{"id":4701,"date":"2021-03-24T20:55:55","date_gmt":"2021-03-24T19:55:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4701"},"modified":"2021-03-24T20:57:57","modified_gmt":"2021-03-24T19:57:57","slug":"jesus-reitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesus-reitet\/","title":{"rendered":"Jesus reitet&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Jesus reitet nach Jerusalem &#8211; und zu uns | <\/strong>Predigt zu Matth\u00e4us 21,1-9 | verfasst von Thomas Reinholdt Rasmussen |<\/h3>\n<p>Da liegt etwas Schweres und Unheilvolles \u00fcber dieser Geschichte von Palmarum.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren &nbsp;ja von dem jubelnden Einzug Jesu und die Hingabe der Scharen an Jesus, der in die Stadt reitet auf so etwas Dem\u00fctigem wie einem Esel. Sie jubeln ihm zu, und alles sollte also so sch\u00f6n sein.<\/p>\n<p>Aber da liegt etwas Schweres \u00fcber dem Ganzen. Ein Schatten liegt auf dem Einzug, denn wir wissen ja, was da kommt. Wir wissen ja, dass eben diese Scharen in wenigen Tagen fordern werden, dass er gekreuzigt und get\u00f6tet werden soll.<\/p>\n<p>Dieser Schatten liegt \u00fcber dem allen.<\/p>\n<p>Der Schatten, der davon erz\u00e4hlt, dass nicht alles gut und sch\u00f6n ist. Nicht alles ist Jubel und Freude. Nicht alles ist ein festlicher Empfang. Da ist eine Schlange im Paradies.<\/p>\n<p>An dem einen Tag wird Jesus auf einen Sockel erhoben, und am kommenden Tag wird er ans Kreuz geh\u00e4ngt. An dem einen Tag wird er vorbehaltlos gefeiert, und am n\u00e4chsten Tag wird er verh\u00f6hnt und verspottet.<\/p>\n<p>Und so wird der klassische S\u00fcndenbock geschaffen: Erst wird ein Mensch erh\u00f6ht, und dann wird er heruntergemacht. Wir kennen das aus der Sensationspresse, wo ein Mensch, vielleicht ein Musiker oder eine andere bekannte Person, erst gefeiert wird und dann \u2013 vielleicht wegen einer Verfehlung \u2013 gleichsam den L\u00f6wen zum Fra\u00df vorgeworfen und verh\u00f6hnt und verspottet wird.<\/p>\n<p>Diese Massenbewegungen, wo gro\u00dfe Menschenmengen entweder von hysterischer Wut ergriffen werden oder von hysterischem Jubel, kennen wir sehr wohl jedenfalls aus den letzten hundert Jahren der Weltgeschichte. Wir kennen diese gro\u00dfen Menschenmassen im Laufe der Geschichte, die schnell und irrational urteilen, und wir kennen sie in mehr friedlichen Formen bei Sportereignissen und Rockkonzerten.<\/p>\n<p>So beschreibt die Erz\u00e4hlung von Palmarum \u2013 im Lichte der kommenden Ereignisse von Ostern \u2013 diese Bewegung in der Menschenmasse, die in dem einen Augenblick jemandem zujubelt und ihn preist, und im n\u00e4chsten Augenblick den Betreffenden heruntermacht. Das ist merkw\u00fcrdigerweise eine uns sehr vertraute Bewegung.<\/p>\n<p>Und diese ganz normale menschliche Reaktion ist imponierend und deutlich von dem franz\u00f6sischen Denker Ren\u00e9 Girard beschrieben worden. Girard spricht von dem S\u00fcndenbock, und das tut er eben von der Erz\u00e4hlung \u00fcber Jesus her, der geopfert wird, um wieder Stabilit\u00e4t herzustellen.<\/p>\n<p>Jede Gesellschaft, sagt er, braucht S\u00fcndenb\u00f6cke. Wir kennen das aus unserer \u00f6ffentlichen Debatte, wo man oft nach einem S\u00fcndenbock sucht.<\/p>\n<p>Girards Pointe ist nun die: Damit der S\u00fcndenbock-Mechanismus funktioniert und die ganze Gesellschaft heilen kann, m\u00fcssen sich alle darin einig sein, dass der Schuldige schuldig ist. Nicht nur die Menge, die verurteilt, sondern alle, auch der, der verurteilt wird, sollen sich an und f\u00fcr sich schuldig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Pointe ist nun, dass der Schuldige im Christentum nicht schuldig ist. Hier wird der Unschuldige verurteilt. Jesus wird zum Tod am Kreuz verurteilt &#8211; trotz seiner Unschuld, und der Unschuldige tr\u00e4gt die Schuld der Welt.<\/p>\n<p>So hebt das Christentum den S\u00fcndenbock-Mechanismus auf, denn jetzt ist das letzte Opfer vollbracht. Jesus Christus ist das letzte und ultimative Opfer, und nun ist da niemand, der weiter S\u00fcndenb\u00f6cke fordern kann, denn dann reduziert man Jesus darauf, weniger zu sein als das letzte Opfer.<\/p>\n<p>Wenn Jesus also das letzte Opfer ist \u2013 und das glauben wir, wenn wir bekennen, dass er die S\u00fcnde und Schuld der Welt tr\u00e4gt \u2013 dann k\u00f6nnen wir bei uns keine Schuldigen mehr finden. Im Schatten des Kreuzes wird die Schuld und S\u00fcnde der Welt getragen, und niemand kann einen S\u00fcndenbock ausmachen, der mehr schuldig ist als die anderen.<\/p>\n<p>So ist Jesus der letzte S\u00fcndenbock und eigentlich gar kein S\u00fcndenbock.<\/p>\n<p>Indem er nach Jerusalem zieht, zieht er ja in der Tat die Menge an sich. Er wei\u00df, dass diejenigen, die ihn nun feiern, nach wenigen Tagen genau das Gegenteil tun. Aber er reitet dennoch in die Stadt \u2013 sanftm\u00fctig und dem\u00fctig \u2013 denn nur indem er dorthin reitet, kann er das letzte Opfer bringen, das alle anderen Opfer beendet.<\/p>\n<p>Deshalb sagt Paulus auch in der Epistel des heutigen Sonntags, dass wir so untereinander gesinnt sein sollen, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Und das bedeutet, dass wir nicht mehr f\u00fcr die \u00dcbel und M\u00e4ngel der Welt S\u00fcndenb\u00f6cke suchen sollen, sondern einander so sehen sollen, wie Gott Jesus sah: Mit dem Blick der Liebe, denn die Liebe deckt bekanntlich die Mannigfaltigkeit der S\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wenn man unter dem Kreuz steht, kann man gar keinen S\u00fcndenbock mehr erblicken. Hier sind alle gleich schuldig und gleich frei. Jesus Christus ist der letzte und ultimative S\u00fcndenbock, und nach ihm soll nur die Liebe walten.<\/p>\n<p>Aber herrscht nun die Liebe? So k\u00f6nnte man fragen. Und unsere Erfahrung sagt uns ja, dass sie das nicht tut \u2013 jedenfalls nicht immer. Aber deshalb reitet Jesus auch immer wieder nach Jerusalem und damit zu uns, um die uns Liebe zu bringen, damit wir h\u00f6ren k\u00f6nnen, dass wir von und mit seiner Liebe leben sollen.<\/p>\n<p>Und das ist somit die Treue Gottes, dass Gott immer zu uns kommt, auch wenn wir versagen und alles andere als die Liebe herrschen lassen. Denn so wie Jesus nach Jerusalem zog, so kommt er wieder zu uns. L\u00e4sst sich zusammen mit uns kreuzigen, um die Liebe walten zu lassen.<\/p>\n<p>Das ist die ganze Bewegung von Ostern, die der Sonntag Palmarum vorwegnimmt: Die Menge, die Jesus am einen Tag zujubelt, kreuzigt ihn am n\u00e4chsten Tag. Aber Jesus steht auf von den Toten, f\u00fcr die Menge \u2013 und f\u00fcr uns. Er steht auf von den Toten, denn die Liebe hofft alles, glaubt alles und duldet alles. Die Liebe \u00fcberwindet alles.<\/p>\n<p>Deshalb reitet Jesus nach Jerusalem, und deshalb reitet er zu jedem von uns \u2013 wie die Liebe, die alles \u00fcberwindet. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Propst Thomas Reinholdt Rasmussen<\/p>\n<p>DK 9800 Hj\u00f8rring<\/p>\n<p>Email: trr(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jesus reitet nach Jerusalem &#8211; und zu uns | Predigt zu Matth\u00e4us 21,1-9 | verfasst von Thomas Reinholdt Rasmussen | Da liegt etwas Schweres und Unheilvolles \u00fcber dieser Geschichte von Palmarum. 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