{"id":4616,"date":"2021-03-07T21:11:46","date_gmt":"2021-03-07T20:11:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4616"},"modified":"2021-03-08T21:14:46","modified_gmt":"2021-03-08T20:14:46","slug":"die-herrlichkeit-jesu-ist-die-lieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-herrlichkeit-jesu-ist-die-lieb\/","title":{"rendered":"Die Herrlichkeit Jesu ist die Liebe"},"content":{"rendered":"<h3>L\u00e4tare 2021 | Johannes 6,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Jens Torkild Bak |<\/h3>\n<p>Der Evangelist Johannes ist nicht der einzige, der von einem Speisungswunder erz\u00e4hlt. Das kennen wir auch aus den anderen Evangelien. Aber das Besondere bei Johannes ist die Art und Weise, in der er sowohl das Wunder der Speisung als auch die anderen Wunder inszeniert, von denen er berichtet. Er nennt sie \u201eZeichen\u201c, wie wir dies zwei Mal im heutigen Text h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mit diesem Begriff stellt er die Wunderberichte in einen bestimmten Zusammenhang der Auslegung, womit der seine Leser und Zuh\u00f6rer zum rechten Verst\u00e4ndnis dieser Erz\u00e4hlungen verhelfen will, vor allem aber will er damit verhindern, dass das Verst\u00e4ndnis dieser Berichte au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Letzteres wird an dem deutlich, was heute als Folge des Speisungswunders zu geschehen beginnt, das die Leute mit einer solchen Begeisterung erf\u00fcllt, dass sie ihn allein aus diesem Grunde zu ihrem F\u00fchrer und K\u00f6nig machen wollen. Durchaus verst\u00e4ndlich, aber er will kein K\u00f6nig sein durch Brot und Zirkus und fl\u00fcchtet in die Berge. Er weder will noch kann diese Erwartungen erf\u00fcllen. Er will etwas anderes.<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir, vier Kapitel zur\u00fcckzuspringen im Johannesevangelium, n\u00e4her bestimmt zur Erz\u00e4hlung von der Hochzeit zu Kana, die in Bezug auf die Wunderberichte eine besondere Rolle spielt, nicht nur weil es die erste Wundergeschichte ist, sondern weil sie eine Art Sch\u00fcssel f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der folgenden Geschichten ist.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung von der Hochzeit zu Kana erfordert an sich kaum viel Ged\u00e4chtnishilfen. Zumindest erinnert man sich an die ber\u00fchmten Worte: <em>Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren. <\/em>Worte, die uns heimsuchen, die wir nicht zu dem weinkundigen Teil der Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren, wenn wir G\u00e4ste einladen und einsehen, dass eine Flasche nicht reicht. Denn womit soll man beginnen, wenn man nun nicht zwei Faschen vom selben Wein hat \u2013 und keine Ahnung hat, was sich hinter den verschiedenen Etiketten verbirgt.<\/p>\n<p>Und doch handelt die wunderbare Erz\u00e4hlung von der Hochzeit zu Kana in Wirklichkeit weder um ein Gastmahl noch eine Verwandlung von Wasser in Wein. So wie das Speisungswunder nicht davon handelt, wie f\u00fcnf Gerstenbrote und zwei Fische soweit gestreckt werden k\u00f6nnen, dass sie eine Volksschar von f\u00fcnftausend Leuten s\u00e4ttigen &#8211; und sogar reichlich mehr als s\u00e4ttigen k\u00f6nnen. Jedenfalls sollen wir uns nicht bei diesem mystischen Mirakel aufhalten, weder in dem einen noch in dem anderen Fall. Ganz offenbar nicht. Es geht um etwas anderes. Und wenn man diesem anderen auf die spur kommen will, ist es n\u00fctzlich, auf die Hochzeit zu Kana zur\u00fcckzublicken, weil hier das Wort \u201eZeichen\u201c eine ganz andere und entscheidende Bedeutung mit auf den Weg bekommt, n\u00e4mlich das Wort \u201eHerrlichkeit\u201c. Die Erz\u00e4hlung schlie\u00dft n\u00e4mlich mit diesen Worten: <em>Das ist das erste Zeichen, <\/em>d.h. das Wunder der Verwandlung<em>, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galil\u00e4a, und er offenbarte seine Herrlichkeit.<\/em><\/p>\n<p>Dass Jesus Wasser in Wein verwandelt ist also nur ein \u2013 \u201eZeichen\u201c. Wenn man deshalb damit anfangen will, n\u00e4her nach dem Wunder selbst zu fragen, hat man die Sache missverstanden. Interessant ist nur, was das \u201eZeichen\u201c bedeutet: <em>Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galil\u00e4a, und er offenbarte seine Herrlichkeit.<\/em> Eine etwas komplizierte Formulierung des Evangelisten, aber er Sinn ist ja deutlich: Der Zweck dieses Zeichens und der anderen Zeichen, die ihm folgten, hierunter auch das Speisungswunder, ist ausschlie\u00dflich der, uns die \u201eHerrlichkeit\u201c Jesu zu zeigen. Und wir werden gleich darauf zur\u00fcckkommen, was das bedeutet.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst jedoch einige Worte zum Begriff Zeichen. Wenn jemand einem ein Zeichen gibt, ist es entscheidend, dass man das Zeichen versteht. Bedeutet es, dass man aufh\u00f6ren soll, weitermachen oder sein Verhalten \u00e4ndern soll bei dem, was man gerade tut? Bedeutet es, dass man sich in einer bestimmten Situation sofort eingreifen soll, oder dass man sich vielmehr zur\u00fcckhalten soll? Bedeutet es Missbilligung oder Aufmunterung, Kritik oder Anerkennung? Gab Trump seinen Anh\u00e4ngern an jenem ber\u00fcchtigten Tage vor dem Marsch auf das Kapitol und dem Sturm auf das Kongressgeb\u00e4ude ein Zeichen, und was bedeutete dann in diesem Fall das Zeichen?<\/p>\n<p>Gab die d\u00e4nische Ministerin Inger St\u00f8jbjerg ihren Beamten ein Zeichen, ehe sie das taten, was sie getan haben, n\u00e4mlich das Gesetz zu brechen? Zeichen k\u00f6nnen entscheiden zwischen Krieg und Frieden.<\/p>\n<p>Auch im Alltag k\u00f6nnen Zeichen entscheidend sein. Wenn die Hausfrau ohne ein Wort einem den W\u00e4schekorb vor die Augen stellt, wei\u00df man ja, was das bedeutet. Andere Situationen sind schwerer zu deuten. Was im Umgang zwischen Menschen das gr\u00f6\u00dfte Problem ist, die einander kulturell fremd sind, ist dies, dass man unmittelbar nicht mit den Zeichen und Codes der anderen vertraut ist und eben deshalb eben oft einander in der Situation v\u00f6llig missversteht. In ihrer Rede zum Abschluss eine Liturgiekonferenz vor einigen Wochen in Odense erz\u00e4hlte die Bisch\u00f6fin Tine Lindhardt, wie sie mit ihrem Hintergrund in einem kirchenfremden Milieu sich v\u00f6llig fehl am Platz f\u00fchlte, als sie zum ersten Mal mit dem Gottesdienst der Volkskirche Bekanntschaft machte, ohne unmittelbar imstande zu sein, seine Zeichen zu deuten. Das sollten alle wir kirchlich erzogenen Leute nicht vergessen. Wie geht es jemandem, der die Zeichen nicht kennt und sich deshalb fremd f\u00fchlt?<\/p>\n<p>Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana begann, wie man sich erinnern wird, mit einem eigenartigen Wortwechsel zwischen Jesus und Maria, seiner Mutter. Sie haben keinen Wein mehr, sagte sie zu ihm \u2013 und forderte ihn auf, den Wirtsleuten aus dieser peinlichen Situation herauszuhelfen, dass sie nicht genug Wein eingekauft hatten. Das tat er bekanntlich auch; ohne zu z\u00f6gern, befahl er den Dienern, was zu tun sei. Aber seiner Mutter Maria gab er nichtsdestoweniger eine merkw\u00fcrdige abweisende Antwort. Er sagte: <em>Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen<\/em>. Er tat das, worum sie ihn gebeten hatte \u2013 erz\u00e4hlte ihr aber gleichzeitig, dass er nicht f\u00fcr so etwas gekommen sei. F\u00fcr das, wof\u00fcr er gekommen ist, ist die Zeit noch nicht gekommen. Und der Evangelist erg\u00e4nzt das mit der Auskunft, die wir nun alle kennen, dass das Wunder der Verwandlung nur ein Zeichen ist, der Beginn einer langen Reihe von \u201eZeichen\u201c, die auf die \u201eHerrlichkeit\u201c Jesu hinweisen. Und damit sind wir wieder bei diesem Schl\u00fcsselbegriff der \u201eHerrlichkeit\u201c. Ein Wort, das eine besondere, wenn man so sagen kann, besonders tiefe Bedeutung hat im Johannesevangelium. Nicht zuletzt hier in der Fastenzeit, wo wir auf Ostern zugehen.<\/p>\n<p>Denn das, worauf alles im Johannesevangelium wartet und worauf es hinweist, ist der Tod Jesu am Kreuz. Erst der Tod Jesu am Kreuz offenbart seine wahre Identit\u00e4t, die in seiner unbedingten Liebe zum Menschen besteht, in seinem Willen, alles zu tun, was die Liebe gebietet. Die Offenbarung dieser Liebe nennt Johannes die \u201eHerrlichkeit\u201c Jesu. Die Liebe, die alles ertr\u00e4gt, \u00fcberwindet und vollbringt. Die Liebe, die unser t\u00e4gliches Brot ist und ohne die unser Leben eine W\u00fcste w\u00e4re. Ein Leben ohne Liebe ist ein Leben, wo man menschlich aushungert.<\/p>\n<p>Jesus macht mit anderen Worten einen Unterschied in der Welt &#8211; nicht weil er Essen verteilt (denn Essen allein kann ohne Trost und Ermunterung sein, ganz gleich wie reichlich es ist), sondern weil die Liebe einen Unterschied macht. Ja, das ist insofern die unsichtbare \u00dcberschrift \u00fcber jede Episode in allen Evangelien, besonders aber im Johannesevangelium: Die Liebe macht den Unterschied.<\/p>\n<p>Deshalb ist der Evangelist ganz besonders darum bem\u00fcht, uns zu erz\u00e4hlen, dass das mirakul\u00f6se Verwandlungswunder nur ein Zeichen ist, das nichts ist in sich selbst, bzw. in sich selbst gleichg\u00fcltig und Vergangenheit ist. &nbsp;Nur wenn wir durch dieses Zeichen auf den Unterschied aufmerksam werden, den Jesus im Leben der Menschen ausmacht, in dem er sich in den Dienst der Liebe stellt, haben wir die Botschaft verstanden. Und wir werden selbst Teil der Geschichte. Also wenn wir h\u00f6ren, dass die Liebe einen Unterschied macht \u2013 und wenn wir beginnen, \u00fcber den Unterschied nachzudenken, den wir selbst im Leben machen. F\u00fcr Freunde und Feinde. F\u00fcr die Gegenwart und die Zukunft.<\/p>\n<p>Das kann nat\u00fcrlich der Anfang einer endlosen Selbstpr\u00fcfung sein. Aber ich denke dennoch, dass die Erz\u00e4hlung, statt vor allem zur weiteren Selbstpr\u00fcfung aufzurufen, eine mehr aufmunternde und erbauliche Herausforderung darstellt. N\u00e4mlich eine Herausforderung, nicht nur das, was wir sehen und erleben (und was uns oft zum Halse heraush\u00e4ngt), w\u00f6rtlich zu verstehen, sondern das Zeichen darin zu sehen. Mit anderen Worten und ganz konkret: Hinter dem, was wir sehen, erleben und worin wir stehen, immer die Hoffnung sehen. Die Hoffnung, die davon lebt, dass die Liebe alles glaubt, hofft und \u00fcberwindet. Wenn wir in der Welt existieren sollen, ohne von der Welt erdr\u00fcckt zu werden, m\u00fcssen wir mehr sehen, als wir sehen. Nicht nur das Brot, sondern die Menschen sehen, mit denen zusammen man es essen kann. \u00dcberall geht es darum, die Liebe mitlesen zu lassen und die Zeichen zu verstehen. Einen sch\u00f6nen Sonntag. Amen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4tare 2021 | Johannes 6,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Jens Torkild Bak | Der Evangelist Johannes ist nicht der einzige, der von einem Speisungswunder erz\u00e4hlt. Das kennen wir auch aus den anderen Evangelien. 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