{"id":5315,"date":"2021-06-14T14:13:15","date_gmt":"2021-06-14T12:13:15","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5315"},"modified":"2021-06-17T14:16:54","modified_gmt":"2021-06-17T12:16:54","slug":"die-freude-der-engel-lukas-151-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-freude-der-engel-lukas-151-10\/","title":{"rendered":"Lukas 15,1-10"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Freude der Engel | 3. Sonntag nach Trinitatis | Lukas 15,1-10 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anne-Marie Nybo-Mehlsen |<\/strong><\/p>\n<p>Verloren sein und gefunden werden. <em>Sein<\/em> und <em>Werden<\/em>. Da liegt eine ganze Welt in den beiden Worten. Versuche nur mal zu, beschreiben, was dein Sein ist, gerade jetzt in diesem Augenblick des Lebens, an diesem Sonntag. Erz\u00e4hl mir \u2013 nicht <em>wer<\/em> du bist, sondern <em>was<\/em> und <em>wie<\/em> du bist. Ich habe Zeit zuzuh\u00f6ren, und ich frage gerne nach, um zusammen mit dir Entdeckungen zu machen, wenn du willst. Sein und werden. Zwischen \u201eSein\u201c und \u201eWerden\u201c liegt ein Abgrund, ein un\u00fcberwindlicher Abstand der Zeit. Hier k\u00f6nnen wir nur warten, nicht springen. Wir k\u00f6nnen raten und berechnen, und wir k\u00f6nnen planen, aber ganz gleich was, es wird sich zeigen, was wir werden. Warten und sein \u2026 warten auf das, was wir werden.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir daran \u00e4ndern, wenn es so ist? K\u00f6nnen das Schaf oder die M\u00fcnze etwas daran \u00e4ndern, ob sie nun verloren sind oder nicht? Das Schaf kann vielleicht etwas tun, denn es kann sich an die Herde halten, das kann es. Aber Schafe sind nicht so kluge Tiere, sie k\u00f6nnen nicht unterscheiden zwischen rechts und links und werden leicht aufgeschreckt, so dass sie weder h\u00f6ren noch sehen, sondern nur rennen. Die M\u00fcnze kann jedenfalls nichts tun \u2013 sie ist willenlos.<\/p>\n<p>Die Bilder hier passen nicht ganz auf Menschen, die sind wie die meisten von uns, eigensinnige, bewusste, kluge Menschen, die durchaus selbst Richtung und Ziel bestimmen. Und die selbst bestimmen, ob wir mit der Herde laufen wollen oder wir selbst sein wollen. Vielleicht sind wir zu sehr mit uns selbst besch\u00e4ftigt, wenn wir uns sogleich mit verlorenen Schafen oder einer verlorenen M\u00fcnze vergleichen?\u00a0 Vielleicht geht es hier viel mehr um die Freude des Findens und den Willen zu suchen und die Freude des Wiederfindens?<\/p>\n<p>Aber &#8211; man denke nur, wenn es hier um Gott geht \u2013 und die Freude der Engel?<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde Jesus das Gleichnis hier aus einer anderen Perspektive erz\u00e4hlen, wenn er es f\u00fcr die Gegenwart erz\u00e4hlen w\u00fcrde, die sich selbst als nicht besonders verirrt ansieht? Wir haben doch meistens damit genug zu tun, all das frische gr\u00fcne Gras zu fressen, das wir um uns herum sehen. Sattheit stellt sich ein.<\/p>\n<p>W\u00fcrde Jesus heute von Menschen erz\u00e4hlen, die Gott suchen? Und von der Freude, eine Gemeinschaft zu finden, die tr\u00e4gt? Z\u00f6llner und S\u00fcnder damals waren ausgeschlossen, verachtet, von vornherein verurteilt \u2013 und sie hielten sich an Jesus, weil sie hier jemandem begegneten, der ihre Geschichte und ihr Schicksal tragen wollte und ihnen eine neue Richtung wies, eine neue M\u00f6glichkeit und eine Zugeh\u00f6rigkeit \u2013 und Ver\u00e4nderung. Und die Freude war gro\u00df genug f\u00fcr ein Fest.<\/p>\n<p>Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass Menschen wissen, wo wir eigentlich hingeh\u00f6ren, und uns wohl zur\u00fcckrufen lassen, wenn nach uns gerufen wird. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass wir eben gerade Glauben genug haben, um die Stimme des Hirten wiederzuerkennen, oder dass die Abgr\u00fcnde des Lebens nicht finsterer und ferner sind, als dass wir sie finden k\u00f6nnen, wenn nur gr\u00fcndlich genug gesucht wird.<\/p>\n<p>Es besteht in der Tat eine wirkliche Gefahr, dass man verloren geht, verloren ist. Ein Risiko, das wir selbst immer dann sp\u00fcren, wenn wir etwas anderes und mehr verlieren als Hosenkn\u00f6pfe, M\u00fcnzen oder Kuscheltiere. Wir verlieren und verlassen so viel, so viele auf dem Wege, sowohl etwas, nach dem man suchen kann und was man vielleicht wiederfinden kann, aber auch etwas, von dem wir wissen, dass es verloren ist und au\u00dferhalb unserer Reichweite, weg f\u00fcr immer, unerreichbar. Ja, wir k\u00f6nnen einander verlieren, ein Mensch kann verschwinden, verloren gehen und unerreichbar werden f\u00fcr uns. Wir merken die Abwesenheit, den Schmerz, den Verlust \u2013 allein nur wenn wir daran denken. Sollte Gott den Verlust, den Schmerz und die Abwesenheit weniger sp\u00fcren als wir?<\/p>\n<p>Der vorbehaltlose Jubel dar\u00fcber, gefunden zu haben, sagt etwas \u00fcber den Wert des Gefundenen, \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Gott, der sucht, und uns, die er findet &#8211; \u00fcber die tiefe Liebe, die darauf besteht, dass wir unverlierbar sind \u2013 jeder einzige von uns.<\/p>\n<p>Nun werden die Erz\u00e4hlungen von dem Schaf und der M\u00fcnze zu einem Ausdruck f\u00fcr die Leidenschaft Gottes. Jesus, der Erz\u00e4hler, ist selbst losgegangen um zu suchen, er verzichtet auf die eigene Sicherheit, um das Schaf auf seinen Schultern zur\u00fcckzubringen. Wir sind keine niedlichen schneewei\u00dfen L\u00e4mmer, sondern schwere, selbstgerechte und ziemlich dreckige Schafe. Er ruft alle Engel zum Fest f\u00fcr die Gefundenen, und ja, wir geh\u00f6ren offenbar in eine Gemeinschaft von Engeln, die sich wie gute Nachbarfrauen um uns k\u00fcmmern. Es besteht kein Grund, andere herauszuhalten, zu verachten und sich selbst zu verstellen, wie dies die Schriftklugen und Pharis\u00e4er glauben. Sie rackern sich ab im Namen des Perfektionismus und wagen es nicht, zu ihren eigenen Fehlern und M\u00e4ngeln zu stehen. Sie erheben den Anspruch, als die beste Ausgabe von sich selbst dazustehen. Klingt es wohlbekannt, wenn sie meinen, sie m\u00fcssten sich selbst suchen und diesen Weg selbst finden?<\/p>\n<p>Ist es an der Zeit, dass wir uns im Menschlichen einfinden und Gott daf\u00fcr einstehen lassen, Gott zu sein? Was geschieht mit uns und mit der Gemeinschaft von uns \u201eMit-Schafen\u201c, verzeiht: zwischen uns den Mitmenschen, wenn wir Jesus beim Wort nehmen, wenn er erz\u00e4hlt, dass wir unverzichtbar sind? Letzten Endes kann es sein, dass dies die Welt schlie\u00dflich umkehrt, dass Abgr\u00fcnde \u00fcberwunden werden, dass B\u00f6den aufgebrochen werden und dass die tiefsten Abgr\u00fcnde des \u201eunm\u00f6glich\u201c und \u201enie wieder\u201c aufgehellt werden. Vielleicht sollten wir damit rechnen und miteinander leben als unentbehrliche Geschwister und Anlass f\u00fcr die Freude der Engel? Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastorin Anne-Marie Nybo Mehlsen<\/p>\n<p>DK-4100 Ringsted<\/p>\n<p>Email: amnm(a)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freude der Engel | 3. Sonntag nach Trinitatis | Lukas 15,1-10 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anne-Marie Nybo-Mehlsen | Verloren sein und gefunden werden. Sein und Werden. Da liegt eine ganze Welt in den beiden Worten. Versuche nur mal zu, beschreiben, was dein Sein ist, gerade jetzt in diesem Augenblick des Lebens, an diesem Sonntag. 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