{"id":4857,"date":"2021-04-07T12:06:08","date_gmt":"2021-04-07T10:06:08","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4857"},"modified":"2021-04-07T12:07:52","modified_gmt":"2021-04-07T10:07:52","slug":"fischfang-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/fischfang-2-0\/","title":{"rendered":"Fischfang 2.0"},"content":{"rendered":"<h3>Quasi modo geniti | 11.04.2021 | Predigt zu Joh 21,1-14 | verfasst von Ralph Kunz |<\/h3>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>Karfreitag und Ostern \u2013 eine Woche ist\u2019s her. Und so schnell geht im Alltag vergessen, was wir Christen eigentlich glauben. Dass der Sch\u00f6pfer dieser Welt sich gezeigt hat, sichtbar und greifbar. Dass ein neues Zeitalter begonnen hat, die Herrschaft Christi, unseres Herrn und Meisters. Dass wir einen Grund haben, voll Zuversicht zu beten: Dein Reich komme, Dein Wille geschehen. Das alles und noch viel mehr glauben wir. Aber glauben wir eigentlich, was wir glauben? Die grossen Brocken des Bekenntnisglaubens passen nicht zu unseren kleinen Ohren. Wir nehmen sie ungern in den Mund. Sie sind zu m\u00e4chtig f\u00fcr unsere engen Schl\u00fcnde, zu dick, um sie zu schlucken.<\/p>\n<p>Karfreitag und Ostern \u2013 2000 Jahre ist\u2019s her. Und so schnell fliegen die Jahrhunderte dahin. Als w\u00e4r\u2019s letzte Woche gewesen. Wir erinnern uns. Sehen die Bilder vor dem inneren Auge, haben die Musik im Ohr, kennen die Geschichte, wissen, was wir eigentlich glauben und denken gelegentlich:\u00a0 Ein bisschen spektakul\u00e4rer h\u00e4tte die Zeitenwende doch ausfallen k\u00f6nnen. Dann k\u00f6nnten wir vielleicht besser mit den Glaubensbrocken hantieren. Ein Kolosseum w\u00e4re eine feine Sache, oder eine Pyramide, etwas, das man anfassen, greifen und fotografieren kann, einen Erweis, dass er wahrhaftig auferstanden ist.<br \/>\nAber wir haben nichts davon.<\/p>\n<p>Wer hat versagt? Ich stelle mir vor, dass das Urteil professioneller Kommunikationsexperten, m\u00fcssten sie das g\u00f6ttliche Marketing pr\u00fcfen, gnadenlos w\u00e4re. Der Stoff w\u00e4re eigentlich gut! Ein Galil\u00e4er wagt den Aufstand, kommt mit einer Rotte von Anh\u00e4ngern nach Jerusalem; es verbreitet sich das Ger\u00fccht, er sei der Messias. Dann bringen <em>sie<\/em> ihn um, die Machthaber \u2013 die Herrschenden. Doch Gott h\u00e4lt sich zu ihm. Was f\u00fcr eine grandiose Botschaft! Christus steht auf von den Toten, Gott identifiziert sich mit dem Gekreuzigten, der Galil\u00e4er ist in Wahrheit Gottes Gesandter, gottgleich und doch Mensch. Was f\u00fcr ein Held! Seine Richter und Henker, die meinten, sie h\u00e4tten ihn beseitigt, haben sich get\u00e4uscht. Er lebt! Eigentlich w\u00e4re es eine gute Geschichte.<\/p>\n<p>Es ist schon erstaunlich, wie <em>zur\u00fcckhaltend<\/em> die Evangelien von diesem Triumph erz\u00e4hlen und wie wenig spektakul\u00e4r das ist, was erz\u00e4hlt wird. Den Auftritten Jesu fehlt jener Glamour, den Siegerauftritte haben. Kein himmlisches Feuerwerk, keine Engel, die Halleluja singen, keine Wunder, kein Triumph, keine Rache an Feinden. Nichts von alledem.<\/p>\n<p>Es ist, als ob der Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde beschlossen h\u00e4tte, es uns schwer zu machen. Auf den ersten Blick scheint es so, als verblassen diese Szenen. Sie wirken wie Tuschezeichnungen im Vergleich zum Drama der Passion. Gott will es nicht plakativ. Oder \u2013 und diesen Schluss haben die meisten Zeitgenossen gezogen \u2013 unsere Erwartungen an Ostern sind zu gross. Denn eigentlich hat sich nichts ver\u00e4ndert. Besser also man verkleinert die Glaubensbrocken und macht sie mundgerecht. Dass jedes Jahr der Fr\u00fchling kommt, sollte uns als Hoffnung genug sein. Jesus liefert die Moral dazu und die Hasen sorgen f\u00fcr Stimmung.<\/p>\n<p>Im Johannesevangelium kommen keine Hasen, keine Eier und auch keine Moral vor. Wir haben die Geschichte noch im Ohr. Sie ist schlicht. Einige der J\u00fcnger sind in ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt, dem See Genezareth. Es ist die Gruppe der Fischer mit Simon Petrus als markanter Figur \u2013 sozusagen die Kerntruppe der ersten, die dem Ruf des verr\u00fcckten Rabbis gefolgt sind. Nach dem Abenteuer ihres Lebens sind sie wieder zuhause. Nichts hat sich ver\u00e4ndert. Der Meister ist tot, die Hoffnung niedergem\u00e4ht, der Glaube zerst\u00fcckelt. Mit leeren H\u00e4nden stehen sie da, mit leeren Versprechungen wurden sie abgefertigt, entsorgt auf dem Abfallhaufen der Geschichte. Dass sie eine nachtlang vergeblich fischen, passt.<\/p>\n<p>Aber da steht einer am Ufer und sagt: \u00abHabt Ihr nichts zu essen?\u00bb Der Unbekannte hat Hunger, bittet um ein Mahl. Als die Fischer verneinten, sagt er: \u00abWerft das Netz auf der rechten Seite aus. Dort werdet ihr Fische finden.\u00bb Und sie machen einen unglaublichen Fang. Wunderbarerweise zerreisst das Netz nicht. Erst jetzt erkennt Petrus seinen Herrn und Meister. Am Ufer brennt das Feuer, der Geruch des frischen Brotes und der Fische h\u00e4ngt in der Luft. Jesus wiederholt seine Einladung: \u00abBringt von den anderen Fischen, haltet das Mahl. Und er nimmt das Brot und gibt\u2019s ihnen, desgleichen auch den Fisch.\u00bb<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die ganze Szene gespickt voll mit Erinnerungen. Es sind Signale f\u00fcr die Leserinnen und Leser, die am Ende des Evangeliums angelangt sind und wiedererkennen sollen. Johannes hat in allen drei Auferstehungsgeschichten Aha-Momente eingebaut und mit einer Weisung verbunden. Als erstes erschien er Maria Magdalena, seiner engen Gef\u00e4hrtin und J\u00fcngerin: \u00abR\u00fchr mich nicht an!\u00bb sagt er ihr. Weil sie ihn erkannt hat. Als er ein zweites Mal den J\u00fcngern und Thomas erscheint, ist sein erstes Wort: \u00abFrieden sei mit euch.\u00bb Und sie h\u00f6ren den, der ihnen beim Abschied versprochen hat: \u00abFrieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.\u00bb Thomas zweifelt und wird aufgefordert, die Wunden zu ber\u00fchren. Dann erkennt auch er seinen Herrn.<\/p>\n<p>Johannes erz\u00e4hlt drei Geschichten \u2013 lose aneinandergereiht, mit unterschiedlichen Besetzungen. Die Szenen \u00e4hneln sich. Es ist Morgen oder Abend, Jesus wird zuerst nicht erkannt, sagt etwas Gewichtiges und verschwindet wieder. Sieht so die grosse Wende aus? Sind diese fast schon scheuen Berichte von der Auferweckung des Gekreuzigten der Grund, weshalb wir \u2013 die ganze Welt \u2013 immer noch die Jahre z\u00e4hlen seit seiner Geburt?<\/p>\n<p>Ja. Gerade weil es uns so seltsam vorkommt, so ganz und gar nicht herrschaftlich und gewaltig, finden diese Erz\u00e4hlungen ihren Weg zu unserem Herz. Sie haben eine andere Dichte, geben schon in ihrer Form zu verstehen, dass menschliches Sehen und Wahrnehmen an Grenzen stossen. Denn es ist einzigartig und analogielos. K\u00f6nnte es sein, dass uns das mehr M\u00fche macht, was <em>\u00fcber unsere Begrenztheit<\/em> offenbart wird? Mehr als das, was wir \u00fcber Gottes Unbegrenztheit erfahren? Ich denke ja. Denn wir sehen, wenn wir die seltsamen Begegnungen des Auferstanden mit seinen Freunden nachlesen, Bilder vom Anfang der Kirche. Wir sehen einen versprengten Haufen, eine kleine Schar, die wider allen Schein daran glaubt, dass ihr toter Lehrer lebt. Was um Gottes Willen wollen diese Fantasten ausrichten? Wie k\u00f6nnen sie den Lauf der Welt \u00e4ndern? Wo sehen sie Gott am Werk, nachdem sich ihr Rabbi \u2013 im eigentlichen und w\u00f6rtlichen Sinn \u2013 aus dem Staub gemacht hat. Denn er hat ja nicht einmal ein Grab!<\/p>\n<p>Die nach\u00f6sterlichen Geschichten gehen unter die Haut, weil sie die Verletzlichkeit des Glaubens so \u00fcberdeutlich vor Augen f\u00fchren. Und unsere Angewiesenheit auf den Heiligen Geist. In keinem anderen Evangelium wird das so drastisch vorgef\u00fchrt wie bei Johannes. Sein Jesus verspricht zu Lebzeiten, was am Kreuz in Erf\u00fcllung gehen wird. Es ist eine seltsame Frohbotschaft. Im <em>Tod<\/em> offenbart sich Gott \u2013 durch den Tod kommt sein Leben in die Welt, wie ein Licht, das die Finsternis noch nicht erkannt hat. Im Johannesevangelium beginnt Ostern am Karfreitag und am Ostersonntag beginnt Pfingsten. In der zweiten Erscheinung hauchte er seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger an und sagte: \u00abSo wie mich der Vater gesendet hat, so sende ich Euch [\u2026] nehmt hin den Heiligen Geist.\u00bb (Joh 21,19-23)\u00a0 Im Johannesevangelium bereitet Jesus seine J\u00fcnger auf das vor, was in Jerusalem geschehen wird. \u00abDenn es kommt der Herrscher der Welt. \u00dcber mich hat er keine Macht,\u00a0aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und so handle, wie es mir der Vater aufgetragen hat.\u00bb (Joh 14,30)<\/p>\n<p>Im Johannesevangelium bereitet Jesus seine Schar darauf vor, was nachher kommen soll: auf den Beistand, den Geist und den Frieden \u2013 damit sie wiedererkennen, wer ER ist: Der Gesandte Gottes, Sohn des Vaters, das Wort vom Anfang der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Da sind sie wieder, die riesengrossen Brocken. Aber sie sind schon zerbrochen durch die M\u00fchlen der Geschichte, die von Anfang an gemahlen haben und weiter mahlen werden. Doch die Lehre, die der Glauben daraus gezogen hat, ist nicht die Lehre, die die Welt daraus zieht. Wenn wir uns ganz auf den Auferstandenen verlassen, erlauben wir uns, was wir uns sonst nicht erlauben d\u00fcrfen. Wie erkennen, wie zerbrechlich wir sind, wie sehr wir auf seine Liebe angewiesen bleiben. Wir lernen den Weg zu verstehen, den der Messias gehen muss, um die Welt zu \u00fcberwinden. Und wir verstehen, dass wir, wenn wir ihm nachfolgen, keine spektakul\u00e4re Triumphgeschichten erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Was uns diese Geschichte offenbart \u00fcber uns, die wir uns Kirche nennen, ist auch nicht himmeltraurig. Es l\u00e4sst uns die Welt neu schauen, gerade weil wir den Auferstandenen an seinen Wunden erkennen. Es ber\u00fchrt uns in der Tiefe, weil unser Schlund so eng und unsere Sehnsucht nach der Weite so gross ist.<\/p>\n<p>Die Szene am See m\u00fcndet in ein Mahl. Nat\u00fcrlich ist das kein Zufall. Auch das Lukasevangelium schliesst mit der Schilderung einer Mahlfeier, die eine Verbindung zum irdischen Jesus hergestellt. F\u00fcr die Leserinnen und Leser des Evangeliums ist es das Signal des Wiedererkennens schlechthin. Und wie die Auferstehungsberichte beschert uns im Abendmahlsbericht das Ged\u00e4chtnis an jene Nacht, in der Jesus verraten wurde, auch ein Wiedererkennen der menschlichen Untreue.<\/p>\n<p>Darauf zielt auch der Schluss des Johannesevangeliums. Es h\u00f6rt nicht mit der Mahlszene auf. Nach dem Grillfest kommt noch etwas. Jesus spricht Simon Petrus an und fragt ihn dreimal: \u00abLiebst Du mich?\u00bb Zweimal antwortet Petrus: Ja, Herr. Beim dritten Mal \u00abwurde Petrus traurig, weil er\u00a0wieder zu ihm sagte: Hast du mich lieb? und sprach zu ihm: Herr, du wei\u00dft alle Dinge.\u00bb Wer die Geschichte kennt, weiss es auch. Dreimal hat Petrus in jener Nacht seinen Herrn verleugnet. Und was sagt sein Herr? \u00abWeide meine Schafe! [\u2026] folge mir nach!\u00bb (Joh 21, 15-19)<\/p>\n<p>Karfreitag und Ostern \u2013 eine Woche ist\u2019s her, zweitausend Jahr vergangen und manchmal fliegt uns das, was wir eigentlich glauben, um die Ohren. Wir sehen nur noch schwarz, kehren mit leeren Netzen um, wenn wir nach Hoffnung fischen, verraten heute, was uns gestern heilig war. Und ER sagt zu uns: \u00abWeidet meine Schafe!\u00bb Warum?<\/p>\n<p>Weil er unsere Untreue nicht nur ertr\u00e4gt. Er beruft uns neu. Johannes macht es seiner Gemeinde mit einem genialen schriftstellerischen Einfall bewusst. Wie an vielen anderen Stellen schimmert auch in der Fischzuggeschichte die Quelle der \u00e4lteren Evangelien durch. Johannes verarbeitet oder besser verstellt dieselbe Geschichte, die auch Lukas und Markus erz\u00e4hlen, allerdings am Anfang des Wirkens Jesus. So hat alles begonnen, damals, als die J\u00fcnger ihm nachfolgten: \u00abIhr sollt Menschenfischer sein.\u00bb (Mk 1,17) Johannes stellt also den Anfang ans Ende. Er mutet seinen Leserinnen und Lesern zu, dass Petrus vom gekreuzigten Auferweckten (noch einmal) den Ruf zu h\u00f6ren bekommt, den er schon geh\u00f6rt hat: \u00abFolge mir nach!\u00bb Noch einmal: Warum?<\/p>\n<p>Weil Jesus nicht aufgibt. Weil Gott seiner Sch\u00f6pfung die Treue h\u00e4lt. Das ist die Botschaft, <em>das<\/em>, liebe Gemeinde, ist der Beweis seiner Auferstehung. Mehr bekommen wir nicht, mehr brauchen wir nicht. Er sendet uns, wie er selbst gesendet wurde. Er glaubt an uns, wie er seinen J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern geglaubt hat und vergibt uns, wie er ihnen vergeben hat. Und wir folgen ihm nach, bis wir das n\u00e4chste Mal auf den Hintern oder auf die Nase fallen. Mehr bekommt er nicht. Hat er auch damals nicht bekommen von Petrus, Maria oder Thomas. Weil sie Menschen geblieben sind. Schwach, zerbrechlich und doch so sch\u00f6n und liebenswert, dass er zu ihnen gesagt: \u00abWeidet meine Schafe!\u00bb<\/p>\n<p>Dass mich das Johannesevangelium mit diesem Kohlenfeuergespr\u00e4ch entl\u00e4sst, hilft meinem Glauben (wieder) auf die Beine. Es hilft mir aufzustehen und besser zu verstehen, zu wem ich geh\u00f6re: Zu einer Gemeinschaft von Gebrochenen, die wiederaufgerichtet werden. Ich bin ein Bruder von dem, der eine nachtlang mit Gott ringt und am Morgen davon humpelt, ich darf dem um den Hals fallen, der auf meine R\u00fcckkehr aus der Fremde gewartet hat. Ich bin mit andern zusammen eingeladen, den Fang des Lebens mit ihm zu teilen. Es scheint nicht viel zu sein, wenn man grosse Erwartungen hegt, aber manchmal reicht\u2019s immerhin f\u00fcr 5000 Menschen.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Ralph Kunz<\/p>\n<p>Z\u00fcrich<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ralph.kunz@theol.uzh.ch\">ralph.kunz@theol.uzh.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasi modo geniti | 11.04.2021 | Predigt zu Joh 21,1-14 | verfasst von Ralph Kunz | Liebe Schwestern und Br\u00fcder, Karfreitag und Ostern \u2013 eine Woche ist\u2019s her. Und so schnell geht im Alltag vergessen, was wir Christen eigentlich glauben. Dass der Sch\u00f6pfer dieser Welt sich gezeigt hat, sichtbar und greifbar. 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