{"id":5141,"date":"2021-05-16T21:45:49","date_gmt":"2021-05-16T19:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5141"},"modified":"2021-05-18T21:48:47","modified_gmt":"2021-05-18T19:48:47","slug":"predigt-zu-johannes-1422-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-johannes-1422-31\/","title":{"rendered":"Predigt zu Johannes 14,22-31"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Der Weg des Heiligen Geistes zum blinden Auge der Welt&#8220; | Pfingstsonntag 2021 | Johannes 14,22-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Laura Lundager Jensen |<\/h3>\n<p><strong>Der Weg des Heiligen Geistes zum blinden Auge der Welt<\/strong><\/p>\n<p>Letztes Jahr war eine Ausstellung im Kunstmuseum von Kopenhagen mit der d\u00e4nischen Malerin Anna Ancher von der Malerkolonie Skagen.<\/p>\n<p>Anna Ancher versteht es, Licht auf das Bild zu bringen.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rme des Sommerlichts \u00fcber dem Meer, auf den D\u00fcnen in Skagen, wie es die Heide umspielt.<\/p>\n<p>Und das kalt-wei\u00dfe Licht des Mondes, das die n\u00e4chtlichen Schatten der Nacht einf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Licht an den H\u00e4usern und Licht in den Stuben und in den dunklen Ecken \u2013 und sie malt so, als komme das Licht nicht nur von au\u00dfen \u2013 mit der Sonne und dem Mond als Lichtquellen \u2013 sondern springe auch von innen hervor, bewege sich hinaus auf das, was sie malt und weiter auf\u00a0 uns, die das sehen.<\/p>\n<p>Anna Ancher geh\u00f6rt zu dem Durchbruch der Moderne mit seiner naturwissenschaftlichen Kritik an der Religion \u2013 aber ihre Art und Weise, wie sie das Licht aus der Natur heraus leuchten l\u00e4sst, f\u00e4ngt den Schein von etwas mehr ein \u2013 eine religi\u00f6se Dimension, die mit dem Licht aus dem Material herausleuchtet, das es trifft \u2013 und die die D\u00fcne, das Haus, den Menschen mit leuchten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Es war besonders ein Bild in der Ausstellung, das mich beeindruckte \u2013 Sonnenschein in der Stube einer Blinden, ein kleines Portrait, das die alte erblindete \u201eblaue Ane\u201c aus Skagen zeigt, wie sie an einem kleinen Tisch in ihrer Stube sitzt, gezeichnet durch\u00a0 ihr Alter.<\/p>\n<p>Die Stube ist dunkel, aber durch eines der alten Sprossenfenster f\u00e4llt Licht \u2013 ein helles und freundliches Fr\u00fchjahrslicht, das sich vorsichtig voran bewegt \u2013 und das Licht trifft zun\u00e4chst auf einen wurmstichigen K\u00fcchentisch und dann auf die alte Frau. \u2013 aber das Licht erreicht und beleuchtet nur die eine H\u00e4lfte ihres Gesichts, die andere H\u00e4lfte bleibt im Schatten.<\/p>\n<p>Und was einen beeindruckt, das ist dies, dass die Blinde das Licht nicht sieht, sondern nur seine Strahlen sp\u00fcrt, und dann ist es, als s\u00e4he die Blinde trotzdem. So als ob die Sonne, die hereinscheint \u2013 etwas in dem Gesicht der Blinden einf\u00e4ngt, etwas mehr herausholt, ein inneres Licht, das dazu beitr\u00e4gt, das Bild zu erhellen.<\/p>\n<p>So als w\u00fcrden die Strahlen der Sonne ein vergessenes Licht in der \u201eblauen Ane\u201c anz\u00fcnden. Ein Licht, das zwar einmal sichtbar war, aber jetzt aus ihrem bewahrten gelebten Leben hervorgeholt wird. Und auch wenn die Frau alt ist und nicht mehr viel kann, ist es, als w\u00fcrde sie wieder zum Leben erweckt, so als w\u00fcrde etwas, was einmal war, wieder neues Leben erhalten \u2013 im Schein des Fr\u00fchjahrslichts, des Lichts von der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Wir feiern heute Pfingsten \u2013 und in unseren Breitengraden k\u00f6nnen wir nicht anders als Fr\u00fchjahr und Licht in der ganzen Natur mit der Pfingstfreude zu verbinden. Wenn die V\u00f6gel zwitschern und Blumen und die Buche ausspringen, dann ist es wie mit dem sch\u00f6pferischen Heiligen Geist selbst.<\/p>\n<p>Und Grundtvig kann das wie kaum ein anderer in seinen Pfingstliedern zum Ausdruck bringen \u2013 in dem Lied \u201cIn vollem Glanz strahlt nun die Sonne\u201c werden Heiliger Geist und der Geist des Fr\u00fchjahrs miteinander verwoben, so als ob die ganze Natur feiert, dass die Pfingstsonne wieder neues Leben in die Sch\u00f6pfung bringt.<\/p>\n<ul>\n<li>so als k\u00f6nnte es nicht anders sein.<\/li>\n<li>so als sein es dem Geist von Pfingsten ganz gleich, womit wir Menschen zu k\u00e4mpfen haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ganz gleich, ob wir es verdient haben, dass das Licht f\u00fcr uns scheint und uns trifft, ob wir das Leben vor oder hinter uns haben, ganz ungeachtet von Krankheiten, Einsamkeit, wirtschaftlichen Problemen, Alter oder Blindheit. Ganz ungeachtet unserer kleikr\u00e4merischen Logik und unserer Selbstgerechtigkeit<\/p>\n<ul>\n<li>Der Geist weht, wo er will, Gott sei Dank<\/li>\n<li>Hinein in alle Ritzen und Risse \u2013 und er legt sich wie ein sanftes Kissen \u00fcber die Erde und w\u00e4rmt all das, was vorher tot war.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und das ist es, was Anne Ancher mit ihrem Bild von der \u201eblauen Ane\u201c \u2013 vielleicht unbewusst \u2013 einf\u00e4ngt, ein Fr\u00fchjahrslicht, eine Pfingstsonne, die in eine alte Frau in Skagen eindringt und ihr Herz erw\u00e4rmt und ver\u00e4ndert zu einem \u201ehimmlischen Spiegel auf Erden\u201c, wie Grundtvig das so poetisch nennt, der das g\u00f6ttliche Licht auffangen und wiederspiegeln kann hinaus in die Welt, in uns hinein.<\/p>\n<p>Der Schatten hat sich offenbar auf ihr armes kleines gelbes Haus in Skagen gelegt, und es ist wahrscheinlich, dass der nie mehr wirklich verschwinden kann. Aber bei der Ber\u00fchrung der Pfingstsonne durch die Augen der Blinden beginnt das Herz zu gl\u00fchen in einer Wiederspiegelung des Lichts. Und auch wenn das Licht von au\u00dfen zu ihr kommt, findet es das Leben und die Lebensfreude, die einmal da waren. So stark, dass es von einem Bild Mut schenken kann und Glauben und Hoffnung f\u00fcr den, der sich die Zeit nimmt, einzuhalten und es anzunehmen.<\/p>\n<p>Eben das ist Pfingsten:<\/p>\n<p>Die Feier, dass der Heilige Geist einst zu den J\u00fcngern kam, als sie da alleingelassen im Dunkel sa\u00dfen, unverst\u00e4ndig und blind gegen\u00fcber allem, was Jesus in der Welt hinterlassen hatte, ganz gleich wie alt und kalt und hart sie sind. Und sie bekommen Zungen, die brennen bei Menschen und V\u00f6geln.<\/p>\n<p>Und auch wenn es nach Naturromantik und einem Missbrauch von Kunst klingen mag, die andere Intentionen hat \u2013 f\u00fcr mich ist das eine Art und Weise, den Heiligen Geist zu beschreiben.<\/p>\n<p>Denn wie sonst sollte man ihn beschreiben?<\/p>\n<p>Der Heilige Geist ist eben unsichtbar in seiner Form, aber man kann ihn sp\u00fcren. Der Heilige Geist ist gerade das Unverst\u00e4ndliche, das das Verstehen in das Leben hinein reflektiert. Und der, wenn er auf einen trifft, bewirkt, dass man entdeckt, ohne ihn kann man nicht leben.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist bewirkt, dass wir Menschen mitten in unserem langweiligen Alltag ber\u00fchrt, gef\u00fchrt und bewegt werden. Er trifft uns von au\u00dfen, so dass wir den Blick \u00f6ffnen f\u00fcr die Welt, die auch da ist, und die Welt, die auch da war, so dass er uns aus dem Alltag hinausf\u00fchrt, der uns einzuschlie\u00dfen pflegt in feste Muster und einer Auffassung von uns selbst und anderen in einer eingeschr\u00e4nkten Kleinlichkeit.<\/p>\n<p>Ein Licht, das uns von au\u00dfen trifft, uns aber von innen f\u00e4ngt in der F\u00e4higkeit, das ans Licht zu bringen, was schon in uns angelegt ist, was schon in dem von Gott geschaffenen Herzen liegt, aber nicht den Funken hat, der Glaube und Hoffnung aufbl\u00fchen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Das ist in der Taufe als ein Keim in uns gelegt, und durch den Heiligen Geist wird es zum Leben erweckt.<\/p>\n<p>Und die Pointe ist, dass wir ja nie wissen, wo und wann es uns trifft \u2013 wir k\u00f6nnen Gott und den Heiligen Geist in B\u00fcchern, in Gespr\u00e4chen und Erlebnissen oder beim Gottesdienst suchen ohne Garantie, dass es wirkt.<\/p>\n<p>Und dann pl\u00f6tzlich, wie durch einen Wind ber\u00fchrt, merkt man die Ver\u00e4nderung. Man merkt die W\u00e4rme. Man merkt das Licht \u2013 das uns bef\u00e4higt, zu leben und zu sp\u00fcren, dass wir mehr sind als Schatten ohne Substanz, wie der tschechische Autor Milan Kundera das formuliert hat, als er von seiner Begegnung mit dem christlichen Glauben sprach.<\/p>\n<p>Eben daran erinnert uns Pfingsten: Glaube, Hoffnung und Liebe sind da, auch wenn die Welt keinen Blick daf\u00fcr hat. Wir entdecken, auch wenn Schatten, Finsternis und Missmut da sind: Der Heilige Geist hat stets Macht und St\u00e4rke, kalte Herzen zu entflammen und Menschenzungen dazu zu bringen, mit den V\u00f6geln des Fr\u00fchjahrs um die Wette zu singen. Frohe Pfingsten! Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastorin Laura Lundager Jensen<br \/>\nLangetoften 1, Osted<br \/>\nDK-4320 Lejre<br \/>\nE-mail: luje(at)kp.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Der Weg des Heiligen Geistes zum blinden Auge der Welt&#8220; | Pfingstsonntag 2021 | Johannes 14,22-31 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Laura Lundager Jensen | Der Weg des Heiligen Geistes zum blinden Auge der Welt Letztes Jahr war eine Ausstellung im Kunstmuseum von Kopenhagen mit der d\u00e4nischen Malerin Anna Ancher von der Malerkolonie Skagen. 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