{"id":4885,"date":"2021-04-12T20:42:13","date_gmt":"2021-04-12T18:42:13","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4885"},"modified":"2021-04-13T21:36:02","modified_gmt":"2021-04-13T19:36:02","slug":"von-unseren-wurzeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/von-unseren-wurzeln\/","title":{"rendered":"Von unseren Wurzeln"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini III |18.4.2021 | Predigt zu Hesekiel 34, 1.2, 10-16,31 | verfasst von Suse G\u00fcnther |<\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. AMEN<\/p>\n<p><em>Und Gottes Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden. Sollen die Hirten nicht ihre Herde weiden?<\/em><\/p>\n<p><em>Darum Ihr Hirten, h\u00f6rt des Herrn Wort: So wahr ich lebe, spricht Gott, der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie retten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es tr\u00fcb und finster war. Ich will sie aus allen V\u00f6lkern herausf\u00fchren und aus allen L\u00e4ndern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den T\u00e4lern und an allen Pl\u00e4tzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide f\u00fchren und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein, da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden und ich will sie lagern lassen, spricht Gott, der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zur\u00fcckbringen und das Schwache st\u00e4rken, und was fett und stark ist, beh\u00fcten, ich will sie weiden, wie es recht ist. <\/em><\/p>\n<p><em>Ja, Ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der Herr.<\/em><\/p>\n<p>Gott, gib uns ein Herz f\u00fcr Dein Wort und nun ein Wort f\u00fcr unser Herz. AMEN<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In den romanischen Sprachen, also beispielsweise Franz\u00f6sisch, wird etwas deutlich, was man bei uns nur bei n\u00e4herem Nachdenken bemerkt: Das Wort f\u00fcr \u201ePfarrer\u201c und das f\u00fcr \u201eHirte\u201c ist das selbe. Im lateinischen hei\u00dft Hirte \u201epastor\u201c \u2013 dieses Wort ist uns bekannt. Im Franz\u00f6sischen ist beides, sowohl der Hirte, als auch der Pfarrer \u201ele pasteur\u201c. Der Name ist Programm. Denn damit wird die Aufgabe deutlich, die ein Pfarrer, ein Gemeindeleiter hat: Hesekiel beschreibt es in unserem heutigen Predigttext: Sich um die Menschen, die ihm anvertraut sind, zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Hesekiel war ein solcher Hirte, oder wie es im Hebr\u00e4ischen hei\u00dft: \u201eRoeh\u201c. Es wird hier \u00fcbrigens das selbe Wort gebraucht wie im Psalm 23, den wir vorhin gebetet haben: \u201eDer Herr ist mein Hirte.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Psalm, den viele als ihren Lieblingspsalm bezeichnen, wird beschrieben, was das hei\u00dft: \u201eDer gute Hirte weidet seine Herde recht\u201c. Gott, der gute Hirte, der den Menschen zeigt, wie es aussehen kann, selbst guter Hirte zu sein f\u00fcr die, die einem anvertraut sind.<\/p>\n<p>Hesekiel war ein solcher Hirte f\u00fcr das Volk Israel, einer, der sich k\u00fcmmerte. Und das hatte das Volk dringend n\u00f6tig. 587 waren die Menschen in die Verbannung nach Babylon gef\u00fchrt worden. Hesekiel war bei diesen Exilierten. Er hatte sich mit auf diesen Weg gemacht und wusste also, was das hei\u00dft: Verschleppt sein, alles verloren haben, keine Hoffnung mehr haben, auch weit weg vom Tempel in Jerusalem sein, dem Ort der Gottesbeziehung. Hesekiel wusste, was es hei\u00dft, keinen Hirten zu haben, niemanden, der sich k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>In Babylon wird er zum Propheten berufen, 592, f\u00fcnf Jahre also, nachdem er in die Deportation gef\u00fchrt worden war. Bis 571 hat er in Babylon als Priester gewirkt. Als Hirte. Er hat sich auf diese Weise nicht nur um die Menschen gek\u00fcmmert, die ihm anvertraut waren. Sondern er hat auch gezeigt: Wir k\u00f6nnen hier in der Fremde, weit weg vom Tempel, Gott verehren. Und: Gott ist hier in der Fremde f\u00fcr uns da. Er ist unser guter Hirte. Hesekiel spricht diese Worte nicht aus sich selbst. Sondern verk\u00fcndet als Prophet Gottes Wort, Worte also, die ihm von Gott gegeben sind.<\/p>\n<p>Keine einfache Aufgabe, einen solchen Auftrag anzunehmen. Einen solchen Auftrag so anzunehmen und weiterzugeben, dass die Menschen ihn auch h\u00f6ren wollen. Und nicht ablehnend reagieren: \u201each, h\u00f6r auf Hesekiel, lass uns in Ruhe. Wo ist denn nun Dein Gott, wenn uns das alles hier zugemutet wird?\u201c<\/p>\n<p>Von der Philosophin Simone Weil stammt folgender Gedanke \u201eDie Entwurzelung ist bei weitem die gef\u00e4hrlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft. Wer entwurzelt ist, ist entwurzelt. Wer verwurzelt ist, entwurzelt nicht. Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und meist verkannte Bed\u00fcrfnis der menschlichen Seele.\u201c (Verwurzelung, 1949)<\/p>\n<p>Alle diese in die Verbannung gef\u00fchrten Israeliten, die ihre Heimat verloren hatten, hatten aber die M\u00f6glichkeit, daran nicht zu zerbrechen: Sie hatten ihren Hirten, hatten Gott und seinen Propheten. Sie hatten das Angebot, an ihrer Heimat im Glauben festzuhalten und so die schwere Zeit zu \u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr haben wir uns oft gef\u00fchlt, als seien wir ins Exil gef\u00fchrt, aus unserem normalen Leben herausgerissen. Abgeschnitten von denen, die uns wichtig sind, \u00fcberfordert mit Ungewissheiten. Und auch: Abgeschnitten von dem Ort unserer Gottesbegegnung. Abendmahl am Computer ist ja gut und sch\u00f6n. Aber die Ahnung davon, in diesem Abendmahl Gott und meinen Mitmenschen zu begegnen, die blieb \u2013 f\u00fcr mich jedenfalls &#8211; aus. Ich habe einfach gehofft, dass Gott \u00fcber mein Wissen und Verstehen hinaus handelt.<\/p>\n<p>Ich habe mir andere Orte der Gottesbegegnung gesucht und gefunden, als den Computer und die gestreamten Gottesdienste. Auf dem Weg mit dem Rad in einen weit entfernten noch pers\u00f6nlich gehaltenen Gottesdienst durch die \u00f6sterliche Natur zu fahren und dabei die alten Osterlieder zu singen (in der Kirche geht das ja nicht), war an sich schon Gottesdienst. Dann aber noch unterwegs einem leibhaftigen Hirten mit seiner Herde und den quicklebendigen, neugeborenen Schafen zu begegnen, das habe ich dann f\u00fcr mich als Botschaft erlebt.<\/p>\n<p>An diesem Tag hatte ich sie alle drei beieinander: Den Hirten, der sich um seine Herde k\u00fcmmert. Den Pastor, der trotzdem noch Gottesdienst hielt. Und Gott, der mir auch in diesen Zeiten begegnet.<\/p>\n<p>Pfarrer und Pfarrerinnen sind in diesem Jahr viele neue Wege gegangen, um ihre Herde recht zu weiden, um sich zu k\u00fcmmern, um erreichbar zu bleiben. Gottesdienstliche Angebote am Computer waren nur eines davon. Radiogottesdienste und Telefonandachten, gedruckte Predigten, die an alle Haushalte verteilt wurden, Telefonketten und Briefe, es gab viele Ideen und sie wurden genutzt. Viele Erfahrungen haben wir neu gemacht, viele werden wir beibehalten, um die Herde zu weiden. Denn bei<\/p>\n<p>alledem fiel mir \u00a0auf, dass wir nicht nur den Hirten\/die Hirtin brauchen. Wir brauchen auch die Herde. Die, die zu uns geh\u00f6ren. Die, mit denen wir gemeinsam unterwegs sind. Neben Gott, neben meinem Pastor, neben dem leibhaftigen Hirten mit Hund und Hut noch einen vierten Hirten\/eine vierte Hirtin: Den Mitmenschen, der mich begleitet. Einander zum guten Hirten und zur guten Hirtin werden, das ist gerade in diesen Tagen Auftrag an uns alle. Es soll niemand verloren gehen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob die Menschen des Hesekiel dessen Botschaft h\u00f6ren wollten und konnten, oder ob sie l\u00e4ngst aufgegeben hatten. Ich wei\u00df nicht, wie es in unseren Tagen ist. Ob, die, die jetzt auch mit ihrem Glauben im Exil leben, nach der R\u00fcckkehr wieder Gottesdienste aufsuchen werden. Ich meine fast, dass ja. Weil wir in diesem Jahr so schmerzlich erlebt haben, was es hei\u00dft, isoliert zu sein von der Herde, isoliert von Gottes Haus, isoliert von unsren Pastoren und Pastorinnen. Weil wir begriffen haben, wie sehr wir als Christen auch die Gemeinschaft brauchen. Wir haben viel gelernt in diesem Jahr, viele neue Wege gefunden, um die Herde zu weiden, zu beh\u00fcten, um frisches Wasser zu finden und die Seele zu erquicken. Aber dieses Gef\u00fchl, sich umeinander zu k\u00fcmmern, aufeinander zu achten, f\u00fcreinander da zu sein und miteinander zu leben, das l\u00e4sst sich in meinen Augen nicht digitalisieren.<\/p>\n<p>Wichtig ist gewesen und wird es bleiben, dass wir Pastoren, Pastorinnen, diesen Weg mitgegangen sind und mitgehen. Mit ins Exil, mit in der Zeit, die uns allen so schwer f\u00e4llt. Wenn Menschen uns so erlebt haben, dann habe ich die Hoffnung, dass sie auch wieder mit uns zur\u00fcckgehen \u2013 oder wir mit ihnen? \u2013 hinein ins bekannte und heimatliche Leben. Dazu brauchen wir alle den guten Hirten, in dessen Namen wir unterwegs sind: Der Herr ist unser Hirte, es wird uns an nichts mangeln\u2026. Er wird uns weiden und beh\u00fcten, wie es gut ist.<\/p>\n<p>Wo geh\u00f6re ich hin, was h\u00e4lt und tr\u00e4gt mich? Diese Fragen stellen sich uns in diesen Tagen ganz neu.<\/p>\n<p>Und so h\u00f6re ich die alte Prophezeiung des Hesekiels f\u00fcr mich ganz neu. Ich m\u00f6chte sie in meinen Tagen erleben: Gott selbst wird sich seiner Herde annehmen. Darauf vertraue ich. Dar\u00fcber freue ich mich. Das erwarte ich und da geh\u00f6re ich hin. AMEN<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Suse G\u00fcnther, *1963<br \/>\n1990-2002 Gemeindepfarrerin in Bruchm\u00fchlbach<br \/>\n2002-2009 Krankenhaus Pfarrerin im Krankenhaus Landstuhl<br \/>\n2009-2016 Krankenhaus Pfarrerin im ev. Krankenhaus Zweibr\u00fccken<br \/>\nSeit 2016 systemische Therapeutin (SGsT)<br \/>\nSeit 2017 Krankenhaus Pfarrerin in St. Ingbert und Beratung \u201eZeit f\u00fcr Dich\u201c im Dekanat Zweibr\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini III |18.4.2021 | Predigt zu Hesekiel 34, 1.2, 10-16,31 | verfasst von Suse G\u00fcnther | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. 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