{"id":4820,"date":"2021-04-01T00:53:48","date_gmt":"2021-03-31T22:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4820"},"modified":"2021-04-01T00:56:46","modified_gmt":"2021-03-31T22:56:46","slug":"der-himmel-und-das-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-himmel-und-das-paradies\/","title":{"rendered":"Der Himmel und das Paradies"},"content":{"rendered":"<h3>&nbsp;5.4.2021 | Ostermontag |Predigt \u00fcber Offenbarung 5,6-14 | verfasst von Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p>Der heutige Predigttext stammt aus der Offenbarung an Johannes. Die Offenbarung ist eines der geheimnisvollsten B\u00fccher des Neuen Testaments. Keine Jesus-Erz\u00e4hlungen nach der Art der Evangelien. Kein Nachdenken \u00fcber den Glauben nach Art der Paulus-Briefe. Vielmehr: gewaltige Bilder, schnelle Wechsel, wie wir sie aus manchen Video-Clips kennen, und Symbolbilder, die wir heute nicht mehr ohne Weiteres deuten k\u00f6nnen. Diese Vielfalt des Neuen Testaments ist gut f\u00fcr uns. So k\u00f6nnen wir auf ganz verschiedene Weisen den fr\u00fchen Christen beim Glauben zuschauen. Es geht nicht nur um Geschichten und einpr\u00e4gsame Worte wie in den Evangelien. Es geht nicht nur um Nachdenken wie bei Paulus. Es geht aber auch nicht nur um besondere Erlebnisse wie bei Johannes. Es geht darum, wie auf verschiedene Weisen Glauben bei uns geweckt wird. Mit der Erlaubnis, dass unser Glaube sich in Geschichten und Glaubenszeugnissen zeigen darf, in der Nachdenklichkeit \u00fcber Gott und die Welt oder auch in ein bisschen ekstatischer Fr\u00f6mmigkeit.<\/p>\n<p>Es hilft nichts, wenn man das eine gegen das andere ausspielt oder gar das eine durch das andere erkl\u00e4ren will. Die Offenbarung an Johannes ist daf\u00fcr das beste Beispiel. Sie hat wegen ihrer Bildersprache viele religi\u00f6se Spekulationen an sich gezogen. Aus dem Trostbuch f\u00fcr die fr\u00fche Christengemeinde wurde ein Fahrplan \u00fcber kommende Ereignisse gemacht, und manche Ausleger monopolisierten ihre Endzeitinterpretation. Nur sie h\u00e4tten recht und alle anderen nicht. (Das letzte Mal wurde 2011 auch in Deutschland das J\u00fcngste Gericht gro\u00df plakatiert.) Die Offenbarung an Johannes ist aber nicht zu verstehen, wenn man sie in einen Fahrplan kommender Ereignisse auswalzt. Und ebenso wenig wird sie verstanden, wenn man versucht, sie versweise aufzudr\u00f6seln und rational zu erkl\u00e4ren. Die Bildersprache der Johannes-Offenbarung schlie\u00dft am ehesten an die Welt unserer Tr\u00e4ume an. Darum m\u00fcssen wir uns von diesen aus an die Welt der Offenbarung ann\u00e4hern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Seher Johannes teilt mit uns im heutigen Predigttext (s)einen Blick in den himmlischen Thronsaal. Lassen wir die Bilder erst einmal auf uns wirken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Predigttext<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Umbr\u00fcche als Vorlesehilfe)<\/p>\n<p>\u201e6 Und ich sah<\/p>\n<p>mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und<\/p>\n<p>mitten unter den \u00c4ltesten<\/p>\n<p>ein Lamm<\/p>\n<p>stehen,<\/p>\n<p>wie geschlachtet;<\/p>\n<p>es hatte sieben H\u00f6rner und sieben Augen<\/p>\n<p>[, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande].<\/p>\n<p>7 Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron sa\u00df.<\/p>\n<p>8 Und als es das Buch nahm,<\/p>\n<p>da fielen die vier Wesen<\/p>\n<p>und die vierundzwanzig \u00c4ltesten nieder vor dem Lamm,<\/p>\n<p>und ein jeder hatte eine Harfe<\/p>\n<p>und goldene Schalen voll R\u00e4ucherwerk, [das sind die Gebete der Heiligen,]<\/p>\n<p>9 und sie sangen ein neues Lied:<\/p>\n<p>Du bist w\u00fcrdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel;<\/p>\n<p>denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut<\/p>\n<p>Menschen<\/p>\n<p>f\u00fcr Gott erkauft<\/p>\n<p>aus allen St\u00e4mmen und Sprachen und V\u00f6lkern und Nationen<\/p>\n<p>10 und hast sie unserm Gott zu einem K\u00f6nigreich und zu Priestern gemacht,<\/p>\n<p>und sie werden herrschen auf Erden.<\/p>\n<p>11 Und ich sah,<\/p>\n<p>und ich h\u00f6rte eine Stimme vieler Engel um den Thron<\/p>\n<p>und um die Wesen und um die \u00c4ltesten her,<\/p>\n<p>und ihre Zahl war<\/p>\n<p>zehntausendmal zehntausend und vieltausendmal tausend;<\/p>\n<p>12 die sprachen mit gro\u00dfer Stimme:<\/p>\n<p>Das Lamm, das geschlachtet ist, ist w\u00fcrdig,<\/p>\n<p>zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und St\u00e4rke und Ehre und Preis und Lob.<\/p>\n<p>13 Und jedes Gesch\u00f6pf,<\/p>\n<p>das im Himmel ist<\/p>\n<p>und auf Erden und unter der Erde<\/p>\n<p>und auf dem Meer und alles, was darin ist,<\/p>\n<p>h\u00f6rte ich sagen:<\/p>\n<p>Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm<\/p>\n<p>sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt<\/p>\n<p>von Ewigkeit zu Ewigkeit!<\/p>\n<p>14 Und die vier Wesen sprachen: Amen!<\/p>\n<p>Und die \u00c4ltesten fielen nieder und beteten an.\u201c<\/p>\n<p>(Offb 5,6-14)<\/p>\n<p>Es ist ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Panorama: In der Mitte der Thron Gottes und rund herum ein Hofstaat. Er ist vielfach gegliedert bis zu Tausenden von Engeln. Wir h\u00f6ren von Musik, Gesang und R\u00e4ucherwerk. Und der Blick zoomt auf ein Lamm, dem der Lobpreis des Hofstaats gilt. Es wurde geschlachtet und ist wieder am Leben. Es ist w\u00fcrdig, das Buch der Endzeit zu \u00f6ffnen. Nach ihr wird sich alles gekl\u00e4rt haben und kommen die Gl\u00e4ubigen zu ihrem Recht. Aber am Ende ist alles Gottesdienst. \u201eEhre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.\u201c Nach und mit aller Sch\u00f6pfung sprechen auch \u201edie vier Wesen\u201c ihr Amen. \u201eUnd die \u00c4ltesten fielen nieder und beteten an.\u201c<\/p>\n<p>Damit k\u00f6nnte alles gesagt sein, aber \u201egepredigt muss werden\u201c. Zum einen, weil wir nicht alle Vision\u00e4re wie Johannes sind, und zum anderen, weil Jahrhunderte zwischen uns und den biblischen Zeiten stehen. In unseren volkskirchlichen Gemeinden sind die wenigsten Vision\u00e4re nach Art eines Johannes. Aber: Wir haben durchaus Visionen, denn jeder von uns tr\u00e4umt. Und da finden wir dasselbe wie in unserem Bibeltext: Bilder, die nicht immer zusammenstimmen und manchmal unvermittelt wechseln. Vielleicht h\u00f6ren wir etwas. Vielleicht sp\u00fcren wir eine Ber\u00fchrung. Vielleicht riechen wir etwas. Und manchmal wachen wir auf und glauben, dass wir etwas Bedeutsames getr\u00e4umt haben. Bei allen Unterschieden zwischen der Bilderwelt von Johannes und unseren Traumbildern &#8211; das sieht und f\u00fchlt sich wohl \u00e4hnlich an. Nicht nur in dieser Hinsicht kommen wir Johannes n\u00e4her. Auch Johannes r\u00e4tselt gelegentlich \u00fcber das Gesehene. Manchmal erkl\u00e4rt er sich das Gesehene selber. Manchmal kommt ein Angelus interpres, ein Auslegeengel zu Hilfe. Mit unseren Tr\u00e4umen ist das \u00e4hnlich. Internet und Buchhandlungen sind voller Ratgeber, welches Bild wof\u00fcr steht. Allerdings m\u00f6chte ich bezweifeln, dass wir mit Entschl\u00fcsselungen wirklich weiterk\u00e4men. Es geht m. E. nicht darum, wof\u00fcr dieses oder jenes Bild \u201ein Wirklichkeit\u201c steht. Manche Leute sind sogar bereit,&nbsp; einen Traumdeuter zu bezahlen. Da meine ich, w\u00e4re es wichtig, den Klienten im Mittelpunkt zu lassen und damit zu arbeiten, was er oder sie mit ihren Tr\u00e4umen macht.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns also Tr\u00e4ume haben und probehalber Vision\u00e4re sein. Ich m\u00f6chte unsere Ann\u00e4herung zun\u00e4chst mit Bildern zu zwei Worten beginnen: \u201eParadies\u201c und \u201eHimmel\u201c. Zuerst:<\/p>\n<p><strong>Das \u201eParadies\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie mich fragen w\u00fcrden, wie f\u00fcr mich das \u201eParadies\u201c aussieht &#8211; meines sieht so aus: Ein altes Landhaus umgeben von einem Landschaftsgarten. Rhododendren und vor allem Hortensien. Wei\u00df, rosa, lila und vor allem blau. Ich finde mich in einer gro\u00dfen Bibliothek im Stil der alten Bibliotheken, mit Galerien und Buchregalen bis zur Decke. Ich habe eine gro\u00dfe Sitzecke und einen sch\u00f6nen Kamin. Ich kann lesen, so viel ich will und in welcher (Original-)Sprache ich will. Ich lese nur B\u00fccher, die das Lesen lohnen. Und bei meinen eigenen B\u00fcchern kann ich auch nach Jahren noch zum Geschriebenen stehen. Auch all das, was nie gedruckt wurde, ist nun fertig. Und alles ist gut, zwischen mir und dem Leben, zwischen mir und der Welt. Ich kann richtig sehen, was ich nie konnte, und endlich l\u00e4uft es sich wieder leicht, wenn ich meinen Landschaftsgarten durchwandere. Und die Katze, die schnurrend meine N\u00e4he sucht, l\u00f6st bei mir keine Allergien aus. Sie ahnen: Da ist manches dabei, was man in dieser Welt schon haben kann, und anderes, was ich in einem irdischen Leben nicht haben werde. Sicher fragen Sie sich: Wo sind hier die Menschen?<\/p>\n<p>Um es im Scherz zu sagen: Meine Frau ist in der Provence. Ihr ist weniger nach Bretagne, Irland oder S\u00fcdengland. Ihre Landschaft ist die Provence. Ein Morgen in den Lavendelfeldern. Eine alte Abtei im Blick, und sonst ist alles in lila. Die Luft ist frisch und doch gef\u00fcllt von Lavendelduft und einem Hauch Aroma eines Kaffees in der Hand. Im Mund der Geschmack eines franz\u00f6sischen Croissants und von Lavendelhonig aus der Abtei von S\u00e9nanque. Wenn ich ein Bild f\u00fcr uns beide suchen w\u00fcrde, k\u00f6nnten wir durchaus im Paradies des anderen leben, aber vielleicht brauchen wir auch ein anderes \u201eParadies\u201c. Die Laube meiner verstorbenen Schwiegereltern vielleicht. Mein Schwiegervater grillt, meine Frau und meine Schwiegermutter machen Dips und Salate. Und sp\u00e4ter spielen wir Romm\u00e9.<\/p>\n<p><strong>\u201eDer\u201c Himmel<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir zum zweiten Wort. \u201eHimmel\u201c. Da habe ich f\u00fcr mich eine interessante Entdeckung gemacht. \u201eHimmel\u201c &#8211; das Wort hat f\u00fcr mich zuerst mit Gott zu tun, mein \u201eParadies\u201c zuerst mit mir. Wie sollte ich mir auch vorstellen, dass Gott in einem Luxusauto die Allee herauff\u00e4hrt, um mich in meinem Landhaus zu besuchen?<\/p>\n<p>Es kann nur umgekehrt sein, dass ich zu Gottes Ort komme. Nicht er ist mein Gast, sondern ich bin seiner, so wie Johannes im himmlischen Thronsaal. Und dann \u00e4ndern sich f\u00fcr mich die Bilder. Es sind immer noch Bilder, die dem Alltag entnommen sind, und ich kann auch sagen, wo sie herkommen: Ich sehe Gottesh\u00e4user. Manche sind architektonisch gewaltig, manche protestantisch schlicht, aber es ist mir wichtig, dass sie seit Jahrhunderten durchbetet werden. F\u00fcr mich ziehen sich zusammen:<\/p>\n<p>&#8211; das Licht der farbigen Fenster gotischer Kathedralen<\/p>\n<p>&#8211; die Strenge mittelalterlicher Klosteranlagen<\/p>\n<p>&#8211; der Psalmengesang aufeinander eingesungener M\u00f6nche<\/p>\n<p>&#8211; die Weihnachtskonzerte der Ch\u00f6re, in denen ich mitgesungen habe.<\/p>\n<p>Sie sehen, das steht so neben- und ineinander, wie bei den Bildern unseres Predigttextes. Aber: Am Ende reicht das weit nicht, um den \u201eHimmel\u201c zu fassen.<\/p>\n<p>Denn eigentlich geht es beim Himmel nicht um einen Vorgeschmack, der vom Irdischen auf das Ewige schlie\u00dft. Wenn es wirklich der Himmel ist, dann ist er anders als die Erde. Mir geht es wie dem Johannes am Ende unseres Predigttextes. Am Ende kann im Angesicht Gottes nur Anbetung stehen und nichts anderes. Und ewige Zustimmung, ein ewiges Amen.<\/p>\n<p><strong>Der \u201eHimmel\u201c und das \u201eParadies\u201c von Johannes<\/strong><\/p>\n<p>Gehen wir zur\u00fcck zur Vision des Johannes in unserem Predigttext. Ich sprach von \u201eParadies\u201c und \u201eHimmel\u201c, und wir erkennen, Johannes zeigt uns seine Vision vom \u201eHimmel\u201c. Er sieht ihn als riesigen Thronsaal, gr\u00f6\u00dfer und bedeutsamer als alle irdischen Throns\u00e4le. Und er sieht darin Gott im Regiment. Auch das ist gr\u00f6\u00dfer und bedeutsamer als das, was Menschenk\u00f6nige und -kaiser tun. Selbst wenn es Gott im Verborgenen ist. F\u00fcr Johannes ist das wichtig, denn seine Gemeinde ist einer ersten Verfolgung ausgesetzt. Johannes selber ist verbannt und von ihr getrennt. Die Verfolger zeigen ihre Macht; Johannes aber wird sich in Visionen wie diesen gewiss, dass alles nur eine Etappe der Weltgeschichte ist. Alles wirklich Wichtige ist schon geschehen. Er schaut in den Thronsaal und sieht das Lamm, das geopfert ist und wieder lebt, das \u201eKraft und Reichtum und Weisheit und St\u00e4rke und Ehre und Preis und Lob\u201c entgegennimmt. Im Himmel wird schon Amen gesagt, auch wenn wir auf Erden noch kein preisendes Amen zum Lauf der Welt und zum Verlauf unseres Lebens haben.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir noch einmal aus dem Lobgesang auf das Lamm:<\/p>\n<p>\u201eDu bist w\u00fcrdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel;<\/p>\n<p>denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut<\/p>\n<p>Menschen<\/p>\n<p>f\u00fcr Gott erkauft<\/p>\n<p>aus allen St\u00e4mmen und Sprachen und V\u00f6lkern und Nationen<\/p>\n<p>und hast sie unserm Gott zu einem K\u00f6nigreich und zu Priestern gemacht,<\/p>\n<p>und sie werden herrschen auf Erden.\u201c<\/p>\n<p>Johannes wei\u00df: Durch den Glauben an das Lamm geh\u00f6re ich dazu. Am Ende der Johannes-Offenbarung wird dann sein \u201eParadies\u201c kommen. Die ewige Stadt Jerusalem, pr\u00e4chtig geplant und gestaltet. Einige Verse aus Offenbarung 21, das in meiner Kirche ein Textvorschlag bei Beerdigungen ist: \u201e3 Und ich h\u00f6rte eine gro\u00dfe Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die H\u00fctte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine V\u00f6lker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tr\u00e4nen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.\u201c Das ist aus Offenbarung 21, aber hier und heute geht es noch um Offenbarung 5. Das Paradies ist noch nicht da, aber im Himmel wei\u00df man, dass alles Wesentliche schon geschehen ist.<\/p>\n<p><strong>Unser Weg in den Himmel: das Lamm<\/strong><\/p>\n<p>Zoomen wir auf das Lamm, \u201ewie geschlachtet. Es hatte sieben H\u00f6rner und sieben Augen. [&#8230;] Es hat mit seinem Blut Menschen f\u00fcr Gott erkauft, als k\u00f6nigliches und priesterliches Volk.\u201c Wieder verschiedene, ineinander geschobene Bilder: H\u00f6rner f\u00fcr Macht und Augen f\u00fcr Wissen, Opfer und Blut als Kaufpreis, die Christenheit als k\u00f6nigliches und priesterliches Volk.<\/p>\n<p>Ich will mich auf das Opfer und Blut beschr\u00e4nken, weil es die heutzutage umstrittensten Bildsymbole sind. Vielleicht hatten Sie schon einmal eine stark blutende Wunde, haben Blut gespendet oder einen Menschen in seinem Blut liegen sehen. Dann wissen Sie: Blut ist wirklich \u201eein besonderer Saft\u201c. Das galt auch in der Antike, wo das Bild vom Opferlamm allgemein verst\u00e4ndlich war. Israel brachte seinem Gott Opfer dar, so selbstverst\u00e4ndlich wie die anderen antiken V\u00f6lker ihren G\u00f6ttern. Das Opfer, so die Vorstellung, \u00fcberwindet die Distanz zwischen der irdischen und der g\u00f6ttlichen Welt, in die man nicht hineinlatschen kann wie ein Tourist in eine Kirche, der nicht einmal wei\u00df, dass der Altarraum eigentlich nicht zu betreten ist.<\/p>\n<p>Uns ist das Bild vom Opfer fremd geworden, weil die Christen in Jesus das letzte Opfer gefunden haben. Das war keine leichte theologische \u00dcbung, weil der Tod am Kreuz ein Verbrechertod war und nicht das Opfer eines makellosen Tiers. Doch fand man zum Beispiel beim Propheten Jesaja [53,4-7* im Gottesknechtslied] einen Text wie diesen:<\/p>\n<p>\u201eWir [&#8230;] hielten ihn f\u00fcr den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert w\u00e4re. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer S\u00fcnde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden h\u00e4tten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 [&#8230;] der HERR warf unser aller S\u00fcnde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank gef\u00fchrt wird.\u201c<\/p>\n<p>Das half, im Licht der Auferstehung Jesu, dem Tod Jesu eine Bedeutung abzuringen. Jesus starb \u201ef\u00fcr uns\u201c, in einem doppelten Sinn. Zum einen \u201ef\u00fcr uns\u201c zur Vergebung unserer S\u00fcnden. Das kommt aus der Vorstellung, dass Gott ein Recht auf die Menschen hat und ein Recht auf Rechenschaft \u00fcber unser Leben, die wir aber wegen unserer S\u00fcnden nicht erfolgreich geben k\u00f6nnten. Zum anderen \u201ef\u00fcr uns\u201c auch im Sinn unserer Zukunft. Nichts soll mehr zwischen uns und Gott stehen. Auch der Tod nicht.<\/p>\n<p>Seit Jesu Kreuzestod und Auferstehung haben die Christen auf blutige Opfer f\u00fcr Gott verzichtet, wenngleich leider nicht auf blutige Opfer. Im Gegenteil, heute werden immer noch Menschen f\u00fcr weit weniger hehre Ziele in Kriege geschickt und geopfert. Das geh\u00f6rt zu dem vielen, was auf dieser Welt nicht gut ist, und was zu Visionen treibt, wie es anders sein sollte.<\/p>\n<p>Das alles findet aber seine Neubestimmung durch<\/p>\n<p><strong>Karfreitag &#8211; Karsamstag &#8211; Ostern<\/strong><\/p>\n<p>In der Schule erkl\u00e4re ich meinen Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen die Bedeutung dieser Tage so. Ich spreche von Karfreitagen, Karsamstagen und Ostersonntagen im Plural. Karfreitage, das sind die Tage, an denen uns Lebensmut und Gottvertrauen sinken: schlimme Diagnosen, Unf\u00e4lle, Trennungen, Entlassungen, Schlaganf\u00e4lle, Sterbef\u00e4lle, Schuld, und manchmal reicht es schon, dabei- und beistehen zu m\u00fcssen. Auch uns stellt sich die Frage nach dem \u201eWarum\u201c. Und h\u00e4ufig genug sind wir ja auch dabei, wenn es darum geht, \u201eWas kann jetzt werden?\u201c. Immerhin kann man verschiedentlich erleben, dass es ein kleines Ostern gibt und es weitergeht, man vielleicht im Nachhinein sogar seinen Frieden mit dem Schicksalsschlag macht. Vielleicht gibt es nicht ein besseres Leben, wohl aber ein bewussteres Leben mit der Krankheit. Eine neue Liebe. Eine berufliche Neuorientierung nach dem H\u00f6rsturz oder Herzinfarkt. Eine neue Berufschance, die man ohne die Entlassung oder Pleite nicht gesucht oder ergriffen h\u00e4tte. Dazwischen liegen freilich Zeiten, in denen gef\u00fchlt \u201egar nichts gut\u201c ist. Manchmal bleibt einem nichts anderes, als durchzuhalten und\/oder \u201eaktiv\u201c zu warten. Das sind f\u00fcr mich die Karsamstage, die ich lieber \u201eTage der Grabesstille\u201c nenne, in der Hoffnung, dass es am \u201edritten\u201c Tag oder eben irgendwann wieder besser wird. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich auch, dass manchmal der \u201eTag der Grabesstille\u201c f\u00fcr immer dauert. Das ist in dieser Welt so. Und am Ende des Lebens kommt unser letzter Karfreitag: Der Tag von Sterben und Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deshalb ist es f\u00fcr mich wichtig, dass unsere kleinen und gro\u00dfen Karfreitage und unsere Tage der Grabesstille, aber auch unsere kleinen Ostererfahrungen, im Drama des Lebens Jesu aufgehoben werden. Wir geben unsere Karfreitage in seinen Karfreitag und hoffen, dass alles am Ende in einer gro\u00dfen Auferstehung hin zu Gott endet. Im Angesicht Gottes wird es keine Fragen mehr geben, sondern Anbetung und ein ewiges Amen. Bis dahin sollen wir aber fragen und auch nach dem besseren Leben fragen, denn die Christen sind im Licht des Glaubens ein k\u00f6nigliches und priesterliches Volk, das seine M\u00f6glichkeiten vision\u00e4r in die Hand nehmen und seine Macht vor Gottes Augen im Dienst an der Welt nutzen soll.<\/p>\n<p>&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer am Melanchthon-Gymnasium N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;5.4.2021 | Ostermontag |Predigt \u00fcber Offenbarung 5,6-14 | verfasst von Hansj\u00f6rg Biener | Der heutige Predigttext stammt aus der Offenbarung an Johannes. 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