{"id":5077,"date":"2021-05-04T08:55:00","date_gmt":"2021-05-04T06:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5077"},"modified":"2021-05-07T12:09:25","modified_gmt":"2021-05-07T10:09:25","slug":"sirach-35-16-22a-ein-gebet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sirach-35-16-22a-ein-gebet\/","title":{"rendered":"Sirach 35, 16-22a \/ Ein Gebet&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Gebet, das durch die Wolken dringt | Predigt f\u00fcr den Sonntag Rogate am&nbsp; 9. Mai 2021 | \u00fcber Sirach 35, 16-22a (Perikopenreihe III) | verfasst von Susanna Kschamer |<\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der heutige Sonntag hei\u00dft Rogate \u2013 Betet!&nbsp; Wie h\u00f6ren Sie&nbsp; und wie h\u00f6rt Ihr die Aufforderung, die in diesem Namen steckt? &#8211;&nbsp; \u201eBetet!\u201c Was l\u00f6st das bei Euch und Ihnen aus?<\/p>\n<p>Wirkt es wie ein Ermahnung? Und dann denkt man vielleicht:&nbsp; \u201eStimmt schon. Ich bete viel zu selten und auch eigentlich immer nur dann, wenn es mir schlecht geht. Ich danke Gott eigentlich nie. Da sollte ich in Zukunft&#8230;\u201c Bei religi\u00f6s erzogenen Menschen stellt sich dann vielleicht ein schlechtes Gewissen ein. Aber Freude wohl eher nicht.<\/p>\n<p>Oder h\u00f6ren Sie es als Ermutigung? Und es geht Ihnen das Herz auf und Ihr denkt vielleicht: \u201eIch k\u00f6nnte mir \u00f6fter Zeit zum Beten nehmen. Ich muss nicht immer alles alleine schaffen. Ich darf mit meinen Bitten zu Gott kommen. Und meine Freude \u00fcber die sch\u00f6nen Dinge des Lebens wird noch gr\u00f6\u00dfer, wenn ich Gott deswegen lobe und danke!\u201c Ich selbst merke in solchen Momenten, wie ich mich aufrichte, mein Blick offener wird und mir manchmal auch eine Last von den Schultern f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Als regelm\u00e4\u00dfige GottesdienstbesucherInnen reagieren Sie und reagiert Ihr auf die Aufforderung zum Gebet vermutlich eher nicht mit Ratlosigkeit. Aber wer wenig mit Glauben zu tun hat denkt vielleicht: \u201eVielleicht k\u00f6nnte ich das ja mal ausprobieren, aber wie macht man das eigentlich? Und was bringt mir das?\u201c<\/p>\n<p>Obwohl: Die Frage: \u201eWas bringt mir das?\u201c stelle ich auch mir schon ab und an. Und dann folgen oft die Fragen \u201eH\u00f6rt Gott mich \u00fcberhaupt?\u201c und \u201eH\u00f6rt er auch die, denen es besonders schlecht geht?\u201c<\/p>\n<p>Diese Fragen sind nicht neu. Sie besch\u00e4ftigen Menschen schon sehr lange . Mit diesen Fragen hat sich auch&nbsp; Jesus Sirach, auch Schimon Ben Sira genannt, am Anfang des 2. vorchristlichen Jahrhunderts besch\u00e4ftigt. Zu dieser Zeit stand Israel unter griechischer Vorherrschaft und hellenistische Kultur und Philosophie wurde auch in j\u00fcdischen Kreisen modern.&nbsp; Sirach lebte damals als gl\u00e4ubiger Jude in Jerusalem. Es war ihm ein Anliegen die Impulse der hellenistisch-griechischen Kultur aufzunehmen und dabei dem Judentum treu zu bleiben. Daher verfasste er das nach ihm benannte Weisheitsbuch. In der Lutherbibel finden wir es zwischen dem Alten und dem Neuen Testament unter den Apokryphen. Seine Antwort auf die Frage nach dem Gebet finden wir im Predigttext f\u00fcr den heutigen Sonntag.<\/p>\n<p>Ich lese aus dem apokryphen Buch Sirach aus dem 35. Kapitel die Verse 16 \u2013 22 a aus einer modernen \u00dcbersetzung*<\/p>\n<p>Sir 35, 16-22a:<\/p>\n<p><em>Er ist den Aller\u00e4rmsten gegen\u00fcber nicht voreingenommen&nbsp; und h\u00f6rt auf die Bitte von Menschen, denen Unrecht geschieht. Niemals \u00fcberh\u00f6rt er den Hilferuf der Waisen und Witwen, wenn sie ihre Klagen aussch\u00fctten. Flie\u00dfen die Tr\u00e4nen der Witwe nicht \u00fcber ihre Wangen, und klagt ihr Hilfeschrei nicht die an, die ihre Tr\u00e4nen verursacht haben? Menschen, die Gott dienen, werden mit Freude angenommen,&nbsp; und ihre Bitte dringt bis zu den Wolken. Das Gebet erniedrigter und entw\u00fcrdigter Menschen dringt durch die Wolken,&nbsp; und es l\u00e4sst nicht nach, bis es sein Ziel erreicht hat; es gibt nicht auf, bis die \u00b0H\u00f6chste es wahrnimmt, sich f\u00fcr die Gerechten vor Gericht einsetzt und ihnen Recht verschafft. Und Gott wird nicht z\u00f6gern,&nbsp; und er wird keine Nachsicht mehr \u00fcben gegen die, die Unrecht tun.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Sirach ist es eindeutig, dass Gott die Benachteiligten genauso im Blick hat, wie die Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und aus den tonangebenden Schichten. Ausdr\u00fccklich nennt er die Witwen und die Waisen und damit Menschen, f\u00fcr die sich die j\u00fcdische Tradition schon immer eingesetzt hat und deren Rechte in den j\u00fcdischen Gesetzen verbrieft sind. Allerdings hatte sich ihre Situation offensichtlich in all den Jahrhunderten nicht verbessert. Nach wie vor war die Gesellschaft streng patriarchal gepr\u00e4gt. Frauen und Kinder ohne m\u00e4nnlichen \u201eErn\u00e4hrer\u201c hatten einen schweren Stand. Zu der Trauer um Mann oder Vater kam massive wirtschaftliche Not. Und so mancher nutzte das aus und hielt sich auf Kosten der ohnehin schon Benachteiligten schadlos.<\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft sorgen \u2013 Gott sei Dank! &#8211; soziale Sicherungssysteme&nbsp; f\u00fcr eine Grundsicherung. Aber noch immer geh\u00f6ren Alleinerziehende und ihre Kinder zu denen, die besonders stark von Armut bedroht sind. Und auch in unserer Zeit ist die Versuchung gro\u00df, lieber auf die Einflu\u00dfreichen und Beliebten zu achten und es ihnen recht zu machen, als sich den Benachteiligten zuzuwenden. Ich wei\u00df nicht, wie es Ihnen und Euch geht, auch ich ertappe mich zuweilen dabei \u2013 schlie\u00dflich habe ich nicht so viel zu bef\u00fcrchten, wenn ich die Machtlosen \u00fcbersehe.<\/p>\n<p>Sirach ist sich jedoch sicher: Gott \u00fcbersieht sie nicht! Er hat die Benachteiligten besonders im Blick. Er sieht auch, dass die Tr\u00e4nen der Witwe nicht nur wegen ihrer Trauer flie\u00dfen, sondern auch aus Wut dar\u00fcber, dass ihre Situation so schamlos ausgenutzt wird und sie keine M\u00f6glichkeiten hat, sich zu wehren. Doch ihr Gebet dringt durch die Wolken direkt zu Gott. Welch ein sch\u00f6nes Bild daf\u00fcr, dass Gott auf ihre Hilferufe h\u00f6rt! Und Gott tritt dann f\u00fcr sie ein, er verschafft ihr Recht. Und das gilt auch f\u00fcr alle Benachteiligten und Unterdr\u00fcckten heute: Gott wird die Ungerechtigkeiten nicht unbeantwortet lassen.<\/p>\n<p>Das klingt sch\u00f6n und tr\u00f6stlich. Aber was ist mit all den Menschen, denen es schlecht geht und auf deren Gebet Gott anscheinend nicht antwortet? Da gilt es nicht aufzugeben:<\/p>\n<p>Im Sonntagsevangelium haben wir eben geh\u00f6rt, wie Jesus uns ermutigt, Gott so zu bedr\u00e4ngen, wie jener Mann, der um Mitternacht seinen Freund n\u00f6tigte ihm drei Brote f\u00fcr \u00fcberraschend eintreffenden Besuch zu leihen. Und im Gleichnis vom ungerechten Richter macht er eine Witwe zum Vorbild, die dem ignoranten Richter so lange auf die Nerven geht, bis er ihr Recht verschafft. Wir d\u00fcrfen also Gott gegen\u00fcber im Notfall sogar unversch\u00e4mt werden.<\/p>\n<p>Auch Sirach entwickelt ein sch\u00f6nes und tr\u00f6stliches Bild f\u00fcr die Situation, in der ein Gebet nicht erh\u00f6rt wird: Er beschreibt die Gebete als eine Kraft, die sich durch alle Wolken der Verzweiflung und der Ignoranz anderer hindurch ihren Weg zu Gott sucht, und die nicht m\u00fcde wird, bis sie ihr Ziel erreicht. Was f\u00fcr eine Ermutigung, sich selbst und seine Anliegen nicht aufzugeben und weiter zu hoffen, selbst wenn die Lebenssituation schwierig bleibt. Und vielleicht als Symbol f\u00fcr diese Hoffnung in einer unserer Kirchen eine Kerze anzuz\u00fcnden.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong>:<\/p>\n<p>Diese Predigt wird im aus Pandemiegr\u00fcnden zur Andacht verk\u00fcrzten Sonntagsgottesdienst in der Dorf Kirche von Fleckeby (an der Schlei in Schleswig-Holstein) gehalten und au\u00dferdem f\u00fcr die, f\u00fcr die eine Teilnahme am Gottesdienst ein zu hohes Risiko darstellt, als Text in unseren Sonntags ge\u00f6ffneten Kirchen ausgelegt, als Predigtbrief verschickt und \u00fcber unsere Website kirche-kosel.de ver\u00f6ffentlicht. Als Audio ist die Predigt ebenfalls \u00fcber die Website und \u00fcber unseren Telefondienst \u201eBei Anruf Predigt\u201c erreichbar.<\/p>\n<p>Im Gottesdienst wird der Psalm des Sonntags gebetet und das Evangelium verlesen, so dass diese beiden Texte der Resonanzraum der Predigt sind. In der Kirche ist zur Zeit nur Sologesang erlaubt. Deswegen singe ich jeweils eine Strophe der Lieder solo. Nach den Abk\u00fcndigungen verlassen wir die Kirche zur Orgelmusik, stellen uns drau\u00dfen vor der T\u00fcr auf und beenden den Gottesdienst mit zwei gemeinsam gesungenen Lieder,&nbsp; F\u00fcrbittengebet,&nbsp; Vaterunser und Segen. Beide Kirchen sind Sonntags ganzt\u00e4gig ge\u00f6ffnet, die Kirche in Kosel auch an den Werktagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Als \u00dcbersetzung des Predigttextes habe ich mich dieses Mal f\u00fcr die sprachlich leicht an meine eher konservative Gemeinde angepasste \u00dcbersetzung der Bibel in gerechter Sprache entschieden. Entscheidend war f\u00fcr mich die \u00dcbersetzung von Vers 20:<\/p>\n<p>Luther: \u201eWer Gott dient, wie es ihm gef\u00e4llt, der ist ihm angenehm, und sein Gebet reicht bis in die Wolken\u201c<\/p>\n<p>BiG: \u201eMenschen, die Gott dienen, werden mit Freude angenommen,&nbsp; und ihre Bitte dringt bis zu den Wolken.\u201c<\/p>\n<p>Im Gottesdienst erwarte ich im Moment nur Menschen, die regelm\u00e4\u00dfig kommen. Sollte das an diesem Sonntag anders sein, w\u00fcrde ich den Satz \u00fcber die Menschen, die wenig Kontakt zum Glauben haben, ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Da das Buch Sirach in meiner Gemeinde unbekannt ist, habe ich Hintergrundinformationen zum Buch mit in die Predigt einflie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastorin Susanna Kschamer ist seit 2013 Gemeindepastorin in der Kirchengemeinde Kosel, zu der als Predigtst\u00e4tten die St. Laurentius-Kirche in Kosel aus dem 12. Jahrhundert und die Kreuzkirche in Fleckeby aus den 60iger Jahren des 20. Jahrhunderts geh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gebet, das durch die Wolken dringt | Predigt f\u00fcr den Sonntag Rogate am&nbsp; 9. Mai 2021 | \u00fcber Sirach 35, 16-22a (Perikopenreihe III) | verfasst von Susanna Kschamer | Die Gnade unseres Herren Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. 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