{"id":5097,"date":"2021-05-12T10:26:15","date_gmt":"2021-05-12T08:26:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5097"},"modified":"2021-05-13T15:40:07","modified_gmt":"2021-05-13T13:40:07","slug":"predigt-zu-johannes-7-37-39","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-johannes-7-37-39\/","title":{"rendered":"Predigt zu Johannes 7, 37-39"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Dramatische Ereignisse&#8220;| Sonntag Exaudi, 16. Mai 2021 | <strong>Predigt zu Johannes 7, 37-39 | <\/strong>verfasst von Matthias Wolfes |<\/h3>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><em>&nbsp;\u201eAber am letzten Tage des Festes, der am herrlichsten war, trat Jesus auf, rief und sprach: Wen da d\u00fcrstet, der komme zu mir und trinke!&nbsp;Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Str\u00f6me des lebendigen Wassers flie\u00dfen.&nbsp;Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verkl\u00e4rt.\u201c <\/em>(Jubil\u00e4umsbibel 1912)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir befinden uns in der Schlussphase der Lebensgeschichte Jesu. Der Evangelist Johannes schildert diese Begebenheiten so: Jesus h\u00e4lt sich, nur von einem allerengsten Kreis, den <em>\u201eBr\u00fcdern\u201c<\/em>, begleitet, im n\u00f6rdlich gelegenen Galil\u00e4a auf, jenem Gebiet, in dem sich auch der See Genezareth befindet. Das s\u00fcdliche Jud\u00e4a mit Jerusalem als Zentrum mied er, weil er bef\u00fcrchtete, dort verfolgt zu werden.<\/p>\n<p>Als aber das Laubh\u00fcttenfest herannahte, also der Herbst sich einstellte, forderten diese <em>\u201eBr\u00fcder\u201c<\/em> Jesus auf, die Verborgenheit aufzugeben und nach Jud\u00e4a, das hei\u00dft nach Jerusalem, aufzubrechen. <em>\u201e<\/em><em>Mache dich auf von dannen und gehe nach Jud\u00e4a, auf da\u00df auch deine J\u00fcnger sehen, die Werke die du tust\u201c<\/em> (Joh 7, 3). Sie wollten Jesus damit zu einer entscheidenden Tat bewegen, waren doch, so der Evangelist Johannes, auch sie selbst noch nicht v\u00f6llig von seiner Vollmacht \u00fcberzeugt: <em>\u201eNiemand tut etwas im Verborgenen und will doch frei offenbar sein. Tust du solches, so offenbare dich vor der Welt.\u201c<\/em> So sprachen sie, <em>\u201edenn auch seine Br\u00fcder glaubten nicht an ihn\u201c<\/em> (Vers 4 und 5).<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Das ist die Ausgangslage. Ich finde es verwunderlich, dass sich diese Schilderung so wenig in das allgemeine Bewusstsein vom Wirken Jesu eingesenkt hat. Die Schwierigkeiten, denen Jesus ausgesetzt gewesen sind, waren gar nicht in erster Linie solche der Opposition seitens der etablierten Religionsm\u00e4chte, der Priesterschaft und Gesetzesausleger. Gewichtiger d\u00fcrfte gewesen sein, dass er sich immer wieder mit Bedenken und Fragen aus seiner eigenen Anh\u00e4ngerschaft konfrontiert sah.<\/p>\n<p>Dabei m\u00fcssen wir uns vor Augen stellen, dass wir uns bei all dem stets in der Zeit vor Jesu Tod und seiner Auferstehung befinden. Die Evangelisten lassen allesamt keinen Zweifel daran, dass es erst diese beiden Ereignisse \u2013 Tod und Auferstehung \u2013 gewesen sind, die zuerst den J\u00fcngern und engsten Anh\u00e4ngern die Augen ge\u00f6ffnet haben und die es dann auch erst haben m\u00f6glich werden lassen, dass sich eine Gemeinde im Bekenntnis zu Jesus, dem Messias, dem Christus, hat bilden k\u00f6nnen und gebildet hat.<\/p>\n<p>Unser Predigttext besteht nun aus jenen S\u00e4tzen, die Jesus gesprochen hat, als er dann, wie es jene <em>\u201eBr\u00fcder\u201c<\/em> von ihm gefordert hatten, nach Jerusalem hinauf und in den Tempel gezogen war. Er stellte sich den Gelehrten und dem Volk. Er tat das, indem er <em>\u201efrei redete\u201c<\/em> (Vers 26).<\/p>\n<p>Sogleich kam es zu heftigen Reaktionen. Dabei wurde die Berechtigung Jesu bestritten, sich \u00fcberhaupt in Dingen der Schriftauslegung \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern: <em>\u201eWie kann dieser die Schrift auslegen, so er sie doch nicht gelernt hat?\u201c<\/em> (Vers 15). Jesus antwortete darauf: <em>\u201eMeine Lehre ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat.\u201c<\/em> (16). In der Folge entwickelt sich ein rednerisches Hin und Her. Jesus verweist auf die heilende Kraft, die von seiner <em>\u201eLehre\u201c<\/em> ausgehe, und nimmt dabei in Anspruch, nicht er selbst, sondern Gott sei die Quelle dieser Wirksamkeit: <em>\u201e<\/em><em>Ja, ihr kennet mich und wisset, woher ich bin; und von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, welchen ihr nicht kennet.\u201c <\/em>F\u00fcr Jesus selbst aber gelte: <em>\u201eIch kenne ihn aber; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt\u201c<\/em> (Vers 28).<\/p>\n<p>Seine Zuh\u00f6rer versetzte Jesus damit in heftige Aufregung. Das kam schlie\u00dflich auch den Religionsobrigkeiten zu Ohren. Manche <em>\u201eaus dem Volk\u201c<\/em> hatten sich bereits, w\u00e4hrend Jesus gesprochen hatte, daran erinnert, dass hier eingegriffen werden m\u00fcsse: <em>\u201e<\/em><em>Da sprachen etliche aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie suchten zu t\u00f6ten?\u201c <\/em>(Vers 25). Doch wagte noch niemand, die Hand an ihn zu legen, denn, wie der Evangelist kommentierend bemerkt, <em>\u201eseine Stunde war noch nicht gekommen\u201c<\/em> (Vers 30).<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Das sind dramatische Ereignisse. Man kann sich schwer einen Begriff davon machen, wie aufgew\u00fchlt die Menge durch Jesu Worte gewesen ist, durch die abwehrenden Reaktionen und seine selbstbewusste Widerrede samt erneuter Zur\u00fcckweisung. Auch Jesus selbst d\u00fcrfte von all dem heftig bewegt gewesen sein, das scheint mir v\u00f6llig klar, denn es handelte sich ja um einen wirklichen Menschen.<\/p>\n<p>Er sieht das Ende seines Tuns und Wirkens unter den Seinen und dem ganzen Volk kommen: <em>\u201e<\/em><em>Ich bin noch eine kleine Zeit bei euch, und dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat.\u201c<\/em> Das bedeutet Abschied. Es bedeutet eine v\u00f6llige Neuorientierung, mit der auch erhebliche Probleme verbunden sein werden: <em>\u201eIhr werdet mich suchen, und nicht finden; und wo ich bin, k\u00f6nnet ihr nicht hin kommen\u201c<\/em> (Verse 33 und 34).<\/p>\n<p>Was sich in diesen Tagen unter den J\u00fcngern zutrug, wird aus der Darstellung nicht deutlich. Auch sie werden tief beunruhigt und innerlich aufgew\u00fchlt gewesen sein. Wir erfahren nicht einmal, ob Jesus sich in dieser ganzen Zeit stets mit ihnen zusammen befunden hat. Dann aber, <em>\u201eam letzten Tag des Festes\u201c<\/em>, dem H\u00f6hepunkt und Abschluss, <em>\u201eder am herrlichsten war\u201c<\/em>, erschien er wieder in aller \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Seine Worte, die gewiss noch mehr umfasst haben werden, gibt der Evangelist in aller K\u00fcrze so wieder: <em>\u201eWen da d\u00fcrstet, der komme zu mir und trinke!<\/em><em>&nbsp;Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Str\u00f6me des lebendigen Wassers flie\u00dfen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Hier stellt er sich nun selbst in den Mittelpunkt. Ihm selbst gilt der <em>\u201eGlaube\u201c<\/em>. Zu ihm soll man <em>\u201ekommen\u201c<\/em>; er ist es, in dem <em>\u201edie Schrift\u201c<\/em> sich erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Das ist das christliche Bekenntnis. Diese Worte stehen am Ende der gro\u00dfen Konfrontation. Von ihnen geht das Licht der christlichen Hoffnung und Befreiung aus, seit jenem Tag.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, der Evangelist selbst, der uns diese Szene schildert und \u00fcberliefert, \u00fcbernimmt auch die Aufgabe der Deutung. <em>\u201eDas sagte Jesus aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Heilige Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verkl\u00e4rt.\u201c<\/em> (Vers 39)<\/p>\n<p>Die Verkl\u00e4rung Jesu ist das notwendige Geschehen, das der Aussendung des Geistes an die Gemeinde vorausgehen muss. Diese Verkl\u00e4rung ereignet sich in dreifacher Weise, wie wir es in jedem Gottesdienst wieder bezeugen: Sie ereignet sich im Tod Jesu, der bedingungslosen Selbsthingabe; in der Auferstehung des Gekreuzigten, die f\u00fcr die \u00dcberwindung des Todes steht; und sie ereignet sich im heimkehrenden Aufstieg Jesu zu Gott, welcher ihn gesandt hatte und nun bei sich empf\u00e4ngt:<\/p>\n<p>\u201egekreuzigt, gestorben und begraben [\u2026],<\/p>\n<p>am dritten Tage auferstanden von den Toten,<\/p>\n<p>aufgefahren in den Himmel\u201c.<\/p>\n<p>Unser Text muss als Abschiedsszene verstanden werden. Jesus nimmt Abschied von den Seinen. Er tut das aber mit verhei\u00dfungsvollen Worten. Sein Abschied tr\u00e4gt die Verhei\u00dfung in sich, dass eine gro\u00dfe Freude die J\u00fcnger, die Gemeinde erf\u00fcllen werde.<\/p>\n<p>Diese Freude ist unsere Freude. Wir haben sie zu unserer Freude gemacht. Die Sendung des Geistes bedeutet: Gott ist gegenw\u00e4rtig. Gottes Gegenwart ist der Zeitlichkeit enthoben; sie ist dauerhaft und bestimmt unser ganzes Dasein. Sie gibt uns die Kraft, die Welt zu ver\u00e4ndern. Ihr verdanken wir es, wenn das Finstere, die Schrecken und \u00dcbel nicht die \u00dcbermacht gewinnen.<\/p>\n<p>Und so ist es nicht nur, sondern so soll es auch sein. Diese Freude dar\u00fcber, dass Gott gegenw\u00e4rtig ist, l\u00e4sst uns das Gute wahrnehmen. Der Glaube, das Zutrauen auf Gott, sieht best\u00e4ndig das Gute. Er sieht das Freundliche, das Helle. Und er selbst ist es, der daran arbeitet, die Welt freundlich und hell zu machen. Der Glaube schafft das Gute.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Dr. Matthias Wolfes<\/p>\n<p><a href=\"mailto:wolfes@zedat.fu-berlin.de\">wolfes@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/p>\n<p>Herderstra\u00dfe 6, 10625 Berlin<\/p>\n<p>Dr. Dr. Matthias Wolfes ist Pfarrer der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und amtiert zur Zeit an der Evangelischen Trinitatiskirche in Berlin-Charlottenburg (<a href=\"https:\/\/www.trinitatiskirche.de\">https:\/\/www.trinitatiskirche.de<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Dramatische Ereignisse&#8220;| Sonntag Exaudi, 16. 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