{"id":4628,"date":"2021-03-08T19:48:24","date_gmt":"2021-03-08T18:48:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4628"},"modified":"2021-03-10T12:52:31","modified_gmt":"2021-03-10T11:52:31","slug":"komm-sag-es-allen-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/komm-sag-es-allen-weiter\/","title":{"rendered":"Komm, sag es allen weiter"},"content":{"rendered":"<h3>L\u00e4tare 14.3.2021 | Joh 12,20-26 | von Suse G\u00fcnther |<\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN<\/p>\n<p>Joh 12,20-26<\/p>\n<p><em>Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galil\u00e4a war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus sehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Philippus und Andreas sagen es Jesus weiter.<\/em><\/p>\n<p><em>Jesus antwort ihnen und spricht: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde f\u00e4llt und stirbt, so bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, dann bringt es viel Frucht.<\/em><\/p>\n<p><em>Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren. Wer sein Leben auf dieser Welt losl\u00e4sst, der wird es erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folgen mir nach und wo ich bin, da wird mein Diener auch sein.<\/em><\/p>\n<p>Gott, gib uns ein Herz f\u00fcr Dein Wort und nun ein Wort f\u00fcr unser Herz. AMEN<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Entt\u00e4uschung steht ihnen ins Gesicht geschrieben, diesen zu sp\u00e4t gekommenen Griechen, die extra nach Jerusalem angereist sind, um das Passahfest dort zu verbringen. Und: Um Jesus zu sehen, von dem sie schon so viel geh\u00f6rt haben. Der Einzug in Jerusalem ist aber nun vorbei. Diese Griechen waren nicht bei denen, die am Stra\u00dfenrand standen, Palmwedel schwenkten und \u201eHosianna\u201c riefen. Das haben sie verpasst, auf der weiten Reise nach Jerusalem kann es schon einmal zu einigen Tagen Versp\u00e4tung kommen, den entscheidenden Tagen.<\/p>\n<p>\u201ewir wollten doch Jesus so gerne sehen\u201c \u2013 so sagen sie zu Philippus, diesem j\u00fcdischen J\u00fcnger mit griechischen Namen. \u201eWer diesen Namen tr\u00e4gt, der wird uns verstehen k\u00f6nnen\u201c \u2013 so m\u00f6gen sie sich vielleicht gesagt haben. Philippus seinerseits hat vielleicht solche Worte Jesu im Ohr wie \u201edie letzten werden die ersten sein\u201c. Jedenfalls beschlie\u00dft er, ein gutes Wort f\u00fcr die Griechen bei Jesus einzulegen, und nicht wie es sonst so oft geschieht, alle abzuwimmeln, um Jesus zu schonen. Er holt sich dazu Verst\u00e4rkung beim zweiten J\u00fcnger, der einen griechischen Namen tr\u00e4gt: Andreas.<\/p>\n<p>Gemeinsam tragen die beiden das Anliegen vor Jesus: \u201ediese Griechen wollen dich so gerne sehen\u201c<\/p>\n<p>Immer l\u00e4uft es so im Umfeld Jesu: Einer sagt es dem anderen weiter. Damals, am See Genezareth, als Jesus seine ersten J\u00fcnger um sich sammelte, war nach dem Bericht des Johannes Andreas der erste, der auf Jesus aufmerksam wurde. Andreas nahm seinen Bruder Simon \u2013 sp\u00e4ter Petrus \u2013 mit. Dann traf Jesus auf Philippus, der wiederum Nathanel mitbrachte. So l\u00e4uft das mit dem Glauben: Es sind andere, die uns auf den Weg bringen. Und wir nehmen andere mit. Weitersagen und weiterleben, h\u00f6ren und sehen.<\/p>\n<p>Philippus und Andreas setzen sich ein f\u00fcr die griechischen G\u00e4ste. Jesus aber reagiert mit r\u00e4tselhaften Worten. Verst\u00e4ndlich, dass wir Menschen etwas sehen wollen, um uns eine Vorstellung davon machen zu k\u00f6nnen, um daran glauben zu k\u00f6nnen. Verst\u00e4ndlich, dass die Menschen Jesus sehen wollen.<\/p>\n<p>Jesus aber wei\u00df, dass diese Zeit, wo man ihn wird sehen k\u00f6nnen, bald vorbei sein wird. Er setzt daher auf das, was bleibt, auf seine Botschaft, auf das, was man h\u00f6ren kann. Der Blick in die Zukunft geschieht mit Worten:<\/p>\n<p>\u201eDie Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde\u201c, so k\u00fcndigt Jesus das an, was ihm bevorsteht. Und erst bei sehr genauem Hinh\u00f6ren, entdecken wir darin eine Herausforderung.<\/p>\n<p>Denn auf den ersten Blick, im Zusammenhang mit dem gerade erlebten triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem, kann man diese Botschaft vielleicht so verstehen: \u201eGerade ist Jesus gefeiert worden, jetzt kommt es noch herrlicher\u201c<\/p>\n<p>Jesus legt deshalb erkl\u00e4rend nach: \u201eWenn das Weizenkorn nicht in die Erde f\u00e4llt und stirbt, dann bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, dann bringt es viel Frucht\u201c.<\/p>\n<p>Jetzt wird deutlich: Hier ist vom Sterben die Rede. Wie so oft benutzt Jesus ein Bild aus der Natur, aus der Lebenswirklichkeit der Zuh\u00f6rer, ein Gleichnis, das jede nachvollziehen kann: Etwas muss zu Ende sein, damit etwas Neues wachsen kann. Wer oder was soll aber zu Ende sein, worauf bezieht sich Jesu Gleichnis?<\/p>\n<p>Deutlich wird das nur wenige Tage sp\u00e4ter, am Freitag derselben Woche. Da haben alle das Geh\u00f6rte noch im Ohr, dieses deutliche Beispiel. Und sie haben auch den Trost, der darin enthalten ist, noch in Erinnerung: \u201eWenn das Weizenkorn stirbt, dann bringt es viel Frucht\u201c.<\/p>\n<p>Wer die Botschaft Jesu h\u00f6ren kann, der bezieht daraus Trost f\u00fcr die Zukunft. Am Kreuz stehen und die Worte im Ohr haben \u201eDas Weizenkorn, das stirbt, wird viel Frucht bringen\u201c \u2013 das \u00f6ffnet den Blick daf\u00fcr, dass noch etwas kommen wird, obwohl in dieser Stunde alles zu Ende scheint.<\/p>\n<p>Ja, die Menschen wollen Jesus so gerne sehen. Aber die Zeit ist zu Ende, wo man Jesus sehen kann. Und trotzdem kann man Trost darin finden, seine Worte zu h\u00f6ren. Wir Menschen sprechen uns diesen Trost zu, einer sagt es dem anderen weiter, von der Zeit Jesu bis heute.<\/p>\n<p>Bis zum heutigen Tag h\u00f6ren wir sie und denken \u00fcber diese r\u00e4tselhaften Worte nach: \u201eWer sein Leben verliert, der wird es gewinnen\u201c \u2013 h\u00e4tte damals Jesus nur dem Wunsch der Griechen entsprochen, ihnen zu begegnen, der Moment w\u00e4re heute vielleicht l\u00e4ngst in Vergessenheit geraten. Aber seine fordernde Botschaft, die geben wir bis heute weiter.<\/p>\n<p>Wir sind wie die Griechen im Text: Wir h\u00e4tten Jesus so gerne gesehen. Ihn selbst erlebt. Daf\u00fcr sind wir zu sp\u00e4t gekommen. Und doch haben wir etwas, was uns Jesus nahe sein l\u00e4sst, seine Botschaft. Heute wie damals haben Christen es nicht leicht. Nach Jesu Tod wurden Christen verfolgt. Und doch haben seine Worte die Welt bewegt. Aus dem, was zu Ende schien, ist etwas ganz Neues gewachsen.<br \/>\nUnd heute?<\/p>\n<p>Wieder sind Christen Verfolgungen ausgesetzt weltweit.<\/p>\n<p>Oder in Europa gerade umgekehrt: Jesu Botschaft scheint in Vergessenheit geraten zu sein, keine Kraft mehr zu haben, von der sich Menschen ber\u00fchren lassen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>\u201eWer mir dienen will, der folge mir nach\u201c \u00a0&#8211; sagt Jesus. Viel verlangt, ich wei\u00df. Nachfolge bedeutet eben immer auch, die heimische Komfortzone verlassen m\u00fcssen. Und gerade im vergangenen Jahr, in der wir aus Vernuftsgr\u00fcnden so sehr auf die eigenen vier W\u00e4nde und die engsten Angeh\u00f6rigen beschr\u00e4nkt waren, musste ganz neu \u00fcberlegt werden, wie \u201eunterwegs sein im Namen Jesu\u201c \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein kann.<\/p>\n<p>Wir Christen kommen zurzeit vorsichtig und sp\u00e4rlich wieder zusammen. Wir wissen noch nicht, wie es weitergehen wird. Wie wir uns werden treffen k\u00f6nnen. Wird das vergangene Jahr f\u00fcr viele bedeuten, die Verbindung Kirche und Christentum endg\u00fcltig abgebrochen zu haben. Oder haben gerade umgekehrt sich manche darauf besonnen, was f\u00fcr sie im Leben wirklich z\u00e4hlt und sind dabei auf ihre christlichen Wurzeln gesto\u00dfen? Was bedeutet Dienst in diesen Zeiten? Aneinander denken, Briefe verschicken, telefonieren, aufeinander achten. Einander die gute Botschaft weitergeben, miteinander unterm Kreuz stehen, einander tr\u00f6sten und Trost finden in Jesu Worten.<\/p>\n<p>F\u00fcreinander einstehen. Die, die rechtzeitig gekommen sind und jubelnd in der Mitte der Ereignisse stehen f\u00fcr die, f\u00fcr die nur ein Platz am Rand \u00fcbrig war und f\u00fcr die, die gar nicht kommen konnten.<\/p>\n<p>\u201eWer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren. Wer sein Leben aber losl\u00e4sst, der wird es erhalten zum ewigen Leben.\u201c<\/p>\n<p>Der Evangelist Johannes benutzt f\u00fcr das, was wir mit \u201eLeben\u201c \u00fcbersetzen, das Wort \u201epsyche\u201c \u2013 wir kennen dieses Wort alle etwa aus Fachbegriffen, etwa \u201ePsychologie\u201c, die Lehre von der Seele. Psyche bedeutet auf Deutsch \u201eSeele\u201c.<\/p>\n<p>Ganz w\u00f6rtlich m\u00fcssten wir also so \u00fcbersetzen: \u201eWer seine Seele liebt, der wird sie verlieren. Wer sie aber losl\u00e4sst, der wird sie erhalten zum ewigen Leben.\u201c<\/p>\n<p>Damit wird deutlich, was Jesus gemeint hat: Wer verzichtet, wer von sich selbst absehen kann, wer nicht eigenes Seelenheil an allerh\u00f6chste Stelle setzt, der wird unsterblich sein.<\/p>\n<p>Damit will uns Jesus dazu ermuntern, uns nicht zu sehr an weltliche G\u00fcter zu binden, sondern das Bewusstsein daf\u00fcr zu bewahren, dass unser Leben Geschenk ist, dass wir selbst Gesch\u00f6pfe Gottes sind. Wir k\u00f6nnen weitergeben, was uns selbst zuteil wurde. In einer solchen Sichtweise sind alle Menschen Gottes Ebenbild. Nicht nur die Erfolgreichen, Gesunden und Sch\u00f6nen. F\u00fcr Gott h\u00e4ngt der Wert eines Menschen nicht davon ab, wie leistungsf\u00e4hig er ist und wie rechtzeitig er oder sie eingetroffen ist. Jeder Mensch, auch in seiner schwersten Stunde, vielleicht sogar gerade dann, ist Abbild Gottes. Das ist das eine.<\/p>\n<p>Das andere ist dies: Mit Gottes Hilfe brauche ich in schweren Zeiten nicht zu verzweifeln, denn, so sagt Jesus: \u201eWo mein Diener, meine Dienerin ist, da bin ich auch\u201c: ich bin bei denen, die sich nach ihren M\u00f6glichkeiten in meine Nachfolge begeben haben.<\/p>\n<p>Die Passionszeit, auch unsere ganz pers\u00f6nlichen Leidenszeiten, sind schwere Zeiten. Zeiten, die wir uns nicht selbst gew\u00e4hlt h\u00e4tten. Aber auch eine Zeit der Entwicklung, an deren Ende ganz neues Leben stehen kann.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir und uns allen diese Klarheit: In der Nachfolge Jesu leben k\u00f6nnen, mit allem, was das bedeutet. Denn wer so unterwegs ist, ist immer rechtzeitig, auch in den eigenen vier W\u00e4nden.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00e4tare 14.3.2021 | Joh 12,20-26 | von Suse G\u00fcnther | \u00a0Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN Joh 12,20-26 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 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