{"id":5204,"date":"2021-05-26T12:56:43","date_gmt":"2021-05-26T10:56:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5204"},"modified":"2021-05-26T12:56:43","modified_gmt":"2021-05-26T10:56:43","slug":"predigt-zu-johannes-31-8-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-johannes-31-8-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Johannes 3,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Nachtgespr\u00e4ch | Trinitatis | 30.05.2021 | Predigt zu Joh 3,1-8 | verfasst von Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Ein Zwiegespr\u00e4ch in der Nacht. Unter vier Augen. Was f\u00fcr eine Intimit\u00e4t!<\/p>\n<p>Jesus und Nikodemus. Jesus und einer von denen, die normalerweise seine Feinde sind oder Gegner.<\/p>\n<p>Es ist also kein Wunder, wenn man beim Lesen oder H\u00f6ren der Geschichte zun\u00e4chst etwas misstrauisch ist. Wenn man m\u00f6glicherweise diesem Pharis\u00e4er unlautere Motive unterstellt.<\/p>\n<p>Was will der von Jesus in der Nacht?<\/p>\n<p>Muss das Gespr\u00e4ch in der Nacht stattfinden, heimlich, weil er sich geniert vor seinen Kollegen? Weil sie nicht wissen sollen, dass er mit diesem Jesus zu tun hat? Kann er nicht dazu stehen, dass da bei ihm ein gewisses Interesse da ist, sogar eine Faszination?<\/p>\n<p>Oder sch\u00e4mt er sich daf\u00fcr, dass er, der doch theologisch Bescheid wissen sollte, diesen Jesus nicht einordnen kann? Weil er nicht zu dem passt, was er kennt. Was Bestand und G\u00fcltigkeit hat seit immer?<\/p>\n<p>Oder ist die Nacht schlicht die einzige Gelegenheit f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch mit Jesus allein, um in Ruhe zu reden. Ohne die vielen, die sonst immer um ihn herum sind.<\/p>\n<p>Braucht das, was er fragen will, was er besprechen will, den Schutz der Nacht?<\/p>\n<p><em>\u00bbRabbi, wir wissen: Du bist ein<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Lehrer, den Gott uns geschickt hat. Denn keiner kann solche<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Zeichen<\/em><em>\u00a0<\/em><em>tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.\u00ab <\/em><\/p>\n<p>Das Misstrauen ist immer noch da. Meint er das ehrlich? Oder will er Jesus schmeicheln? Oder ihn auf die Probe stellen, wie das ja von Seinesgleichen oft berichtet wird?<\/p>\n<p>Oder meint er es Ernst? Ehrlich und treuherzig?<\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4ch in der Nacht.<\/p>\n<p>Das ist nicht dasselbe wie ein Gespr\u00e4ch am Nachmittag beim Tee oder am Morgen an der Sitzung.<\/p>\n<p>Mich erinnert das an Studentenzeiten. Wir haben n\u00e4chtelang diskutiert. Geredet. \u00dcber Gott und die Welt, Politik und B\u00fccher. Theologische Spitzfindigkeiten. Ja, dar\u00fcber konnten wir stundenlang streiten. Und pl\u00f6tzlich war es Morgen. Wir mussten in die Vorlesung. Aber wir wussten: In der n\u00e4chsten Nacht geht es weiter.<\/p>\n<p>Es erinnert mich an die Intimit\u00e4t des n\u00e4chtlichen Gespr\u00e4chs eines sterbenden Menschen mit derjenigen, die bei ihm wacht und ihn nicht alleine l\u00e4sst in seinen letzten Stunden.<\/p>\n<p>Und es erinnert mich an Menschen, die etwas Geheimes planen, im Versteckten, gut Verborgen in der n\u00e4chtlichen Dunkelheit.<\/p>\n<p>Ein Gespr\u00e4ch in der Nacht. Jesus und Nikodemus.<\/p>\n<p>Es geht um Gott und die Welt, um Theologie, um Glauben, etwas vom Intimsten f\u00fcr viele Menschen. Und ganz ungef\u00e4hrlich ist es sicher auch nicht, sich einzulassen mit dem seltsamen Rabbi aus Nazareth mit den revolution\u00e4ren Ideen.<\/p>\n<p>Die Ambivalenz bleibt. W\u00e4hrend des ganzen Gespr\u00e4chs. Es ist nicht sicher: Spricht Nikodemus offen und ehrlich oder will er seinen Gespr\u00e4chspartner testen, ihn aufs Glatteis f\u00fchren?<\/p>\n<p>Was wird eigentlich sonst noch erz\u00e4hlt von Nikodemus? Hilft das weiter, ihn zu verstehen? Im Evangelium wird sp\u00e4ter berichtet, wie sich Nikodemus als Mitglied des Synhedriums einsetzt f\u00fcr ein faires Verfahren gegen Jesus, daf\u00fcr, dass nicht vorschnell geurteilt wird (Joh 7,50f): <em>Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der fr\u00fcher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen: Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verh\u00f6rt und festgestellt hat, was er tut?<\/em><\/p>\n<p>Sogleich ger\u00e4t er bei seinen Kollegen in Verdacht, einer von den Leuten Jesu zu sein (7,52):<\/p>\n<p><em>Sie entgegneten ihm: Bist vielleicht auch du aus Galil\u00e4a? Forsche nach und du wirst sehen: Aus Galil\u00e4a ersteht kein Prophet. <\/em>Worauf Nikodemus nichts mehr sagt.<\/p>\n<p>Erw\u00e4hnt wird er auch bei der Grablegung Jesu, als er eine betr\u00e4chtliche Menge von Myrrhe und Aloe zur Salbung des Leichnams beisteuert (Joh 19,39).<\/p>\n<p>So fasst der Kommentar von Klaus Wengst die Aussagen zu Nikodemus sinngem\u00e4ss und etwas absch\u00e4tzig zusammen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>: Nikodemus gebe sich gern aufgeschlossen. Wenn es darum gehe, Farbe zu bekennen, sage er nichts mehr. Erst, wenn es zu sp\u00e4t sei, Jesus hingerichtet, gebe er viel Geld aus.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich will diesen Nikodemus nicht so negativ sehen.<\/p>\n<p>Ich sehe einfach die beiden M\u00e4nner beim Gespr\u00e4ch. In der Nacht. Unter vier Augen. Was f\u00fcr eine Intimit\u00e4t!<\/p>\n<p>Nikodemus ist beeindruckt von Jesus und von dem, was \u00fcber ihn berichtet wird. F\u00fcr ihn ist klar, da ist Gott selber am Werk. <em>Denn keiner kann solche<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Zeichen<\/em><em>\u00a0<\/em><em>tun, wie du sie vollbringst, wenn Gott nicht mit ihm ist.<\/em> Ich h\u00f6re einen Menschen, der sagt: Das interessiert mich. Das ist mein Thema.<\/p>\n<p>Jesus antwortet: <em>Amen, amen, das sage ich dir: Nur wenn jemand neu geboren wird, kann er das<\/em><em>\u00a0<\/em><em>Reich Gottes<\/em><em>\u00a0<\/em><em>sehen.<\/em> Er h\u00e4lt sich nicht auf mit gegenseitigen Best\u00e4tigen und auf die Schultern klopfen. Es geht da um Wichtigeres.<\/p>\n<p>Neu geboren werden und das Reich Gottes sehen. Denken Sie auch reflexartig an Christinnen und Christen, die sich wiedergeboren nennen? Und diese Bezeichnung nutzen zur Einteilung von Menschen in richtige und falsche Christen, gute und schlechte Menschen. \u00abUnd du? Bist du schon wiedergeboren?\u00bb Jesus auf jeden Fall sortiert nicht so.<\/p>\n<p>Nikodemus fragt nach. Nicht weil er schwer von Begriff ist. Sondern weil das mit dem neu geboren werden ja wirklich schwer vorzustellen ist, was sage ich schwer, eigentlich ist es unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><em>Wie kann denn ein Mensch<\/em><em>\u00a0<\/em><em>geboren<\/em><em>\u00a0<\/em><em>werden, der schon alt ist? Man kann doch nicht in den Mutterleib zur\u00fcckkehren und ein zweites Mal geboren werden!<\/em><\/p>\n<p>Nein, das geht wirklich nicht. Nicht nur biologisch. Wie kann ein Mensch mit allem, was er schon erlebt hat, mit allem was er getan hat, mit dem, was er h\u00e4tte tun sollen, aber unterlassen hat, wie soll dieser Mensch neu anfangen? Wie ein unbeschriebenes Blatt?<\/p>\n<p>Genau darum geht es hier: Um diese M\u00f6glichkeit. Die Option, ganz frisch zu sein. Neu.<\/p>\n<p>Jesus formuliert es nochmal, mit anderen Worten: <em>Aus Wasser und Geist geboren sein.<\/em><\/p>\n<p>Und dann noch einmal anders: <em>von oben her neu geboren<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht ist es dieser Schritt, den Nikodemus nicht vollziehen kann oder will. Vielleicht ist es das, was ihn z\u00f6gern l\u00e4sst. Er will diskutieren, er will verstehen, er\u00f6rtern, aber er will und kann sich nicht mit Haut und Haar einlassen. Und deshalb stellt er wohl gegen Ende des Gespr\u00e4chs noch einmal die gleiche Frage.<\/p>\n<p><em>Nikodemus fragte Jesus noch einmal: \u00bbWie kann das geschehen?\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Und so passiert in diesem Gespr\u00e4ch genau das, was Jesus erl\u00e4utert: <em>Auch der\u00a0Wind\u00a0weht, wo er will. Du h\u00f6rst sein Rauschen. Aber du weisst nicht, woher er kommt und wohin er geht. Genauso ist es mit jedem, der vom Geist geboren wird.<\/em><\/p>\n<p>Ob in diesem Gespr\u00e4ch zu n\u00e4chtlicher Stunde etwas passiert von diesem Neu-Werden. Das w\u00e4re Seelsorge. Es bleibt offen.<\/p>\n<p>Ob in all den Gespr\u00e4chen, die wir f\u00fchren, Seelsorge passiert. Das Geschenk des Neu-Anfangens. Auf sich selbst, auf das Leben schauen mit den Augen Gottes, etwas in der Art stelle ich mir vor unter dem Ausdruck <em>von oben her neu geboren<\/em>. Es ist nicht machbar. Auch nicht mit den ausgekl\u00fcgeltsten Gespr\u00e4chstechniken, nicht mit der gr\u00f6ssten Empathie und der strikten Orientierung an L\u00f6sungen. Das kann man alles lernen. Das ist Handwerk. Aber dass wirklich Seel-Sorge im beschriebenen Sinne passiert, das kann nicht erzwungen werden.<\/p>\n<p>Es kommt. Es kommt von oben her. Der Wind weht, wo er will. Oder eben der Geist. Das ist ja auf griechisch das gleiche Wort: Pneuma. <em>Von oben her neu geboren<\/em><\/p>\n<p>Ich erinnere mich, wie es zu und her geht, wenn die Heilige Schrift von diesem Geist erz\u00e4hlt. Oft wild und laut. Ein st\u00fcrmischer Wind, ein loderndes Feuer, Bewegung, Energie, Sch\u00f6pfungskraft.<\/p>\n<p>Der Geist setzt Menschen in Bewegung. Er inspiriert. Er treibt. Er stiftet Beziehung zu Gott und Liebe und Solidarit\u00e4t untereinander.<\/p>\n<p><em>\u201eUnd es geschah pl\u00f6tzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm\u201c, <\/em>so haben wir am letzten Sonntag, an Pfingsten, geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wir verstehen unter Geist gerne etwas Vornehmes, Intellekt, Verstand, die F\u00e4higkeit, brillant zu denken und geschliffen zu formulieren.<\/p>\n<p>Ganz anders die Zeugen des Pfingstereignisses. Sie waren verst\u00f6rt, verunsichert, verwirrt. Der Geist weckte bei ihnen Leben und Hoffnung.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist transportiert etwas von Gott zu den Menschen: Leidenschaft, Sehnsucht, Glaubenskraft. Und was soll das anderes sein als <em>von oben her neu geboren<\/em>?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nikodemus und seine Fragen besch\u00e4ftigen mich allerdings noch.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte mir, er h\u00e4tte gefunden, was er gesucht hat. In diesem Nachtgespr\u00e4ch mit Jesus. Unter vier Augen. Ob das passiert ist, bleibt offen. Das muss ich akzeptieren.<\/p>\n<p>Eben weil: <em>Der Geist weht, wo er will.<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Wengst, Klaus: Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1-10. Stuttgart 2000, S. 118.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachtgespr\u00e4ch | Trinitatis | 30.05.2021 | Predigt zu Joh 3,1-8 | verfasst von Verena Salvisberg | Liebe Gemeinde Ein Zwiegespr\u00e4ch in der Nacht. Unter vier Augen. Was f\u00fcr eine Intimit\u00e4t! Jesus und Nikodemus. Jesus und einer von denen, die normalerweise seine Feinde sind oder Gegner. 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