{"id":5380,"date":"2021-06-29T22:26:24","date_gmt":"2021-06-29T20:26:24","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5380"},"modified":"2021-06-29T22:26:24","modified_gmt":"2021-06-29T20:26:24","slug":"predigt-zu-1-korinther-118-25-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-1-korinther-118-25-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu 1 Korinther 1,18\u201325"},"content":{"rendered":"<h3>Riskante Polarisierungen | 5. So. n. Trinitatis, 04.07.2021 | Predigt zu 1 Korinther 1,18\u201325 | verfasst von Thomas Bautz |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Paulus, Verfasser zweier Briefe an die Gemeinde zu Korinth, stammt aus Tarsus, Kilikien, seit 66 v.d.Z. Hauptstadt dieses r\u00f6mischen Bezirks. Tarsus war eine bedeutende hellenistische Stadt, es \u00fcbertraf als geistiges Zentrum sogar Athen und Alexandrien.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Paulus stand unter dem Einfluss griechischen Denkens, von hellenistischer Weisheit durchdrungen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die famili\u00e4re Herkunft ist tief j\u00fcdisch gepr\u00e4gt, wobei er seine Wurzeln aus dem Judentum sp\u00e4ter stark relativiert oder sogar radikal verleugnet. Wo und wie Paulus seine theologische Ausbildung bestritten hat, wird kontrovers diskutiert.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Vermutlich blieb er vertraut mit der hellenistischen <em>und<\/em> der j\u00fcdischen Kultur und hatte deshalb zeitlebens gro\u00dfe Probleme, beide miteinander zu vereinbaren. Mag sein, dass ihm diese kontroverse Konstellation erm\u00f6glichte, sein theologisches Denken einigerma\u00dfen flexibel, entwicklungsf\u00e4hig zu halten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Wobei jeder Leser selbst befinden muss, ob nicht doch starre Dogmatik in seinen Briefen dominiert.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich gewann das J\u00fcdische an Oberwasser; Paulus entwickelt sich zu einem gesetzestreuen Pharis\u00e4er, dessen Theologie und Fr\u00f6mmigkeit aber in ein falsches Fahrwasser ger\u00e4t. Anf\u00e4nglicher Enthusiasmus pervertiert zum gef\u00e4hrlichen Fanatismus, womit er sich von der lebenswichtigen Tora entfernt. Pl\u00f6tzlich f\u00fchlt er sich berufen, die ersten Christen zu verfolgen und zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die legendarische Geschichte seiner Berufung zeigt ein f\u00fcr viele Berufungen typisches Merkmal:<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Paulus ger\u00e4t von einem Extrem ins andere. War er zuvor ein fanatischer Verfolger der ersten Christen, so zieht er nun gegen Juden, aber auch gegen sog. Heiden zu Felde. Innerer Antrieb und Motivation\u00a0 kulminieren in einem Minderwertigkeitskomplex, weil Paulus sich nicht zu den Zeitzeugen Jesu von Nazareth rechnen kann. Daher empfindet er sich als Sp\u00e4t- oder sogar Fehlgeburt (1 Kor 15,8). Diese Stelle ist keine Randbemerkung, geht es dem Briefschreiber doch um die Zeugen, um das Zeugnis der \u201eAuferweckung Jesu Christi\u201c. Paulus reiht sich in die Liste der \u201eZeitzeugen\u201c ein, obwohl er nat\u00fcrlich nicht dazu geh\u00f6rt: \u201eZuletzt von allen aber ist er auch mir, gleichsam als der Fehlgeburt, erschienen.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Doch dieser Komplex bleibt insgesamt nach au\u00dfen verborgen; innerlich g\u00e4rt unterschwellig ein leiser Zweifel an der wahren Berufung. Die Vehemenz, mit der Paulus den g\u00f6ttlichen Auftrag wiederholt, das Evangelium (Frohbotschaft) als theologia crucis (Kreuzestheologie)<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> zu verk\u00fcndigen, spiegelt den inneren Konflikt. <em>Diese<\/em> Crux zeigt sich indirekt auch an dem wichtigen Abschnitt 1 Kor 1,18\u201325.<\/p>\n<p>Paulus hat in seinem missionarischen Eifer viele Gemeinden gegr\u00fcndet, auch in Korinth, wo er sich am l\u00e4ngsten aufhielt. Mit seinen Gemeinden hatte er intensiven Schriftverkehr. Jede Gemeinde hatte ihre Spezifika. Korinth war schon als Stadt etwas Besonderes, aber ihr Ruf war wie bei den meisten Hafenst\u00e4dten denkbar schlecht.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Sie war aber eine wirtschaflich erfolgreiche Stadt mit kultureller, religi\u00f6ser Vielfalt. Korinth war ein Finanz- und Bankzentrum; die industrielle Produktion bl\u00fchte: das T\u00f6pfereihandwerk, die Keramikindustrie, Teppichwebereien, Metallproduktion und -verarbeitung. Wegen ihrer Qualit\u00e4t erlangte Korinth dann doch einen weltweit guten Ruf.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Religi\u00f6s herrschte ein ausgesprochener Synkretismus und Polytheismus. Gottheiten und Kulte des alten Griechenlands waren ebenso vertreten wie \u00e4gyptische Mysterienreligionen und Institutionen des r\u00f6mischen Kaiserkults. Verehrt wurden Apollo, Aphrodite, Athene, Asklepius, Artemis, Poseidon, Demeter, Kore, Isis, Serapis, Tyche u.a. \u2013 denen man auch Heiligt\u00fcmer, Alt\u00e4re oder Statuen errichtete. Eine ungeheure religi\u00f6se und kulturelle Vielfalt,<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> welche auch die Kunst in Griechenland beeinflusste. Die griechische Gesellschaft war, \u00e4hnlich wie die sp\u00e4tere r\u00f6mische Kultur, gepr\u00e4gt von Offenheit und Toleranz, die in der Lage gewesen w\u00e4re, den Monotheismus des Christentums zu integrieren. Paulus hat dem leider einen Riegel vorgeschoben.<\/p>\n<p>Was mich immer wieder bewegt, ist die entscheidende Frage, ob Paulus noch Zugang zur m\u00fcndlichen \u00dcberlieferung der Evangelien hatte. Das in der Forschung mehrheitlich auf das Jahr 70 u.Z. datierte, \u00e4lteste Evangelium nach Markus kann durchaus noch zur m\u00fcndlichen Evangelientradition geh\u00f6rt haben, so dass Paulus, der im Jahre 60 verstarb, davon Kenntnis h\u00e4tte haben k\u00f6nnen. Den ersten Brief an die Korinther hat er im Jahr 55 verfasst. Ich habe mich immer gefragt, warum Paulus als Theologe und gebildeter Mensch ein eigenes dogmatisches Geb\u00e4ude errichtet und wenig auf die Erz\u00e4hlungen der Evangelien baut \u2013 mit Rabbi Jesus in der Mitte. Umgekehrt verwundert es nicht, dass die sp\u00e4ter erschienenen Evangelien die steile paulinische Theologie kaum erw\u00e4hnen. Jedenfalls hat sich die Forschung fr\u00fcher einmal gr\u00fcndlicher mit der Konstellation Jesus \u2013 Paulus besch\u00e4ftigt.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Was hat Paulus nun der Gemeinde in Korinth mitzuteilen? Man muss zu seiner Ehrenrettung sagen, dass er durchaus Pers\u00f6nliches, ihn elementar Betreffendes schreiben kann. In seinen Briefen ist er oft einf\u00fchlsam, tr\u00f6stend, ermutigend, aber auch hart, ermahnend, kompromisslos. Der verlesene Text aber k\u00f6nnte aus einem dogmatischen Lehrbuch stammen; wir erleben einen dogmatisierenden und polarisierenden Paulus, der Menschen kategorisiert, sie in Schubladen steckt. Vor diesem Apostel habe man keine falsche Ehrfurcht; vielmehr muss man seine Worte kritisch reflektieren (1 Kor 1,18):<\/p>\n<p>\u201edas Wort vom Kreuz ist Torheit f\u00fcr die, die verloren gehen, f\u00fcr die aber, die gerettet werden, f\u00fcr uns, ist es Gottes Kraft.\u201c<\/p>\n<p>Ich befrage den systematischen Theologen Oswald Bayer und erfahre mit Staunen, das \u201eWort vom Kreuz\u201c sei nicht kommunikabel. Es m\u00fcsse den Menschen erst seines Widerspruchs zur Wahrheit \u00fcberf\u00fchren \u2013 also kein Konsens, kein Gespr\u00e4ch. Eine \u201e\u00fcberzeugende Weisheitsrede\u201c (1 Kor 1,17) oder \u201eWortweisheit\u201c w\u00fcrde den Sinn des Kreuzes Christi \u201eentleeren\u201c. Das Wort vom Kreuz m\u00fcsse vielmehr aus sich selbst wirken.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Zentral f\u00fcr die Interpretation dieser theologia crucis bei Paulus ist der irrige Glaube an das \u201eEreignis des stellvertretenden S\u00fchnetodes Jesu\u201c am Kreuz. Dieser Glaube ist wahrhaft nicht vermittelbar, weder unter Griechen noch unter Juden. Manch einer lie\u00df sich doch von dieser \u201eKraft Gottes\u201c beeindrucken (R\u00f6m 1,16). Menschen, die darauf vertrauten, galten als gerettet, Juden wie Griechen. Wer aber mit dem Glauben Schwierigkeiten hatte, war f\u00fcr Paulus ein Verlorener.<\/p>\n<p>Paulus stellt ein dichotomes (gegens\u00e4tzliches) Denken vor: das Wort vom Kreuz ist Torheit f\u00fcr die, welche verloren gehen, f\u00fcr die aber, die gerettet werden, f\u00fcr uns, ist es Gottes Kraft. \u201eVerlorenen\u201c ist das Wort vom Kreuz Torheit, im Gegensatz zu Geretteten. Dieses Denken hat einen enormen Eifer f\u00fcr Missionsarbeit hervorgebracht, leider auch motiviert durch schreckliche Arroganz, \u00dcberheblichkeit \u2013 weit \u00fcber das hinaus, was Paulus zeitweise antrieb. Man denke nur an die Judenmission, von der sich die Kirchen erst sehr sp\u00e4t distanzierten; au\u00dferdem das beinahe fanatische \u201eEvangelisieren\u201c diverser Freikirchen, die sich als Gerettete ansehen und die \u201everlorenen\u201c Menschen zur \u201eBu\u00dfe\u201c auffordern.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt eine Anekdote aus meiner Zeit als Vikar ein. Einem t\u00fcchtigen Familienvater, Schreiner und Mitarbeiter der Gemeinde, der auch als Anwaltsgehilfe Hilfreiches leistete, begegnete auf der Stra\u00dfe ein M\u00e4dchen. Sie sah, wie er gem\u00fctlich und versunken seine Pfeife schmokte (rauchte); da sagte sie zu ihm: \u201eSie sind verloren!\u201c Darauf die schlagfertige Antwort: \u201eWas hab\u2018 ich verloren?\u201c Wir haben sp\u00e4ter daheim bei der Familie t\u00fcchtig gelacht, haben die Bemerkung des M\u00e4dchens heruntergespielt, aber diese vielleicht harmlos erscheinende Begebenheit gab mir dann doch zu denken.<\/p>\n<p>Und heute m\u00f6chte ich alle Anh\u00e4nger und Vertreter paulinischer Theologie darum bitten, selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob das Denken dieses Apostels, das sicher auch segensreiche Reflexionen und Ratschl\u00e4ge enth\u00e4lt, mit seinen Polarisierungen wirklich dem Evangelium Jesu gem\u00e4\u00df ist. Niemand hat das Recht, Menschen in Verlorene und Gerettete einzuteilen. In\u00a0 der Theologie spricht man eher von Antithesen, weniger von Dichotomien oder Polarisierungen. Wolfgang Schrage hat die wichtigsten gesammelt:<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Kreuzeslogos (Wort vom Kreuz) \u2013 Weltweisheit, Verlorene \u2013 Gerettete, Gott \u2013 Welt.<\/p>\n<p>Diese Polarit\u00e4ten untermauert Paulus durch ein Schriftzitat (1 Kor 1,19): \u201eZunichtemachen werde ich die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verst\u00e4ndigen werde ich verwerfen\u201c (Jes 29,14b LXX).<\/p>\n<p>Bedenkt man den hohen Stellenwert, welcher der Weisheit in der hebr\u00e4ischen Bibel, aber auch im Hellenismus und teilweise auch im NT insgesamt zukommt, ist dieser \u201eSchriftbeweis\u201c bei Paulus gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, auch in der Gegen\u00fcberstellung zur \u201eTorheit\u201c.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Man muss sich sehr \u00fcberlegen f\u00fchlen, wenn man einem Gespr\u00e4chspartner oder einer Gemeinde gegen\u00fcber oder im Brief an diese deren gut durchdachte Fragen, Standpunkte und Zweifel \u2013 mithin ihre verborgene oder offenkundige Weisheit \u2013 zunichtemacht, indem man sie als t\u00f6richt, Torheit oder Verr\u00fccktheit<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> deklariert.<\/p>\n<p>Der sog. Schriftbeweis des Paulus strahlt denn auch die eigene Hilflosigkeit aus: eine Gottheit muss erst daf\u00fcr herhalten, um eventuelle Argumente der Gegner bzw. der \u201eVerlorenen\u201c zu ersticken, wird doch die Weisheit der Weisen, der Verstand der Verst\u00e4ndigen verworfen. Man kann denken, sagen und erfragen \u2013 man ist und bleibt auf verlorenem Posten. Diese Gotteskraft in Gestalt des Wortes vom Kreuz (theologia crucis) dr\u00fcckt Menschen nieder, bis sie so gedem\u00fctigt und bu\u00dffertig sind, die Botschaft des Paulus annehmen und fortan als \u201egerettet\u201c gelten. Was bedeutet \u00fcberhaupt \u201egerettet\u201c? Man ist ein neuer Mensch, befreit zum Leben mit \u201eGott\u201c, befreit vom Zwang, \u201eGott\u201c mit frommen Leistungen gefallen zu m\u00fcssen. Das Wort vom Kreuz k\u00fcndet von verwandelnder Kraft, die Menschen aus sich heraus nicht aufbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn jemand sich auf diese Religion (in summa) nicht einlassen kann, gilt er als \u201everloren\u201c, selbst wenn er weise ist, denn seine Weisheit wird ihm keineswegs abgesprochen. Nur w\u00fcrde sie ihm nichts n\u00fctzen. Auch wenn man die Weisheit \u201eGottes\u201c als Torheit ans\u00e4he, w\u00e4re sie f\u00fcr Paulus \u00fcberzeugender als die Weisheit der Welt. Rhetorisch geschult, formuliert Paulus seine paradoxen Thesen:<\/p>\n<p>\u201eDenn da die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, auf dem Weg der Weisheit Gott nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verk\u00fcndigung jene zu retten, die glauben. Aber Juden fordern Zeichen und Griechen fragen nach Weisheit. Doch wir verk\u00fcndigen Christus den Gekreuzigten \u2013 f\u00fcr die Juden ein \u00c4rgernis, f\u00fcr die Heiden eine Torheit (\u2026) Das T\u00f6richte Gottes aber ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist st\u00e4rker als die Menschen\u201c (1 Kor 1,21\u201323).<\/p>\n<p>Das \u201eKreuz\u201c ist totale Abstraktion und l\u00e4sst die Kreuzigung als schrecklichste, grausamste Art<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> der Hinrichtung wie ihre urspr\u00fcnglichen Gr\u00fcnde als beil\u00e4ufig erscheinen. Paulus arbeitet mit dem Kreuz als Symbol, verkennt aber die Bedeutung der historischen Dimension sowie dessen multireligi\u00f6sen Charakter. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Bedeutung, die der Apostel dem Wort vom Kreuz beimisst, kann kaum anders als metaphysisch (theoretisch) und sakramental (praktisch) aufgefasst werden. Er tritt auf oder schreibt als missionierender systematischer Theologe mit Schriftkenntnis und Philosophie im Handgep\u00e4ck. Seine Anliegen sind aufrichtig, aber er l\u00e4sst sich aufreiben zwischen Hellenismus und Judentum. Er verliert sich in Polarisierungen und Widerspr\u00fcchen. Manche Ausdr\u00fccke erhalten sogar einen gleichsam \u201emagischen\u201c Charakter; sie m\u00fcnden in eine \u201everbale Ikonolatrie\u201c, \u201edie dazu f\u00fchrt, in den W\u00f6rtern heilige Ikonen zu sehen\u201c.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Begriffe werden als unverzichtbar angesehen, gebetsm\u00fchlenartig wiederholt. Joachim Kunstmann fordert \u201edie R\u00fcckkehr zur Botschaft Jesu\u201c als \u201eeinzige Alternative\u201c zu den \u201eZumutungen eines metaphysisch-dogmatisch normierten Wahrheits-Glaubens\u201c im Sinne paulinischer oder kirchlich hausgemachter Christologien.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Warum ist es so unerl\u00e4sslich, eine Haltung und Sprache der Offenheit und Dialogbereitschaft zu pflegen? Weil wir Menschen sind, allzumal fehlbar, irrtumsf\u00e4hig; weil wir nicht in der Position sind, uns gegen\u00fcber Anderen und Andersdenkenden zu erheben und unsere religi\u00f6se Anschauung als etwas Besseres anzusehen.<\/p>\n<p>Es ist unredlich, gewisserma\u00dfen sogar menschenverachtend, wenn wir Menschen als \u201eVerlorene\u201c in eine Schublade stecken, w\u00e4hrend wir als \u201eGerettete\u201c mit gereckten H\u00e4lsen auf sie herabschauen, und sei es \u201enur\u201c unbewusst. Wir rechtfertigen unsere Gesinnung und unser Handeln unter Berufung auf den missionarischen Auftrag, den wir erhalten haben. Jedoch: Antworte erst, wenn du gefragt wirst! Religionen geben h\u00e4ufig Antworten auf nicht gestellte Fragen. Doch sind theologische Disziplinen durch interdisziplin\u00e4res Arbeiten, durch den Dialog mit Nachbarwissenschaften, selbstkritischer geworden und lassen sich gern bereichern. Das gilt sogar f\u00fcr die Dogmatik, die aber schon seit der Sp\u00e4tantike intensiv mit der Philosophie im Gespr\u00e4ch ist.<\/p>\n<p>Es ist sehr schade, dass innerhalb der sog. Kerngemeinde viele Gottesdienstbesucher offenbar so selbstzufrieden sind und wenig Offenheit gegen\u00fcber Fremden zeigen. Man wird diese Menschen nicht mehr \u00e4ndern k\u00f6nnen, aber es sollten auch Gottesdienste und andere Veranstaltungen in der Gemeinde angeboten werden, die f\u00fcr Menschen auf die eine oder andere Art attraktiv sind, die sich sonst der Kirche gegen\u00fcber eher distanziert verhalten. Nach meiner Erfahrung bieten Kasualien und Seminare wie auch Ausstellungen zu Themen der bildenden Kunst, Literatur oder Geschichte eine gro\u00dfe Chance \u2013 aber unter der Voraussetzung, dass die Insider lernbereit und vorurteilsfrei agieren.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfarrer Thomas Bautz<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:thomas.bautz@ekir.de\">thomas.bautz@ekir.de<\/a><\/p>\n<p>Thomas Bautz, Pfarrer i.R. (EKiR), geb. 1954 in Berlin-West, vh., einen Sohn (15 J.), Studium: Allg. Sprachwissenschaft (1. Hauptfach), ev. Theologie (2. Hauptfach), Philosophie (Nebenfach) \u2013 Berlin, G\u00f6ttingen, K\u00f6ln, Bonn. Schwerpunkte: Diakonie (Gerontologie, Sterbeforschung, Seelsorge in Seniorenpflegeheimen, Lehrer am Altenfachseminar); ev. Erwachsenenbildung; 8 Jahre Geistlicher bei der Bundeswehr: Wetzlar, D\u00fcsseldorf, Euskirchen, D\u00fcren, N\u00f6rvenich (wg. Aufl\u00f6sung diverser Standorte). Gemeindearbeit zur Unterst\u00fctzung von Kollegen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Hellenismus ist r\u00e4umlich, zeitlich, kulturell gigantisch. Politisch betrachtet, reicht er vom Regierungsantritt Alexander d. Gr. von Makedonien (336 v.d.Z.) bis zur Einverleibung des ptolem\u00e4ischen \u00c4gyptens ins R\u00f6mische Reich (30 v.d.Z.). Kulturgeschichtlich hingegen kn\u00fcpfte der Hellenismus nicht nur an \u00e4ltere Entwicklungen an, sondern wirkte vor allem auch \u00fcber die r\u00f6mische Kaiserzeit bis in die Sp\u00e4tantike hinein fort. Angelos Chaniotis setzt die Epochengrenze daher erst auf den Tod Kaiser Hadrians im Jahr (138 u.Z.): Dieser habe die Integration der Griechen in das R\u00f6mische Reich vollendet. Der Durchdringung des Orients durch die griechische Kultur entsprach dem wachsenden Einfluss orientalischer Kultur auf die Griechen. Die hellenistische Welt umfasste einen gewaltigen Raum, von Sizilien und Unteritalien (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Magna_Graecia\"><em>Magna <\/em><\/a><em>Graecia<\/em>) \u00fcber Griechenland bis nach Indien, vom Schwarzen Meer bis \u00c4gypten und bis ins heutige Afghanistan. Hellenisierung der orientalischen Bev\u00f6lkerung sorgte daf\u00fcr, dass noch bis ins 7. Jh. neben Aram\u00e4isch von der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung Syriens eine Form des Griechischen verwendet wurde, die Koine (koin\u00f3s \u201eallgemein\u201c), die sich in Kleinasien noch erheblich l\u00e4nger hielt und in der das NT geschrieben wurde. Die kulturellen Traditionen des Hellenismus \u00fcberstanden den politischen Zusammenbruch der Monarchien und wirkten noch Jahrhunderte in Rom und im Byzantinischen Reich fort.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zu Wirtschaft, Gesellschaft, Sozialstruktur, Religion, Kult, Wissenschaft, Literatur, bildende Kunst, Philosophie bietet Wikipedia einen hilfreichen \u00dcberblick, s. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hellenismus\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hellenismus<\/a>. Dagegen beschr\u00e4nkt sich der\u00a0 TRE-Art. nach kurzer Begriffskl\u00e4rung auf Auseinandersetzungen atl., ntl. Texte mit dem Hellenismus, s. TRE XV (1986), Art. Hellenismus (Hans Dieter Betz), 19\u201335.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Cf. TRE 26 (1996), Art. Paulus, Apostel I (NT), 133\u2013153 (Hans H\u00fcbner): (3.) Leben, Wirken und Theologie des Paulus (3.1.) Die Herkunft des Paulus, 135\u2013136.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> So meint H. H\u00fcbner (1996): (1.) Vorbemerkungen, 133\u2013134: 133.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> S. H\u00fcbner (1996): (3.2.) Die Berufung des Paulus, 136\u2013137; Acta (Apg) 9,1\u201319; 22,3\u201316; 26,9\u201318; nach H\u00fcbner tragen Lukas\u2018 dramatische Erz\u00e4hlungen nichts dazu bei, was nicht schon Paulus erw\u00e4hnt. Tendenziell stellt der Evangelist Lukas \u201eden soeben Berufenen in enge Verbindung mit den Jerusalemer Autorit\u00e4ten\u201c, \u201everf\u00e4lscht den historischen Sachverhalt\u201c (H\u00fcbner: op. cit., 136); cf. Gal 1,10\u201316ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Cf. Wolfgang Schrage: Der erste Brief an die Korinther EKK VII\/4 (2001): (15,1\u201311), S. 14 -72. Das Wort meint auch Fr\u00fch- und Sp\u00e4tgeburt, Missgeburt; im Wort schwingt Pl\u00f6tzliches, Unnat\u00fcrliches, Unzeitiges, Gewaltsames, Missratenes, Lebensunf\u00e4higes mit; das griechische Verb dazu bedeutet \u201eabtreiben\u201c; Schrage: Korinther (2001), 60\u201365: 62.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Michael Korthaus: Kreuzestheologie. Geschichte und Gehalt eines Programmbegriffs in der evangelischen Theologie, BHTh 142 (2007).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Wolfgang Schrage: Der erste Brief an die Korinther, EKK VII\/1 (1991): Einleitung (1) Die korinthische Gemeinde (1.1) Korinth, 25\u201329: 28.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> W. Schrage: op. cit. (1991), 26\u201327.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Schrage: op. cit. (1991), 27.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> S. Eberhard J\u00fcngel: Paulus und Jesus. Eine Untersuchung zur Pr\u00e4zisierung der Frage nach dem Ursprung der Christologie, HUTh 2 \u00a0(1962); Eckhard Rau: Von Jesus zu Paulus. Entwicklung und Rezeption der antiochenischen Theologie im Urchristentum (1994); Frank Holzbrecher: Paulus und der historische Jesus. Darstellung und Analyse der bisherigen Forschungsgeschichte, TANZ 48 (2007).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> TRE 19 (1990), Art. Kreuz. IX. Dogmatisch (Oswald Bayer), 774\u2013779: 774\u2013775.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Schrage: op. cit. (1991), 166.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Exemplarisch, s. Arnim Lange: Weisheit und Torheit bei Kohelet, EHS.T, Reihe 23; 433 (1991); Andreas Speer: \u201eG\u00f6ttin der Wissenschaften\u201c. Albertus Magnus \u00fcber philosophische und biblische Weisheit, Lectio Albertina 18 (2018); Walter Berger: \u00dcber die Weisheit, die Torheit \u2013 und die Torheit, die Weisheit ist (1967); Ulrich Wilckens: <em>Weisheit<\/em> und <em>Torheit<\/em>. Eine exegetisch-religionsgeschichtliche Untersuchung zu 1. Kor. 1 u. 2, BHTh 26 (1959).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> So im klassischen Griechisch, aber selten gebraucht; Liddell &amp; Scott: Greek-English Lexicon (1996), s.v. mor\u00eda (dort griechisch), 1158.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Cf. TRE 19 (1990), Art. Kreuz II. Neues Testament und fr\u00fche Kirche (bis vor Justin) (Heinz-Wolfgang Kuhn), 713\u2013725: 714.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Jean Bollack: Sinn wider Sinn. Wie liest man? Gespr\u00e4che mit Patrick Llored (2000; 2003): (I) \u201eWie ich lesen gelernt habe: ein philologischer Werdegang\u201c, 9\u201365: 47.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> J. Kunstmann: R\u00fcckkehr der Religion (2010): (5.) Umkehr zur Religion (176\u2013221): (5.1.) Die Religion des Jesus von Nazareth, 179\u2013200: 179 (A. 6); er zitiert Peter Rosin: Mein Gott, mein Gl\u00fcck (2007), 109.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Riskante Polarisierungen | 5. So. n. Trinitatis, 04.07.2021 | Predigt zu 1 Korinther 1,18\u201325 | verfasst von Thomas Bautz | Liebe Gemeinde! Paulus, Verfasser zweier Briefe an die Gemeinde zu Korinth, stammt aus Tarsus, Kilikien, seit 66 v.d.Z. Hauptstadt dieses r\u00f6mischen Bezirks. Tarsus war eine bedeutende hellenistische Stadt, es \u00fcbertraf als geistiges Zentrum sogar Athen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5373,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[437,1,157,114,349,3,109,209],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-5380","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-5-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-thomas-bautz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5380","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5380"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5380\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5381,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5380\/revisions\/5381"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5373"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5380"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5380"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5380"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=5380"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=5380"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=5380"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=5380"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}