{"id":5382,"date":"2021-06-28T18:27:51","date_gmt":"2021-06-28T16:27:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5382"},"modified":"2021-06-30T18:30:12","modified_gmt":"2021-06-30T16:30:12","slug":"predigt-zu-jesaja-61-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-jesaja-61-8\/","title":{"rendered":"Predigt zu Jesaja 6,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Wir, die vergebenen S\u00fcnder | 5. Sonntag nach Trinitatis | Jesaja 6,1-8 ( D\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Rasmus N\u00f8jgaard |<strong>\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>Ich glaube nicht, dass ich jemals einem Menschen begegnet bin, der in seinem innersten Wesen in seinem schlimmsten Augenblick ohne Glauben ist. Alle, denen ich begegnet bin, haben das Gef\u00fchl, einen Glauben zu haben. In unsrem so reichen und differenzierten Bewusstsein lebt der Glaube mit. Ich habe selbst nicht genug Phantasie, um mir vorzustellen, in der Welt zu leben, ohne dass der Glaube eine Rolle spielt, vielleicht bei jemandem als ein schwaches Vibrieren auf einer zweiten Geige.<\/p>\n<p>Wir alle haben ein Bewusstsein, das so reich und vieldeutig ist, dass wir alle den Zweifel und die skeptischen Fragen der Vernunft kennen. Aber der Glaube ist dennoch vorhanden, auch wenn er in der Defensive oder ganz verborgen ist.\u00a0 Das ist wie mit der Angst im Dunkeln. Auch wenn wir sehr wohl wissen, dass da niemand hinter dem Bettgestell lauert, schaudern wir in der D\u00e4mmerung. Selbst wenn wir verletzt sind und zornig, k\u00f6nnen wir uns nicht befreien von der Liebe, die uns mit dem anderen verbindet. Ist es nicht allgemeinmenschlich, dass wir mit der Liebe leben \u2013 und auch mit dem Glauben? Wir k\u00f6nnen davor fliehen, uns verstecken, dar\u00fcber lachen und diesen Glauben l\u00e4cherlich machen, aber er existiert. Manchmal sind wir gezwungen, uns von ihm loszusagen. Das ist der Fall, wenn unser Zusammenleben die Bedingungen daf\u00fcr zerst\u00f6rt, dass wir in Geborgenheit leben und uns frei entfalten k\u00f6nnen. Und das geschieht, wenn der Glaube, dem wir begegnen, von einer Kirche pr\u00e4sentiert wird, die sich um uns verschlie\u00dft und unseren Ausblick in die Umwelt versperrt, die ansonsten unsere M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Gemeinschaft und Gegenwart enth\u00e4lt. Das brennende Feuer kann leuchten und w\u00e4rmen, es kann aber auch alles verzehren. Das gilt auch f\u00fcr die Liebe und den Glauben.<\/p>\n<p>In der Taufe gibt sich Gott als der zu erkennen, der sein Geschick mit uns teilen will. Wir k\u00f6nnen das am besten so beschreiben, dass Gott jeden einzelnen dazu aufruft, sein Kind zu sein. So wie wir mit unseren eigenen Eltern und unsere Familie verwandt sind, so treten wir ein in die Familie Gottes und teilen Leben und Schicksal miteinander. Wenn uns im Abendmahl Brot und Wein gereicht werden, haben wir Teil am Leben Jesu, so dass Leib und Blut von unserem gemeinsamen Leben, Tod und Auferstehung zeugen. Vom Bad der Taufe und dem Tisch des Herrn entspringt das Gotteswort, das Wort, das uns zum Glauben an die verwandelnde Kraft der Vergebung und der Auferstehung ruft.<\/p>\n<p>Die Taufe ist ein Ruf, ein weit tieferer Ruf an den Glauben, der schon in uns lebt und der erweckt werden kann und dem wir folgen k\u00f6nnen. Deshalb geschieht der Ruf hier in der Kirche in gemeinsamer Vertrautheit, weil wir wissen, dass nach dem Ruf die Nachfolge kommt. Die Erziehung, die Ermahnung, die N\u00e4chstenliebe. Und dabei ist uns die gr\u00f6\u00dfte Gabe von allen geschenkt, wenn wir das Wort Jesu h\u00f6ren, dass er mit uns ist und uns unsere Fehler vergibt. Wir sind vergebene S\u00fcnder. Das ist nicht so schwer zu verstehen, denn wer von uns kann den ersten Stein werfen und sich selbst als rein und gewaschen ohne Fehler und M\u00e4ngel hinstellen? Wir sind doch keine G\u00f6tter, sondern Menschen. Eben menschlich. Solche Leute, die selbst Gott lieben kann und besch\u00fctzen, so dass wir uns wertvoll f\u00fchlen k\u00f6nnen, w\u00fcrdig, Gottes Kinder genannt zu werden. Denn wir sind es.<\/p>\n<p>Simon Petrus wurde wie das Kind bei der Taufe nie gefragt. Sie werden beide berufen. So wie der Evangelist Lukas die Geschichte geschrieben hat, konnte sich Petrus nicht verweigern. Das kann das Kind bei der Taufe auch nicht. Einer unserer festen Kirchg\u00e4nger erz\u00e4hlte davon, wie damals seine Tochter unter gro\u00dfem Geschrei von Pastor Carl Lille\u00f8r getauft wurde, der die Taufhandlung mit der Bemerkung abschloss, dass das Taufkind nun und zwar sehr gegen seinen Willen getauft wurde \u2026 Dasselbe gilt f\u00fcr den Propheten Jesaja, der von seiner eigenen Berufung erz\u00e4hlt, die auch nicht gepr\u00e4gt war von Freiwilligkeit. Sie Seraphen lassen die Tore wackeln, der Raum wird erf\u00fcllt von Rauch, und mit einer Zange nimmt der Seraph ein St\u00fcck gl\u00fchende Kohle und ber\u00fchrt die Lippen Jesajas. Unter diesen Umst\u00e4nden kann ich sehr gut Jesaja folgen, der trotz Schrecken und Entsetzen nichts anderes zu sagen wagt als: \u201eHier bin ich, sende mich!\u201c<\/p>\n<p>Die Berufung kann in dieser Weise sowohl ganz unmittelbar sein, fast naiv, aber auch furchterregend. Einer meiner theologischen Lehrer, der Kirchenhistoriker und Lutherforscher Leif Grane, provozierte stets seine neuen Studenten mit seiner unmodernen Unwissenschaftlichkeit: Wenn Gott wirklich existiert, dann sind wir in Bezug auf Gott unfrei. Aber in unserer Unfreiheit hat er uns in seiner Liebe befreit \u2013 mit dem Befehl, unseren N\u00e4chsten zu lieben wie uns selbst. Grane war nicht umsonst der gr\u00f6\u00dfte Anh\u00e4nger der Unfreiheit des Willens, aber auch der Auffassung, dass uns erst in der Erkenntnis dessen, dass Gott Richter und Befreier zugleich ist, ein Glaube geschenkt wird, der uns dazu befreit, f\u00fcr den anderen zu leben. Es geht f\u00fcr uns nicht darum, unsere eigene haut zu retten, sondern f\u00fcr einander zu leben. Das ist unsere Rettung.<\/p>\n<p>In dieser Vorstellung ist die Wahrheit enthalten, dass wir in Wirklichkeit ganz unfrei machen und uns f\u00fcr ewig an unser eigenes Ego, unseren eigenen K\u00f6rper und unseren eigenen Verstand binden, wenn wir nicht verstehen, dass wir gebunden sind durch die Geschichte, unsere Familie, das Volk, die Nation und den Glauben. Wir sind unfrei, weil wir glauben, selbst all die Antworten zu kennen, die die Welt stattdessen enth\u00e4lt \u2013 die Geschichte, die Wissenschaften, den Glauben an Christus. Es ist eine furchtbare Gei\u00dfel, sich selbst als Ma\u00dfstab f\u00fcr andere zu benutzen und seine eigene Wahrheit zu propagieren. Das ist auch die Gei\u00dfel unserer Zeit, wo prominente Stimmen, die sich Vertrauensstellungen erworben haben, Rechtes f\u00fcr falsch und Falsches f\u00fcr recht erkl\u00e4ren. Dasselbe gilt auch f\u00fcr die ganze sexuelle Machtkultur, die nicht versteht, dass etwas verkehrt war, weil es allgemein anerkannte Norm war. Aber das war eine sch\u00e4ndliche Norm, die sich erst jetzt \u00e4ndert, wenn wir gemeinsam dar\u00fcber nachdenken und unsere Verantwortung wahrnehmen. Denn auch wenn wir teilhatten an der pervertierten Norm, sind wir doch immer noch Kinder Gottes. Auch das m\u00fcssen wir uns alle bewusst machen, dass Bekenntnis und der reuige Wunsch nach Vergebung gehrt werden soll und Antwort erfahren soll, wenn die Zeit reif ist f\u00fcr Vergebung und Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Simon Petrus ist entsetzt \u00fcber die Macht Jesu \u00fcber das Meer, \u00fcber alles Lebende und sogar \u00fcber die Willk\u00fcr, er f\u00e4llt auf die Knie, und wie Jesaja bittet er um sein Leben und sagt: \u201eHerr, geh weg von mir! Ich bin ein s\u00fcndiger Mensch\u201c. Er kennt noch nicht die verwandelnde Kraft Jesu, sondern verwechselt sie mit einer Zauberkraft.<\/p>\n<p>Das heutige Evangelium ist ein Blitzschlag, ein Donnerschlag, ein erster Ruf.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne an dieser Erz\u00e4hlung ist, dass wir uns so gesehen keinen Millimeter bewegt haben. Wir sind wie Petrus noch immer die Kirche der Torheit, eine Versammlung von Verleugnern und Zweiflern, wenn es darauf ankommt, und dennoch sind wie die, die Gott ruft und in seiner Gnade als seine Gemeinde segnet. Wie in der Taufe, die nicht etwas ist, was unsere Taufkinder w\u00fcnschen, aber etwas, was wir ihnen gerne geben, eine Gnadengabe, die es erh\u00e4lt, ohne seinen Wert zeigen oder eine Pr\u00fcfung bestehen zu m\u00fcssen, eine Gabe aus Liebe jetzt und immerdar.<\/p>\n<p>Jesus brauchte keine Geb\u00e4ude oder Rituale. Evangelisches Christentum feiert nicht die verborgene Wahrheit, sondern verk\u00fcndet den offenbarten Christus. Das ist etwas ganz anderes. Wir feiern nicht das Unsichtbare, das Mystische und all das, was nicht wirklich ist. Wir feiern die Bedeutung des Ereignisses, von dem wir h\u00f6ren: Dass das Leben Christi, sein Tod und seine Auferstehung auch uns gelten. Das ist die Botschaft, in der wir das Leben feiern, das wir haben, weil das G\u00f6ttliche sich eben hier in unserem eigenen Leben zeigt. Als ein Menschenkind, als ein ermunter5nder Blick von einem Fremden auf der Stra\u00dfe, als ein G ru\u00df per SMS, als Wort und Musik, die uns erheben und dem Alltag Bedeutung verleihen. So dass wir jeder f\u00fcr sich den Ruf h\u00f6ren: \u201eKomm, folge mir\u201c!<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen den Glauben nicht immer sp\u00fcren, aber wenn wir in die Kirche zum Gottesdienst kommen, dann deshalb, weil wir den Ruf h\u00f6ren und ihn uns anr\u00fchren lassen sollen:<\/p>\n<p>Komm, folge mir. Ich tr\u00f6ste den Traurigen, ermuntere den Kranken und vergebe jedem, der glaubt.<\/p>\n<p>Komm, folge mir!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastor Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p>DK-2100 K\u00f8benhavn \u00d8<\/p>\n<p>Email: rn(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir, die vergebenen S\u00fcnder | 5. Sonntag nach Trinitatis | Jesaja 6,1-8 ( D\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Rasmus N\u00f8jgaard |\u00a0 Ich glaube nicht, dass ich jemals einem Menschen begegnet bin, der in seinem innersten Wesen in seinem schlimmsten Augenblick ohne Glauben ist. Alle, denen ich begegnet bin, haben das Gef\u00fchl, einen Glauben zu haben. 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