{"id":5044,"date":"2021-05-03T12:50:37","date_gmt":"2021-05-03T10:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5044"},"modified":"2021-05-06T12:23:48","modified_gmt":"2021-05-06T10:23:48","slug":"gebetsstau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gebetsstau\/","title":{"rendered":"Sirach 35, 16-22a \/ Gebetsstau"},"content":{"rendered":"<h3>Rogate | 09.05.21 | Jesus Sirach 35, 16-22a | verfasst von Friedrich Schmidt-Roscher |<\/h3>\n<p>\u201eIch wei\u00df gar nicht, wie ich das alles schaffen soll!\u201c<\/p>\n<p>\u201eO je!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHilfe!\u201c<\/p>\n<p>Sind diese Sto\u00dfseufzer und Klagen schon ein Gebet, liebe Schwestern und Br\u00fcder?<\/p>\n<p>Oder ist das nur ein Ventil, um Dampf abzulassen, bevor ich platze?<\/p>\n<p>Rogate ist der Name des Sonntags: \u201eBetet!\u201c<\/p>\n<p>Es ist eine Aufforderung zu sprechen und zu klagen. Meine Not oder mein Elend vor Gott zu bringen.<\/p>\n<p>Aber muss das Beten nicht eine Form oder einen Rahmen haben? Kann ich mit meinen W\u00fcnschen und Sorgen mich einfach an Gott wenden?<\/p>\n<p>Muss ich nicht vorher erst einmal Danke sagen. Das in den Blick nehmen oder zur Sprache bringen, was mir im Leben von Gott geschenkt worden ist?<\/p>\n<p>Das wird ja manchmal beim Beten empfohlen. Zuerst Gott loben und ihm danken f\u00fcr das, was er mir \u201eGutes getan hat\u201c.<\/p>\n<p>Das ist ja kein schlechter Rat. Ich neige manchmal dazu, nur das zu sehen, was mich qu\u00e4lt oder was mir Sorgen macht. So aber bin ich gen\u00f6tigt, meinen Blick zu weiten, auch die Blumen zu sehen, nicht nur das Unkraut. Diese Erweiterung des Blicks kann auch mein verzagtes Herz ermutigen.<\/p>\n<p>Doch die Forderung vor der Bitte erst einmal Danke zu sagen, macht aus mir ein kleines Kind, das zur H\u00f6flichkeit erzogen wird.\u00a0 Wenn mein Elend oder meine Not oder meine Verzweiflung schon so gro\u00df ist, wie kann ich dann noch danken? Es gibt Situationen, da bin ich nur noch Not und Elend, stecke so tief drin im Schlammassel, dass ich nur noch flehen und weinen kann. Leise die Not rausschreien. Zum Himmel oder zu Gott.<\/p>\n<p>Im Buch Jesus Sirach ist von solchen Menschen die Rede. Das Waisenkind fleht. Es hat seine Eltern verloren ist mutterseelenallein und kann nur noch jammern. Eine Witwe klagt und trauert, weil sie ihren Mann verloren hat.<\/p>\n<p>Da ist von Schreien und von Tr\u00e4nen die Rede. Wof\u00fcr k\u00f6nnten Witwe und Waise noch danken?<\/p>\n<p>Klagen und Flehen ist schon ein Gebet. Ich selbst bin Klage und Bitte. Ich selbst bin Gebet, wie es Martin Buber so treffend formuliert hat. Wenn mein Klagen, Flehen oder Weinen zum Beten wird, dann flie\u00dft es nicht nur aus mir heraus, sondern wendet sich an einen, der h\u00f6rt. Einen, der mich in meiner Not sieht. Einen, der mich ansieht. Ohne Ansehen der Person, aber eben gerade deshalb sieht er mich an. Sieht das Waisenkind an, die Witwe, die Menschen, die \u00fcbersehen werden.<\/p>\n<p>Wenn ich bete, dann vertraue ich darauf, dass einer ist, der meine Worte h\u00f6rt und meine Bed\u00fcrftigkeit sieht. Der sieht, wer ich bin und was mir fehlt. Im Beten halte ich meine offenen H\u00e4nde hin und hoffe darauf, dass sie gef\u00fcllt werden. Denn ich bin angewiesen auf die Hilfe Gottes.<\/p>\n<p>Das entspricht nicht unserem Menschenbild. In unserer Welt soll ich doch selbst mutig sein und t\u00fcchtig oder flei\u00dfig. Ich soll jedenfalls einer sein, der sein Leben im Griff hat oder es bald wieder in den Griff kriegt. Beten scheint nicht zu unserem Welt- und einem Menschenbild zu passen. \u00dcberall finde ich Ratgeber\/innen, die f\u00fcr alle Probleme Mittel oder L\u00f6sungen empfehlen. Das kriegt man alles wieder hin.<\/p>\n<p>Aber stimmt das? Trotz allem Fortschritt, trotz Krankenkassen und Beratungsstellen, Rechtsstaat und Rente, kann ich krank werden oder einsam oder hilfsbed\u00fcrftig. Ich bin eine Angewiesene, ein Bed\u00fcrftiger. Ich bin ein Bettler, wie es Martin Luther ganz am Ende seines Lebens einmal sagte.<\/p>\n<p>Dr\u00fcckt sich in meiner Bitte nicht genau das aus, was ich als Mensch vor Gott bin? Einer, der darauf hofft, dass seine H\u00e4nde gef\u00fcllt werden, dass seine Bitten erh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Im Beten wird deutlich, dass ich eben nicht alles im Griff habe oder selbst machen kann, sondern eine oder einer bin, der andere braucht, der vor allem Gott braucht, wie die Luft zum Atmen. Das wird doch gerad in meiner Bitte deutlich. Wenn ich Gott um etwas bitte, wenn ich ihn in meiner Not anrufe, dann steckt darin ja auch ein verstecktes Lob. Meine Bitte lobt Gott, weil ich ihm vertraue und auf ihn hoffe.<\/p>\n<p>Wer betet, der rechnet mit Gott oder &#8211; vorsichtiger gesagt &#8211; die hofft, dass Gott da ist. Nicht allgemein da ist, sondern f\u00fcr mich da ist. F\u00fcr mich und die anderen Menschen, die bitten und flehen wie Witwe und Waise. Ich hoffe, dass Gott ohne Ansehen der Person mich sieht in meiner Not. Und auch die anderen sieht, die leiden.<\/p>\n<p>Wird nicht gerade in meinem Beten deutlich, wer Gott f\u00fcr mich ist? Nicht nur letzte Instanz, sondern Retter und Tr\u00f6ster. Auch Richter, wie es bei Jesus Sirach hei\u00dft.\u00a0 Richter meint, einer der Dinge zu recht bringt, auch das wieder gut macht, was bei mir oder in der Welt gerade nicht gut ist.<\/p>\n<p>Der Beter und die Beterin bei Jesus Sirach richten ihre Klagen an den Himmel zu den Wolken. Sie schicken ihre Gebete durch die Wolken zu Gott. Eine merkw\u00fcrdige, in unseren Augen vielleicht kindliche Vorstellung. Aber ohne dieses Vertrauen der Kinder kann ich nicht beten.<\/p>\n<p>Manchmal dauert es lang mit dem Trost. Die Beter sollen jedoch nicht nachlassen.<\/p>\n<p>Stapeln sich zwischen den Wolken unsere Gebete? Gibt es so etwas wie eine himmlische B\u00fcrokratie, mit hohen Gebetsstapeln, die ihrer Bearbeitung oder Erh\u00f6rung noch harren? M\u00fcsste es uns wundern, wenn es so etwas wie einen Gebetsstau gibt, bei all den Milliarden Menschen, die t\u00e4glich zu Gott beten, bitten oder betteln?<\/p>\n<p>Es ist ein merkw\u00fcrdiges Bild, dass die Gebete erst einmal dort in den Wolken h\u00e4ngen bis sie zu Gott kommen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung, dass ich immer wieder mein Anliegen vorbringe bis ich damit zu Gott vordringe. Sollte es im Himmel anders sein als auf Erden? Oder denke ich zu menschlich von Gott?<\/p>\n<p>Wenn Gott Gebete der Leidenden erh\u00f6rt, dann kann es dazu f\u00fchren, dass er ihre Unterdr\u00fccker zu Recht bringt. Das ist dann keine \u201eFriede-Freude-Eierkuchen-Vorstellung\u201c von \u201eAlle-haben-sich lieb\u201c.\u00a0 Es kann dazu f\u00fchren, dass die Leidverursacher zur Rechenschaft gezogen werden, die Erbschleicher bestraft werden, die Gewaltt\u00e4ter selbst unter Gewalt leiden. Wenn wir f\u00fcr die Opfer beten, d\u00fcrfen wir die T\u00e4ter nicht vergessen. Um bei der Wahrheit zu bleiben, sind eben nicht nur die anderen die Unt\u00e4ter. Auch mein Tun und Lassen kann zur Untat werden gegen andere Menschen. Auch mein Handeln und Nichthandeln kann unbarmherzige Folgen haben. Das geh\u00f6rt zur Wahrheit dazu, die ich manchmal nicht so gerne h\u00f6re.<\/p>\n<p>Aber bei Jesus Sirach kommt es zur Sprache \u2013 ohne Ansehen der Person. Beten ist dann nicht nur eine Sache zwischen mir und meinem Gott, sondern hat auch eine praktische Seite, die Leben ver\u00e4ndert. Mein Leben und das Leben der anderen Menschen.<\/p>\n<p>Dann ist das Beten auch kein Unt\u00e4tig-sein. Mein Bitten und Flehen, die Klagen und Gebete der Menschen sind schon Handeln. Deshalb geh\u00f6rt dann auch das Beten und das Tun des Gerechten \u2013 wie Dietrich Bonhoeffer es so sch\u00f6n ausgesprochen hat- zusammen. Es sind die zwei Seiten einer M\u00fcnze.<\/p>\n<p>Mit meinem Beten bin ich in Verbindung mit Gott. Mit meinen Klagen und Seufzen, mit kleinen und gro\u00dfen Bitten bleibe ich verbunden mit Gott. Es ist mein Bundesgott an den ich mich wende. Ein Gott, der mit mir im Bunde steht. Deshalb werde ich durch meine Worte selbst zum Gebet. Gott h\u00f6rt. Ohne Ansehen der Person. Er sieht mich und h\u00f6rt mich. Meine Seufzer und meine stummen Gebete. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dr. Friedrich Schmidt-Roscher, JG 1962, seit 2007 Pfarrer in Ha\u00dfloch\/ Ev. Kirche Pfalz<br \/>\nfr.schmidt-roscher@gmx.de<\/p>\n<p>Anregend fand ich Jutta Noetzel, Eine Cloud gibt zu denken, GPM 75\/2021, S. 304-312<\/p>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: EG 501| EG 133| Lege deine Sorgen nieder in: Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus, 175<\/p>\n<h2>F\u00fcrbitten<\/h2>\n<p>Gott, unser Vater im Himmel,<\/p>\n<p>du h\u00f6rst und siehst mich.<\/p>\n<p>H\u00f6re mein Seufzen und Klagen.<\/p>\n<p>H\u00f6re auch meine stummen Gebete.<\/p>\n<p>Ermutige mich, dass ich mit dir im Gespr\u00e4ch bleibe.<\/p>\n<p>Vor dich bringe ich in der Stille, was mich belastet:<\/p>\n<p>Gemeinsam rufen wir: Gott, erbarme dich!<\/p>\n<p>Gott, du tr\u00f6stest mich wie eine Mutter tr\u00f6stet.<\/p>\n<p>Lass mich im Beten deine N\u00e4he erfahren.<\/p>\n<p>Hilf mir auch dein Schweigen zu ertragen.<\/p>\n<p>Ich bitte f\u00fcr Eltern und Gro\u00dfeltern,<br \/>\ndass sie ihren Kindern die Sprache des Gebets weitergeben.<\/p>\n<p>Ich bringe die Menschen vor dich, die \u00fcberlastet sind, die sich gro\u00dfe Sorgen machen.<br \/>\nSorge du f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>Vor dich bringen ich in der Stille meine Bitten:<\/p>\n<p>Gemeinsam rufen wir: Gott, erbarme dich!<\/p>\n<p>Gott, du Liebender,<\/p>\n<p>Erneuere deine Sch\u00f6pfung und auch mich.<\/p>\n<p>Lass Menschen aufatmen,<\/p>\n<p>dass Frieden werde und Gerechtigkeit wachse,<\/p>\n<p>dass wir einander vergeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor dich bringe ich meine Freude und meinen Dank:<\/p>\n<p>Gemeinsam rufen wir: Gott, erbarme dich!<\/p>\n<p>Vaterunser\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rogate | 09.05.21 | Jesus Sirach 35, 16-22a | verfasst von Friedrich Schmidt-Roscher | \u201eIch wei\u00df gar nicht, wie ich das alles schaffen soll!\u201c \u201eO je!\u201c \u201eHilfe!\u201c Sind diese Sto\u00dfseufzer und Klagen schon ein Gebet, liebe Schwestern und Br\u00fcder? 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