{"id":4845,"date":"2021-04-07T11:39:00","date_gmt":"2021-04-07T09:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4845"},"modified":"2021-04-07T11:41:37","modified_gmt":"2021-04-07T09:41:37","slug":"zwischen-zweifel-und-glauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/zwischen-zweifel-und-glauben\/","title":{"rendered":"Zwischen Zweifel und Glauben"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Zwischen Zweifel und Glauben &#8211; <\/strong><strong>Ein Dialog zwischen Petrus und Thomas | 11.4.21 | <\/strong>Johannes 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die beiden sitzen auf einer Bank und diskutieren die Existenz Gottes. Es k\u00f6nnten die beiden J\u00fcnger sein, aber es k\u00f6nnten auch andere sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Petrus<\/em>: Glaubst du an Gott?<\/p>\n<p><em>Thomas<\/em>: Hm, ich wei\u00df nicht richtig, aber an irgendetwas glaube ich wohl. Ich glaube nicht an einen alten Mann mit Bart, der oben im Himmel auf seinem Thron sitzt und Sonne und Mond hoch und runter bewegt. Ich glaube auch nicht daran, dass er die Erde in sechs Tagen geschaffen hat und dann am siebten Tag freigehabt hat.&nbsp; Ich glaube auch nicht an den Garten des Paradieses, aus dem er die beiden ersten Menschen verjagte. Ich glaube \u00fcberhaupt nicht an Geschichten, die uns von Gott erz\u00e4hlt worden sind.<\/p>\n<p>Aber ich glaube an irgendetwas. Ich glaube an irgendetwas hinter allem, das uns leitet. Ich glaube an ein Bewusstsein, das etwas anderes und mehr ist als die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit von DNA-Molek\u00fclen. Ich glaube an irgendetwas jenseits von Zeit und Raum, jenseits der Unendlichkeit. Ich glaube an Zusammenh\u00e4nge, deren Existenz wir vielleicht kaum kennen. Und ich glaube, dass viele Mystik, viel Religion ein St\u00fcck von Wahrheiten enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Ich glaube an ein Schicksal. Ich glaube an die Ewigkeit der Energien. An den Geist des Lebens. An Schwingungen, an den Grundton der Wellenbewegungen, den Gesang des Universums. Ich glaube, dass alles im Grunde dasselbe ist \u2013 nur in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Ich glaube, vielleicht ist Gott das Universum, und wir sind seine Gedanken. Ich glaube, dass er vielleicht die dynamische Bewegung selbst ist \u2013 BING BANG vom Ursprung der Zeiten bis zum Ende der Zeiten.<\/p>\n<p><em>Petrus: <\/em>Aber du glaubst also nicht richtig an Gott?<\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>Ja, ich w\u00fcrde jedenfalls nicht sagen, dass ich nicht an ihn glaube. Fr\u00fcher schien es mir das meist Unwahrscheinliche, daran zu glauben, die aller sinnloseste Wahrheit, der man vertrauen k\u00f6nnte. Aber mit der Zeit, wo die eine Wahrheit die andere abgel\u00f6st hat, erscheint er mir nun die am wenigsten sinnlose Wahrheit zu sein. Und er hat sich im Gegensatz zu den anderen Wahrheiten nicht ver\u00e4ndert. Er ist noch immer derselbe, etwas veraltet und ein einf\u00e4ltiges Haus. Seine M\u00e4ngel und Fehler sind deutlich. Aber das macht ihn dennoch mehr vertrauensw\u00fcrdig, wenn man all die funkelnden neuen Wahrheiten satthat, die einem jedes Mal mit demselben funkelnden Ernst pr\u00e4sentiert werden. Das wirkt fast r\u00fchrend und komisch, wenn man bedenkt, wie lange sie sich halten.<\/p>\n<p><em>Petrus<\/em>: Du glaubst also an Gott?<\/p>\n<p><em>Thomas<\/em>: Ja, ich glaube irgendwie an Gott, aber es gef\u00e4llt mir wahrlich gar nicht, dass man ihn mit diesem Jesus von Nazareth identifiziert hat. Das passte nicht zu ihm und hat den guten Ruf Gottes besch\u00e4digt. Diese Geschichte hat blo\u00df den Glauben an Gott schwergemacht, an das G\u00f6ttliche oder wie auch immer man es nennt.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich hat er gute und richtige Dinge gesagt, dieser kleine Mann aus Nazareth &#8211; na klar. Aber wenn das Gott sein soll, nein. Dazu war es zu menschlich, manchmal zu grob und hin und wieder zu fromm. Aber viel zu wenig, um das R\u00e4tsel des Lebens zu ergr\u00fcnden. Nein, an ihn glaube ich nicht! Ich habe keinen Glauben an ihn! Eine ordentliche Wahrheit muss \u00fcber Zeit und Raum erhaben sein. Eine ordentliche Wahrheit ist nicht von einem Menschen abh\u00e4ngig. Sie ist unbestreitbar und klar.<\/p>\n<p>Nein, Jesus ist und bleibt eine problematische Bekanntschaft. Eine Irritation in unserem irdischen Bewusstsein. Ein ewig juckender und irritierender Dorn im Auge, der uns st\u00e4ndig daran erinnert, wo wir sind. Nie wird uns erlaubt, fromm und selbstvergessen das himmlische Licht zu schauen, immer wird uns diese Irritation zu dem Ort zur\u00fcckrufen, wo wir sind. Erde von Erde, Staub von Staub.<\/p>\n<p>Hier endet zun\u00e4chst der Dialog. Thomas und Petrus kehren nach ihrer Himmelflucht zur\u00fcck zur Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Thomas denkt laut:<\/p>\n<p>Da sitzen wir wieder in der schlimmen Welt und meckern. Ach was f\u00fcr eine schlimme Sache, ein Leben ohne Sinn. Und der Mensch, dieses bizarre und l\u00e4cherliche Wesen. Weinerlich und bauernschlau, immer mit Versuchen, einen Kuhhandel einzugehen, auch wenn er immer etwas schuldig bleibt. Ein Kopf, der eine Abnormit\u00e4t am verl\u00e4ngerten R\u00fcckenmark entwickelt hat, das Gehirn \u2013 eine B\u00fcchse der Pandora voll mit allen Qualen der H\u00f6lle.<\/p>\n<p>Hier sitzen Petrus und ich mit Blei im K\u00f6rper und fluchen still \u00fcber das Leben, w\u00e4hrend wir mit der Hacke versuchen, den Kopf eines verdammten L\u00f6wenzahns zu zertreten. Da kommt ein ganz kleiner Mann und stellt sich neben uns. Er ist nicht sehr gro\u00df, aber ist ja da.<\/p>\n<p>Wir bemerken ihn, und wir verh\u00f6hnen ihn, weil er so klein ist. Aber es ist so, je mehr Aufmerksamkeit wir ihm widmen, desto mehr w\u00e4chst er. Wir verfluchen ihn f\u00fcr alles Elend der Welt, f\u00fcr unser Elend, f\u00fcr alle Dummk\u00f6pfe. Aber er sagt nichts. Er h\u00f6rt zu mit einem idiotisch offenen und ernsten Ausdruck im Gesicht, so als w\u00e4re er kurzsichtig.<\/p>\n<p>Thomas sagt zu ihm: Ja, schon gut mit dir. Du bildest dir wohl ein, dass du eine menschenfreundliche Seele bist, nur weil du dastehst und zuh\u00f6rst mit diesem bl\u00f6den Blick und Ausdruck im Gesicht. Aber du bist nur ein Narr, f\u00e4hrt Thomas fort. Ein Riesennarr. Und all was, was du da \u00fcberall gesagt und getan hast, als du lebtest, das ist nichts anderes als Betrug. Es stimmt nicht.<\/p>\n<p>Du sprachst davon, die Welt zu lieben \u2013 Bl\u00f6dsinn! Nein, wenn du die Menschen ein wenig besser gekannt h\u00e4ttest, so gekannt h\u00e4ttest wie ich, dann w\u00e4rst du zuhause in Nazareth geblieben und h\u00e4ttest eine solide Schreinerei gegr\u00fcndet, sagt Thomas h\u00f6hnisch.<\/p>\n<p>Aber bei Gott, das reichte dir nicht. Du meintest die Welt erl\u00f6sen zu m\u00fcssen. Du musstest absolut den Leuten fromme Grillen in den Kopf setzen. Se waren besser als ihr Ruf, meintest du. Trottel, ich werde dir erkl\u00e4ren, wie gr\u00fcndlich du dich geirrt hast. Die Menschen sind 100% Egoisten. Nur darauf aus, einander zu betr\u00fcgen. Kannst du nun verstehen, warum mich nichts f\u00fcr dich \u00fcbrighabe, ruft Thomas nun. Kannst du nun verstehen, warum ich dir nicht \u00fcber den Weg traue?<\/p>\n<p>Der kleine Mann wollte gehen, aber Thomas greift schnell ein und sagt streng: Du gehst nicht! Nun musst du es nehmen wie ein Mann. \u00dcbrigens geht es einem besser, wenn man abgeladen hat, und die Wahrheit h\u00f6rt niemand gern. Aber das erfordert nat\u00fcrlich, dass jemand zuh\u00f6rt. Das erfordert, dass jemand einen ernst nimmt, sagt Thomas und f\u00e4hrt fort: H\u00f6r nun, Mann zu Mann, du kannst ja wohl sehen, dass man nicht an so einen wie dich glauben kann. Du bist ja auch nur ein Mensch.<\/p>\n<p>Der kleine Mann versucht, zu Worte zu kommen, aber Thomas weist ihn resolut zur\u00fcck: Nein, lass mich erst zu Ende reden \u2026<\/p>\n<p>Du sprichst vom Menschen, ruft Thomas anklagend und f\u00e4hrt fort: Ach, das sind alles Rindviecher, alle zusammen. Wanzen, schlimmer als Ratten! All dieser Quatsch von den Seligen, von Frieden und Freude, das kannst du f\u00fcr dich behalten. Wir sind trotz allem keine totalen Idioten. Und was diese Welt an geht, so habe ich meine \u00dcberzeugungen, sagt Thomas stolz. Es reicht, wir m\u00fcssen weiter.<\/p>\n<p>Petrus und Thomas erheben sich und gehen aus der Stadt. Auf dem Wege sagt Thomas zu Petrus: Netter Kerl, dieser Mann. Etwas naiv, aber nett. H\u00e4lt sich \u00fcbrigens gut, wenn man die Verh\u00e4ltnisse in Betracht zieht. Aber er muss ja verr\u00fcckt sein, wenn er glaubt, dass moderne Menschen so etwas glauben k\u00f6nnen sollen \u2026<\/p>\n<p>Auf dem Wege aus der Stadt sehen sie ein Schild, auf dem steht:<\/p>\n<p>Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. So schrieb Johannes im ersten Kapitel seines Evangeliums. Und das ist wahr. Es ist nicht einmal gelungen, es wegzureden \u2013 nicht v\u00f6llig. Aber sollte es eines Tages geschehen, sollte es eines Tages geschehen, dass unser kleiner Mann nicht da war, dann w\u00fcrden wir uns suchend umschauen. Wo ist er nur abgeblieben? Wer soll uns nun zuh\u00f6ren? Wer soll uns widersprechen?<\/p>\n<p>Thomas sagt zu Petrus: \u00dcbrigens, was war das nun, was er immer sagen wollte?<\/p>\n<p>Selig sind die, die Frieden stiften ..? Oder was?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>5881 Sk\u00e5rup Fyn<\/p>\n<p>Emal: ankj(at)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Zweifel und Glauben &#8211; Ein Dialog zwischen Petrus und Thomas | 11.4.21 | Johannes 20,19-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Anders Kj\u00e6rsig | &nbsp; Die beiden sitzen auf einer Bank und diskutieren die Existenz Gottes. Es k\u00f6nnten die beiden J\u00fcnger sein, aber es k\u00f6nnten auch andere sein. &nbsp; Petrus: Glaubst du an Gott? 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