{"id":4770,"date":"2021-03-29T14:05:08","date_gmt":"2021-03-29T12:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4770"},"modified":"2021-03-30T22:54:45","modified_gmt":"2021-03-30T20:54:45","slug":"gott-und-das-leiden-der-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gott-und-das-leiden-der-menschen\/","title":{"rendered":"Gott und das Leiden &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Gott und das Leiden der Menschen | Predigt am Karfreitag, 2. April 2021 | von Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde! \u2013 Wir wollen uns heute \u2013 am Karfreitag \u2013 einer Frage zuwenden, die uns als Christen immer wieder von Menschen vorgehalten wird, die dem Glauben an Gott fern stehen, eine Frage, die aber auch uns selbst, wenn wir uns bewusst als Christen verstehen, wenn wir unsere Hoffnung auf Gott setzen, immer wieder umtreiben kann: Sie ist gerade auch am Karfreitag, am Tag des Gedenkens an den Kreuzestod Jeu, eine dr\u00e4ngende Frage:<\/p>\n<p>Wie kann es Gott geben, wenn wir von so viel Leiden unter den Menschen wissen und erfahren? Wie kann Gott das alles zulassen, was sich an Elend auf dieser Erde findet? Die gegenw\u00e4rtige Pandemie versch\u00e4rft diese Frage erneut. Hat der Glaube an Gott einen Sinn, wenn so viele Menschen hilflos der Not ausgesetzt sind?<\/p>\n<p>Wer von uns k\u00f6nnte sagen, dass ihn diese aufw\u00fchlende, bittere Frage nicht schon bedr\u00e4ngt hat?<\/p>\n<p>Es ist eine Frage, die die Menschen, gerade auch glaubende Menschen \u2013 und zwar Juden und Muslime gleichfalls wie Christen \u2013 schon seit hunderten, ja seit tausenden Jahren umtreibt.<\/p>\n<p>Wir wollen sie heute zusammen mit einem Psalmbeter aus dem Alten Testament stellen, der die Frage an Gott, ja, die Anklage an Gott aufr\u00fcttelnd herausschreit; es ist der 22. Psalm, den wir vorhin im Wechsel gesprochen haben und aus dem ich jetzt noch einmal einige Verse verlese:<\/p>\n<p><em>(2) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 bleibst ferne meiner Rettung und den Worten meiner Klage?<\/em><\/p>\n<p><em>(3) Mein Gott, ich rufe bei Tage und du antwortest nicht<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0 &#8211; des Nachts, und finde nicht Ruhe.<\/em><\/p>\n<p><em>(8) Alle, die mich sehen, spotten meiner, <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 verziehen die Lippen und sch\u00fctteln den Kopf:<\/em><\/p>\n<p><em>(9) \u201eEr warf\u2019s auf den Herrn, der m\u00f6ge ihm helfen;<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Er errette ihn, denn er hat ja Gefallen an ihm.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Wer von uns k\u00f6nnte die Klage des Beters nicht nachempfinden: \u201eMein Gott, ich rufe bei Tage und du antwortest nicht \u2013 des Nachts, und finde nicht Ruhe.\u201c<\/p>\n<p>Mir steht eine Frau vor Augen, die nach Jahrzehnten gl\u00fccklicher Ehe, aber ohne Kinder, ihren Mann verloren hat, und der ihr Leben nun einsam und inhaltsleer geworden ist; sie kann sich mit ihrem Geschick nicht abfinden, Tag und Nacht gr\u00fcbelt sie dar\u00fcber nach; zu sehr fehlt ihr die begleitende Hand, das verstehende Gespr\u00e4ch, die Gegenwart des anderen; ihr Grundvertrauen, ihr Glaube an Gott, ist auf das Tiefste ersch\u00fcttert. Wie viele Menschen hat das im vergangenen Jahr eben so getroffen, bei den Zigtausend, die der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen sind! Oder denken wir an die, deren Partnerin oder Partner, Vater oder Mutter an Demenz leiden, wo nicht nur das Ged\u00e4chtnis schwindet und Pflegebed\u00fcrftigkeit auftritt, sondern manchmal sogar der Charakter sich ver\u00e4ndert. Jeder von uns wird sich solche oder \u00e4hnliche Bilder vor Augen stellen k\u00f6nnen \u2013 aus dem eigenen Familien- oder Freundeskreis, oder auch aus den weltweiten Nachrichten, die uns t\u00e4glich ins Haus getragen werden.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Frage \u2013 \u201eWie kann Gott das zulassen?\u201c \u2013 ist in der Geschichte von Judentum, Christentum und auch Islam immer wieder nachgedacht worden. Eine L\u00f6sung der Frage, die man schon in Teilen der alttestamentlichen (Weisheits-)Literatur findet, ist die: Dem Frommen und Rechtschaffenen geht es gut; dem B\u00f6sen geht es schlecht. Der Fromme wird \u2013 auch wenn es ihm zwischenzeitlich einmal nicht so wohl geht \u2013 letztlich doch Gutes erfahren; der B\u00f6se aber wird \u2013 auch wenn er zwischenzeitlich einmal scheinbaren Erfolg haben sollte \u2013 schlie\u00dflich doch vom Fluch der b\u00f6sen Tat verfolgt werden. \u2013 Aber das ist eine zu billige L\u00f6sung des Problems. Zwar gibt es gewiss so etwas wie den Fluch der b\u00f6sen Tat und den Segen der guten Tat. Und doch kommt es vor, dass der Fromme und Rechtschaffene in eine ganz ausweglose Lage geraten kann, dass er seinen Glaubensmut, sein Lebensvertrauen einfach nicht wiederfinden kann, und dass der B\u00f6se unangefochten seinen Weg geht. In un\u00fcberholter Weise ist das bereits im Hiob-Buch des Alten Testaments dargestellt: Hiob, dem all sein Hab und Gut, alle seine Kinder und schlie\u00dflich seine Kraft und Gesundheit genommen ist, kann in seinem Elend die Fragen stellen:<\/p>\n<p><em>\u201eHab ich den Bed\u00fcrftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen? Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen? Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet \u2026\u201c <\/em>(Hiob 31,16-18). Trotzdem muss er den Weg durch das gr\u00f6\u00dfte Elend gehen.<\/p>\n<p>Ein besonders ersch\u00fctterndes Dokument aus dem letzten Jahrhundert ist ein Brief aus dem 2. Weltkrieg, den ein Soldat aus Stalingrad an seinen Vater geschrieben hat (nach \u201eOrientierung Religion\u201c 5\/6, Frankfurt 1973, S. 12):<\/p>\n<p>\u201eVater, ich habe Gott gesucht.<\/p>\n<p>Da waren Bombentrichter. Da waren zerst\u00f6rte H\u00e4user.<\/p>\n<p>Da waren Kameraden, die hatten Angst.<\/p>\n<p>Mein Herz hat nach Gott geschrieen.<\/p>\n<p>Er zeigt sich nicht.<\/p>\n<p>Die H\u00e4user sind zerst\u00f6rt,<\/p>\n<p>auf der Erde ist Hunger und Mord,<\/p>\n<p>vom Himmel kommen Bomben und Feuer,<\/p>\n<p>nur Gott ist nicht da.<\/p>\n<p>Nein, Vater, es gibt keinen Gott.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass es entsetzlich ist, wenn ich das schreibe.<\/p>\n<p>Und wenn es doch einen Gott geben sollte,<\/p>\n<p>dann gibt es ihn nur bei euch,<\/p>\n<p>in den Gesangb\u00fcchern und Gebeten,<\/p>\n<p>in den frommen Spr\u00fcchen der Pastoren,<\/p>\n<p>im L\u00e4uten der Glocken,<\/p>\n<p>aber in Stalingrad nicht.\u201c<\/p>\n<p>Aus diesen Worten spricht alles, was menschliche Angst und Verzweiflung ausmachen kann; der ganze Abgrund vollkommener Gottverlassenheit tut sich auf. \u2013 Angesichts solcher Erfahrungen kann uns die Rede vom allm\u00e4chtigen Gott, der alles so herrlich regieret, nicht leicht \u00fcber die Lippen kommen; die Rede vom g\u00fctigen Gott b\u00fc\u00dft ihre scheinbare Selbstverst\u00e4ndlichkeit ein. &#8211;\u00a0 Wo ist Gott, wenn er hier, in diesem Elend, nicht ist? Ist er wirklich nur in den Gesangb\u00fcchern und Gebeten da, in den frommen Spr\u00fcchen der Pastoren, im L\u00e4uten der Glocken? Lebt er in einem Jenseits, unbehelligt von allem menschlichen Elend?<\/p>\n<p>Alles, was sich uns bisher an Fragen und Anklagen aufgetan hat, findet sich wieder in einer Geschichte, die in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in einer Jugendzeitschrift der Jesus-People-Bewegung (\u201eone way\u201c \u2013 1973) abgedruckt wurde. Die Geschichte ist ein wenig jugendgem\u00e4\u00df-popul\u00e4r aufgemacht \u2013 doch ich will sie uns hier wiedergeben, weil sie wie kaum eine andere Erz\u00e4hlung keine ausweichende Antwort gibt, sondern das Problem \u201eGott und menschliches Leiden\u201c in seinem Kern erfasst, dabei aber \u00fcber die Klage und Anklage ein gutes St\u00fcck hinausf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung hat den Charakter eines utopischen Gleichnisses, d. h. sie spricht vom Ende aller Zeiten so, als k\u00f6nnte man dar\u00fcber schon wie \u00fcber etwas Vergangenes berichten. Durch diese R\u00fcckblick-Perspektive aus der Zukunft heraus aber wird vieles deutlicher, was unsere Gegenwart betrifft. Die Geschichte lautet folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>Am Ende aller Zeiten hatten sich Milliarden von Menschen auf einer gro\u00dfen Ebene vor Gottes Thron versammelt. Einige Gruppen in den vorderen Reihen waren in eine erhitzte Diskussion verwickelt \u2013 nicht in kriecherischer Furcht, sondern in kriegerischer Aggression.<\/p>\n<p>\u201eWie kann Gott es wagen, \u00fcber uns zu richten? Was wei\u00df er denn schon vom Leiden?\u201c keifte eine lustige Br\u00fcnette. Sie schob einen \u00c4rmel zur\u00fcck und auf ihrem Arm wurde eine eint\u00e4towierte Nummer aus einem Nazi-KZ sichtbar. \u201eWir mussten Terror, Schl\u00e4ge, Qualen, Tod erdulden!\u201c In einer anderen Gruppe schob ein schwarzer Mann seinen Kragen herunter. \u201eWas haltet ihr davon?\u201c fragte er, als eine h\u00e4ssliche Spur an seinem Hals sichtbar wurde, die von einem Seil herr\u00fchrte. \u201eWir wurden gelyncht aus keinem anderen Grund als dem, dass wir schwarz sind! Wir sind in Sklavenschiffen erstickt, von unseren Familien getrennt und gequ\u00e4lt worden, bis wir durch den Tod befreit wurden.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber die ganze Ebene hinweg gab es Hunderte dieser Gruppen. Jede hatte eine Klage vorzubringen gegen Gott, der dieses Unrecht und Leiden in der Welt zulie\u00df. Wie gl\u00fccklich er sich doch sch\u00e4tzen konnte, in einem Himmel zu wohnen, in dem es nur eitel Sonnenschein und Engeljubilieren und keine Tr\u00e4nen, keinen Hunger, keine Angst und keinen Hass gab. Was wusste Gott \u00fcberhaupt von dem, was der Mensch auf dieser Erde ertragen musste? \u201eGott hat jedenfalls ein recht beh\u00fctetes, abgeschirmtes Leben gef\u00fchrt\u201c, stellten sie fest.<\/p>\n<p>Deshalb erw\u00e4hlte sich jede Gruppe einen F\u00fchrer, der aus denen gew\u00e4hlt wurde, die am meisten gelitten hatten. Ein Jude, ein Neger, ein Unber\u00fchrbarer aus Indien, ein uneheliches Kind, ein Mensch aus Hiroshima, einer aus einem sibirischen Strafgefangenenlager. In der Mitte der gro\u00dfen Eben trafen sie zu einer Konferenz zusammen. Schlie\u00dflich brachten sie ihren Beschluss vor. Er war ganz einfach: bevor sich Gott qualifiziert haben w\u00fcrde, ihr Richter zu sein, m\u00fcsste er das erdulden, was sie erduldet hatten. Ihr Beschluss lautete: \u201eGott wird verurteilt, auf der Erde zu leben \u2013 als Mensch!\u201c<\/p>\n<p>Aber weil er Gott war, trafen sie einige Sicherheitsvorkehrungen, um sicherzugehen, dass er seine g\u00f6ttlichen Kr\u00e4fte nicht benutzen k\u00f6nnte, um sich zu helfen:<\/p>\n<ul>\n<li>Er sollte als Jude geboren werden.<\/li>\n<li>Die Legitimit\u00e4t seiner Geburt sollte angezweifelt werden, damit keine w\u00fcsste, wer wirklich sein Vater sei.<\/li>\n<li>Er sollte solch einen gerechten aber radikalen Kurs verfolgen, dass er den Hass, die Verdammung, die Versuche der \u201eLiquidierung\u201c jeder gro\u00dfen, traditionellen und etablierten religi\u00f6sen Macht gegen sich aufbringen w\u00fcrde.<\/li>\n<li>Er sollte versuchen, das zu beschreiben, was noch niemand zuvor gesehen, geschmeckt, geh\u00f6rt oder gerochen hat, \u2026 er sollte Gott dem Menschen verst\u00e4ndlich machen.<\/li>\n<li>Er sollte von seinen engsten Freunden verraten werden.<\/li>\n<li>Er sollte aufgrund falscher Tatbest\u00e4nde angezeigt, von Geschworenen, die Vorurteile hatten, verh\u00f6rt und von einem feigen Richter verurteilt werden.<\/li>\n<li>Er sollte erleben, was es bedeutet, total allein und von aller Kreatur verlassen zu sein.<\/li>\n<li>Er sollte gequ\u00e4lt werden und sterben! Er sollte den dem\u00fctigendsten Tod erleiden \u2013 mit gemeinen Dieben zusammen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>W\u00e4hrend jeder der F\u00fchrer der einzelnen Gruppen seinen Teil des Urteils vortrug, erhob sich allgemeines zustimmendes Gemurmel aus der gro\u00dfen Menschenmenge. Als schlie\u00dflich das Urteil gesprochen war, wurde Totenstille. Kein Mensch sagte ein Wort. Keiner r\u00fchrte sich von der Stelle. Pl\u00f6tzlich wussten sie es alle \u2026<\/p>\n<p>Gott hatte sein Urteil schon verb\u00fc\u00dft \u2026<\/p>\n<p>(aus: Jesus von Nazareth\/Christologie &#8211; ein theologisches Thema in der Er\u00adwachsenenbildung. Studienbrief 9\/10 der Ev. Arbeitsstelle Fernstudium f\u00fcr kirchliche Dienste. Hannover 1975, Materialanhang H 53, S. 85f.)<\/p>\n<p>Was in dieser Erz\u00e4hlung geschieht, ist, dass der Blick der Anklage hingelenkt wird auf ein St\u00fcck Geschichte, das sich unter uns, mitten in menschlichem Gl\u00fcck und Elend ereignet hat und von dem der christliche Glaube sagt, dass es nichts anderes als die Geschichte Gottes selbst ist. \u2013 Gott ist in Jesus in das menschliche Leben und Leiden eingestiegen, er hat es bis zur letzten Verlassenheit gekostet, und was damit zum Ausdruck kommt, ist dies: dass alles menschliche Leiden, auch das elendste, nicht ohne das Mitleiden Gottes, nicht gott-los ist.<\/p>\n<p>Damit ist das Leiden nicht fort, die Angst und die Verlassenheit sind nicht einfach gebannt, und doch sind sie f\u00fcr den, der seinen Blick auf Jesus richtet, gewandelt: Er sieht bei allen Leidenden, auch bei dem Soldaten in Stalingrad und den Opfern in den Nazi-KZs, den stehen, der selbst am Kreuz wie der Psalmbeter geschrieen hat: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!\u201c<\/p>\n<p>Dieses, dass Gott sich selbst in menschliches Leiden hineinbegibt, dass er es annimmt, dass er sich im Innersten und \u00c4u\u00dfersten von ihm angreifen l\u00e4sst, ist eine Glaubenserfahrung, die dem Christentum zutiefst innewohnt. Es ist eine Erfahrung, die nicht nur Trost und Kraft verleihen kann, sondern die sich auch gegen alle menschliche Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit stellen muss, die uns Christen alles \u00fcberhebliche Denken und Reden \u00fcber Not und Schuld Anderer unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>In besonderer Weise hat das schon Paulus als einer der fr\u00fchesten Nachfolger Jesu erfahren und ausgedr\u00fcckt: Er k\u00f6nnte sich himmlischer Offenbarungen r\u00fchmen ; aber nicht diese Visionen sind das Wunder Gottes, auf das es ankommt, sondern das eigentliche Wunder ist, dass die Kraft Gottes gerade in seiner Krankheit und Schwachheit m\u00e4chtig wird.<\/p>\n<p>Nun muss aber noch ein Missverst\u00e4ndnis abgewehrt werden, das sich einstellen k\u00f6nnte: dass Gott am menschlichen Leiden teilnimmt, hei\u00dft nicht, dass man sich mit dem Leiden abfinden soll. Zwar ist es gewiss so, dass Christen einen gewandelten Blick f\u00fcr das Leiden haben k\u00f6nnen. Sie werden Leid vielleicht anders ertragen, anders verarbeiten k\u00f6nnen als Menschen, die nur sich selbst im Blick haben. Aber sie sollen deswegen Leid nicht gleichg\u00fcltig hinnehmen oder sich gar mit ihm anfreunden.<\/p>\n<p>Jesus hat die Leidenden und Ausgesto\u00dfenen angenommen, aber nicht, um sie duldsamer, um sie passiv zu machen, sondern damit sie als sein J\u00fcnger selbst andere annehmen.<\/p>\n<p>Jesus ist den Weg des Leidens bis ans Kreuz gegangen und hat seiner Gemeinde damit gezeigt, dass ihr Weg durch Leiden f\u00fchren kann. Aber weil sein Tod nicht das Ende war, sondern der Anfang der Auferstehung, k\u00f6nnen sich Christen nicht mit dem Todesgeschehen in ihrer Umwelt abfinden. Sie werden dort, wo es m\u00f6glich ist, an der \u00dcberwindung von Krankheit, Feindschaft und Selbstsucht als den Ursachen des Leidens arbeiten, und sie werden dort, wo gelitten werden muss, bei den Leidenden sein, sie st\u00e4rken und aufrichten.<\/p>\n<p>Die Verbindung von Leiden, Mitleiden und Handeln ist auch im letzten Jahrhundert und bis in unsere Gegenwart hinein immer wieder in besonderen Pers\u00f6nlichkeiten unter uns lebendig geworden. Ich denke jetzt an Dietrich Bonhoeffer, der, obwohl er als Christ den Grundsatz der Gewaltlosigkeit vertrat, am aktiven, gewaltsamen Widerstand gegen Adolf Hitler teilnahm, um schlimmste Gewalt und das Leiden unendlich vieler Menschen zu bek\u00e4mpfen. Er hat von den Kriegsschrecken gewusst, die den Soldaten in Stalingrad haben verzweifeln lassen; er litt unter der Rechtlosigkeit und Ausweglosigkeit, in die die Juden gesto\u00dfen wurden. Und er hat selbst im Gef\u00e4ngnis und bis hin zur Hinrichtung schlimme Dem\u00fctigungen erfahren m\u00fcssen. Aber er hat dabei aus der Leidenskraft Jesu heraus leben und handeln k\u00f6nnen. \u2013 Wie er den Weg derer, die Jesus begegnet sind, im Leiden und durch das Leiden hindurch sieht, beschreibt er in einem Gedicht mit folgenden Worten (D. Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. M\u00fcnchen 1951. Hier: TB-Ausgabe M\u00fcnchen\/Hamburg 1964, S. 182):<\/p>\n<p>Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,<\/p>\n<p>flehen um Hilfe, bitten um Gl\u00fcck und Brot,<\/p>\n<p>um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.<\/p>\n<p>So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.<\/p>\n<p>Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,<\/p>\n<p>finden ihn arm, geschm\u00e4ht, ohne Obdach und Brot,<\/p>\n<p>sehn ihn verschlungen von S\u00fcnde, Schwachheit und Tod.<\/p>\n<p>Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.<\/p>\n<p>Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,<\/p>\n<p>s\u00e4ttigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,<\/p>\n<p>stirbt f\u00fcr Christen und Heiden den Kreuzestod,<\/p>\n<p>und vergibt ihnen beiden.<\/p>\n<p>Die Frage, die wir am Anfang stellten \u2013 \u201eWie kann Gott Ungl\u00fcck und Leid zulassen?\u201c \u2013 verwandelt sich hier in eine andere Frage, die Frage n\u00e4mlich: Wo ist das Leiden Gottes in unserer Welt, an dem ich teilnehmen kann: das Leiden Jesu, das meinem Leiden voraus ist, das Leiden aber auch der Anderen, das meine Teilnahme, meine Mitarbeit an seiner \u00dcberwindung fordert?<\/p>\n<p>Leid wird auf diesem Wege nicht verniedlicht, nicht bagatellisiert; aber es erh\u00e4lt einen neuen Stellenwert. Zwar k\u00f6nnen wir nie im Voraus sagen, ob wir dem Leiden gewachsen sein werden; aber wir wissen doch, dass es nicht ein Fatum, ein namenloses Schicksal ist, sondern dass Gott dieses Geschick bewusst auf sich genommen hat, dass er bei uns sein will in unserer Not und dass er uns Mut machen will im Kampf gegen Verlassenheit und Verzweiflung.<\/p>\n<p>Wir beten mit Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung S. 74):<\/p>\n<p>Herr Jesus Christus,<\/p>\n<p>Du warst arm<\/p>\n<p>und elend, gefangen und verlassen wie ich.<\/p>\n<p>Du kennst alle Not der Menschen,<\/p>\n<p>Du bleibst bei mir,<\/p>\n<p>wenn kein Mensch mir beisteht,<\/p>\n<p>Du vergisst mich nicht und suchst mich,<\/p>\n<p>Du willst, dass ich Dich erkenne und mich<\/p>\n<p>zu Dir kehre.<\/p>\n<p>Herr, ich h\u00f6re Deinen Ruf und folge,<\/p>\n<p>hilf mir!<\/p>\n<p>Heiliger Geist,<\/p>\n<p>gib mir den Glauben, der mich vor<\/p>\n<p>Verzweiflung, S\u00fcchten und Laster rettet,<\/p>\n<p>gib mir die Liebe zu Gott und den Menschen,<\/p>\n<p>die allen Hass und Bitterkeit vertilgt,<\/p>\n<p>gib mir die Hoffnung, die mich befreit von<\/p>\n<p>Furcht und Verzagtheit.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar,\u00a0<a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p>Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Vorsitzender der N\u00fcrnberger Regionalgruppe der\u00a0<em>Religionen f\u00fcr den Frieden<\/em>, Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Deutschland und Mitglied der internationalen Kommission\u00a0<em>Strenghtening Interreligious Education\u00a0<\/em>der internationalen Bewegung\u00a0<em>Religions for Peace\u00a0<\/em>(RfP).<\/p>\n<p>Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott und das Leiden der Menschen | Predigt am Karfreitag, 2. 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