{"id":4691,"date":"2021-03-24T17:52:45","date_gmt":"2021-03-24T16:52:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4691"},"modified":"2021-03-24T17:54:53","modified_gmt":"2021-03-24T16:54:53","slug":"marathon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/marathon\/","title":{"rendered":"Marathon"},"content":{"rendered":"<h3>Goldene Konfirmation | Predigt zu Hebr 11,1\u20132(8\u201312.39\u201340); 12,1\u20133 | verfasst von Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Das ist kein Hundertmeterlauf, das ist ein Marathon.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Sie kennen das Zitat. Bundesrat Alain Berset hat das gesagt anl\u00e4sslich der Pressekonferenz zum Corona-Virus. Vor genau einem Jahr, am 25. M\u00e4rz 2020.<\/p>\n<p><em>Das ist kein Hundertmeterlauf, das ist ein Marathon.<\/em><\/p>\n<p>Heute wissen wir, dass er recht hatte. Und es ist noch nicht vorbei. Es braucht weiterhin Geduld und Ausdauer.<\/p>\n<p>Das ist das Thema des heutigen Predigtwortes aus dem Hebr\u00e4erbrief.<\/p>\n<p><em>Wir wollen mit Ausdauer laufen in dem Wettlauf, der noch vor uns liegt. <\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es im Hebr\u00e4erbrief nicht um Ermutigung und Ansporn im Aushalten und \u00dcberstehen der Pandemie und der Massnahmen zu ihrer Eind\u00e4mmung, die einiges von uns abverlangen, sondern in diesen Zeilen geht es um den Glauben.<\/p>\n<p>Die Adressaten des Schreibens sind m\u00fcde. Glaubensm\u00fcde. Ermattet. Es ist schwer durchzuhalten. Wo ist die Begeisterung? Wo ist der Schwung? Da ist Widerstand. Da ist Bel\u00e4cheln. Da ist Geringsch\u00e4tzung. Da ist Scheitern. Da ist Alltagstrott. Da ist Kampf.<\/p>\n<p>Liebe goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden. Sie kennen das. Lebenserfahren wie Sie sind. Da ist so viel Gl\u00fcck. Erf\u00fcllung. Sinn. Und da ist auch vieles, was man \u00fcberstehen, durchstehen und aushalten muss in f\u00fcnfzig Jahren.<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst einen durchhalten? Was l\u00e4sst einen den Marathon laufen? Das Leben lehrt eine gewisse Gelassenheit. Die Erfahrung, mehr \u00fcberstanden zu haben als gedacht.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick entstehen Einsichten. Andere Perspektiven.<\/p>\n<p>Es w\u00e4chst die Weisheit: nicht immer ist alles so ist wie es auf den ersten Blick scheint.<\/p>\n<p>Davon k\u00fcndet Matthias Claudius in seinem Lied \u00abDer Mond ist aufgegangen\u00bb:<\/p>\n<p><em>Seht ihr den Mond dort stehen<\/em><\/p>\n<p><em>Er ist nur halb zu sehen<\/em><\/p>\n<p><em>Und ist doch rund und sch\u00f6n<\/em><\/p>\n<p><em>So sind wohl manche Sachen<\/em><\/p>\n<p><em>Die wir getrost belachen<\/em><\/p>\n<p><em>Weil unsre Augen sie nicht sehn.<\/em><\/p>\n<p>Erinnern Sie sich an Ihren Konfirmandenunterricht, liebe Jubilarinnen und Jubilare? Was haben Sie gelernt damals? Wie hat Ihr Konfirmationspfarrer Paul Wiedmer versucht, bei Ihnen die Freude am Glauben zu wecken? Wie hat er geworben f\u00fcr diese Lebensperspektive, die wohl weniger ein F\u00fcrwahrhalten von Inhalten als eine Haltung ist. Zuversicht. Vertrauen.<\/p>\n<p>Und hat diese Haltung Sie begleitet in Ihrem Leben? War sie f\u00fcr Sie eine \u2013 neumodisch gesagt &#8211; Ressource?<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief definiert dies so: <em>Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.<\/em><\/p>\n<p>Mir kommt das ziemlich schwierig vor.<\/p>\n<p>Aber aus diesen Worten spricht ein eindringliches Werben. Sei nicht m\u00fcde! Werde nicht matt!<\/p>\n<p>Im Glauben kann ich Dinge und Zusammenh\u00e4nge erfassen, die sich meinem Auge verbergen und die meinen Verstand herausfordern. Ich nehme eine andere Perspektive ein.<\/p>\n<p>Mit dem Glauben ist es wie mit einem Lauf \u00fcber eine lange Distanz. Es braucht Ausdauer. Stehverm\u00f6gen. Und es gibt Durststrecken.<\/p>\n<p>Und darum f\u00fchrt unser Brief die Wolke der Zeugen ins Feld. Menschen, die entgegen allem Anschein aus Gottvertrauen gelebt und ihren Weg gegangen sind. Vorbilder.<\/p>\n<p>Alles, was Rang und Namen hat im ersten Teil der Bibel wird aufgez\u00e4hlt. Noah, Abraham, Josef, um nur einige herauszupicken, aber auch Sara, die in hohem Alter noch einen Sohn bekam oder Rahab, die den fremden Kundschaftern geholfen hat.<\/p>\n<p>Anhand von diesen Geschichten und Gestalten des Alten Testaments, legt der Hebr\u00e4erbrief dar, wozu der Glaube Menschen bef\u00e4higt hat. Es lag nicht etwa auf der Hand, was sie taten, es war nicht leicht oder im Trend oder leuchtete auch andern ein. Im Gegenteil.<\/p>\n<p>Oft brauchte es Mut und Durchhaltewillen, Ausdauer und Geduld.<\/p>\n<p>Und nach dieser seitenlangen Aufz\u00e4hlung und Beschreibung heisst es \u2013 und da muss ich schmunzeln &#8211; <em>Und was soll ich noch sagen? Mir fehlt die Zeit, auch noch von Gideon, Barak, Samson, Jephta, David und Samuel und von den Propheten zu erz\u00e4hlen. Aufgrund des Glaubens haben sie K\u00f6nigreiche bezwungen, Gerechtigkeit ge\u00fcbt, Verheissungen erlangt, L\u00f6wen den Rachen gestopft und gewaltiges Feuer gel\u00f6scht. Zweischneidigem Schwert sind sie entronnen, und wo sie schwach waren, haben sie Kraft empfangen.<\/em><\/p>\n<p>Auf sie sollen wir schauen, wenn wir m\u00fcde sind. Die Geduld verlieren. Aufgeben wollen.<\/p>\n<p>Aber was helfen uns diese frommen Geschichten?<\/p>\n<p>Verweilen wir kurz bei einem Beispiel, um der Argumentation des Hebr\u00e4erbriefs noch etwas mehr auf die Spur zu kommen. Bei Noah.<\/p>\n<p><em>Durch Glauben baute Noah, als er einen Hinweis bekam auf das, was noch nicht sichtbar war, voller Ehrfurcht vor Gott eine Arche.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.<\/em> Das ist nicht einfach. Man muss aushalten, dass einige den Kopf sch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Beim Berner Troubadour Mani Matter heisst das so:<\/p>\n<p>Mi begriift, dass d L\u00fct hei gseit, d\u00e4m Ma d\u00e4m spinnts.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lang ischs h\u00e4r da het mal eine \u00f6ppis afa boue<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><br \/>\n\u00f6ppis wie ne grosse Chaschte, d L\u00fct wo si cho gschoue<br \/>\nHei ne gfragt: was sel das g\u00e4h? Es Schiff het dise gseit.<br \/>\nAber s isch keis Meer gsi und kei See dert wiit und breit.<\/p>\n<p>Und me begrifft, dass d&#8217;L\u00fc\u00fct hei gseit: d\u00e4m Maa, d\u00e4m spinnts<\/p>\n<p>Und si hei d&#8217;Ch\u00f6pf ersch r\u00e4cht gsch\u00fcttlet, wo das Schiff du sp\u00e4ter<br \/>\nhet e L\u00e4ngi \u00fcbercho gha vo dr\u00fc\u00fchundert Meter<br \/>\nF\u00fcfzig Meter Breiti drissig H\u00f6chi und du noh<br \/>\nsitlich i dr Wand e grossi T\u00fc\u00fcre dri isch cho.<\/p>\n<p>Und me begrifft, dass d&#8217;L\u00fc\u00fct hei gseit: d\u00e4m Maa, d\u00e4m spinnts<\/p>\n<p>Und si hei ne gseh i ds Schiff n\u00e4h L\u00f6ie und Giraffe<br \/>\nNachtigalle, Zebra, Elefante, S\u00f6i und Affe,<br \/>\nSchlange, Ch\u00fce, Rhinozeros, Gaz\u00e4lle, Dromedar<br \/>\nK\u00e4nguru und Kolibri, vo allem g\u00e4ng es Paar.<\/p>\n<p>Und me begrifft, dass d&#8217;L\u00fc\u00fct hei gseit: d\u00e4m Maa, d\u00e4m spinnts<\/p>\n<p>Und wo d&#8217;Tier si drin gsi isch \u00e4r s\u00e4lber du mit sine<br \/>\nS\u00f6hn und sire Frou und sine Schwigert\u00f6chter ine.<br \/>\nD&#8217;L\u00fct hei sich versammlet und g&#8217;holleiet usse draa,<br \/>\nwo n&#8217;\u00e4r hinder sich die grossi T\u00fc\u00fcre zue het ta.<\/p>\n<p>Und me begrifft, dass d&#8217;L\u00fc\u00fct hei gseit: d\u00e4m Maa, d\u00e4m spinnts<\/p>\n<p>Aber gli het s afa r\u00e4gne wi no nie uf \u00c4rde<br \/>\nLangsam het me d&#8217;Fluet gseh stige und g\u00e4ng h\u00f6cher w\u00e4rde<br \/>\nMau no het dr Maa im Schiff gh\u00f6rt r\u00fcefe: l\u00f6ht \u00fcs drii.<\/p>\n<p>Aber gli druuf isch z\u00e4ntume Totestilli gsii.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leben gegen den Augenschein und deshalb \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Einer aus der Wolke der Zeugen als Glaubensvorbild.<\/p>\n<p>Aber nicht nur diese biblischen V\u00e4ter und M\u00fctter geh\u00f6ren zu der Wolke der Zeugen, es k\u00f6nnen auch Zeitgenossen sein.<\/p>\n<p>Bei mir ist es zum Beispiel meine Grossmutter, die mich mit ihrer G\u00fcte und mit ihrer bedingungslosen Zuwendung gelehrt hat, Zutrauen zu haben, Zuversicht, komme was wolle.<\/p>\n<p>Werden nicht auch Sie, liebe goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden, mit Ihrer Lebenserfahrung, mit Ihrer Weisheit zu Zeugen f\u00fcr Ihre Grosskinder oder Nachbarn oder Freunde? Werden wir nicht immer wieder einander zu Zeugen, indem wir geduldig tragen, was uns aufgeladen ist. Indem wir heiter und gelassen, beharrlich und unbeirrt unseren Weg gehen.<\/p>\n<p>Kurt Marti verdichtet das so:<\/p>\n<p>Glauben?<\/p>\n<p>Hie und da<\/p>\n<p>Doch ohne den Glauben anderer<\/p>\n<p>Nicht einmal hie und da<\/p>\n<p>Ich bin, was ich bin durch andere;<\/p>\n<p>Ich glaube, was ich glaube, dank anderen.<\/p>\n<p>Und so, mit jedem Atemzug:<\/p>\n<p>Leben aus geselliger Gnade<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, da ist im Brief dieser Hinweis auf die Wolke der Zeugen und da ist noch ein weiterer:<\/p>\n<p><em>Wir wollen mit Ausdauer laufen in dem Wettlauf, der noch vor uns liegt, und hinschauen auf den, der unserem Glauben vorangeht und ihn vollendet, auf Jesus.<\/em><\/p>\n<p>Heute am Palmsonntag schauen wir auf Jesus, der triumphal einzieht in die Hauptstadt. Der ein paar Tage sp\u00e4ter verlassen, verraten, gefoltert und gedem\u00fctigt den Kreuzestod stirbt und noch in seinen letzten Z\u00fcgen Glauben wagt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?<\/p>\n<p>Sich an Gott zu wenden in der \u00e4ussersten Gottverlassenheit, das ist doch so etwas, wie <em>eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.<\/em><\/p>\n<p><em>Nein, kein Hundertmeterlauf, ein Marathon.<\/em><\/p>\n<p>Und manchmal sind wir m\u00fcde. Ermattet. Es ist schwer durchzuhalten. Wo ist die Begeisterung? Wo ist der Schwung? Da ist Widerstand. Da ist Bel\u00e4cheln. Da ist Geringsch\u00e4tzung. Da ist Scheitern. Da ist Alltagstrott. Da ist Kampf.<\/p>\n<p>Und da ist diese unglaubliche Ermutigung, Glauben zu wagen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verena Salvisberg ist Gemeindepfarrerin in Roggwil im Kanton Bern, vorher war sie in Laufenburg und Frick t\u00e4tig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Begreiflich, dass die Leute sagten: Dieser Mann spinnt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Strophen vorlesen oder das Lied abspielen: Dr Noah von Mani Matter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mqSLajf_yAc\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mqSLajf_yAc<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goldene Konfirmation | Predigt zu Hebr 11,1\u20132(8\u201312.39\u201340); 12,1\u20133 | verfasst von Verena Salvisberg | &nbsp; Das ist kein Hundertmeterlauf, das ist ein Marathon. Liebe Gemeinde, Sie kennen das Zitat. 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