{"id":4894,"date":"2021-04-11T21:41:51","date_gmt":"2021-04-11T19:41:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4894"},"modified":"2021-04-13T21:43:30","modified_gmt":"2021-04-13T19:43:30","slug":"die-stimme-des-guten-hirten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-stimme-des-guten-hirten\/","title":{"rendered":"Die Stimme des guten Hirten"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | Johannes 10,11-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p>Eines der sch\u00f6nsten Bilder vom guten Hirten, das ich kenne, kann man in Ravenna in Norditalien sehen. Es handelt sich um ein Mosaik, das bis in das f\u00fcnfte Jahrhundert zur\u00fcckreicht, und Experten sagen, dass es sich hier um eines der sch\u00f6nsten Beispiele f\u00fcr die Bildkunst der alten Kirche handelt. Wenn ich das Mosaik so sch\u00f6n finde, liegt das nat\u00fcrlich an den feinen gr\u00fcnen, blauen und goldenen Farben. Und es liegt an der weichen Beweglichkeit der Gestalten. Es liegt auch an der feinen Darstellung des guten Hirten als einem J\u00fcngling ohne Bart mit all der Vitalit\u00e4t, die in der Gestalt eines jungen Mannes liegt. Vor allem aber fesselt mich die Sch\u00f6nheit im Zusammenspiel zwischen dem Hirten und den Schafen. Der Hirte schaut zwar nicht auf die Schafe. Er sieht vielleicht, ob das Gras gr\u00fcner ist als anderswo, oder vielleicht schaut er, ob der Wolf kommt? Das es jedenfalls ihr Wohl und Wehe ist, an das er denkt, kann man an der Hand sehen, die er zu dem ihm am n\u00e4chsten stehenden Schaf ausstreckt, und an den zarten Liebkosungen, die er austeilt. Und dass die Schafe ganz ihm zugewandt sind \u2013 das springt einem direkt ins Auge. Ganz gleich wo sie liegen oder stehen oder wo sie hingehen, sie wenden ihren Kopf zum Hirten, so als h\u00f6rten sie auf ihn und schauten nach ihm. So als erwarteten sie das Beste von ihm.<\/p>\n<p>Und das ist ja eben das Sch\u00f6ne an dem Bild, das Jesus heute von sich selbst gebraucht. Denn ein Hirte, das macht keinen Sinn ohne Schafe \u2013 und Schafe k\u00f6nnen nicht ohne einen Hirten auskommen. Die beiden geh\u00f6ren unl\u00f6sbar zusammen, und das Mosaik in Ravenna ist der denkbar sch\u00f6nste bildliche Ausdruck f\u00fcr das, was Jesus mit dem Wort zum Ausdruck bringt, dass der der Hirte seine Schafe kennt, und dass die Schafe ihren Hirten kennen. Kennen, das bedeutet nicht, dass die gut informiert sind und richtig viel voneinander wissen. Es bedeutet, dass sie einander annehmen, dass sie auf einander angewiesen sind, dass sie eng mit einander verbunden sind, ganz so wie wir in der ersten biblischen Erz\u00e4hlung h\u00f6ren, dass Adam Eva erkannte. Da bedeutet es, dass, dass er sie liebte und sich ihrer annahm. So zeigt das Mosaik mit aller erdenklichen Klarheit, wie der gute Hirte seine Schafe kennt und wie die Schafe ihren Hirten kennen. Wie eng sie verbunden sind. Dass die Verbundenheit ein ganz entscheidender Zug sowohl f\u00fcr die Existenz des Hirten als auch der Schafe ist.<\/p>\n<p>Und eben dies ist der springende Punkt. Denn wenn Jesus der gute Hirte ist, dann ergibt sich von selbst, dass wir die Schafe sind. Und das ist zweifellos ein ganz anderes Bild von uns selbst als wir es gewohnt sind. Denn wir sind gewohnt, uns selbst als Individuen zu sehen, die sich an ihren eigenen Gef\u00fchlen und Kompetenzen und Potenzialen orientieren und die selbst in ihrem guten Recht sind zu w\u00e4hlen, welche Beziehungen wir eingehen und welche Identit\u00e4t wir schaffen wollen und welche Handlungsm\u00f6glichkeiten wir realisieren wollen, je nach dem, was uns am besten gef\u00e4llt. Das Bild vom Hirten und den Schafen sagt uns dagegen, dass wir immer schon in einer Beziehung stehen, n\u00e4mlich der zum guten Hirten, der uns immer schon kennt, und dass wir schon eine Identit\u00e4t haben, n\u00e4mlich als Menschen, die er kennt und liebt, und dass es eine bestimmte Handlungsm\u00f6glichkeit gibt, die sich von vornherein aus der Beziehung und der Identit\u00e4t ergibt, n\u00e4mlich dass wir auf ihn h\u00f6ren sollen, der unser Hirte ist, und h\u00f6ren sollen, was er uns gibt und wozu er uns bringen will. Dass wir glauben, hoffen und lieben. Ganz so wie die Schafe in dem Mosaik von Ravenna, die liegen und stehen und irgendwohin gehen, die sich aber alle dem Hirten zuwenden und auf seine Stimme h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen machen uns vielleicht Angst. Denn es kann ja auch gef\u00e4hrlich sein, dass alle auf dieselbe Stimme h\u00f6ren und sich von derselben Autorit\u00e4t leiten lassen, ohne kritische Fragen zu stellen. Was aber diese Gefahr beseitigt, wenn man auf die besondere Stimme dieses Hirten h\u00f6rt, ist dies, dass er nicht nach pers\u00f6nlicher Anerkennung, Macht, Ehre oder Gewinn strebt. Dass er vielmehr bereit ist, sich selbst hinzugeben und sein Leben f\u00fcr die Schafe zu geben. Das ist der Unterschied zwischen ihm und allen anderen Hirten, sowohl den Hirten, die nach unserer Anerkennung und Aufmerksamkeit streben, als auch den Hirten, die wir selbst sind f\u00fcr andere, f\u00fcr die wir verantwortlich sind. Unsere Alten, unsere Sch\u00fcler, unsere Klienten, Kunden, Patienten und Gemeinden. Wir wollen f\u00fcr sie sehr weitgehen.\u00a0 Wir leben von ihrer Anerkennung und Aufmerksamkeit. Aber niemand kann von uns verlangen, dass wir f\u00fcr sie direkt unser eigenes Leben und unsere Gesundheit riskieren. Wenn der Wolf kommt, wenn der Tod unter uns w\u00fctet und uns voneinander trennt, m\u00fcssen wir auf uns selbst achten. Das ist es, was uns zu Tagel\u00f6hnern macht. Und was ihn zum guten Hirten macht \u2013 zu <em>dem<\/em> guten Hirten. Er sorgt sich nie um sich selbst. Wir haben gerade Ostern gefeiert und geh\u00f6rt, wie die Schafe ihn im Stich lassen und fl\u00fcchten. W\u00e4hrend er zur\u00fcckbleibt und sein Leben gibt f\u00fcr die Schafe. Zu keinem Zeitpunkt denkt er an sich. Deshalb k\u00f6nnen wir uns ruhig umkehren wie die Schafe in dem Mosaik in Ravenna und auf seine Stimme h\u00f6ren und uns von dem leiten lassen, was er sagt.<\/p>\n<p>Das Wunderbare ist ja, dass wir ihn noch immer h\u00f6ren k\u00f6nnen. Auch wenn er sein Leben f\u00fcr die Schafe gab, als der Wolf kam, ist seine Stimme nicht verstummt. Einige wurde von dieser Stimme abgesto\u00dfen, als er auf der Erde lebte. Andere merkten, dass es die Ewigkeit selbst war, die ihnen hier begegnete und ihr Leben anr\u00fchrte in den Worten, die er sprach, und der Friede in dieser Stimme wurde unverzichtbar f\u00fcr sie. Nach Ostern machten sie die wunderbare Erfahrung: Auch wenn sie ihn im Stich lie\u00dfen, war er dennoch lebendig unter ihnen gegenw\u00e4rtig. Wie der gute Hirte, der die Schafe nie im Stich l\u00e4sst. So konnten sie noch immer seine Stimme h\u00f6ren und sein Wort annehmen. Und dasselbe k\u00f6nnen wir. Es ist diese Stimme, auf die wir h\u00f6ren in all dem was wir hier heute sagen und singen, die Worte, die uns sp\u00fcren lassen, dass die Ewigkeit uns erreicht und ber\u00fchrt eben in unserem Leben mit dem besonderen Frieden, der uns \u00fcberall bewahrt, wo wir hinkommen.<\/p>\n<p>Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln \u2013 ich leide keine Not. Er weidet mich auf einer gr\u00fcnen Aue, er f\u00fchret mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele \u2013 er gibt mir neue Kraft. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, f\u00fcrchte ich kein Ungl\u00fcck; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tr\u00f6sten mich. So hei\u00dft es in dem alten Psalm, den wir oft bei Beerdigungen h\u00f6ren. Da sind wir versammelt, weil die Ruhe des Todes sich eingefunden hat, eine schwere und traurige Ruhe in Leib und Gliedern. Aber der Psalm tr\u00e4gt zu der Situation bei mit einer anderen Ruhe, einem Frieden, der gut ist und Leben schenkt und der nicht von uns selbst kommt. Das wussten sie in Ravenna zu Beginn des f\u00fcnften Jahrhunderts. Denn das Mosaik mit dem Hirten und den ihm eng verbundenen Schafen befindet sich gar nicht in einer Kirche. Es befindet sich an der Wand in einer Grabkammer, errichtet f\u00fcr eine Kaisertochter mit dem Namen Galla Placidia. Da befindet sich der gute Hirte und zeugt davon, dass wir nicht einmal in unserem Grabe uns selbst \u00fcberlassen sind. Selbst wenn alle anderen Stimmen verstummt sind, werden wir diese Stimme h\u00f6ren, die aus der Ewigkeit kommt und uns den Frieden der Ewigkeit schenkt \u2013 in dem gr\u00fcnen Gras unter dem gewaltigen hellbauen Himmel. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>Email: mfl(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | Johannes 10,11-16 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | von Marianne Frank Larsen | Eines der sch\u00f6nsten Bilder vom guten Hirten, das ich kenne, kann man in Ravenna in Norditalien sehen. 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