{"id":4739,"date":"2021-03-26T15:02:34","date_gmt":"2021-03-26T14:02:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4739"},"modified":"2021-03-30T15:08:14","modified_gmt":"2021-03-30T13:08:14","slug":"in-der-nacht-da-er-verraten-ward","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/in-der-nacht-da-er-verraten-ward\/","title":{"rendered":"In der Nacht, da er verraten &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>In der Nacht, da er verraten ward | Gr\u00fcndonnerstag 2021 | Matth\u00e4us 26,17-30 | von Margrethe Dahlerup Koch |<\/h3>\n<p>\u201dIn der Nacht, als er verraten ward\u201c. So hei\u00dft es jeden Sonn- und Feiertag beim Abendmahl. Die Worte der Liturgie stammen aus dem Brief des Paulus an die Korinther, die \u00e4lteste Quelle, die davon berichtet, was an jenem letzten Abend geschah, ehe Jesus hingerichtet wurde. Die mehr ausf\u00fchrlichen Berichte der Evangelisten stammen erst aus der Zeit eine oder zwei Generationen nach Paulus.<\/p>\n<p>Die ersten Christen mussten sich mit den knappen Worten des Paulus begn\u00fcgen \u2013 bescheiden wie das Gericht, das beim Abendmahl serviert wird.<\/p>\n<p>\u201dIn der Nacht, als er verraten ward\u201c. Welche Nacht? Und wer hat es getan? Paulus war offenbar der Meinung, dass wir das nicht wissen m\u00fcssen. Warum? Weil alle die rechten Christen in der griechischen Stadt Korinth das wussten? Wussten, dass es in der Nacht des Gr\u00fcndonnerstags war und dass Judas es war, der ihn verriet? Wohl kaum. Aus guten Gr\u00fcnden gab es noch kein christliches Basiswissen. Nein, Paulus hat sich eher einer Anonymisierung bedient um zu sagen, dass es hier nicht um eine bestimmte Nacht geht und einen bestimmten Verrat. Es geht um jede Nacht und jeden Verrat. Um das, was wir nicht anzeigen k\u00f6nnen und auf Distanz halten k\u00f6nnen, weil es etwas ist, was uns alle betrifft.<\/p>\n<p>Die Nacht ist jede Nacht. Wir k\u00f6nnen keinen zeitlichen Abstand herstellen zu ihr. Denn immer, wenn Menschen in dem einen oder anderen Sinne sich im Dunkeln befinden, sind wir auch in der letzten Nacht Jesu. Und damit auch dort, wo er ist und sich selbst mit uns teilt.<\/p>\n<p>Und Verr\u00e4ter, das sind wir alle. Wenn der Verr\u00e4ter namentlich genannt w\u00e4re, k\u00f6nnten wir uns menschlich von ihm distanzieren. Aber das tut Paulus nicht. Und damit wird jeder zu einem Verr\u00e4ter. Die Evangelisten wissen das eigentlich auch. Wie wir das aus der Version des Matth\u00e4us kennen, so sagt Jesus am Abend des Gr\u00fcndonnerstags den Verrat voraus. \u201eEiner von euch wird mich verraten\u201c, sagt er, und, steht da, sie begannen \u201ejeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich\u2019s?\u201c Alle haben sie mit anderen Worten einen Verr\u00e4ter in sich. Und sie wissen es. Sonst h\u00e4tten sie ihn ja nicht gefragt. Und als Jesus den Verr\u00e4ter identifiziert, sagt er: \u201eDer die Hand mit mir in die Sch\u00fcssel taucht, der wird mich verraten\u201c. Aber das haben sie ja alle getan \u2013 ihr unges\u00e4uertes Passabrot in die So\u00dfe mit bitteren Kr\u00e4utern oder Lammfleisch in der gemeinsamen Sch\u00fcssel auf dem Tisch getaucht.<\/p>\n<p>Markus macht das noch mehr deutlich, wenn er in seinem Evangelium Judas als \u201eeinen der zw\u00f6lf\u201c bezeichnet. Judas ist mit anderen Worten nicht anders als die anderen. Er ist nicht etwas Besonderes. Er ist nicht mehr b\u00f6se, mehr hinterh\u00e4ltig oder mehr gef\u00e4hrlich als die anderen elf. Judas ist einer der zw\u00f6lf. Einer von den zw\u00f6lf Verr\u00e4tern.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4teren Evangelisten Lukas und Johannes sind dann mehr und mehr geneigt, Judas als <em>den <\/em>Verr\u00e4ter auszumachen. Da gibt es keine Grenzen daf\u00fcr, wie viele schlechte Eigenschaften sie dann Judas zugeschrieben haben. Johannes treibt es auf die Spitze, wenn er erz\u00e4hlt, dass Judas ein Dieb gewesen sei, der sich and er Kasse vergriffen h at, ja er war ein wahrer Teufel.<\/p>\n<p>Die Geschichte davon, wie sich die Erz\u00e4hlung vom Verrat ver\u00e4ndert von der Anonymit\u00e4t bei Paulus hin zu den immer wilderen Neigungen bei den Evangelisten und in der Kirche, Judas zu einem Hassobjekt zu machen, das ist die Geschichte von dem Drang der Menschen, den auszusto\u00dfen, der offenbar macht, was in uns allen vor sich geht. Denn wenn wir den aussto\u00dfen k\u00f6nnen, der das tut, was alle h\u00e4tten tun k\u00f6nnen, dann k\u00f6nnen wir auch die Schuld von uns weisen und sie auf ihn legen, den S\u00fcndenbock, der die Schuld der Welt und unsere Schuld mit sich in die Finsternis tr\u00e4gt. So wurde Judas zum Verr\u00e4ter, dem kleinlichen, neidischen, opportunistischen Schurken, der alles daransetzt, sich selbst zu retten \u2013 und wenn es auch bedeutet, einen Freud zu verraten und auch noch daf\u00fcr Geld zu nehmen.<\/p>\n<p>Der verstorbene j\u00fcdische Autor Amos Oz hat als einen seiner letzten Romane den Roman <em>Judas<\/em> geschrieben. Hier gibt Oz eine andere Schilderung von Judas. Was nun, wenn Judas so handelt, wie er das tut, weil er als der einzige J\u00fcnger am Gr\u00fcndonnerstag den Glauben bewahrt hat und also glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Und deshalb glaubt Judas voll und ganz, wenn Jesus gefangen wird, dann wird Jesus schlie\u00dflich zeigen, wer er ist, seine g\u00f6ttliche St\u00e4rke beweisen. Vom Kreuz herabsteigen und das Reich wiederaufrichten. Der Judas-Kuss, ist das als Verrat gemeint, oder ist es ein Kr\u00f6nungskuss, der Kuss, den man einem K\u00f6nig gibt, ehe die gro\u00dfe Schlacht beginnt? Und ist es das gro\u00dfe Ungl\u00fcck und die grausame Trag\u00f6die des Judas, dass er Jesus missversteht und dann den verr\u00e4t, an den er glaubt.<\/p>\n<p>Als jedenfalls die Wahrheit f\u00fcr Judas aufgeht und Jesus gefangen wird, ohne Widerstand zu leisten, ist Judas der einzige, der handelt. Die andere fl\u00fcchten, aber Judas will als der einzige unter den zw\u00f6lf nicht ohne Jesus weiterleben. Hier wird das Verspechen eingel\u00f6st, das Petrus Jesus gegeben, aber nicht gehalten hat: \u201eOb du auch sterben wirst, will ich zusammen mit dir sterben\u201c.\u00a0 Das sagt Petrus, aber es ist Judas, der es tut. Judas stirbt am selben Tag wie Jesus. Karfreitag h\u00e4ngen beide an ihrem Kreuz.<\/p>\n<p>Judas. Er ist der Mensch. Der ist jeder. Und er ist der, der Jesus in einer besonderen Weise verbunden ist. Sein Name ist derselbe wie der Jakob-Sohn Juda. Er, in dessen Stammbaum Matth\u00e4us zu Beginn seines Evangeliums sorgsam auff\u00fchrt, dass Jesus \u00fcber Josef dazugeh\u00f6rt. Jesus war vom Stamm Juda. So eng sind die beiden verbunden. Sie sind beide Juda-S\u00f6hne. Das Opfer und der Gehilfe der Henker sind Br\u00fcder.<\/p>\n<p>Ist es nicht auch deshalb, dass er an dem Tisch sitzen bleibt, Judas. Selbst als er sich selbst verraten hat, bleibt Judas sitzen. Und er empf\u00e4ngt Brot und Wein ganz wie die anderen. Mit genau denselben Worten: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Trinkt <em>alle<\/em>. Ob nun der Verrat des Judas bewusster Boshaftigkeit oder einem furchtbaren Missverst\u00e4ndnis entspringt, auch Judas empf\u00e4ngt das Abendmahl von Jesus in dieser Nacht. Jesus teilt sich selbst auch mit ihm.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich sieht Jesus in die Runde der Speisenden und gibt die Verhei\u00dfung: \u201eIch werde von nun an nicht mehr von diesem Gew\u00e4chs des Weinstocks trinken bis an dem Tag, an dem ich aus Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich\u201c. Zusammen mit euch! Euch. Das muss auch Judas miteinschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und wenn es das nicht tut, dann haben wir anderen an diesem Tisch nichts verloren, der gedeckt ist. Ist Judas ausgeschlossen, sind alle ausgeschlossen. Aber jetzt wird uns gesagt: Esst, das wird <em>euch<\/em> gegeben, trinkt <em>alle<\/em>. Das ist nicht nur eine Einladung an jeden einzelnen. Das ist eine Erinnerung daran, dass die Gemeinschaft mit unserem Herrn, in die wir beim Abendmahl einbezogen werden, auch die anderen einbezieht \u2013 auch die oder den, die nicht mit uns beim Abendmahl waren.<\/p>\n<p>Die ersten Christen nahmen aus eben diesem Grund Brot und Wein vom Abendmahl und brachten es denen, die aus irgendeinem Grund nicht am Gottesdienst teilgenommen hatten. Das ist so gesehen der Beginn unserer Einsammlungen, ob wir nun unseren Beitrag in den Klingelbeutel legen, im Netz bezahlen oder auf dem Weg vom Gottesdienst eben mal bei denen vorbeischauen, die von zuhause nicht wegkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn Kinder den Kirchenraum betreten, wundern sie sich oft \u00fcber die Altarschranke. Wozu ist die da? Soll der Pastor eingez\u00e4unt werden, oder d\u00fcrfen die anderen nicht zum Altar kommen? Ist das so eine Anordnung im Sinne von \u201eZutritt verboten\u201c? So sieht es ja leider aus. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Altarschranke soll nicht zuschlie\u00dfen, sondern aufschlie\u00dfen. Sie soll zum Ausdruck bringen, dass da mehr Platz ist am Altartisch, als wir sehen k\u00f6nnen. Wir f\u00fcllen nicht den Platz aus am Tisch. Denn der Altar ist ein Tisch, wo Platz genug ist.<\/p>\n<p>Es liegt ein tiefer Sinn darin, dass wir in unserer Kirche nicht in einem geschlossenen Kreis sitzen und um den Altar herum sitzen. Denn wenn wir am Abendmahl teilnehmen, sitzen wir mit an einem Tisch, dessen andere H\u00e4lfte wir nicht sehen k\u00f6nnen. Die steht ja in der Ewigkeit. Alle die, die hier vor uns waren, die, die wir vermissen, die, die wir nicht kennen, und alle die, zu denen wir uns nicht bekennen wollen \u2013 die sitzen mit am Tisch, wann immer wir das Abendmahl feiern.<\/p>\n<p>Am Tisch des Herrn ist der Platz unbegrenzt, und es ist schnell serviert. Wir brauchen nicht so viel, um alles mitzubekommen. Das Brot und den Wein. Leib und Blut Jesu. Sein Leben und seine Kraft. Dann werden wir gen\u00e4hrt und haben teil an dem, was Jesus ist: Die Treue, die beharrliche Liebe, die alles ertr\u00e4gt \u2013 Verrat, Dummheit, Feigheit.<\/p>\n<p>So dass er morgen sterben kann, wie wir sterben werden. Und dass wir jeden einzigen Morgen und allezeit leben k\u00f6nnen, wie er lebt. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pr\u00f6pstin Margrethe Dahlerup Koch<\/p>\n<p>Fjord Alle 13<\/p>\n<p>DK-6950 Ringk\u00f8bing<\/p>\n<p>E-mail: mdk(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht, da er verraten ward | Gr\u00fcndonnerstag 2021 | Matth\u00e4us 26,17-30 | von Margrethe Dahlerup Koch | \u201dIn der Nacht, als er verraten ward\u201c. So hei\u00dft es jeden Sonn- und Feiertag beim Abendmahl. 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