{"id":4961,"date":"2021-04-28T16:50:43","date_gmt":"2021-04-28T14:50:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=4961"},"modified":"2021-04-28T22:15:13","modified_gmt":"2021-04-28T20:15:13","slug":"singen-statt-verstummen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/singen-statt-verstummen\/","title":{"rendered":"Singen statt verstummen"},"content":{"rendered":"<h3>2. Mai 2021 | Predigt zu Lukas 19, 37 &#8211; 40 | verfasst von&nbsp;Ulrich Pohl, Neuss |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele seien es gewesen, schreibt der Evangelist Markus. Eine sehr gro\u00dfe Menge gar, berichtet der Evangelist Matth\u00e4us. Nur der Evangelist Lukas, der den Predigtabschnitt f\u00fcr den Sonntag heute ebenfalls niedergeschrieben hat, h\u00e4lt sich vornehm zur\u00fcck: Ja, eine Menge war es schon, die damals vom \u00d6lberg aus Richtung Jerusalem zog, aber es war eine kleine Menge, eben nur die Menge der J\u00fcnger. Der Evangelist Lukas will Leser \u00fcberzeugen, die der griechischen und r\u00f6mischen Kultur nahestehen. Er will vermeiden, dass der Eindruck entsteht, damals h\u00e4tte so etwas wie eine Kundgebung mit politischen Ambitionen stattgefunden, ein Aufstand gar.<\/p>\n<p>\u201eMeister weise doch deine J\u00fcnger zurecht.\u201c<\/p>\n<p>Auch die j\u00fcdischen W\u00fcrdentr\u00e4ger, die damals mit Jesus auf dem Weg waren, wollen diskret nach Jerusalem einziehen. Sie m\u00f6chten vermeiden, dass jemand auf die Idee kommt, man wolle Unruhe stiften.<\/p>\n<p>Der Wunsch der M\u00e4chtigen nach einer gewissen Ger\u00e4uschlosigkeit ist uns vertraut. H\u00e4tte es so etwas damals schon gegeben, h\u00e4tten die Vern\u00fcnftigen Jesus sicher dazu angehalten, Meister, achte doch bitte darauf, deine J\u00fcnger m\u00fcssen Mundschutz tragen, du bist doch hier der Veranstalter. Und bitte, um deiner selbst Willen, hab Acht, ihre \u00c4u\u00dferungen d\u00fcrfen nicht allzu weit von dem abweichen, was man allgemein denkt. Es k\u00f6nnte sonst etwas falsch verstanden werden. Am Ende gibt es gar Applaus von der falschen Seite!<\/p>\n<p>Dem Ansinnen, den Menschen, die ihm folgen, auf irgendeine Weise den Mund zu verschlie\u00dfen, erteilt Jesus eine Absage, wie sie deutlicher nicht sein kann:<\/p>\n<p>\u201eWenn diese schweigen, werden die Steine schreien.\u201c<\/p>\n<p>Und so wird undiszipliniert gesungen, laut skandiert, werden Parolen gerufen, w\u00e4hrend die Stadttore von Jerusalem bereits in Sicht kommen. Es sind Parolen vom Frieden und von einem anderen K\u00f6nig. Die, die mit Jesus gehen, geben ihrer Sehnsucht nach Vers\u00f6hnung und Gerechtigkeit Ausdruck, und nach einer anderen Regierung als der, die sie haben.<\/p>\n<p>\u201eMeister weise doch deine J\u00fcnger zurecht.\u201c<\/p>\n<p>Die j\u00fcdischen Lehrer, die da mit Jesus unterwegs sind, wissen, wenn Menschen gemeinsam ein Lied anstimmen, dann ist das nicht ungef\u00e4hrlich. Denn dann kann es sein, das Herz liegt schon nach wenigen Augenblicken auf der Zunge. Wer in j\u00fcngeren Jahren einmal bei einer Demonstration mitgegangen ist, hat das in Erinnerung: Am Ende der einen oder anderen Kundgebungs-Strophe fragt man sich: Was f\u00fcr Parolen hast du da eigentlich gerade mitgesungen?!<br \/>\nWenn man mit anderen zusammen etwas singt, dann wagt man sich mitunter weit vor.<\/p>\n<p>Deshalb sind die Lieder, die wir sonntags im Gottesdienst singen, so wichtig, wichtig f\u00fcr uns und wichtig f\u00fcr unsere Kirche. Die Lieder unserer Kirche f\u00fchren uns allsonnt\u00e4glich in das Wagnis hinein, das, was wir glauben, klar, kr\u00e4ftig und unmissverst\u00e4ndlich auszudr\u00fccken. Du meine Seele singe, Lobe den Herren, Bis hierher hat mich Gott gebracht &#8211; all diese Lieder nehmen uns mit. Sie beginnen mit einem unscheinbarem Wort, gesungen auf dem Grundton. Sie enden in einer vollen Harmonie, die uns mitten im Reich Gottes aufwachen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Das ist auch beim Hauptlied des heutigen Sonntag so:<\/p>\n<p>Es beginnt mit der Selbstermunterung, du meine Seele singe. Ja, das w\u00fcnsche ich mir tats\u00e4chlich, singen soll meine Seele, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Ich singe weiter, folge denen, die um mich her versammelt sind, folge den Strophen in das Lied hinein. Und am Ende h\u00f6re ich mich ein vollmundiges Bekenntnis ablegen: Der Herr allein ist K\u00f6nig! Und ich h\u00f6re, wie ich Dinge \u00fcber mich selbst \u00e4u\u00dfere, da wei\u00df ich zwar, sie stimmen &#8211; aber eingestehen tue ich sie mir dann doch nicht immer: Ich &#8211; eine welke Blum\u2019?!<\/p>\n<p>Manchmal wenn ich in der Kirchenbank sitze und im Gottesdienst mitsinge, mache ich mitten in einer Strophe Pause und denke, was singst du da? Geh\u00f6rst du wirklich gen Zion in ein Zelt? Dann bleibt mein Mund einen Moment lang geschlossen, ich lausche den Worten und gehe innerlich auf Distanz. Aber lange schaffe es nicht, mich zu verweigern. Um mich herum singt alles unbeirrt weiter, und schon nach wenigen Augenblicken setzt meine Stimme wieder ganz von selbst ein. Offenbar ist das Bed\u00fcrfnis danach, dazuzugeh\u00f6ren, das Bed\u00fcrfnis nach Resonanz und Harmonie, gr\u00f6\u00dfer, als die eigenen Bedenken. Es tut gut, wenn sich die eigene Stimme in den Stimmen der andern aufl\u00f6st. Es wird einem leicht, wenn die eigenen Gedanken in den Gedanken und Worten derer aufgehen, die lange vor uns da waren. Wozu will ich da nein sagen?! Es stimmt doch: Die H\u00e4user, in denen wir leben, sind nicht das, worin wir wirklich ein Zuhause haben. Unsere Heimat ist die Freiheit! Unsere Stadt ist die Stadt Gottes! Ich geh\u00f6re \u201egen Zion, in sein Zelt\u201c.<\/p>\n<p>Dann klingt die Orgel aus und f\u00fcr einen Moment noch halte ich in meinen Gedanken die letzte Zeile fest. Auch das stimmt:&nbsp; In meinem Leben geht es um etwas anderes als darum, dass ich mich anpasse, den Mund halte und weiterkomme. Es geht darum, ich soll den Ruhm Gottes ausbreiten in aller Welt, laut und fr\u00f6hlich, ich soll in seiner Liebe leben, so dass es alle mitbekommen.<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich so etwas auch von mir selbst behaupten, wenn mir die Woche \u00fcber jemand ein Mikrophon vor die Nase h\u00e4lt und fragt, wer bist du und wozu lebst du?<\/p>\n<p>Das gemeinsame Singen ist das, was der Kirche im Moment am meisten fehlt, zumindest und leider vor allem der evangelischen Kirche. Eine Predigt kann man online halten. Ein Gebet kann man auch einmal per Email schicken. Gemeinsam singen kann man online nicht.<\/p>\n<p>Mit dem gemeinsamen Singen derer, die damals nach Jerusalem gingen, fing es an. Und nichts hat in zwei Jahrtausenden die Gl\u00e4ubigen davon abhalten k\u00f6nnen, eben das zu tun: Gemeinsam zu singen. Es bringt uns als Menschen zusammen. Es f\u00fchrt uns auf die H\u00f6he des Bekenntnisses zu Jesus. Es bringt uns mit Gott zusammen.<\/p>\n<p>Wir sollten das Singen in unseren Gemeinden dringend wieder aufnehmen, wo wir nur k\u00f6nnen: In Ch\u00f6ren, in Gottesdiensten, auf Kirchenvorpl\u00e4tzen und auf Gemeindewiesen. Und irgendwann auch wieder in unseren Kirchen. Der Sonntag heute, der Singesonntag der Kirche, macht uns Mut dazu, unsere Stimmen endlich wieder zu erheben.<\/p>\n<p>Denn wenn wir nicht mehr singen, dann schreien irgendwann die Steine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl<br \/>\nNeuss<\/p>\n<p>EMail: <a href=\"mailto:ulrich.Pohl@EKiR.de\">ulrich.Pohl@EKiR.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Ulrich Pohl, geb. 1961, drei Kinder, verheiratet, zur Zeit t\u00e4tig in den Gemeinden Moers-Scherpenberg und Schwafheim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Mai 2021 | Predigt zu Lukas 19, 37 &#8211; 40 | verfasst von&nbsp;Ulrich Pohl, Neuss | &nbsp; Viele seien es gewesen, schreibt der Evangelist Markus. 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