{"id":4806,"date":"2021-03-31T21:24:43","date_gmt":"2021-03-31T19:24:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4806"},"modified":"2021-03-31T21:26:38","modified_gmt":"2021-03-31T19:26:38","slug":"wo-er-uns-begegnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wo-er-uns-begegnet\/","title":{"rendered":"Wo Er uns begegnet"},"content":{"rendered":"<h3>Osternacht | 4. April 2021 | Predigt zu Matth\u00e4us 28,1-10 | verfasst von Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p><em>\u00a0Als der Sabbat vor\u00fcber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. \u00a0Und siehe, es geschah ein gro\u00dfes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und w\u00e4lzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand wei\u00df wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als w\u00e4ren sie tot.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Aber der Engel sprach zu den Frauen: F\u00fcrchtet euch nicht! Ich wei\u00df, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die St\u00e4tte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen J\u00fcngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galil\u00e4a; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.<\/em><\/p>\n<p><em>Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und gro\u00dfer Freude und liefen, um es seinen J\u00fcngern zu verk\u00fcndigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegr\u00fc\u00dft! Und sie traten zu ihm und umfassten seine F\u00fc\u00dfe und fielen vor ihm nieder. \u00a0Da sprach Jesus zu ihnen: F\u00fcrchtet euch nicht! Geht hin und verk\u00fcndigt es meinen Br\u00fcdern, dass sie nach Galil\u00e4a gehen: Dort werden sie mich sehen. (Matth\u00e4us 28,1-10)<\/em><\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>\u00dcber kein anderes Ereignis werden in der Bibel so viele Geschichten erz\u00e4hlt wie \u00fcber Ostern. In jedem Evangelium finden sich mindestens zwei Ostergeschichten. Und keine ist so wie die andere.<\/p>\n<p>Bei Karfreitag ist das ganz anders. Da wird von allen vier Evangelisten fast wie aus einem Munde berichtet. Nirgendwo sonst stimmen sie so \u00fcberein wie bei der Erz\u00e4hlung von der Kreuzigung. Und auch Historiker geben zu, dass die Evangelisten in diesem Punkt recht zuverl\u00e4ssig sind.<\/p>\n<p>Ostern hingegen macht auch den gutwilligsten Historiker ratlos. Von vielfachen Erscheinungen Jesu wird da erz\u00e4hlt, die sich durchaus nicht auf einen Nenner bringen lassen. Einerseits \u2013 hei\u00dft es \u2013 ging der Auferstandene offenbar k\u00f6rperlos durch geschlossene T\u00fcren. Andererseits konnte Thomas seinen Leib sogar betasten, und andere a\u00dfen mit ihm. Wie reimt sich das zusammen?<\/p>\n<p>Imd dann gibt es obendrein noch die Erz\u00e4hlungen von Frauen am leeren Grab. Und dass Frauen viel reden, wenn der Tag lang ist und man davon h\u00f6chstens die H\u00e4lfte glauben kann, davon waren die M\u00e4nner schon damals \u00fcberzeugt. Frauen also sollen das leere Grab entdeckt haben, und jeder Evangelist beschreibt das anders. Bei Markus ist die Geschichte noch recht schlicht. Bei Matth\u00e4us \u2013 Sie haben es eben gelesen \u2013 ist sie voll wunderhafter Z\u00fcge. Da erbebt die Erde, ein Engel steigt vom Himmel, die W\u00e4chter fallen in Ohmacht. Und am Schluss erscheint der Auferstandene selbst.<\/p>\n<p>Man sollte meinen, wir Christen h\u00e4tten es leichter, wenn es von Ostern nur eine Geschichte g\u00e4be. Eine Geschichte, die sich mit historisch nachweisbaren Tatsachen deckt, m\u00f6glichst von den damaligen Beh\u00f6rden noch beglaubigt. Etwa so: \u201eHiermit best\u00e4tige ich, dass am ersten Tag der Woche nach dem Passahfest im 17. Regierungsjahr von Kaiser Tiberius der zwei Tage zuvor gekreuzigte und vom Leben zum Tod gebrachte Jesus von Nazareth um 4:30 Uhr ostr\u00f6mischer Zeit vor den Augen der von mir bestellten Grabesw\u00e4chter aus dem Grab gestiegen ist. Nach seinem Auftreten vor dem Volk auf dem Marktplatz ist er in meiner Residenz erschienen, um sein Leben von mir beglaubigen zu lassen.\u00a0 Gezeichnet und gesiegelt von Pontius Pilatus, r\u00f6mischer Statthalter in Jerusalem.\u201c<\/p>\n<p>Aber offenbar hatte Gott kein Interesse daran, Ostern auf diese Weise zu Protokoll zu geben, wie er sich ja \u00fcberhaupt allem Feststellen und Festhalten-Wollen entzieht. Und ich kann nur sagen: Alle Achtung vor den Evangelisten und denen, die ihre Berichte im Neuen Testament zusammengestellt haben, alle Achtung davor, dass sie der Versuchung widerstanden haben, uns ein Protokoll- oder Polizeibericht-Ostern vorzumachen. Das hat wohl damit zu tun, dass sie Ostern nicht als eine Tatsache der Vergangenheit erlebt haben, sondern als quicklebendige und fortdauernde Wirklichkeit. Als eine Wirklichkeit, die nicht zur Kenntnis genommen und abgehakt, sondern beherzigt werden und weiterwirken will.<\/p>\n<p>Als Tatsache feststellbar ist Jesu Tod am Karfreitag. Sein Leben aber ist nicht zu fassen, weil es voller Bewegung ist und in Bewegung bringt.\u00a0 Und deshalb kommt es den Ostergeschichten darauf an, die H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer mit hineinzunehmen in das Leben des Auferstandenen, immer wieder anders. Und so lassen Sie die heutige Ostergeschichte noch einmal auf sich \u00a0zukommen und sich\u00a0 auswirken.<\/p>\n<p>Frauen gehen zum Grab Jesu. Gegen\u00fcber den M\u00e4nnern mit den starken Spr\u00fcchen haben sie sich als die anh\u00e4nglichsten Nachfolger Jesu erwiesen. Und das wohl nicht nur damals, sondern durch die ganze lange Geschichte des Christentums hindurch. Sicher, das Sagen hatten immer die M\u00e4nner, aber dass die Geschichten vom Herrn Jesus den Menschen lieb geworden sind, daran hatten die M\u00fctter den entscheidenden Anteil.<\/p>\n<p>Jetzt nach dem Tode Jesu wollten sie durch die Pflege des Grabes daf\u00fcr sorgen, dass er nicht in Vergessenheit geriet und die Verbindung, die Hinterbliebene noch heute an den Gr\u00e4bern ihrer Lieben empfinden, erhalten blieb. Erstaunlich vieles bleibt von einem Gestorbenen in der Trauer der Hinterbliebenen bewahrt. Aber sp\u00e4testens mit deren Tod wird es dann auch ganz ruhig um ihn. Das Weiterleben in Erinnerungen hat seine Zeit und endet meist sehr viel schneller, als in Nachrufen zugesichert wird..<\/p>\n<p>Bei diesem Grab aber ist alles anders, ja genau umgekehrt. Die Frauen wollen dem Toten noch etwas von ihrem Leben abgeben. Und da erleben sie: Unter den Toten ist er nicht mehr zu finden. Er hat den Tod hinter sich, und er wird ihnen von neuem begegnen, um sie in sein Leben mit hineinzuziehen. Wo sie ihm nachtrauern wollen. da kommt er ihnen entgegen.\u00a0 Wo sie innehalten wollen, um dem Toten noch etwas Raum in ihrem Leben zu geben, da werden ihnen Beine gemacht, dass sie von seinem Leben etwas mitbekommen. Das stellt doch alles auf den Kopf! Und da sollte die Erde nicht beben? Und das soll nicht wie eine wunderbare Erscheinung vom Himmel wirken? Ja, als was denn sonst? Wenn die Erde einen Toten nicht festhalten kann? Und da sollten\u00a0 die Grabw\u00e4chter nicht\u00a0 stumm und dumm und starr werden, wo\u00a0 Frauen aufgeht, dass \u00a0ihr Jesus unter den Toten nicht zu finden ist? Ist da nicht auch ein Lachen zu h\u00f6ren angesichts der Ohnmacht eines bewaffneten Haufens, der ausgezogen ist, um m\u00f6glichen Ger\u00fcchten \u00fcber eine Auferstehung einen Riegel vorzuschieben. Werden hier nicht alle Gewaltregimes mitverlacht, die den Christen im Laufe der Geschichte zwar Angst und Schrecken eingejagt haben und es immer noch tun, die aber doch ganz machtlos dagegen waren und sind, dass Christus sich viel lebendiger erweist als alle ihn totsagenden Herrschaften?<\/p>\n<p>Also, unter den Toten ist Jesus nicht zu finden, so die Entdeckung der Frauen. Und diese Geschichte\u00a0 wird auch deshalb weiter erz\u00e4hlt, damit wir aufh\u00f6ren, ihn unter den Toten zu\u00a0 suchen oder ihn dort\u00a0 zu lassen nach der Devise: \u201aEr war ein vorbildlicher Mensch, Mehr aber auch nicht._ Ostern betont: \u00a0Er ist mehr, weil er anders als alle anderen nicht im Tode geblieben ist. Aber wo, bittesch\u00f6n, ist der Auferstandene zu finden? Nun, genau darauf wollen die Ostergeschichten hinaus, uns Augen und Herzen daf\u00fcr zu \u00f6ffnen, wo er uns begegnet. \u00a0\u201e<em>Er geht vor euch hin nach Galil\u00e4a, da werdet ihr ihn sehen!\u201c <\/em><\/p>\n<p>Also in Galil\u00e4a, wo sie herkommen, wo sie Jesus kennengelernt haben, wo sie sich auskennen und ihr Leben zu bestehen haben. Der Auferstandene begegnet seinen Leuten\u00a0 also nicht an besonders bedeutsamen \u00a0Orten oder in heiligen R\u00e4umen, nicht\u00a0 zu besonderen Festzeiten. Ostern schickt zur\u00fcck in das alte Leben mit dem bekannten Jesus.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd sie gingen eilend vom Grabe mit Furcht und gro\u00dfer Freude\u201c<\/em> \u2013 nicht voll gro\u00dfer neuer Erkenntnisse, aber mit einem in Bewegung geratenen Herzen. Voller Freude dar\u00fcber, dass Jesus nicht tot geblieben ist und Christen keine Denkmalspfleger Jesu sein m\u00fcssen. Freilich, Jesus in meinem gewohnten Leben vor mir zu haben, das kann auch ganz sch\u00f6n ungem\u00fctlich werden, kann sich durchaus als Zumutung erweisen.\u00a0 In jedem Fall ist es beruhigender, ihn zur\u00fccklassen zu k\u00f6nnen oder ihn in sicherer Verwahrung der Kirche zu wissen. Ihn vor mir haben in meinem allt\u00e4glichen Leben, bin ich dem wirklich gewachsen?<\/p>\n<p>In diese durchaus berechtigte Furcht seiner Anh\u00e4ngerinnen hinein tritt Jesus mit der entlastenden Zusage: \u201e<em>F\u00fcrchtet euch nicht<\/em>!\u201c Er schickt sie zu seinen J\u00fcngern, die ihn verleugnet und verlassen haben und erkl\u00e4rt diese ausdr\u00fccklich zu seinen Br\u00fcdern.<\/p>\n<p>Das geh\u00f6rt zu Ostern genauso wie der Sieg \u00fcber den Tod, dass Jesus sich hinwegsetzt \u00fcber das Versagen seiner Leute und sie nicht im Schatten des Todes bel\u00e4sst, in dem es raunt und wispert: Ich bin doch viel zu unbedeutend f\u00fcr ihn, viel zu unzuverl\u00e4ssig, habe zu viel Zweifel, um wirklich\u00a0 mit ihm leben zu k\u00f6nnen. Er traut uns das zu, ihm zu begegnen und ihm zu folgen.<\/p>\n<p>Wie,\u00a0 und wo? So wie wir ihn kennen. In den vielen Gestalten der Liebe, die sich dem Leben verschreibt. Da ist Ostern schon lange im Gange. Kommt, l\u00e4sst es uns nicht verpassen! Amen.<\/p>\n<p>Der Autor war Gemeindepastor, H\u00f6rfunkbeauftragter beim NDR und Superintendent in Stade.<\/p>\n<p>Der Ruhest\u00e4ndler\u00a0 ist Vorsitzender Hildesheimer Blindenmission e.V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Osternacht | 4. April 2021 | Predigt zu Matth\u00e4us 28,1-10 | verfasst von Rudolf Rengstorf | \u00a0Als der Sabbat vor\u00fcber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. \u00a0Und siehe, es geschah ein gro\u00dfes Erdbeben. 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