{"id":5200,"date":"2021-05-26T12:49:39","date_gmt":"2021-05-26T10:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5200"},"modified":"2021-05-26T12:49:39","modified_gmt":"2021-05-26T10:49:39","slug":"predigt-zu-johannes-31-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-johannes-31-8\/","title":{"rendered":"Predigt zu Johannes 3,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Trinitatisfest, (30.5.21) | Die Stunde der Geister | Predigt zu Johannes 3,1-8, verfasst von Sven Keppler |<\/h3>\n<p><strong>I.<\/strong> Mitternacht. Die Stunde der Geister. Meistens melden sich die Geister der Vergangenheit. Des vergangenen Tages. Sie wollen angeschaut werden. Machen Angst. Fordern die Auseinandersetzung. Manchmal melden sich auch schon die Themen des kommenden Tages. Die Aufgaben. Die Herausforderungen.<\/p>\n<p>In der Nacht ringen beide miteinander. Die Geister der Vergangenheit und der Zukunft. Und der Mensch, in dem sie ringen, kommt nicht zur Ruhe. Es gibt in diesem Kampf eine entscheidende Frage: Kann aus der Vergangenheit, kann aus einer schwierigen Gegenwart eine bessere Zukunft hervorgehen?<\/p>\n<p>Auch die Schl\u00fcsselmomente unseres Glaubens haben sich in der Nacht ereignet: Die Geburt des Erl\u00f6sers in der Heiligen Nacht. Der Weih-Nacht. Und seine erneute Geburt in der Osternacht. Als er aus dem Tod heraus in das neue Leben getreten ist. Und f\u00fcr alle Menschen eine heilvolle Zukunft er\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>Die Nacht ist die Zeit der tiefen, der bedr\u00e4ngenden Fragen. Heute werden wir Zeugen eines Nachtgespr\u00e4ches. Ein f\u00fchrender Vertreter des religi\u00f6sen Establishments wendet sich an Jesus. An den charismatischen Erneuerer. Ein intensiver Austausch. Mitten in der Nacht. Ein Gespr\u00e4ch zwischen Herkunft und Zukunft. H\u00f6ren wir, was Johannes davon berichtet: [lesen: Joh 3,1-8]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong> Die Begegnung von Nikodemus und Jesus ist ein Geheimtreffen. Im Schutz der Nacht. Nikodemus sagt:<em> Wir wissen, dass Du ein Lehrer bist, von Gott gekommen.<\/em> <em>Wir<\/em> wissen. Er spricht also im Namen einer Gruppe. Er ist der Abgesandte von denen, die das Sagen haben. Ein Vertreter des religi\u00f6sen und kulturellen Establishments.<\/p>\n<p>Unmittelbar vor diesem Treffen hat es einen Skandal gegeben. Jesus war im Tempel gewesen. Mit der Peitsche hatte er alle vertrieben, die aus der Religion ein Gesch\u00e4ft machen: die H\u00e4ndler mit ihren Opfertieren, die Geldwechsler. Die Kirche ist ein Bethaus und kein Kaufhaus! Anders gesagt: In der Kirche geht es um die Beziehung zu Gott. Und nicht um b\u00fcrgerliche Gesch\u00e4fte. Nicht um die Sachzw\u00e4nge einer mehr oder minder verweltlichten Institution.<\/p>\n<p>Die Funktion\u00e4re der Religion steigen nicht sofort in den Konflikt ein. Sie versuchen es zun\u00e4chst mit einem Gespr\u00e4ch. Nikodemus versucht es mit Diplomatie. Ein Mann des Ausgleichs. <em>Wir wissen, dass Du ein Lehrer bist, von Gott gekommen. Denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.<\/em><\/p>\n<p>Jesus l\u00e4sst sich auf das Gespr\u00e4ch ein. Aber er f\u00fchrt es nicht als Diplomat. Nicht im Zeichen des Kompromisses. Sondern in aller Klarheit: <em>Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.<\/em> Da sind wir beim Thema der Mitternacht. Bei der Unterscheidung der Geister. Beim Ringen zwischen Gestern und Morgen. Es braucht eine radikale Erneuerung. Einen grunds\u00e4tzlichen Neuanfang. So von Grund auf wie eine Geburt.<\/p>\n<p>Nikodemus versteht das nat\u00fcrlich nicht. Er, der Mann des Bestehenden. F\u00fcr ihn garantieren die wohl organisierten Strukturen der Religion, dass sich das Leben best\u00e4ndig entwickeln kann. Aus dem Erbe der Vergangenheit die Zukunft gestalten.<\/p>\n<p>Nikodemus versteht Jesus deshalb ganz handfest: Von Neuem geboren? Soll ein Mensch denn zur\u00fcck in den Bauch seiner Mutter? Aber Jesus hat es anders gemeint. Ihm geht es um eine ganz andere Neugeburt. Er nennt sie: <em>geboren werden aus Wasser und Geist.<\/em><\/p>\n<p>Wir Sp\u00e4teren k\u00f6nnen verstehen, was Jesus damit meint. Der aus dem Fleisch geborene Mensch, das ist der Mensch, der aus den bekannten Verh\u00e4ltnissen kommt. Der Mensch, der sich eingerichtet hat in der Welt. Der Mensch, der keine Idee hat, wie echte Erneuerung gehen soll. Denn er kann ja nicht zur\u00fcck in den Bauch seiner Mutter.<\/p>\n<p>Jesus wei\u00df: Um erneuert zu werden, braucht es einen ganz anderen Geist. Den Geist Gottes. Den Geist von Pfingsten. Wenn ein Mensch von diesem Geist ergriffen wird, ver\u00e4ndert ihn das. Die Antwort darauf kann die Taufe sein. Zumindest, wenn man nicht schon als Kleinkind getauft worden ist. Die Taufe mit Wasser. Deshalb sagt Jesus: <em>geboren werden aus Wasser und Geist<\/em>.<\/p>\n<p>Jesus und Nikodemus f\u00fchren also ein echtes Nachtgespr\u00e4ch. Sofort sind sie beim Schl\u00fcsselthema. Wie kann aus dem Gestern ein Morgen werden? Wie k\u00f6nnen sch\u00e4dliche Strukturen \u00fcberwunden werden? Was erm\u00f6glicht eine heilvolle Zukunft? Woher kommt der Geist der Freiheit und des Neuanfangs?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>III. <\/strong>Ihr Lieben: Wir k\u00f6nnen diese Fragen ganz pers\u00f6nlich h\u00f6ren. Wie kann ich neue Kraft sch\u00f6pfen? Wie kann ich hinter mir lassen, was mich l\u00e4hmt? Wie kann mein Glaube, mein Leben wieder lebendig werden?<\/p>\n<p>Und gleichzeitig sind das auch die Fragen unserer Gemeinschaft. Unserer Gesellschaft. Die ganze Menschheit sehnt sich nach einem Neuanfang. Die Impfungen lassen zumindest im globalen Norden die Hoffnung wachsen: Die Pandemie kann \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht ist gro\u00df: Nach Begegnungen. Nach Umarmungen. Nach Besuchen in Schwimmb\u00e4dern und Theatern. Nach Singen und Feiern. Nach sicheren Arbeitspl\u00e4tzen und nach unbeschwerten Reisen.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig wachsen die Fragen: Wird es nach der Pandemie so weitergehen wie vorher? K\u00f6nnen wir wieder zur\u00fcck zur alten Normalit\u00e4t? D\u00fcrfen wir das \u00fcberhaupt? Denn die Welt steuert auf den Abgrund zu. Durch unseren Lebensstil vernichten wir die Grundlagen des Lebens. Ver\u00e4ndern das Klima. Verm\u00fcllen die Welt. Vernichten Tiere und Pflanzen.<\/p>\n<p>Und das in einem Ausma\u00df, das man \u201eBiozid\u201c nennen m\u00fcsste. Mord am Leben. Als Gegenst\u00fcck zum Genozid, zum V\u00f6lkermord. Ein Biozid ist nicht nur ein Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfungsmittel. Biozid ist das, was der Mensch in der Welt anrichtet. Der alte Mensch. Der Mensch des Fleisches. Die COVID-19-Pandemie ist eine indirekte Folge dieses Verhaltens. Weil es zum Beispiel die Lebensr\u00e4ume von Wildtieren ver\u00e4ndert, von denen das SARS-Coronavirus zu uns gekommen ist.<\/p>\n<p>Und deshalb muss unsere Nachtfrage hei\u00dfen: Wie kann mit diesem Erbe eine gute Zukunft entstehen? Wie kann ein Neuanfang aussehen? Die Herausforderung ist eigentlich \u00fcberdeutlich: Nein, es darf nicht so weitergehen wie vor der Pandemie!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong> Jesus ist v\u00f6llig eindeutig: Es braucht einen radikalen Neuanfang! Wir Menschen m\u00fcssen von Grund auf erneuert werden. Sozusagen: neu geboren werden. Aber Jesus ist kein Umst\u00fcrzler. Kein Revoluzzer. Kein Utopiker. Seinen Auftritt im Tempel darf man nicht missverstehen. Das ist nicht die Gewaltaktion eines Fundamentalisten.<\/p>\n<p>Jesus wei\u00df: Es geht um die Unterscheidung der Geister. Im Nachtgespr\u00e4ch. Und \u00fcberhaupt. Wer mit Macht und Gewalt die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern will, der ist letztlich ein Mensch des Fleisches. Weil der die Rezepte versucht, die schon tausendfach gescheitert sind. Neu geboren werden aus Wasser und Geist \u2013 das ist eine andere Art von Ver\u00e4nderung. Eine geistliche Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Jesus gibt einen Hinweis, wie sie aussehen kann: <em>Der Wind bl\u00e4st, wo er will, und du h<\/em><em>\u00f6<\/em><em>rst sein Sausen wohl; aber du wei\u00dft nicht, woher er kommt und wohin er f\u00e4hrt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.<\/em> Das ist r\u00e4tselhaft. Geheimnisvoll. Und doch vermitteln diese Worte ein Gef\u00fchl. Eine Ahnung von dem, worauf es ankommt.<\/p>\n<p>Leben aus dem Unverf\u00fcgbaren. Offen sein f\u00fcr etwas, das ich nicht im Griff habe. Du wei\u00dft nicht, woher es kommt und wohin es Dich f\u00fchrt. Das gibt Dir die Ahnung: Du bist nicht nur gefangen in Deinen Verh\u00e4ltnissen. Nicht nur ein Produkt Deiner Lebensumst\u00e4nde. Sondern Du bist unterwegs. Lebst aus einer unsichtbaren Quelle. Getragen durch Deinen Sch\u00f6pfer. Du darfst das Leben lieben. Und kannst immer wieder neu anfangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong> Ihr Lieben: Ich w\u00fcnsche Euch, dass Ihr etwas von diesem Geist versp\u00fcrt. Dem Geist der Freiheit. Dem Geist der Liebe. Der Liebe zum Leben. Der Liebe zu den Mitmenschen und zur Natur. Der Liebe Gottes, die in Euch wirksam ist.<\/p>\n<p>Dieser Geist gibt keine einfache Antwort auf die dr\u00e4ngenden Fragen von heute. Aber er ist der Geist, in dem diese Antworten gesucht werden k\u00f6nnen. Und der Geist, der die Kraft zu Ver\u00e4nderungen gibt.<\/p>\n<p>Die Neuanf\u00e4nge, die aus diesem Geist erwachsen, werden ganz praktisch sein. Die eine wird ihren Garten ver\u00e4ndern und Steinbeete durch bl\u00fchende Pflanzen ersetzen. Der andere wird auf Flugreisen verzichten und sein Auto so oft wie m\u00f6glich stehen lassen. Der eine wird versuchen, Verpackungen und M\u00fcll zu vermeiden. Die andere wird in ihrem Beruf nach nachhaltigen Verfahren suchen.<\/p>\n<p>Manche werden sich f\u00fcr die W\u00fcrdigung von Menschen einsetzen, die f\u00fcr die Vielfalt des Lebens stehen. Andere werden sich in Sport und Gastronomie, in Kirche und Kunst bem\u00fchen, gemeinschaftliches Leben wieder in Gang zu bringen. Einige werden als Aktivist*innen oder in der Politik darum ringen, m\u00f6glichst viele Menschen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen zu gewinnen.<\/p>\n<p>Viele werden durch all das wieder ihre eigene Lebendigkeit sp\u00fcren. Verzagtheit und depressive Verstimmungen \u00fcberwinden. Und in ihrem Leben neuen Sinn finden.<\/p>\n<p>Ihr Lieben: All das geh\u00f6rt zusammen. In alldem k\u00f6nnen wir das Sausen des Windes sp\u00fcren. Das Wehen von Gottes Geist, der neues Leben erm\u00f6glicht. Wir sind auf der Suche. Noch herrscht das Dunkel der Nacht und der Geisterstunde. Aber Jesus verhei\u00dft uns, wie es werden kann. <em>Du h\u00f6rst das Sausen wohl. <\/em>Weil Du ein Kind Gottes bist, das aus dem Geist geboren ist. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfarrer Dr. Sven Keppler<\/p>\n<p>Versmold<\/p>\n<p>sven.keppler@kk-ekvw.de<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven Keppler, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen. Seit 2010 Pfarrer in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Versmold. Autor von Rundfunkandachten im WDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trinitatisfest, (30.5.21) | Die Stunde der Geister | Predigt zu Johannes 3,1-8, verfasst von Sven Keppler | I. Mitternacht. Die Stunde der Geister. Meistens melden sich die Geister der Vergangenheit. Des vergangenen Tages. Sie wollen angeschaut werden. Machen Angst. Fordern die Auseinandersetzung. Manchmal melden sich auch schon die Themen des kommenden Tages. Die Aufgaben. 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