{"id":4887,"date":"2021-04-13T20:55:53","date_gmt":"2021-04-13T18:55:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4887"},"modified":"2021-04-14T21:51:44","modified_gmt":"2021-04-14T19:51:44","slug":"hirten-oder-diktatoren-hirtenamt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hirten-oder-diktatoren-hirtenamt\/","title":{"rendered":"Hirtenamt, Demokratie, Bildung"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"p1\">Misericordias Domini, 18.04.2021 | Predigt zu Ezechiel 34 | verfasst von Thomas Bautz |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Mitunter werden die vom Propheten Ezechiel (Ez 34) Angesprochenen und rechtm\u00e4\u00dfig Angeklagten mit Inhabern politischer \u00c4mter identifiziert, was historisch vielleicht nicht eindeutig zu belegen ist. Aber die Metapher des Hirten und seiner Herde ist \u201eein gebr\u00e4uchliches Bild\u201c in der K\u00f6nigsideologie des Alten Orients f\u00fcr den Herrscher, \u201eder als Hirte \u00fcber sein Volk wacht\u201c. Der Hirtentitel kann einen K\u00f6nig bezeichnen, dient \u201eaber auch als Titulatur f\u00fcr andere F\u00fchrer des Volkes\u201c, \u201edie vom g\u00f6ttlichen Hirten mit dem Weiden der Herde beauftragt werden\u201c. Ez 34 macht es schwierig, die \u201eschlechten Hirten\u201c mit bestimmten \u201eHerrschaftsgruppen\u201c zu identifizieren. Soll man das Hirtenamt hier prim\u00e4r geistlich verstehen, politisch aber sekund\u00e4r? \u2013 zumal der Ausdruck \u201eHirten Israels\u201c \u201eein sprachliches Spezifikum des Buches darstellt\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Allerdings werden geistliches und politisches (weltliches) Amt auch von einer Institution oder Person verk\u00f6rpert. Das zeigen Kirchen- und Religionsgeschichte mehrfach.<\/p>\n<p>\u201eDie einzelnen Bisch\u00f6fe (\u2026) weiden unter der Autorit\u00e4t des Papstes als (\u2026) ordentliche und unmittelbare Hirten ihre Schafe im Namen des Herrn, indem sie ihre Aufgabe zu lehren, zu heiligen und zu leiten an ihnen aus\u00fcben.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Der Bischof hat in Aus\u00fcbung seines Hirtenamtes f\u00fcr seine Di\u00f6zese (\u2026) die F\u00fclle der Leitungs-, Lehr- und Heiligungsgewalt inne: als Lehrer in der Unterweisung, als Priester im heiligen Kult, als Diener in der Leitung.<\/p>\n<p>Pastor, Pastorin sind Berufstitel f\u00fcr Geistliche im Dienst der Kirche, werden zum Teil gleichbedeutend f\u00fcr Pfarrer, Pfarrerin gebraucht und wurden seit dem 14. Jh. vom kirchenlatein. \u201epastor\u201c (Seelenhirt) abgeleitet. Die sprachlichen Verwendungen sind h\u00e4ufig nicht nur von Landeskirche zu Landeskirche, sondern sind oft regional differenziert oder mundartbedingt. Zuweilen werden Geistliche mit Pastor angesprochen (in K\u00f6ln), w\u00e4hrend ihr amtlicher Titel Pfarrer hei\u00dft. Das evangelische Hirtenamt hat die Aufgaben der Verk\u00fcndigung, Gottesdienst, Lehre, Seelsorge, Leitung (mit Presbyterium, Kirchenrat) und Sakramente, um nur die Schwerpunkte zu nennen.<\/p>\n<p>Wesentlich interessanter ist der inhaltliche Bezug zur biblischen Hirtenmetaphorik, wozu\u00a0 der heutige Predigttext (Ez 34) geh\u00f6rt, aber auch Jesaja 40 (V. 11) und das Kapitel \u201eVom guten Hirten\u201c (Joh 10). H\u00f6ren wir den Propheten Jesaja, dessen kurzes Hirtenwort eingebettet ist in eine Trostbotschaft und in Gedanken davon, dass der Gott Israels \u2013 auch als Hirte \u2013 unvergleichlich ist (Jes 40, in Ausz\u00fcgen):<\/p>\n<p>\u201eSieh, Adonai JHWH, er kommt als ein Starker, und sein Arm \u00fcbt die Herrschaft aus f\u00fcr ihn. (\u2026) Wie ein Hirt weidet er seine Herde, die L\u00e4mmer sammelt er auf seinen Arm, und er tr\u00e4gt sie an seiner Brust, die Muttertiere leitet er.\u201c \u201eWer h\u00e4tte den Geist JHWHs gepr\u00fcft, und welcher Mensch w\u00e4re sein Ratgeber, w\u00fcrde ihn unterweisen? Mit wem k\u00f6nnte er sich beraten, der ihm Einsicht verschafft und ihn belehrt h\u00e4tte \u00fcber den Pfad des Rechts (\u2026).\u201c \u201eUnd mit wem wollt ihr Gott vergleichen (\u2026)?\u201c<\/p>\n<p>Gott (JHWH) ist als Hirte Israels kein anderer, als er sonst ist: f\u00fcrsorgend und besch\u00fctzend, was f\u00fcr das Volk Israel angesichts des babylonischen Exils und der Zerst\u00f6rung Jerusalems kaum zu glauben ist:<\/p>\n<p>\u201e(\u2026) Israel, warum sprichst du: Mein Weg ist JHWH verborgen, und mein Recht entgeht meinem Gott? Hast du es nicht erkannt, hast du es nicht geh\u00f6rt: Ein ewiger Gott ist JHWH (\u2026) Er ermattet nicht und wird nicht m\u00fcde, seine Einsicht ist unerforschlich.\u201c<\/p>\n<p>Jesajas Botschaft an das erm\u00fcdete Volk, das sich allein gelassen f\u00fchlt, \u00e4hnelt in der Bedeutung dem guten, g\u00f6ttlichen Hirten, den Ezechiel verk\u00fcndet:<\/p>\n<p>\u201eDem Ermatteten gibt er Kraft, und wo keine Kraft ist, gibt er gro\u00dfe St\u00e4rke. Junge M\u00e4nner ermatten und werden m\u00fcde, M\u00e4nner straucheln unvermeidlich. Die aber, die auf JHWH hoffen, empfangen neue Kraft (\u2026), sie laufen und werden nicht m\u00fcde, sie gehen und ermatten nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ezechiel (Kap. 34) bedient sich durchweg der Metaphorik Hirte \u2013 Herde \u2013 Schafe, indem er das Volk daran erinnert, dass Gott, JHWH, wie ein gewissenhafter, verantwortungsvoller Hirte seine Schafe sucht und sammelt, gerade auch die im Exil zerstreuten, die sich verlaufen haben. Wie eine Herde wird er sie h\u00fcten auf fetter Weide auf den Bergen, in den T\u00e4lern und Wohngebieten Israels (34,15f):<\/p>\n<p>\u201eIch selbst weide meine Schafe, ich selbst lasse sie lagern (\u2026). Das Verlorene suche ich, das Verirrte bringe ich zur\u00fcck, das Verletzte verbinde ich, das Kranke st\u00e4rke ich (\u2026).\u201c<\/p>\n<p>Die Herden m\u00fcssen ihre Weidepl\u00e4tze wechseln; daher leben ihre Hirten als Nomaden. Konflikte mit sesshaften Bauern sind manchmal unausweichlich. Ein Hirte bleibt Tag und Nacht bei seiner Herde. Zur Unterst\u00fctzung hat er einen Hund, der hilft, die Herde zusammenzuhalten und Gefahr wittern kann. Selbstredend lebt ein Hirte in Einsamkeit.<\/p>\n<p>Die Hirtenmetaphorik ist in prophetischer Mahn- oder Gerichtssprache anwendbar auf die K\u00f6nige in Israel, wie es der Prophet Jeremia unmissverst\u00e4ndlich zum Ausdruck bringt (Jer 23,1\u20138, Ausz\u00fcge):<\/p>\n<p>\u201eWehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen (\u2026). Und ihr habt nicht nach ihnen gesehen. Siehe, ich werde an euch die Bosheit eurer Taten heimsuchen (\u2026). Und ich selbst sammele den \u00dcberrest meiner Herde (\u2026) ich werde sie zur\u00fcckbringen zu ihrem Weideplatz (\u2026). Und ich werde Hirten bestellen \u00fcber sie und die werden sie weiden. Und sie werden sich nicht mehr f\u00fcrchten (\u2026). Siehe, Tage kommen (\u2026), da werde ich dem David einen rechtm\u00e4\u00dfigen Spross erstehen lassen. Und er wird als K\u00f6nig herrschen und einsichtig handeln und Recht und Gerechtigkeit \u00fcben im Land. In seinen Tagen wird Juda gerettet werden und Israel in Sicherheit wohnen. Und dies ist sein Name (\u2026): JHWH, unsere Gerechtigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnlich wie Ezechiel 34 wendet Jeremia (23,1\u20138) zun\u00e4chst konsequent die Hirtenmetaphorik auf das Versagen der politischen F\u00fchrungskr\u00e4fte an, um dann durch die Ank\u00fcndigung eines K\u00f6nigs zu einem realistischen Bild zu wechseln. Wir wissen, dass der Hirtentitel f\u00fcr den K\u00f6nigstitel verwendet wird und in der hebr\u00e4ischen Bibel belegt ist. Die Gerichtsworte beziehen sich auf die K\u00f6nige Israels:<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u201eSie sind an ihrem g\u00f6ttlichen Auftrag, das Volk zu weiden, gescheitert und werden der Zerstreuung und der Vernachl\u00e4ssigung der Herde beschuldigt.\u201c Das Prophetenwort \u201ehat damit eindeutig die politischen Verh\u00e4ltnisse im vorexilischen Juda vor Augen, die schlie\u00dflich zum Exil gef\u00fchrt haben.\u201c<\/p>\n<p>Nun ist m.E. ein Hirte als K\u00f6nig schwer vorstellbar, mangelt es ihm doch erheblich an Reputation und Macht; sein Wirkungsfeld wechselt; er hat keinen festen Standort. Er hat keinen Hofstaat, keine Mitarbeiter, auf deren Unterst\u00fctzung er bauen kann. Obendrein wird \u2013 um im Bild zu bleiben \u2013 vom Hirten genau das Gleiche verlangt wie vom K\u00f6nig; gerechterweise werden aber die gescheiterten K\u00f6nige ebenso verurteilt wie die schlechten Hirten. Es ist der Auftraggeber, der beide beurteilt: JHWH,\u00a0 der Hirte und K\u00f6nig Israels. Schwer wiegt das Urteil, dass die schlechten Hirten \u201esich selbst geweidet haben\u201c (Ez 34,2b). Nicht ganz unberechtigt l\u00e4sst eine Pfarrerin einen modernen Ezechiel folgende Rede halten, die so pauschal zwar nicht zutrifft, aber doch wunde Punkte aufdeckt:<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>\u201eWehe euch, ihr sogenannten Volksvertreter! Ihr weidet nur euch selbst. Ihr schaut blo\u00df auf euren eigenen Vorteil. Wo bleibt dabei eure Herde? Um die sollt ihr euch doch k\u00fcmmern! Aber ihr lebt lieber in Saus und Braus. Ihr erh\u00f6ht flei\u00dfig eure Di\u00e4ten. Mit Steuern und Abgaben holt ihr euren Schutzbefohlenen noch das letzte Geld aus der Tasche. Eurem Auftrag aber, zu dem ihr gew\u00e4hlt seid, dem kommt ihr nicht nach! Und noch schlimmer: Auf die Schwachen nehmt ihr keine R\u00fccksicht. Wer krank ist, den unterst\u00fctzt ihr nicht. Wer eine Last zu tragen hat, dem legt ihr noch eine drauf. Wer mit eurem System nicht zurechtkommt, den bestraft ihr. Wer den Kampf um seine Rechte aufgegeben hat, den vergesst ihr. Und die jungen Leute, die voller Tatendrang sind und die sich einbringen und verwirklichen wollen, die haltet ihr klein und lasst sie nicht hochkommen. Wehe euch!\u201c<\/p>\n<p>Warum bediente man sich im Alten Israel der Hirtenmetaphorik? Warum konnten Hirte und K\u00f6nig sprachlich austauschbar gebraucht werden? Vielleicht liegt es an der wirkungsvollen, wenn auch schillernden Davidtradition: David, der vom Hirtenjungen zum K\u00f6nig aufgestiegen ist. Von etwas geringerem, aber auch bedeutsamen Einfluss war der Viehhirte Amos, der immerhin Prophet geworden ist, obwohl er diese Berufung immer verneinte.<\/p>\n<p>Die Kirchen pflegen die Hirtenmetaphorik seit Jahrhunderten, indem sie den \u201eHirten\u201c zu einem Berufsstand erhoben \u2013 mit vielen Pflichten, aber auch vielen Privilegien. Sprachlich abgeleitet vom Wort \u201epastor\u201c haben sich in der Praktischen Theologie Disziplinen gebildet, die den Pfarrberuf bzw. das Pfarramt reflektieren: die Pastoraltheologie, die Pastoralsoziologie und die Pastoralpsychologie. Da wir in der Regel nicht mehr auf das Prophetenamt wie im Alten Israel zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, sind wir auf vielstimmige, vielgestaltige Reflexionen angewiesen, die dabei helfen, pastorales Handeln kritisch wahrzunehmen. Dabei sind Einseitigkeiten zu vermeiden: Pastoren sind keine Objekte, die man st\u00e4ndig im Auge haben m\u00fcsste; Geistliche sind Subjekte eigener Beobachtung und Reflexion.<\/p>\n<p>Das ansteigende Wegrationalisieren von Pfarrstellen f\u00fchrt dazu, dass die Bewerbungsm\u00f6glichkeiten sinken, die Anzahl der Bewerber auf eine freie Stelle dagegen ansteigt. In ungeahnter Weise hatten die Presbyterien eine ungeheure Auswahl, bis eine gro\u00dfe Zahl der Pfarrer in den Ruhestand ging. Den Einfluss eines Presbyteriums darf man weiterhin nicht untersch\u00e4tzen. Das betrifft die Evangelische Kirche im Rheinland mit der presbyterial-synodalen Grundordnung insbesondere. Vermutlich hat man darin einmal ein demokratisches, antihierarchisches Konzept gesehen. Oder hoch aufgeh\u00e4ngt, als Teil des \u201ePriestertums aller Gl\u00e4ubigen\u201c. Man sieht ein Presbyterium als Gemeindevertretung, was v\u00f6llig unrealistisch ist, wenn man die \u201ebunte\u201c Gesamtgemeinde betrachtet. Allenfalls f\u00fchlt sich die Kerngemeinde durch das gew\u00e4hlte Gremium meist repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Der Pfarrer kann leicht in einen Zwiespalt geraten zwischen Kerngemeinde und Menschen, die mit ihren je verschiedenen Bed\u00fcrfnissen kirchliche Handlungen (Kasualien) beanspruchen oder sich an ihnen beteiligen. Hier wirken sich die unterschiedlichen Charaktere der einzelnen Geistlichen aus, wie auch ihre soziokulturelle Herkunft und berufliche Ausbildung. Man kann gegen\u00fcber Familien oder Paaren, mit denen man kommuniziert, pers\u00f6nlich oder distanziert, amtlich auftreten.<\/p>\n<p>Jeder Geistliche (Pastor) sollte sich grunds\u00e4tzlich fragen, wo er je nach Begabung Schwerpunkte setzt. Viele Kollegen \u00fcberfordern sich, lassen sich unter Druck setzen, weil sie in allen Bereichen meinen kenntnisreich mitreden zu m\u00fcssen. Meist gibt es aber in den Presbyterien Mitarbeiter, die sich z.B.\u00a0 mit Finanzen und mit Bauwesen auskennen. Wenn man sich in der Gemeinde genau umschaut oder umh\u00f6rt, entdeckt man M\u00f6glichkeiten, Aufgaben zu delegieren und sei es nur vor\u00fcbergehend. Gemeinde und ihre Vertreter m\u00fcssen auch lernen, dass ein Pfarrer kein Tausendsassa ist. W\u00e4re dem so, k\u00f6nnte er wahrlich nicht seinem Hirtenamt treu nachkommen und w\u00fcrde sich wie einzelne Schafe zerstreuen und umherirren. Manche Pfarrer profitieren von Teamarbeit mit Kollegen, was am besten funktioniert, wenn man \u00fcber Jahre miteinander zu arbeiten gewohnt ist.<\/p>\n<p>Ohne Team, ohne zuverl\u00e4ssige, vertrauensw\u00fcrdige Mitarbeiter kann sich der einzelne Pastor (Hirte) verdammt einsam f\u00fchlen; er zieht von einer Pflichterf\u00fcllung (\u201eWeide\u201c) zur n\u00e4chsten und verliert oder vernachl\u00e4ssigt die verstreuten oder \u201everlorenen\u201c Schafe. Es ist unverzichtbar, Menschen am Rande kirchlicher Gesch\u00e4ftigkeit und Routine aufzusuchen. Vorbereitungen von Taufe, Trauung, Trauerfeier bieten ungeahnte M\u00f6glichkeiten der Begegnung, wobei nicht etwa der Geistliche im Zentrum steht, sondern die Menschen, die sich ihm anvertrauen. Eine ehrliche Offenheit des Pfarrers kann allerdings bewirken, dass sich die Familien, denen er in ihrer Privatsph\u00e4re begegnet, ebenfalls \u00f6ffnen. Dann ist auch Raum f\u00fcr Fragen des Glaubens, Kritik an der Kirche, Nachdenken \u00fcber den Sinn des Lebens.<\/p>\n<p>Wann immer es m\u00f6glich ist, sollten die Familien mit ihren pers\u00f6nlichen Anliegen und ihrem privaten Umfeld weitgehend an den Vorbereitungen f\u00fcr ihre Taufe, Trauung oder Bestattung mit Trauerfeier beteiligt werden, sofern dies auf Gegenliebe st\u00f6\u00dft. Nach solchen gemeinsamen Vorbereitungen hei\u00dft\u00a0 es oft: \u201eDas war aber feierlich!\u201c Und man kann entgegen: \u201eDas war Ihre Vorarbeit; ohne sie w\u00e4re es nur halb so feierlich.\u201c Man darf nicht davor zur\u00fcckscheuen, Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Dazu geh\u00f6rt auch, dass wir bereit werden, uns auf ihren Sprachgebrauch einzulassen. Oft ist das eine Gradwanderung: theologische Selbstdisziplin, kirchliche Domestizierung, unfreie Gottesdienste durch sklavische Bindung an die Liturgie aufgrund jeweiliger Gemeindeordnung. Pfarrer sind mitnichten frei in der Verk\u00fcndigung (und Seelsorge), denn zur Verk\u00fcndigung geh\u00f6rt der Gottesdienst und nicht nur die Predigt.<\/p>\n<p>So selbstverst\u00e4ndlich die Hirtenmetaphorik offenbar bis heute noch zu sein scheint, so kritisch sollte man sie betrachten, wenn man diesen Sprachgebrauch einmal kontextgebunden sieht. Vor Jahren sagte mir ein Oberst bei der Bundeswehr nach einem Gottesdienst (sinngem\u00e4\u00df): \u201eHerr Pfarrer, wir k\u00fcmmern uns beide um unsere Sch\u00e4fchen.\u201c Ich entgegnete ihm, dass ich diese Metaphorik gar nicht mag und erinnerte ihn an Ausdr\u00fccke wie \u201edummes Schaf\u201c, \u201efrommes Schaf\u201c (das niemand etwas zu leide tut, sich alles gefallen l\u00e4sst). Ich freute mich vielmehr \u00fcber aufgekl\u00e4rte, kritische, eigenst\u00e4ndige Menschen in der Gemeinde wie bei den Soldaten. Der Oberst entstammt einer anderen Generation und war daher noch einer anderen Sprache aufgesessen. Dennoch blieb mein Hinweis berechtigt.<\/p>\n<p>Es gibt viele wichtige Merkmale einer Demokratie; wir finden sie im Grundgesetz unseres Landes. Und wir sollten dankbar sein f\u00fcr unsere Verfassung. Die Pressefreiheit ist sicher ein Herzst\u00fcck darin. Sie garantiert nicht nur das Recht, Informationen und Meinungen zu verbreiten, sondern beinhaltet auch die M\u00f6glichkeit, Missst\u00e4nde jeder Art kritisch aufzudecken und Bildung zu vermitteln. Bildung und Aufkl\u00e4rungsarbeit werden hierzulande gef\u00f6rdert. Sie \u00f6ffnen z.B. die Augen gegen\u00fcber Parolen und Verf\u00fchrungsk\u00fcnste falscher \u201eHirten\u201c aus dem Lager der Rechtsextremisten und Neonazis, die Informationen unterlaufen oder verf\u00e4lschen. Dabei setzen sie h\u00e4ufig an beim Unmut in Teilen der Gesellschaft \u00fcber bestehende oder angebliche Missst\u00e4nde, z.B. Asyl- und Fl\u00fcchtlingspolitik oder aktuell \u00fcber Ma\u00dfnahmen gegen die Corona-Epidemie. Wir k\u00f6nnen uns gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, in einer Demokratie zu leben und im Gro\u00dfen und Ganzen auf fruchtbare \u201eWeiden\u201c gef\u00fchrt zu werden.<\/p>\n<p>Unser Land tr\u00e4gt aber daher auch Verantwortung gegen\u00fcber L\u00e4ndern, wo es an Nahrung und Bildung mangelt, wo Kinder verhungern und ihre Eltern arbeitslos sind. Demokratische, wirtschaftlich reiche Staaten sollten auch eine Art \u201eHirtenamt\u201c f\u00fcr diese \u00fcberaus schwachen L\u00e4nder aus\u00fcben. Dazu geh\u00f6rt es, sie zu sch\u00fctzen gegen\u00fcber innen- wie au\u00dfenpolitischer Gewaltherrschaft. Es ist in der Weltpolitik derart kompliziert, dass man nur hoffen kann, dass einzelne L\u00e4nder B\u00fcndnisse schlie\u00dfen oder bestehende festigen, um dann gemeinsam die verlorenen, zerstreuten Schafe der Herde unter den V\u00f6lkern aufzusuchen und sie auf \u201efette\u201c Weiden zu f\u00fchren. Auf keinen Fall sollten wirtschaftlich starke Nationen wie in einer Nische der Gl\u00fcckseligkeit verharren und sich selbst weiden, bis sich die Menschheit vollends an einen Abgrund man\u00f6vriert hat, weil die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse aus den Fugen geraten sind und nur noch blankes Chaos herrscht.<\/p>\n<p>Ich meine, dass viele Menschen, die in einer Demokratie leben, die Chance nutzen, sich so viel Wissen anzueignen, wie es ihren Interessen entspricht. Manche gelangen dabei zu Erkenntnissen, von denen die Gemeinschaft profitiert, weil sie Wissen und Erkenntnis so vermitteln, dass es in Bereichen der Kinderg\u00e4rten, Schulen, weiterf\u00fchrenden Schulen, Berufsschulen, Volksschulen und Fachhochschulen, Hochschulen, Universit\u00e4ten, Kirchen transparent wird, wie das \u201eHirtenamt\u201c auch von P\u00e4dagogen wahrgenommen werden kann. Es ist sicher eine der sch\u00f6nsten Aufgaben, Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen das f\u00fcr ihr (k\u00fcnftiges) Leben notwendige Wissen zu vermitteln und sie anzuleiten (zu leiten), mit diesem Wissen Erkenntnisse zu gewinnen, die f\u00fcr ihr Leben grundlegend konstruktiv und wegweisend sind. Im Unterschied zum Bild vom Hirten und seinen Schafen sind hier Eigenst\u00e4ndigkeit und Selbstverantwortung als Ziel in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>Mit zunehmendem Alter werden in P\u00e4dagogik und Erwachsenenbildung partnerschaftliches Lernen, auch in Dialogform anzustreben sein; z.B. provozieren die Fragen von Kindern und Jugendlichen oft nachdenkliche Reaktionen bei denen, die Wissen vermitteln wollen. Der Erkenntnisgewinn kann dann Ergebnis gemeinschaftlichen Denkens und Wahrnehmens sein \u2013 ein lebendiger Prozess!<\/p>\n<p>Die Wahrnehmung des \u201eHirtenamtes\u201c in den jeweiligen Institutionen kann warmherzig, liebevoll als Grundvoraussetzung sein; der \u201eHirte\u201c sollte ein wirkliches Interesse an \u201eseinen Schafen\u201c haben, sollte berufen sein, nicht nur einen Job aus\u00fcben, die \u201eSchafe\u201c sp\u00fcren die Motivation. Alles in allem, wie schwer auch die Verantwortung auf einem \u201eHirten\u201c lastet, er oder sie wird es nicht bereuen, diesen Beruf erworben zu haben, der uns selbst bereichert.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:thomas.bautz@ekir.de\">thomas.bautz@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>Thomas Bautz, Pfarrer i.R. (EKiR), geb. 1954 in Berlin-West, vh., einen Sohn (15 J.), Studium: Allg. Sprachwissenschaft (1. Hauptfach), ev. Theologie (2. Hauptfach), Philosophie (Nebenfach) \u2013 Berlin, G\u00f6ttingen, K\u00f6ln, Bonn. Schwerpunkte: Diakonie (Gerontologie, Sterbeforschung, Seelsorge in Seniorenpflegeheimen); ev. Erwachsenenbildung; 8 Jahre Geistlicher bei der Bundeswehr: Wetzlar, D\u00fcsseldorf, Euskirchen, D\u00fcren, N\u00f6rvenich; Aufl\u00f6sung diverser Standorte). Gemeindearbeit zur Unterst\u00fctzung von Kollegen. Ehrenamtliche Arbeit f\u00fcr die \u201eG\u00f6ttinger Predigten im Internet\u201c (Prof. Ulrich Nembach, G\u00f6ttingen; Prof. Thomas Schlag und Team, Z\u00fcrich).<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Anja Klein: Schriftauslegung im Ezechielbuch. Redaktionsgeschichtliche Untersuchungen zu Ez 34\u201339,\u00a0 BZAW 391 (2008): (II) Auftakt zur Heilsverk\u00fcndigung: Ez 34 (2.) Das Hirtenkapitel Ez 34: Textanalyse, S. 32\u201342: 39\u201340.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Zweites Vatikanisches Konzil: Dekret <em>Christus Dominus<\/em>, \u00fcber die Hirtenaufgabe der Bisch\u00f6fe, Nr. 11.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> A. Klein: Schriftauslegung im Ezechielbuch (2008): (II) (3.) Innerbiblische Auslegung in Ez 34: Textanalyse, S. 44\u201346: 44\u201345; cf. Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments. Band II: Die Theologie der prophetischen \u00dcberlieferungen Israels (1960, 7. Aufl. 1980), 226.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><sup>[4]<\/sup><\/a> <a href=\"https:\/\/www.predigtpreis.de\/predigtdatenbank\/predigt\/article\/predigt-ueber-ezechiel-341-16.html\">https:\/\/www.predigtpreis.de\/predigtdatenbank\/predigt\/article\/predigt-ueber-ezechiel-341-16.html<\/a>. Pfarrerin Stefania Scherffig, 10.04.2005 in der Ev.-ref. Gemeinde St. Martha, N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini, 18.04.2021 | Predigt zu Ezechiel 34 | verfasst von Thomas Bautz | Liebe Gemeinde! Mitunter werden die vom Propheten Ezechiel (Ez 34) Angesprochenen und rechtm\u00e4\u00dfig Angeklagten mit Inhabern politischer \u00c4mter identifiziert, was historisch vielleicht nicht eindeutig zu belegen ist. 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