{"id":5196,"date":"2021-05-26T12:45:42","date_gmt":"2021-05-26T10:45:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5196"},"modified":"2021-05-26T12:45:42","modified_gmt":"2021-05-26T10:45:42","slug":"predigt-ueber-johannes-31-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-ueber-johannes-31-8\/","title":{"rendered":"Predigt \u00fcber Johannes 3,1-8"},"content":{"rendered":"<p>Alle denken trinitarisch | Sonntag Trinitatis 30.Mai 2021 | Predigt \u00fcber Johannes 3,1-8 | verfasst von Ulrich Wiesjahn |<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Heute steht im Mittelpunkt der Predigt eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Neuen Testament. Sie befindet sich ziemlich am Anfang des Johannesevangeliums. Und Johannes der Evangelist ist f\u00fcr mich nicht nur ein gro\u00dfer Dichter und Komponist, sondern zugleich ein gro\u00dfer Philosoph, der \u00fcber die wesentlichen Dinge des christlichen Glaubens besonders tiefbohrend nachdenkt. Doch dazu nachher mehr.<\/p>\n<p>Denn jetzt will ich erst einmal unsere Gedanken auf den Namen und die Bedeutung unseres Sonntags lenken: Er hei\u00dft Trinitatis, was man mit Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit \u00fcbersetzen kann. Da ahnen wir schon, dass wir es mit einem schwierigen und umstrittenen Gedankengebilde zu tun haben, n\u00e4mlich: Wie geh\u00f6ren 1 und 3 zusammen? Was hei\u00dft es, wenn sich Einer, also Gott, in der Dreiheit darstellt? Ist denn nun Gott Einer oder zu dritt Vater, Sohn und Heiliger Geist?<\/p>\n<p>Mohammed war einer der fr\u00fchen Kritiker der g\u00f6ttlichen Trinit\u00e4t, wenn er in Sure 4, Vers 169 sagt: \u201eGlaubt daher an Gott und an seinen Gesandten, sagt aber nichts von einer Dreiheit.\u201c F\u00fcr ihn war die Trinit\u00e4t eine Aufz\u00e4hlung \u2013 und diese kommt nun mal bis zur Drei. Dieses aneinanderreihende Zahlenverst\u00e4ndnis ist bis heute weit verbreitet. Aufgebl\u00fcht ist es besonders in der Zeit der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Aber entspricht dieses aufreihende Verst\u00e4ndnis einem tiefergehenden Nachdenken \u00fcber die Lebendigkeit des Daseins? Ich nehme mir noch einmal die Koransure vor \u2013 und siehe da: ich finde in ihr nun auch eine Dreiheit, n\u00e4mlich Gott, seinen Gesandten und den Glaubensgeist der Angesprochenen. Im lebendigen Leben gibt es jenen vielbeschworenen Zahlen-Monotheismus gar nicht. Wenn Gott der Sch\u00f6pfer ist, dann geh\u00f6rt das Gesch\u00f6pf zu ihm und der Geist des Verstehens auch.<\/p>\n<p>Und so m\u00fcssen wir eine andere Vorstellung w\u00e4hlen, in der die Eins und die Drei keine Gegens\u00e4tze oder Unsinnigkeit sind. Und da bietet sich die Bewegung und die Raumvorstellung an. Unsere Gottesbeziehung ist dreidimensional wie es Raum und Zeit auch sind. Alle lebendigen Beziehungen, alles Glauben und Verstehen sind trinitarisch: Gott als Sch\u00f6pfer und Vater, der Mensch als Gesch\u00f6pf und Kind, der Geist als Medium des Verstehens und Vertrauens. So ist nun einmal das Leben beschaffen. Und aus diesem Grund begehen und betonen wir mit Recht diesen Trinitatis-Sonntag.<\/p>\n<p>Und nun komme ich zu meiner Lieblingsgeschichte, die sich mit dem Verstehen, mit der Gottesbeziehung, kurz: mit dem Heiligen Geist besch\u00e4ftigt, der zu unserem Glauben einfach geh\u00f6rt. Es ist f\u00fcr mich fast eine romantische Nachtszene. Und da muss ich an Friedrich Nietzsches poetischen Vers denken: \u201eNacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.\u201c So eingestimmt h\u00f6ren wir jetzt die tiefe, nachdenkliche Szene, die uns Johannes im 3.Kapitel vorstellt:<\/p>\n<p>\u201eEs war ein Mensch unter den Pharis\u00e4ern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sein denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr m\u00fcsst von Neuem geboren werden. Der Wind bl\u00e4st, wo er will, und du h\u00f6rst sein Sausen wohl; aber du wei\u00dft nicht, woher er kommt und wohin er f\u00e4hrt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat dieses n\u00e4chtliche Gespr\u00e4ch etwas Musikalisches. Da gleicht jede Stimme in der Dunkelheit einem Instrument: die fragende und leisere Stimme des Nikodemus und die tiefere und kr\u00e4ftigere Stimme Jesu. Und das Thema und Leitmotiv lautet Geist, wenn es um ein Begreifen Gottes und seines Reiches geht. Geist aber ist etwas anderes als Verstand. Aber was denn nun Geist? Ist es eine F\u00e4higkeit wie die Logik oder die Mathematik? Ist Geist ein Wissen, das man aus alten Schriften gewinnt? Oder ist Geist eine Wunderkraft?<\/p>\n<p>Darauf antwortet Jesus: Nein, der Geist gleicht eher einer Geburt aus einem Mutterleib. Er erlebt etwas \u00c4hnliches wie der K\u00f6rper: er wird geboren. Und das ist ihm selbst nicht fassbar, nicht erkl\u00e4rbar. Der Geist ist wie der Wind, den niemand beherrschen kann. Der Geist Gottes ist ein Geschenk wie das Leben selbst. Niemand verdankt sich seiner selbst. Doch im Unterschied zum K\u00f6rper kann der Geist auch im Alter von Neuem geboren werden.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Tiefer werden wir in dieses n\u00e4chtliche Gespr\u00e4ch nicht eindringen k\u00f6nnen. Aber wir ahnen wohl alle, dass uns eine Wiedergeburt im Heiligen Geist gl\u00fccklich machen kann, zufrieden und verst\u00e4ndnisvoll. Heiliger Geist, das ist die N\u00e4he Gottes zu uns, die wir entdecken sollen.<\/p>\n<p>Und nun schlie\u00dfe ich mit einer kleinen Meditation zum Trinitatisfest: Mein Vater hat mich gezeugt, meine Mutter geboren. Ich bin ihr Kind, ein neues Wesen. Sie beugen sich \u00fcber mein Bett, sie l\u00e4cheln, sie sprechen mit mir. Sie suchen eine Ann\u00e4herung, eine Beziehung, eine Verst\u00e4ndigung mit mir. Und eines Tages werde ich ihnen antworten. Aber von Anfang an kenne ich ihre Stimme, kenne ich ihre Liebe, ihre Freude. Zwischen uns wehte der Geist der Liebe, des Gl\u00fccks, des Lebens. Sie erlebten und ich erlebte nach der Geburt des K\u00f6rpers die Geburt meines Geistes.<\/p>\n<p>Mit dieser kleinen \u00dcbung m\u00f6chte ich Sie heute entlassen. Friede sei mit Ihnen!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 A m e n.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfr.i.R. Ulrich Wiesjahn, Goslar<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:ulrich.wiesjahn@web.de\">ulrich.wiesjahn@web.de<\/a><\/p>\n<p>Langj\u00e4hriger Pfarrdienst in Berlin und Goslar, dazu lange zust\u00e4ndig f\u00fcr ein Alten- und Pflegeheim. Autor verschiedenen theologischer und sch\u00f6ngeistiger Werke und Verfasser des Blogs \u201ekritischfromm.wordpress.com\u201c (auch: Der christliche Blogger) zu Fragen des Christentums in der Gegenwart.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Was hei\u00dft es in der Coronakrise,<\/p>\n<p>das Vaterunser zu beten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vater unser im Himmel! Geheiligt werde dein Name.<\/p>\n<p>Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun stelle ich die Bitte \u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute!\u201c in die Mitte und Gegenwart und formuliere sie mir jetzt so:<\/p>\n<p>\u201eGib uns t\u00e4glich die n\u00f6tige Vernunft,<\/p>\n<p>die n\u00f6tige Geduld,<\/p>\n<p>gib mir Mut, Fantasie und Humor,<\/p>\n<p>Kraft zur Stille, Dankbarkeit und F\u00fcrbitte.<\/p>\n<p>Zeige mir den gro\u00dfen inneren Raum,<\/p>\n<p>in dem ich frei und ohne Angst (Enge) atmen kann!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Bitte wird von der einen Seite eingerahmt mit Worten \u00fcber die Vergebung, die ich so \u00fcbersetze:<\/p>\n<p>\u201eLass jetzt das Gewesene ruhen,<\/p>\n<p>damit es nicht ausarte in Hass und w\u00fctender Schuldzuweisung,<\/p>\n<p>in Rechthaberei und neu aufgew\u00fchlten Feindschaften.<\/p>\n<p>Lass das Tote begraben sein und lass mich leben<\/p>\n<p>in deiner Kraft, du vergebender Gott!<\/p>\n<p>Lass mich nicht zur\u00fcckschauen, sondern jetzt auf dich!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und daran schlie\u00dft nun auch wie ein Rahmen die n\u00e4chste Bitte an \u201eF\u00fchre uns nicht in Versuchung!\u201c Sie will mir auf ihre Weise eine \u00e4ngstigende Zukunft vom Halse halten. Ich \u00fcbersetze sie jetzt so:<\/p>\n<p>\u201eLass mich bedenken, was mich verf\u00fchren k\u00f6nnte:<\/p>\n<p>n\u00e4mlich die Ungeduld, die Wut, der Kleinglaube,<\/p>\n<p>die Depression, die Engherzigkeit, die Angst, also Enge.<\/p>\n<p>Halte mich im Glauben fern von diesen Versuchungen<\/p>\n<p>und lass mich offenbleiben zu dir!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>A m e n<\/p>\n<p>(Ulrich Wiesjahn)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle denken trinitarisch | Sonntag Trinitatis 30.Mai 2021 | Predigt \u00fcber Johannes 3,1-8 | verfasst von Ulrich Wiesjahn | Liebe Gemeinde! Heute steht im Mittelpunkt der Predigt eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem Neuen Testament. Sie befindet sich ziemlich am Anfang des Johannesevangeliums. 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