{"id":4914,"date":"2021-04-20T17:39:02","date_gmt":"2021-04-20T15:39:02","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4914"},"modified":"2021-04-20T18:41:42","modified_gmt":"2021-04-20T16:41:42","slug":"existenzielle-islaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/existenzielle-islaender\/","title":{"rendered":"Existenzielle Isl\u00e4nder &#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Existenzielle Isl\u00e4nder \u2013 etwas \u00fcber unruhige Bilder | Jubilate 2021 | Johannes 16,16-22 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anne-Marie Nybo Mehlsen |<strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Das Bild steht etwas unruhig, wie bei einem alten Fernseher. Das Bild des Glaubens flimmert \u2013 dann ist er da, dann wieder nicht. Jetzt! Wir sehen und verstehen! Kurz darauf ist Gott und auch der Sinn verschwunden. Das Leben sp\u00fclt \u00fcber uns hinweg in Wogen. Freude \u2013 Leid \u2013 Freude. F\u00fcr einige mehr das eine als das andere.<\/p>\n<p>Der Glaube kommt und geht wie Ebbe und Flut \u2013 und Gott selbst kommt und geht, verbirgt sich und offenbart sich. Das ist keineswegs banal und selbstverst\u00e4ndlich, wenn wir uns darauf einlassen. Das Geheimnis ist gro\u00df.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zum Leben und zur Liebe, dass wir Verluste erfahren. Es beginnt, w\u00e4hrend wir ganz klein sind \u2013 Abschied vom Schnuller, vom Kuscheltier, Verstehen, was Tod ist und dass etwas oder jemand verschwindet, nicht mehr da ist. F\u00fcr immer. Und die Erfahrung, dass wir auch ohne das alles leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Freude wird mit der Zeit zu Leiden. Das ist unvermeidlich. Die Trauer \u00fcber eine Reihe von Verlusten h\u00e4uft sich an. Das kommt mit dem Alter. Trotzdem k\u00f6nnen wir mit Freude leben \u2013 trotz der Vulkankrater des Leides in der Landschaft mit Erdbeben und unvorhersehbaren Ausbr\u00fcchen. Wir sind existenzielle Isl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Aber wie kann das Leid, das wir kennen, zu Freude werden? Und warum werden wir an das Leid verwiesen als Quelle f\u00fcr die Auferstehung? Hier mitten in der Fr\u00fchlingsfreude der \u00f6sterlichen Zeit werden wir auf die Zeit von Tod und gro\u00dfem Leid verwiesen, auf die Stunde des Abschieds am letzten Abend, den Jesus und seine Freunde miteinander verbrachten. Um zu verstehen, was Auferstehung ist, m\u00fcssen wir da zum Schlimmsten zur\u00fcckkehren? Ist es nicht umgekehrt, dass wir an das beste denken sollen, um das Schlimmste zu vergessen?<\/p>\n<p>Die Frau vergisst den Schmerz aus Freude \u00fcber das Kind. Keine Freude ist so gro\u00df wie die wilde, wahnsinnige und weltumst\u00fcrzende Freude der Eltern \u00fcber das Kind. Eine Freude, die mit den Jahren nur w\u00e4chst \u2013 auch trotz Sorgen und Schmerzen. Wir verstehen durchaus, wovon Jesus spricht, besonders wenn wir Enkelkinder bekommen und die Erfahrungen von fr\u00fcher wieder erleben \u2013 mit Weisheit, mit \u00dcbung und Einsicht. Vor allem mit Ruhe. Die Freude ist gr\u00f6\u00dfer als Schmerz und Trauer, und Freude l\u00e4sst uns vergessen. Da ist eine evangelische Vergesslichkeit, die in uns liegt als eine starke, heilende Kraft. Man kann sie nicht erzwingen. Niemand kann sich zusammenrei\u00dfen, um Schmerz und Trauer zu vergessen, aber die Freude kann uns dazu bringen. Ganz ohne es zu merken, lassen wir das Leid hinter uns, vergessen Leid und Beschwernis und begeben uns in die Welt, als w\u00e4re sie neu und wir wieder jung und stark.<\/p>\n<p>Das ist ein kleines Mysterium, eng verwandt mit dem gro\u00dfen Mysterium, der Auferstehung. Dass die Freude nicht verloren geht und dass sie schon da ist \u2013 verborgen im Leid. Leid und Tod sind durchsichtig geworden.<\/p>\n<p>Was tr\u00e4gst du mit dir an Steinen im Herzen? Verlust und Trauer? Was ist deine Erinnerung an die, die du verloren hast?<\/p>\n<p>Hier sind einige Z\u00fcge meiner Erinnerung. Als ich Kind war, starb mein Gro\u00dfvater pl\u00f6tzlich. Ich erinnere mich vor allem an die gro\u00dfe Verwirrung. Meine Eltern und Br\u00fcder waren weg, sie waren besch\u00e4ftigt, und wenn sie durch meine kleine Welt rauschten, waren sie fern.<\/p>\n<p>In einem so sensiblen Alter wie achtzehn verlor ich meine erste Liebe, traumatisch, unerl\u00f6st. Ich war Jahre lang stumm und verloren von meinem eigenen K\u00f6rper. Ich sah Gespenster, begegnete ihnen auf der Stra\u00dfe, ging stundenlang ruhelos umher und suchte. Da war absolut kein Trost, keine Durchsichtigkeit \u2013 nur Scham, Furcht und grausame Gewissheit.<\/p>\n<p>Als junge Erwachsene begleitete ich meine Gro\u00dfmutter in der letzten Zeit, und ich erinnere mich an Durchsichtigkeit in Zeit und Raum. Da war eine T\u00fcr, die einen Spalt ge\u00f6ffnet war zu einer anderen Welt, eine Gegenwart, die fast physisch war, und eine stille Gewissheit von Dingen, von denen man nicht mit \u00c4rzten, mit Freunden reden konnte \u2013 nicht einmal mit dem Pastor, der allzu schnell tr\u00f6sten wollte<\/p>\n<p>Ich brauchte keinen Trost, sondern wollte von dem gro\u00dfen Mysterium erz\u00e4hlen, dass man sich \u00fcber das wundert, was da hinter der Durchsichtigkeit und der T\u00fcr war. Wer war da in der N\u00e4he, mit der ich heimlich \u00fcbereinkam, dass ich bleiben sollte und Gro\u00dfmutter hineingehen durfte?<\/p>\n<p>Das Bild flackerte, und ich hatte das Bed\u00fcrfnis, die Freude zu erforschen, die wild aus dieser Durchsichtigkeit entsprang. Das Mysterium verschloss sich mit der Erfahrung, dass niemand dar\u00fcber sprach. Der Alltag \u00fcbernahm \u2013 jedoch mit einer neuen Gewissheit.<\/p>\n<p>Als Pastorin habe ich bei vielen auf dem letzten Weg gesessen \u2013 mir Erfahrungen von Frieden, neuen Erfahrungen von Durchsichtigkeit und N\u00e4he. Stumme Erfahrung, die sich nicht \u201ebereden\u201c l\u00e4sst mit allerlei vern\u00fcnftigen Erkl\u00e4rungen.<\/p>\n<p>Auch meine Eltern habe ich zu ihrer Zeit begleitet, sa\u00df bei ihnen, als es geschah, die Reise auf das gro\u00dfe Meer. Diesmal fiel die Durchsichtigkeit auf die Ganzheit zur\u00fcck, so als w\u00e4re das ganze ein Konzentrat von Sonnenschein, Sommerferien und sorgloser Freude. Die Trauer, die da war, der Schmerz, der reichlich vorhanden war, das ist eine ferne Erinnerung, w\u00e4hrend die Freude stark gegenw\u00e4rtig ist. Freud h\u00e4tte sich \u00fcber meinen erwachsenen Vater- und Muttermord gefreut, aber das liegt weit tiefer, als die Psychologie ergr\u00fcnden kann. Da <em>ist<\/em> eine Freude verborgen in der Trauer, als ein Samen zur Vollendung und Erl\u00f6sung. Das flimmernde Bild wird nicht fest und deutlich. Manchmal ist es uns nahe, und Gott ist dabei. Der Glaube steht klar \u2013 und dann ist es wieder weg.<\/p>\n<p>Die Trauer trifft \u00f6fter mit den Jahren, wir verlieren Freunde, Verwandte, wie verlieren nahe und liebe Menschen, wir k\u00f6nnen uns kein Leben ohne sie vorstellen. Wir sind ratlos, wenn das geschieht \u2013 fallen ersch\u00f6pft und unruhig in den Schlaf und erwachen zu dem Schrecklichen: Ein Name, der ein Meer von Zuwendung und Liebe war, ist nun ein Verlust, tiefer als Hunger, K\u00e4lte und Durst. Da m\u00fcssen wir hin, um das Geheimnis der Auferstehung zu verstehen, sagt Jesus.<\/p>\n<p>Ehe sich das Mysterium verschlie\u00dft, weil es nicht in Wort zu fassen ist und wir kaum davon reden k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir die Erfahrungen durchleben. Wir m\u00fcssen uns einfinden in das Schlimmste, in den Schmerz und die wehrlose Verletzbarkeit, die Trauer hei\u00dft. Da sollen wir wissen, dass all das, was wir verlieren, bewahrt ist. Dass als das, was zerbricht, heil wird und wieder neu. Das, was wir kannten, kristallisiert sich in einem Konzentrat von Freude. Wir sind existenzielle Isl\u00e4nder, und der Lavastrom zerst\u00f6rt die Landschaft, die wir kannten. Wir werden von der Trauer umgeschmolzen, von den Verlusten umgeworfen. Nur um mitten in einer Gewissheit zu erwachen, dass dies alles nicht verloren ist. Die Freude bleibt, sie erneuert sich \u2013 ist nie dieselbe. Wie die Freude \u00fcber das Kind, w\u00e4hrend wir jeden Zug entdecken, die kleinen Fingerchen und Zehen z\u00e4hlen, die Greifreflexe merken und einen tiefen Blick aus ein paar Augen, ein Blick, der zuvor ganz unbekannt war, noch ungesehen und ungeahnt. Wir merken den Atem, einen Puls des Kindes \u2013 aber eins mit unserem eigenen. Fremd und vertraut. Verborgene unbekannte Zukunft und vollendet gl\u00fcckliche Gegenwart. Die Auferstehung ist die Erinnerung des K\u00f6rpers, schon jetzt. Der Tod ist eine Geburt zum Neuen, und ich rede hier nicht von Reinkarnation, so als drehe sich alles im Kreis. Das Neue bricht hervor aus dem, was verloren war, das Schwerste, das Schmerzvolle, es kristallisiert eine Freude heraus, die wir zuvor weder kannten noch ahnten. Amen.<\/p>\n<p>Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p>DK-4100 Ringsted<\/p>\n<p>Email: amnm(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Existenzielle Isl\u00e4nder \u2013 etwas \u00fcber unruhige Bilder | Jubilate 2021 | Johannes 16,16-22 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anne-Marie Nybo Mehlsen |\u00a0 Das Bild steht etwas unruhig, wie bei einem alten Fernseher. Das Bild des Glaubens flimmert \u2013 dann ist er da, dann wieder nicht. Jetzt! Wir sehen und verstehen! 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