkorn in der Erde ver\u00e4ndert seine Form. Vielleicht k\u00f6nnten wir das Wort Jesu so verstehen: die jetzige Existenzform Jesu und damit auch seine \u201eSache\u201c muss aufgegeben werden, damit die Keimkraft sich entfalten kann. Denn bis jetzt spielt sich das Leben und Handeln Jesu als etwas vollkommen Irdisches ab und ist somit verg\u00e4nglich, wie alles Geschaffene. Ein Mann sammelt Anh\u00e4nger um sich und gewinnt sie f\u00fcr eine neue Art zu leben. Das ist nichts Neues und auch nichts Besonderes. Zu allen Zeiten gab es M\u00e4nner und Frauen die \u201eaus der Reihe\u201c tanzten und etwas ganz Neues wagten. Johannes der T\u00e4ufer hatte ebenfalls J\u00fcnger um sich geschart und hatte, was die Messiasfrage anbelangt, durchaus seine Zweifel. Er m\u00f6chte selbst gerne wissen, ob Jesus nun der Messias ist, oder ob er (und die Juden) auf einen anderen warten sollen.<\/p>\n<p>Auch l\u00e4uft das, was Jesus zu seinen Lebzeiten getan hat, nach Ostern und bis heute weiter: Einer gibt es jeweils dem anderen weiter. Das ist die zentrale Aufgabe der Kirche, das ist die Aufgabe der Eltern, Paten und Grosseltern. Was hat sich dann nach Karfreitag ge\u00e4ndert? In diesem Weitergeben ist der erh\u00f6hte Herr selbst gegenw\u00e4rtig und wirksam. Die Boten Jesu brechen auf, um alle V\u00f6lker zu J\u00fcngern zu machen. Und sie tun dies in dem Wissen, dass es die Kraft Gottes ist, die einen ganz normalen Menschen zu einem J\u00fcnger macht. Der Ruf \u201efolge mir nach!\u201c ist wie der Wind den man h\u00f6rt, aber nicht sieht, und doch sp\u00fcrt man seine Kraft.<\/p>\n<p>Jesus wird verherrlicht, er kehrt in den \u201eRaum\u201c Gottes zur\u00fcck, aus dem er gekommen ist, ihm wird der Name \u00fcber alle Namen gegeben, wie es einst Jesaia, 700 Jahre vor Christi Geburt, verk\u00fcndet hat. Ist seine Wirksamkeit jetzt an Raum und Zeit gebunden, wird sie hernach uneingeschr\u00e4nkt sein. Wohin immer die Boten kommen werden, um Menschen zu ihm einzuladen, wird er gegenw\u00e4rtig sein. Wo immer sich zwei oder drei in seinem Namen versammeln, da wird er mitten unter ihnen sein. An unz\u00e4hligen Alt\u00e4ren zugleich wird man ihn empfangen k\u00f6nnen. Das Weizenkorn wird sich vervielf\u00e4ltigt haben, die Wirksamkeit Jesu wird weltweit geworden sein. Nur deshalb kann ich in Patagonien, umringt von hohen Bergen, diese Predigt schreiben. Eben weil seine Botschaft bis hierher gekommen ist und mit dieser Botschaft der Auferstandene selbst. Und meine Wenigkeit? Ich w\u00e4re ohne das Evangelium sicherlich in meinem geliebten Schwabenland geblieben\u2026<\/p>\n<p>Das ist aber nur m\u00f6glich, weil das Weizenkorn in die Erde gefallen ist. Jesus stirbt, schlimmer noch: er wird hingerichtet! Alles was er zu seinen Lebzeiten gewollt, getan, gesagt hat, wird zerst\u00f6rt, es wird buchst\u00e4blich ausgel\u00f6scht. Es ist der Sieg des Irdischen \u00fcber Gott selbst. Und in Jerusalem steht der Schampus bereits im K\u00fchlschrank. Dieser Sieg muss gefeiert werden!<\/p>\n<p>Jesus und sein Werk sind gescheitert. Er muss in die tiefste Anfechtung, er hat Todesangst, denn er wird nicht nur von den Menschen, sondern auch von Gott verlassen.<\/p>\n<p>Mein Grossvater hat mir erkl\u00e4rt: \u201edas Gesch\u00f6pf (der Mensch) hat seinen eigenen Sch\u00f6pfer hingerichtet, f\u00fcr eine kurze Zeit war die Welt und ihre Geschichte ohne Gott\u2026, f\u00fchrungslos.\u201c<\/p>\n<p>Auf dieses Ende geht Jesus zu. Wenn er aber weiss, oder ahnt, dass dies der einzige Weg ist, um verherrlicht zu werden, muss er dann Angst haben? Das haben mich schon viele Menschen gefragt. Er weiss doch, dass \u201edanach\u201c das Leben auf ihn wartet. Und wir, wissen wir es nicht auch? Wir glauben doch auch an die Auferstehung, trotzdem haben wir Angst vor diesem letzten Schritt.<\/p>\n<p>Jesus ist hin- und hergerissen. Er f\u00fchlt, denkt und leidet wie ein ganz normaler Mensch. Aber am Ende steht \u00fcber allem sein Gehorsam: \u201eVater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.\u201c<\/p>\n<p><strong>Gehorsam<\/strong><\/p>\n<p>Das Gesetz des Weizenkorns gilt f\u00fcr jeden Christen. Nicht, dass jeder Christ ein Christus sei. Aber der Weg, den Jesus gegangen ist, wird bestimmend auch f\u00fcr den Weg der J\u00fcnger. Jesu Passion wirkt in ihr Leben hinein. Es ist wahr, dass Jesus in seinem Sterben auf sich nimmt, was wir nun, weil er es getan hat, nicht mehr zu tragen haben, er also stellvertretend f\u00fcr uns k\u00e4mpft und stirbt. Man kann Jesu Tod am Kreuz nicht im Nachfolgegedanken aufgehen lassen. Aber wir schauen auch nicht aus der Ferne mit verschr\u00e4nkten Armen zu, wie Jesus stirbt.<\/p>\n<p>Andererseits, in den Abschiedsreden bereitet Jesus seine J\u00fcnger auf diese Nachfolge vor und auf das, was auf sie in einer Welt voller Hass und Gewalt erwartet. Sie sollen sich nicht dar\u00fcber wundern. Deshalb wissen wir, dass das Christsein unter Umst\u00e4nden auch etwas kostet. Die meisten Christen sind sicherlich keine angehenden M\u00e4rtyrer. Aber es hat auch in unserer Zeit immer wieder M\u00e4rtyrer gegeben. Das Sterben Dietrich Bonhoeffers geschah in einer gehorsamen Gefasstheit und in der Gewissheit der Hoffnung, die dem anwesenden Arzt unvergesslich geblieben ist.<\/p>\n<p>Es ist Gottes Sache, f\u00fcr den einzelnen Christen zu bestimmen in welcher Art das Gesetz des Weizenkorns sich auch in seinem Leben offenbaren wird.<\/p>\n<p>Jesu Wort will uns jedenfalls daf\u00fcr willig und bereit machen. Luther betet: \u201eDu erh\u00f6hst uns, wenn du uns erniedrigst; du f\u00fchrst uns gen Himmel, wenn du uns in die H\u00f6lle st\u00f6ssest, du gibst uns Sieg, wenn du uns unterliegen l\u00e4ssest, du machst uns lebendig, wenn du uns t\u00f6ten l\u00e4ssest.\u201c<\/p>\n<p>Um keine Missverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen: Christsein heisst nicht sich auf ein hartes, entbehrungsreiches Leben einzulassen, sondern es geht um die wahre Freiheit (eines Christenmenschen, wie Luther es formulieren w\u00fcrde).<\/p>\n<p>Einfach einmal \u201enein\u201c sagen, nicht mit dem Strom schwimmen, wie die Masse, unbequem sein, seine Stimme erheben, wenn andere schweigen, genau hinsehen, wenn andere wegschauen\u2026, dazu geh\u00f6rt auch heute noch Mut, \u201eZivilcourage\u201c. Wenn mein christlicher Glaube f\u00fcr mich eine Existenzfrage ist, dann l\u00e4sst mir mein Gewissen unter Umst\u00e4nden keine andere Alternative, als eben gegen diesen Strom anzuschwimmen. Das k\u00f6nnte auch in die Einsamkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Aber auch: ein erf\u00fclltes, ein wahres Leben kann gerade in der Nachfolge des Gekreuzigten erfahren werden. Wir d\u00fcrfen erfahren, dass Christus Leben gibt, wo wir bef\u00fcrchtet hatten, es zu verlieren. Man wird reicher, fr\u00f6hlicher, gl\u00fccklicher, ges\u00fcnder und auf jeden Fall freier, wo man sich nicht selber sucht und meint, sondern Jesus \u201edienen\u201c will und den Menschen, zu denen man von Jesus gesandt wird. Man findet das Leben, wenn man es in der Nachfolge Christ drangibt.<\/p>\n<p>Das Weizenkorn verkommt, aber es entsteht sozusagen und immer wieder eine neue Generation von Weizen.<\/p>\n<p>Ich bin froh und dankbar eines dieser K\u00f6rner zu sein. Meine Zukunft ist gesichert!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Reiner Kalmbach, Pfarrer<\/p>\n<p>Evang. Kirche am R\u00edo de la Plata<\/p>\n<p>und<\/p>\n<p>Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche<\/p>\n<p>San Martin de los Andes \/ San Carlos de Bariloche &#8211; Argentinien<\/p>\n<p>Mail: reiner.kalmbach@gmail.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laetare am 14. M\u00e4rz 2021 | Johannes 12, 20 \u2013 24 | von Reiner Kalmbach | Die Gnade Gottes, unseres Vaters, die Liebe Jesu, unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen. Liebe Gemeinde! 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