{"id":4708,"date":"2021-03-25T17:56:33","date_gmt":"2021-03-25T16:56:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4708"},"modified":"2021-03-25T18:01:51","modified_gmt":"2021-03-25T17:01:51","slug":"glaubenswege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/glaubenswege\/","title":{"rendered":"Glaubenswege"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt \u00fcber Hebr\u00e4er 11,1 \u2013 12,3 | verfasst von Benedict Schubert |<\/h3>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><em>Vorbemerkung:<\/em><\/p>\n<p>Die Perikopenordnung legt als Predigttext bloss Hebr 11,1f und 12,1-3 vor, in Klammern noch aus der umfangreichen Aufz\u00e4hlung der Glaubenszeuginnen und -zeugen \u2013 nicht sonderlich \u00fcberraschend \u2013 Abraham und Sara (11,8-12), dazu den Abschluss des Kapitels (11,39f).<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief wird in manchen Kommentaren nicht als Brief, sondern als ausf\u00fchrliche Predigt verstanden oder als eine Art Essay. Es ist also zu erwarten und vermuten, dass der Text einen besonderen rhetorischen Sog hat. Das soll die Gemeinde am Palmsonntag erleben: Als Lesung wird das ganze Kapitel 11 bis 12,3 von einem besonders guten Lektor vorgelesen \u2013 in vier Abschnitten, die unterbrochen werden von kurzen musikalischen Vignetten der Orgel (nach V. 16, 31 40). Sch\u00f6n w\u00e4re es gewesen, an diesen Stellen die Gemeinde durch einen Ruf antworten zu lassen (z.B. ein Taiz\u00e9-Lied wie \u00abToi qui nous aimes\u00bb oder \u00abBonum est confidere\u00bb o.\u00e4.); doch derzeit ist singen in unseren Gottesdiensten nicht erlaubt.<\/p>\n<p>Die lange Lesung ist der einleuchtende Grund f\u00fcr eine k\u00fcrzere Predigt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>11 <\/em><\/strong><em><sup>1<\/sup><\/em><em>Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft \u2013<br \/>\nein \u00dcberzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>2<\/sup><\/em><em>Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt.<br \/>\n<sup>3<\/sup>Aufgrund unseres Glaubens erkennen wir, dass die ganze Welt durch Gottes Wort geschaffen wurde. Das Sichtbare ist also aus dem hervorgegangen, was man nicht sieht.<br \/>\n<sup>4<\/sup>Aufgrund seines Glaubensbrachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain. Aufgrund seines Glaubens hat Gott ihm das Zeugnis ausgestellt, gerecht zu sein. Er hat es bezeugt, indem er Abels Gaben angenommen hat. Und aufgrund seines Glaubensspricht Abel noch heute, obwohl er l\u00e4ngst gestorben ist.<br \/>\n<sup>5<\/sup>Aufgrund seines Glaubens ist Henoch von der Erde weggenommen worden, sodass er nicht sterben musste. Niemand konnte ihn finden, weil Gott ihn weggenommen hatte. Bevor das geschah, hat Gott ihm schon das Zeugnis ausgestellt, dass er Gefallen an ihm gefunden hat.<br \/>\n<sup>6<\/sup>Wer nicht glaubt, f\u00fcr den ist es unm\u00f6glich, dass Gott an ihm Gefallen findet. Denn wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt \u2013 und dass er die Menschen belohnt, die ihn suchen.<br \/>\n<sup>7<\/sup>Aufgrund seines Glaubensbaute Noah eine Arche, um seine Familie zu retten. Gott hatte ihm ja eine Warnung zukommen lassen vor dem, was noch gar nicht zu sehen war. Und Noah gehorchte voller Ehrfurcht vor Gott. Durch seinen Glauben sprach Noah das Urteil \u00fcber die Welt. Und er wurde ein Erbe der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt.<br \/>\n<sup>8<\/sup>Aufgrund seines Glaubensgehorchte Abraham, als Gott ihn rief. Er brach auf zu einem Ort, den er als Erbe bekommen sollte. Und er zog fort, ohne zu wissen, wohin er kommen w\u00fcrde. <sup>9<\/sup>Aufgrund seines Glaubens lebte er als Fremder in dem Land, das Gott ihm versprochen hatte \u2013 ein Land, das ihm fremd war. Er wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, die Miterben derselben Verhei\u00dfung waren.<br \/>\n<sup>10<\/sup>Er wartete n\u00e4mlich auf die Stadt, die auf festen Grundsteinen steht \u2013 die Stadt, die Gott selbst geplant und gegr\u00fcndet hat.<br \/>\n<sup>11<\/sup>Aufgrund ihres Glaubenserhielt sogar Sara die Kraft, Mutter zu werden \u2013 obwohl sie keine Kinder bekommen konnte. Denn sie war schon zu alt. Aber sie hielt den f\u00fcr treu, der ihr das versprochen hatte. <sup>12<\/sup>Deshalb stammen von einem einzigen Mann so viele Nachkommen ab \u2013 noch dazu von einem, der schon zeugungsunf\u00e4hig war. Sie wurden so zahlreich wie die Sterne am Himmel \u2013 wie der Sand am Meeresstrand, den man nicht z\u00e4hlen kann.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>13<\/sup>Sie alle sind im Glauben gestorben, ohne das empfangen zu haben, was Gott ihnen versprochen hatte. Aber sie haben es von ferne gesehen und willkommen gehei\u00dfen. Und damit haben sie bekannt, auf der Erde nur Fremde und G\u00e4ste zu sein.<br \/>\n<sup>14<\/sup>Wenn sie so etwas sagen, machen sie n\u00e4mlich deutlich, dass sie eine Heimat suchen. <sup>15<\/sup>Und dabei haben sie sicher nicht an die Heimat gedacht, aus der sie einst fortgezogen waren. Denn sie h\u00e4tten ja Zeit genug gehabt, dorthin zur\u00fcckzukehren. <sup>16<\/sup>Nun streben sie aber nach einer besseren Heimat \u2013 n\u00e4mlich nach der Heimat im Himmel. Deshalb sch\u00e4mt sich auch Gott nicht daf\u00fcr, ihr Gott genannt zu werden. Denn er hat f\u00fcr sie die Stadt vorbereitet.<\/em><\/p>\n<p><em>*****<\/em><\/p>\n<p><em><sup>17<\/sup>Aufgrund seines Glaubensbrachte Abraham Isaak als Opfer dar, als er auf die Probe gestellt wurde. Er hat also seinen einzigen Sohn als Opfer dargebracht! Dabei hat ihm Gott doch das Versprechen gegeben <sup>18<\/sup>und zu ihm gesagt: \u00bbDie Nachkommen Isaaks sollen als deine Nachkommen gelten.\u00ab <sup>19<\/sup>Abraham rechnete damit, dass Gott auch Tote auferwecken kann. Daher hat er Isaak als ein Zeichen daf\u00fcr auch lebendig zur\u00fcckbekommen.<br \/>\n<sup>20<\/sup>Aufgrund seines Glaubens gab Isaak Jakob und Esau seinen Segen \u2013 und zwar f\u00fcr etwas, das noch in der Zukunft lag. <sup>21<\/sup>Aufgrund seines Glaubens gab Jakob, bevor er starb, jedem einzelnen von Josefs S\u00f6hnen einen besonderen Segen. \u00dcber die Spitze seines Stabes hin beugte er sich betend vor Gott nieder. <sup>22<\/sup>Aufgrund seines Glaubensdachte Josef vor seinem Tod an den Auszug des Volkes Israel aus \u00c4gypten. Und er gab sogar Anweisungen, was mit seinen Gebeinen geschehen sollte.<br \/>\n<sup>23<\/sup>Aufgrund ihres Glaubenshielten die Eltern Mose nach seiner Geburt drei Monate lang versteckt. Denn sie sahen, dass er ein sch\u00f6nes Kind war. Und sie f\u00fcrchteten den Befehl des Pharao nicht. <sup>24<\/sup>Aufgrund seines Glaubenslehnte Mose es als Erwachsener ab, \u00bbSohn der Tochter Pharaos\u00ab genannt zu werden. <sup>25<\/sup>Er zog es vor, zusammen mit dem Volk Gottes misshandelt zu werden \u2013 anstatt f\u00fcr kurze Zeit das Leben am Hof zu genie\u00dfen und damit Schuld auf sich zu laden. <sup>26<\/sup>Mose setzte sich derselben Schande aus, die auch Christus auf sich nahm. Doch er hielt sie f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen Reichtum als alle Sch\u00e4tze \u00c4gyptens. Denn er hatte die k\u00fcnftige Belohnung im Blick. <sup>27<\/sup>Aufgrund seines Glaubensverlie\u00df er \u00c4gypten. Dabei f\u00fcrchtete er den Zorn des K\u00f6nigs nicht. Denn er hielt standhaft aus, als k\u00f6nnte er Gott sehen, der doch unsichtbar ist. <sup>28<\/sup>Aufgrund seines Glaubensfeierte Mose das Passamahl und lie\u00df die T\u00fcrpfosten mit Blut besprengen. So konnte der Vollstreckerden erstgeborenen Kindern nichts anhaben. <sup>29<\/sup>Aufgrund seines Glaubens zog das Volk durch das Rote Meer wie \u00fcber trockenes Land. Die \u00c4gypter versuchten das auch und ertranken.<br \/>\n<sup>30<\/sup>Aufgrund des Glaubensst\u00fcrzten die Mauern von Jericho ein \u2013 nachdem das Volk Israel sieben Tage lang um sie herumgezogen war. <sup>31<\/sup>Aufgrund ihres Glaubens kam die Hure Rahab nicht zusammen mit denen um, die sich Gott widersetzten. Denn sie hatte die Kundschafterin Frieden bei sich aufgenommen.<\/em><\/p>\n<p><em>*****<\/em><\/p>\n<p><em><sup>32<\/sup>Was soll ich noch sagen? Mir fehlt die Zeit, auch noch von Gideon, Barak, Simson, Jiftach, David oder Samuel zu erz\u00e4hlen \u2013 oder gar von den Propheten. <sup>33<\/sup>Aufgrund ihres Glaubens haben sie K\u00f6nigreiche besiegt. Sie haben Gerechtigkeit ge\u00fcbt und erfahren, dass Gott seine Versprechen erf\u00fcllt. L\u00f6wen haben sie den Rachen gestopft <sup>34<\/sup>und gewaltiges Feuer gel\u00f6scht. Sie sind der Klinge des Schwertes entkommen. Wenn sie schwach waren, schenkte Gott ihnen Kraft. Sie wurden stark im Kampf und schlugen feindliche Heere in die Flucht. <sup>35<\/sup> Frauen bekamen ihre Toten als Auferstandene zur\u00fcck. Andere lie\u00dfen sich zu Tode foltern, ohne die angebotene Freilassung anzunehmen. Denn sie wollten etwas Besseres erlangen: die Auferstehung. <sup>36<\/sup>Wieder andere mussten Spott und Peitschenhiebe \u00fcber sich ergehen lassen, ja sogar Fesseln und Gef\u00e4ngnis. <sup>37<\/sup>Sie wurden gesteinigt, zers\u00e4gt und mit dem Schwert hingerichtet. Sie zogen in Schaf- und Ziegenfelle gekleidet umher \u2013 Not leidend, verfolgt und misshandelt. <sup>38<\/sup>Sie irrten durch W\u00fcsten und Berge, durch die H\u00f6hlen und Schluchten des Landes. Dabei war die Welt es nicht wert, dass sie in ihr lebten. <sup>39<\/sup>Aufgrund ihres Glaubens at Gott ihnen allen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Aber sie haben nicht empfangen, was Gott ihnen versprochen hatte. <sup>40<\/sup>Denn Gott hat f\u00fcr uns etwas Besseres vorgesehen. Deshalb sollten sie nicht ohne uns zur Vollendung gelangen.<\/em><\/p>\n<p><em>*****<\/em><\/p>\n<p><strong><em>12 <\/em><\/strong><em><sup>1<\/sup>Wir sind also von einer gro\u00dfen Menge von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der S\u00fcnde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann k\u00f6nnen wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt.<sup>2<\/sup>Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung f\u00fchren. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der gro\u00dfen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron. <sup>3<\/sup>Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die S\u00fcnder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht m\u00fcde werden und nicht den Mut verlieren.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>\u00abAdieu. Hier mein Geheimnis: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar.\u00bb<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das Geheimnis, das Saint-Exup\u00e9rys Fuchs dem kleinen Prinzen zum Abschied verr\u00e4t, ist kein Geheimnis mehr. Allzu oft ist es auch bei unpassenden Gelegenheiten zitiert worden. Anstatt mit den herben Zeichnungen des Autors selbst hat man es mit s\u00fcsslichen Bildern kombiniert, sodass es f\u00fcr manche bloss noch banal klingt, und sie lassen es h\u00f6chstens mit ungeduldigem Kopfsch\u00fctteln \u00fcber sich ergehen, um dann aber zu Wesentlicherem zu kommen.<\/p>\n<p>Dabei hat der Satz, den Saint-Exup\u00e9ry am Ende des Zweiten Weltkriegs formulierte, in den Jahrzehnten an prophetischer Tiefe gewonnen. Es hat ein grundlegender Wandel stattgefunden. Das, was die \u00e4ltere Generation noch unter Glauben verstand, ist zu einer unattraktiven und unm\u00f6glichen \u00dcbung geworden f\u00fcr die meisten, die nach 1968 geboren sind. In jener Zeit der Umw\u00e4lzungen ist die Selbstverst\u00e4ndlichkeit verloren gegangen, mit der man (und frau nat\u00fcrlich) so etwas wie ein \u00abJenseits\u00bb f\u00fcr h\u00f6chst wahrscheinlich hielt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die Vorstellungen \u00fcber dieses unsichtbare \u00abEtwas\u00bb mochten schon damals verschwommen und vor allem sehr unterschiedlich sein. Doch dar\u00fcber bestand Einigkeit: Es gibt einen Teil der Wirklichkeit, der sich unseren Instrumenten des wissenschaftlichen Erkennens und Wissens entzieht \u2013 und damit auch unserer Kontrolle und Machbarkeit. Nur eine Minderheit lebte ausdr\u00fccklich mit dem, was man ein \u00abmaterialistisches Weltbild\u00bb nennt. Heute hingegen ist es genau umgekehrt; die meisten scheinen ganz selbstverst\u00e4ndlich davon auszugehen, dass unsere Welt nichts anderes ist als ein nat\u00fcrlicher, materieller Ort. Sie ist entzaubert. Das Herz ist nicht mehr als ein Muskel, die Liebe ein biochemischer Vorgang im Hirn, die entsprechenden Str\u00f6me lassen sich messen, das Spiel der aktiven Synapsen beobachten. Wenn von Gott \u00fcberhaupt noch die Rede ist, dann steht dieser Gott in st\u00e4ndiger Gefahr, nicht mehr zu sein, als ein aufgrund psychologischer Bed\u00fcrfnisse von uns selbst gebildeter, imagin\u00e4rer, das heisst eingebildeter Freund. Er ist da, er soll da sein, solange, sobald, sofern \u00abes f\u00fcr mich stimmt\u00bb.<\/p>\n<p>Ich sage das nicht mit einem wehleidigen Unterton des Bedauerns und dem Wunsch, die guten alten Zeiten m\u00f6chten sich doch wenigstens bei uns in der Kirche erhalten oder gar wieder heraufbeschw\u00f6ren lassen. Ich sage es, weil ich denke, das Geheimnis von Saint-Exup\u00e9rys Fuchs \u2013 so abgegriffen es klingen mag \u2013 k\u00f6nne eine gute Br\u00fccke bilden, um das grosse Kapitel \u00fcber den Glauben aus dem Hebr\u00e4erbrief auch in dieser gewandelten Zeit zu lesen und zu deuten.<\/p>\n<p>\u00abMan sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist f\u00fcr die Augen unsichtbar.\u00bb<\/p>\n<p>Viele Menschen m\u00f6gen sich scheinbar gut eingerichtet haben in einer radikal diesseitigen Welt. Doch dann machen sie Erfahrungen, die diese ihre \u00fcberschaubare Welt sprengen:<\/p>\n<p>\u00dcberraschend begegnest einer Rose. Die beiden kommen ins Gespr\u00e4ch, vertiefen sich ins Erz\u00e4hlen und wissen schon nach drei Tagen: Es ist gut. Die Liebe hat sie gefunden und gepackt. Sie raubt ihnen den Atem und auf begl\u00fcckende Weise auch einen Teil des berechnenden Verstands.<\/p>\n<p>Oder: Geschockt h\u00f6rt eine der \u00c4rztin zu, die ihr einf\u00fchlsam, aber trotzdem brutal eine Diagnose mitteilt, die ihre Lebenserwartung entsetzlich weit unter den statistischen Durchschnitt dr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Oder: Einer h\u00e4lt zum ersten Mal sein Kind in den Armen; seine Partnerin hat es soeben zur Welt gebracht \u2013 und er stand ohnm\u00e4chtig und mit etwas schlechtem Gewissen daneben, als sie in den Wehen heulte.<\/p>\n<p>Oder: Ihr Telefon klingelt und die Stimme des Anrufenden meldet sich von der Kantonspolizei Graub\u00fcnden; sie \u00fcberbringt Dir die Nachricht, dass Dein Sohn von einem Schneebrett in den Abgrund gerissen wurde.<\/p>\n<p>Oder: Einer schaut sich einen scheinbar harmlosen Film an und merkt, dass ihm pl\u00f6tzlich die Tr\u00e4nen herunterlaufen; es ist ihm etwas peinlich und er fragt sich vor allem, weshalb bei diesem Film mit diesem schlechten Schauspieler.<\/p>\n<p>Oder: Die Arbeitskollegin einer Pflegefachfrau f\u00e4hrt in ihre Heimat in die Ferien und stirbt dort \u00fcberraschend; sie war keine 50 Jahre alt, sie hinterl\u00e4sst drei Kinder und ihren Mann \u2013 und der Pflegefachfrau wird es unheimlich. In kurzen Abst\u00e4nden sind auf ihrer Station eine Patientin und ein Patient verstorben, von denen sie alle dachten, sie erholten sich wieder, und jetzt stirbt die Kollegin. Die Pflegefachfrau fragt sich, ob so etwas wie ein dunkler Schatten \u00fcber der Station liege.<\/p>\n<p>Wenn Du so etwas erlebst, l\u00e4sst Dein Herz \u2013 und es ist eben doch mehr als ein pumpender Muskel \u2013 es l\u00e4sst Dich erkennen, dass Du soeben eine Erfahrung gemacht hast, f\u00fcr die es keinen Ort gab in der Welt, so wie Du sie sahst. Du \u00e4rgerst Dich, wenn jemand das, was Dir widerfahren ist, reduziert auf einen psychologischen Vorgang, eine Gruppendynamik, einen biochemischen Prozess, eine systemische Ver\u00e4nderung. Das sind Deutungsmuster, auf die wir aufgekl\u00e4rten Menschen gerne zur\u00fcckgreifen. Dein Herz weiss, dass sie nicht ausreichen, denn es l\u00e4sst Dich \u00fcber den Rand hinausblicken, den Du f\u00fcr eine Grenze hieltst, die Dir Sicherheit gab; schliesslich war Dir gesagt worden, jenseits sei einfach \u00abnichts\u00bb. Doch Du hast erfahren \u2013 weinend vor Schmerz oder vor Gl\u00fcck \u2013 dass Deine Augen etwas nicht gesehen haben, das Dein Herz aber deutlich wahrnimmt, und es stellt sich als ganz wesentlich heraus.<\/p>\n<p>Du ahnst, dass Deine Welt zu klein war, dass die Wirklichkeit tiefer und weiter ist, als Du dachtest. Doch wie sollst Du diese Wirklichkeit verstehen, und wie Dich darin verhalten?<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4erbrief l\u00e4dt zum <em>Glauben<\/em> ein und definiert: <em>Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft \u2013 ein \u00dcberzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. <\/em><\/p>\n<p>Im Blick auf all das, was ich zum Leben in einer Welt ausf\u00fchrte, die das Jenseits verloren hat, m\u00f6chte ich diese alte Definition so deuten: Wenn Du im biblischen Sinn glaubst, dann l\u00e4sst Du Dich darauf ein, dann verl\u00e4sst Du Dich darauf, dass ein Teil der Wirklichkeit tats\u00e4chlich ausserhalb dessen liegt, was wir erfassen k\u00f6nnen mit den Instrumenten, mit denen wir sonst meinen, wir k\u00f6nnten und sollten die Wirklichkeit begreifen. Es spielt zun\u00e4chst keine Rolle, ob Du dieses \u00abMehr\u00bb, dieses \u00abJenseits\u00bb vor allem aussen oder innen vermutest. Dein Herz hat es erkannt.<\/p>\n<p>Wenn Du so glaubst, dann vertraust Du darauf, dass in Dir oder um Dich, Dir gegen\u00fcber etwas in Bewegung ist. Es zieht Dich an, es treibt Dich an. Es nagelt Dich nicht auf etwas fest, sondern h\u00e4lt auch Dich in Bewegung auf etwas, was ernst noch kommt. Und auch in den schwierigsten Erfahrungen ermutigt es Dich nicht aufzugeben, sondern darauf zu hoffen, dass am Ende mit Dir und der Welt gut kommt.<\/p>\n<p>Die glauben, behaupten nicht, sie h\u00e4tten irgendeine Form von Geheimwissen. Auch sie haben \u2013 um die Worte des Hebr\u00e4erbriefs zu benutzen \u2013 das, was kommt, nur <em>von Ferne gesehen und gegr\u00fcsst <\/em>(13). Doch das hat sie in ihrer \u00dcberzeugung best\u00e4rkt: \u00abEs muss doch mehr als alles geben.\u00bb<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Sie vertrauen darauf, dass Gott selbst sie umgibt, sie erwartet, ihnen entgegenkommt.<\/p>\n<p>Sie verlassen sich auch darauf, dass sie nicht einfach aus Denkfaulheit irgendwelche Absurdit\u00e4ten f\u00fcr wahr halten, oder weil sie ohne eine religi\u00f6se Kr\u00fccke nicht wie erwachsene, m\u00fcndige Menschen mit ihren existenziellen \u00c4ngsten umzugehen w\u00fcssten. Der Hebr\u00e4erbrief weiss, dass seine Definition allein gegen diese Art von Vorwurf kaum zu verteidigen w\u00e4re. Deshalb bietet er die eindr\u00fcckliche Reihe von Zeuginnen und Zeugen auf, die, bei Abel beginnend, auf vielf\u00e4ltige Weise illustrieren, wie Menschen \u00abgeglaubt haben\u00bb, wie sie ihr Leben aus diesem Sog von der Zukunft Gottes her gelebt haben. Mutig lebten sie, unerschrocken, kreativ, widerspenstig, hingebungsvoll.<\/p>\n<p>Was und wie sie lebten, ist f\u00fcr den Hebr\u00e4erbrief ein Hinweis auf das, was in Jesus Christus nun ganz durchgebrochen, sichtbar geworden ist. In der Lutherbibel wird er <em>der Anf\u00e4nger und Vollender unseres Glaubens <\/em>genannt (12,2).<\/p>\n<p>Ich war etwas verwundert und habe mich gefragt, weshalb uns dieser Text am Palmsonntag vorgelegt ist. Als Antwort auf diese Frage habe ich diese Vermutung: Mir ist, als ob der Hebr\u00e4erbrief uns die Augen daf\u00fcr \u00f6ffnen wollte, dass nicht bloss die Menschen aus Jerusalem mit Zweigen in den H\u00e4nden Jesus zujubelten, der auf der Eselin in die Heilige Stadt einritt. Wir sollen auch jene Menge so gut wie uns, die wir heute hier den Palmsonntagsgottesdienst feiern, umgeben sehen von einer un\u00fcberschaubaren Wolke von Zeuginnen und Zeugen, von all denen, die schon vor Jesus, die mit ihm, seinetwegen, wie er glauben. Leidenschaftlich, passioniert \u2013 und <em>mit Geduld <\/em>(12,1) gehen sie den Weg, den die Liebe zu Gott, die Aufmerksamkeit gegen\u00fcber Gottes Gerechtigkeit, das Vertrauen in den Friedef\u00fcrsten Jesus Christus sie weist. Sie alle glauben. Wir glauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Dirigent der Kantorei St. Peter ist zugleich Kontrabassist. Er hat \u2013 weil die Kantorei derzeit auf Standby ist \u2013 zwei Geigerinnen gebeten, mit ihm und der Organistin zusammen den Gottesdienst musikalisch mitzugestalten \u2013 mit zwei Kirchensonaten von Mozart (KV 245 &amp; KV 33&amp;) und einer von Corelli (op.1, Nr.1, F-Dur) Corelli bildet den Rahmen um die Predigt, Mozart Eingang und Ausgang. Drei Lieder werden instrumental gespielt und die Texte gelesen; dass sie alle nur im Schweizer Gesangbuch sind, nicht aber im EG ist Zufall: Das Lied zu Psalm 24 aus dem Genfer Psalter \u00abDem Herrn geh\u00f6rt die Erde\u00bb (RG 19 mit Text von Hans Bernoulli, im EG f\u00fcr die reformierten Kirchen, dort mit dem Text von Matthias Jorissen.) Nach den Abk\u00fcndigungen und vor den F\u00fcrbitten das Adventslied \u00abWir ziehen vor die Tore der Stadt\u00bb (RG 378); als Schlusslied \u00abEs segne uns der Herr\u00bb nach der Melodie von \u00abNun danket alle Gott\u00bb (RG 350).<\/p>\n<p>Auf dem Gottesdienstblatt drucke ich in der Regel den Predigttext ab. Diesmal beschr\u00e4nke ich mich auf Hebr 11,1 \u2013 indessen in mehreren [vermutlich all diesen] \u00dcbersetzungen:<\/p>\n<p><em>Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft \u2013 ein \u00dcberzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.<\/em> (BasisBibel)<\/p>\n<p><em>Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht<\/em>. (Luther 2017).<\/p>\n<p><em>Der Glaube aber ist die Grundlegung dessen, was man erhofft, der Beweis f\u00fcr Dinge, die man nicht sieht.<\/em> (Neue Z\u00fcrcher Bibel)<\/p>\n<p><em>Glauben hei\u00dft Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen, worauf wir hoffen. Das, was wir jetzt noch nicht sehen: im Vertrauen beweist es sich selbst.<\/em> (Gute Nachricht)<\/p>\n<p><em>Es ist aber der Glaube ein zuversichtliches Vertrauen auf das, was man hofft, ein festes \u00dcberzeugtsein von Dingen (oder: Tatsachen), die man (mit Augen) nicht sieht.<\/em> (Menge-Bibel)<\/p>\n<p><em>Glauben besteht darin, dass ein St\u00fcck des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist. Der Glaube selbst ist der Beweis f\u00fcr das, was man nicht sehen kann.<\/em> (Berger\/Noth)<\/p>\n<p><em>La foi est une mani\u00e8re de poss\u00e9der d\u00e9j\u00e0 ce que l\u2019on esp\u00e8re, un moyen de conna\u00eetre des r\u00e9alit\u00e9s que l\u2019on ne voit pas. <\/em>(TOB)<\/p>\n<p><em>Or, la foi c\u2019est l\u2019assurance des choses qu\u2019on esp\u00e8re, la d\u00e9monstration de celles qu\u2019on ne voit pas. <\/em>(Segond 21)<\/p>\n<p><em>Now faith is being sure of what we hope for and certain of what we do not see. <\/em>(NIV)<\/p>\n<p><em>Now faith is the assurance of things hoped for, the conviction of things not seen. <\/em>(NRSV)<\/p>\n<p><em>Now faith is the substance of things hoped for, the evidence of things not seen<\/em>. (KJV)<\/p>\n<p><em>La fe es la constancia de las cosas que se esperan, la comprobaci\u00f3n de los hechos que no se ven.<\/em> (Reina Valera actualizada)<\/p>\n<p><em>Ora, a f\u00e9 \u00e9 o firme fundamento das coisas que se esperam e a prova das coisas que se n\u00e3o veem.<\/em> (Almeida revista e corrigida)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr. Dr. Benedict Schubert, geb. 1957, reformierter Pfarrer an der Peterskirche in Basel nach mehreren Jahren im Dienst der evangelisch-reformierten Kirche in Angola und bei mission 21 \u2013 evangelisches missionswerk basel, sowie Lehrauftrag im Fach aussereurop\u00e4isches Christentum an der Universit\u00e4t Basel; mit seiner Frau zusammen leitet er das \u00abTheologische Alumneum\u00bb, ein Wohnheim f\u00fcr Studierende aller Fakult\u00e4ten, sie sind beide seit ihrer Gr\u00fcndung Mitglieder der Communit\u00e4t Don Camillo.<\/p>\n<p>Basel<\/p>\n<p><a href=\"about:blank\">benedict.schubert@erk-bs.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Antoine de Saint-Exup\u00e9ry, Der Kleine Prinz, Z\u00fcrich-Hamburg 2010, 72.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Ich folge hier dem praktischen Theologen Andrew Root (Luther Seminary, St. Paul, Minnesota), der Charles Taylors \u00abThe Secular Age\u00bb auf die Frage hin pr\u00fcft und nutzt, wie Glaube heute weitergegeben, geweckt, gef\u00f6rdert werden k\u00f6nne: Faith Formation in a Secular Age. Responding to the Church\u2019s Obsession with Youthfulness, Grand Rapids 2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Um den Titel zu zitieren, unter dem Dorothee S\u00f6lle ihr \u00abNachdenken \u00fcber Gott\u00bb (Hamburg 1992) gestellt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Hebr\u00e4er 11,1 \u2013 12,3 | verfasst von Benedict Schubert | &nbsp; Vorbemerkung: Die Perikopenordnung legt als Predigttext bloss Hebr 11,1f und 12,1-3 vor, in Klammern noch aus der umfangreichen Aufz\u00e4hlung der Glaubenszeuginnen und -zeugen \u2013 nicht sonderlich \u00fcberraschend \u2013 Abraham und Sara (11,8-12), dazu den Abschluss des Kapitels (11,39f). 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