{"id":5057,"date":"2021-05-06T11:46:34","date_gmt":"2021-05-06T09:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5057"},"modified":"2021-05-06T11:48:10","modified_gmt":"2021-05-06T09:48:10","slug":"markus-1614-20-die-fussspuren-jesu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1614-20-die-fussspuren-jesu\/","title":{"rendered":"Markus 16,14-20"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Fu\u00dfspuren Jesu | <\/strong>Christi Himmelfahrt 2021 | Markus 16,14-20 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Peter Fischer-M\u00f8ller |<\/h3>\n<p><strong>Die Fu\u00dfspuren Jesu<\/strong><\/p>\n<p>Wie steht es mit euren F\u00fc\u00dfen?<\/p>\n<p>Ich erinnere mich daran, wie mein Vater, als er meine nun 35-j\u00e4hrige Nichte Julie als Neugeborene sah, als erstes ihre F\u00fc\u00dfe bemerkte. Man denke nur, dass die so kleinsein k\u00f6nnen, und man sehe, wie lang und fein die Zehen waren \u2013 und dann konnte sie alle Zehen zugleich spreizen.<\/p>\n<p>Vielleicht hang die Faszination der kleinen Babyf\u00fc\u00dfe damit zusammen, dass die F\u00fc\u00dfe sp\u00e4ter im Leben nicht etwas sind, was wir besonders beachten und was die meisten nicht als etwas besonders Pr\u00e4sentables ansehen.<\/p>\n<p>Die F\u00fc\u00dfe sind im buchst\u00e4blichen Sinne etwas sehr Erdnahes. Und doch haben sie ihren Platz in der himmlischen Geschichte, um die wir uns heute hier versammelt haben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Ostern etwas mit den H\u00e4nden zu tun hat: Jesus, der das Brot am Gr\u00fcndonnerstag mit seinen H\u00e4nden bricht, den H\u00e4nden, die am Karfreitag von den N\u00e4geln durchbohrt werden, Thomas, der mit den Erz\u00e4hlungen der anderen von der Begegnung mit dem Auferstandenen nichts anfangen kann und deshalb sagt, er wolle die L\u00f6cher in den H\u00e4nden Jesu sehen, ehe er an die Berichte von der Auferstehung glauben will. Und dann steht Jesus da mit den H\u00e4nden, und erhebt sie schlie\u00dflich \u00fcber sie, um sie zu segnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Ostern also mit den H\u00e4nden zu tun hat, ist die Himmelfahrt paradoxerweise mit den F\u00fc\u00dfen verbunden. Sie werden in den biblischen Berichten nicht erw\u00e4hnt, aber sie spielen eine Rolle in der Kunst. Vielleicht inspiriert durch die sehr anschauliche Beschreibung der Himmelfahrt, wo wir h\u00f6ren, dass Jesus in den Himmel emporgehoben wird und in einer Wolke verschwindet, w\u00e4hrend die J\u00fcnger auf der Erde zur\u00fcckbleiben und ihm nachschauen \u2013 mit ihren F\u00fc\u00dfen solide auf der Erde stehend. Im Chor des Doms von Roskilde befindet sich im Gest\u00fchl eine herrliche Holzskulptur, wo man diese Geschichte sieht. Die J\u00fcnger schauen verwundert nach oben, von Jesus sieht man nur den unteren Saum eines faltenreichen Gewandes und ein paar F\u00fc\u00dfe, die herausragen.<\/p>\n<p>Auf dem \u00d6lberg in Jerusalem lie\u00df die Mutter Kaiser Konstantins Helena an der Stelle eine Kirche errichten, wo man sagte, dass Jesus gen Himmel gefahren sei. Heute ist nur der Turm erhalten. Wie eine schlanke Rakete steht er da und zeigt nach oben zum Himmel. Und in einer kleinen Kapelle daneben sieht man zwei Fu\u00dfabdr\u00fccke auf dem Boden, angeblich die Abdr\u00fccke, die Jesus dort hinterlie\u00df, als er absetzte. Eine imponierende Schuhgr\u00f6\u00dfe 56 scheint es zu sein, wohl zu gro\u00df f\u00fcr uns, um darin zu gehen!<\/p>\n<p>Die F\u00fc\u00dfe im Gest\u00fchl des Roskilder Doms und die Fu\u00dfspuren in Jerusalem, die oft in der kirchlichen Kunst dargestellt werden, sind eine Weise, zum Ausdruck zu bringen, dass Jesus ein wirklicher Mensch war, der hier auf Erden wandelte.<\/p>\n<p>Er hat mit seinen neugeborenen Zehen in der Krippe in Bethlehem gestrampelt. Er hat seine ersten Schritte in Nazareth getan, und als Erwachsener ist er kreuz und quer auf seinen nackten F\u00fc\u00dfen durch das Heilige Land gegangen. Die F\u00fc\u00dfe signalisieren, dass Jesus ein Mensch war wie du und ich.<\/p>\n<p>Die F\u00fc\u00dfe sind das erste, was wir an einem Menschen bemerken. Wenn das Kind im Mutterleib heranw\u00e4chst und die Mutter Leben sp\u00fcrt, sind es die F\u00fc\u00dfe, die strampeln. Es sind auch die F\u00fc\u00dfe, die man als Vater sehen und merken kann, wenn man die Hand auf den Bauch der Mutter legt. Und die F\u00fc\u00dfe sind das letzte, auf das wir bei einem Menschen sehen. Wenn wir in der Kirche sitzen und einer unserer Lieben im Sarg liegt, dann liegt der Kopf an der Seite zum Altar, die F\u00fc\u00dfe sind uns zugewandt. Wir k\u00f6nnen uns einander n\u00e4hern und voneinander entfernen mit den F\u00fc\u00dfen. Unsere Gem\u00fctslage l\u00e4sst sich an den Bewegungen der F\u00fc\u00dfe ablesen, ob wir schleppend hinterhergehen, ob wir einen schweren oder einen leichten Gang auf Erden haben.<\/p>\n<p>Wir denken vielleicht unmittelbar an die F\u00fc\u00dfe als weniger bedeutende K\u00f6rperteile. Der Apostel Paulus nennt, wenn er die Gemeinde mit einem K\u00f6rper mit einem Leib mit vielen Gliedern vergleicht und die Bedeutung der Unterschiede hervorhebt, die F\u00fc\u00dfe als die geringsten Glieder \u2013 und dennoch als einen unverzichtbaren Teil des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Der niedrige Rang der F\u00fc\u00dfe in der Zeit Jesu kommt auch darin zum Ausdruck, dass es als ein reiner Sklavendienst angesehen wurde, die F\u00fc\u00dfe eines anderen zu waschen. Deshalb wurden die J\u00fcnger auch verwirrt und verlegen, als Jesus selbst am letzten Tag seines Lebens vor den J\u00fcngern niederkniete und begann, ihre F\u00fc\u00dfe zu waschen \u2013 als Vorbild f\u00fcr sie, als Zeichen f\u00fcr die Aufgabe, die er ihnen auferlegte, nicht \u00fcber andere zu herrschen, sondern dass Menschen, die von Jesus inspiriert sind, einander dienen sollen, vor allem den Schwachen und Verachteten.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger standen bei der Himmelfahrt Christi und sahen, wie seine F\u00fc\u00dfe in der Wolke verschwanden. Sie sahen nur seine F\u00fc\u00dfe, aber sie hatten mehr als die F\u00fc\u00dfe, woran sie sich halten konnten. Sie hatten auch seine Fu\u00dfspuren, die Spuren, die er in ihrem Sinn und Denken in all den Jahren hinterlassen hatte, in denen sie ihm gefolgt waren. Und wir k\u00f6nnen diesen Spuren folgen, die ihre Geschichte von Ihm in unserer Welt hinterlassen haben, in der Kultur, in unserem Denken, im Leben miteinander, in unserem Gef\u00fchl f\u00fcr das, was richtig ist und verkehrt.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren kam es \u2013 jedenfalls in vieren kirchlichen Kreisen in D\u00e4nemark &#8211; zu gro\u00dfem Aufruhr und gro\u00dfer Emp\u00f6rung angesichts einer ungew\u00f6hnlichen Kombination von Jesus und F\u00fc\u00dfen. Es ging um eine Serie von Klipp-Klapp-Sandalen mit einem Bild von Jesus auf der Trittfl\u00e4che \u2013 glaubte man. Bei n\u00e4herem Hinsehen zeigte sich, dass es in Wirklichkeit ein Bild von einem der J\u00fcnger war, Judas Thadd\u00e4us. Der Produzent wurde von einem Mitglied der katholischen Gemeinde in Vordingborg angezeigt bei der Polizei, der der Auffassung war, Jesus werde verh\u00f6hnt, wenn man Sandalen mit seinem Bild verkaufen und mit diesen Sandalen herumlaufe. Manche fanden das blasphemisch und schrieben zornige Leserbriefe. Ein zw\u00f6lfj\u00e4hriges M\u00e4dchen kaufte ein Paar Sandalen und wunderte sich, als ihre Mutter ihr entr\u00fcstet verbot, mit diesen Sandalen zu gehen. So hatte das M\u00e4dchen das gar nicht gemeint. \u201eJesus ging doch auch mit Sandalen\u201c erkl\u00e4rte sie, und jetzt wollte sie nun also in seinen Fu\u00dfspuren wandeln.<\/p>\n<p>Das Evangelium des heutigen Tages konfrontiert uns mit denselben Fu\u00dfspuren und fordert uns auf, ihnen zu folgen.<\/p>\n<p>Jesus spricht zu den J\u00fcngern und zu uns ein letztes Mal, ehe er uns verl\u00e4sst und wir seine F\u00fc\u00dfe in den Wolken verschwinden sehen. Er spricht von Unglauben und Hartherzigkeit \u2013 nicht bei anderen, sondern bei uns selbst. Das wussten die J\u00fcnger, zu denen er sprach, denn sie hatten selbst versagt und gezweifelt. Das w\u00fcrden sie nie vergessen k\u00f6nnen. Das ist eine der Fu\u00dfspuren, die er in unsere Sinne und Herzen gelegt hat, eine Durchleuchtung unseres Lebens, so dass wir uns nie werden einbilden k\u00f6nnen, dass Unglauben und Hartherzigkeit etwas ist, das nichts mit uns selbst zu tun hat. Zugleich aber sendet er seine J\u00fcnger aus, zugleich werden wir ausgesandt. Nicht um dasselbe zu sagen und zu tun wie Jesus, sondern eben um in eigener Verantwortung in seinen Fu\u00dfspuren \u2013 oder besser in denen von Judas Thadd\u00e4us und der anderen J\u00fcnger zu folgen. Jesus ist nicht mehr hier auf Erden in ganzer Figur. Wir sehen nur die F\u00fc\u00dfe. Das ist ein sch\u00f6ner bildlicher Ausdruck daf\u00fcr, dass das Evangelium, dass das Christentum, dass die Kirche uns hier kein fertiges Rezept f\u00fcr das wahre Menschenleben bietet, uns nicht mit fertigen L\u00f6sungen f\u00fcr die vielen Fragen und Entscheidungen des Daseins kommt. Denn das Leben ist allzu gro\u00df und beweglich, als das es mit fertigen L\u00f6sungen bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnte, die Liebe ist allzu lebendig, als dass sie in Systeme gepresst werden k\u00f6nnte. Es gibt keinen anderen Weg als dass man seine Augen und Ohren gebraucht und Aufmerksamkeit walten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wir tragen die Verantwortung selbst und damit die M\u00f6glichkeit, dass wir hin und wieder falsche Entscheidungen treffen, wie die Riesin Skade in der nordischen Mythologie, als sie zwischen G\u00f6ttern w\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Wir tragen alle selbst Verantwortung daf\u00fcr, dass wir den Weg weitergehen, den Jesus begann. Uns ist die Aufgabe \u00fcbertragen, das Evangelium mit hineinzubringen in unser Leben mit anderen Menschen, indem wir die Geschichte von ihm erz\u00e4hlen und Menschen in seinem Namen taufen, indem wir den Kampf gegen das B\u00f6se f\u00fchren in uns selbst und in der Welt, indem wir uns der Kranken und Notleidenden annehmen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen das tun so gut wie m\u00f6glich. In eigener Verantwortung. Mit den F\u00fc\u00dfen auf der Erde und der Liebe und Vergebung Gottes als der blaue Himmel \u00fcber unseren s\u00fcndigen H\u00e4uptern. Man muss nur beginnen. Viel Spa\u00df bei der Arbeit! Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Bischof Peter Fischer-M\u00f8ller<\/p>\n<p>Roskilde<\/p>\n<p>Email: pfm(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fu\u00dfspuren Jesu | Christi Himmelfahrt 2021 | Markus 16,14-20 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Peter Fischer-M\u00f8ller | Die Fu\u00dfspuren Jesu Wie steht es mit euren F\u00fc\u00dfen? 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