{"id":5402,"date":"2021-07-06T10:17:44","date_gmt":"2021-07-06T08:17:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5402"},"modified":"2021-07-06T18:20:16","modified_gmt":"2021-07-06T16:20:16","slug":"predigt-zu-matthaeus-520-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-520-26\/","title":{"rendered":"Predigt zu Matth\u00e4us 5,20-26"},"content":{"rendered":"<h3><strong>&nbsp;Worte, die schaffen, was sie sagen | 6. Sonntag nach Trinitatis | <\/strong>Matth\u00e4us 5,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Peter Fischer-M\u00f8ller |<\/h3>\n<p>Was in aller Welt soll das bedeuten? Hier dachte man, im Christentum, gehe es um Liebe und Vergebung, und dann kommt man an einem sch\u00f6nen Sonntagmorgen in die Kirche und h\u00f6rt Jesus von Zorn und Gericht und von H\u00f6llenfeuer reden. Und damit nicht genug. Er spitzt es noch mehr zu und sagt, dass Zorn und Todschlag ein und dasselbe sind, dass der, der f\u00fcr Mord im Gef\u00e4ngnis sitzt und die, die ihrem Ehemann z\u00fcrnt, gleichzusetzen sind. Ist das nicht ein wenig \u00fcbertrieben?<\/p>\n<p>Nein, das ist Ausdruck von Respekt. Das bringt zum Ausdruck, dass es Jesus nicht gleichg\u00fcltig ist, wie wir unser Leben gebrauchen und missbrauchen. Jesus kennt die Macht des Wortes, er wei\u00df, wie Worte verschlie\u00dfen und ausschlie\u00dfen k\u00f6nnen, wie sie Leben zerst\u00f6ren k\u00f6nnen, das Gott uns gegeben hat, damit wir es miteinander teilen. Deshalb warnt er uns mit den st\u00e4rksten Worten der Sprache, damit wir es h\u00f6ren und die Worte besser gebrauchen.<\/p>\n<p>Jesus geht aus von dem f\u00fcnften Gebot im Gesetz des Moses: Du sollst nicht t\u00f6ten. Vielleicht das grundlegendste und einleuchtendste Gebot von allen. Es ist bestimmt weder unfassbar noch fern. Aber Jesus radikalisiert das Gebot. Er sagt, dass Gott nicht nur auf unsere \u00e4u\u00dferen Handlungen achtet, sondern auch auf unsere Worte und Gedanken. Ein Leben nach dem Willen Gottes leben, das ist nicht nur dem Buchstaben des Gesetzes folgen, da geht es nicht nur um konkrete Handlungen, ganz konkret, dass man nicht andere Menschen umbringt. Es geht auch darum, wie wir von einander denken, um das, was wir \u00fcber andere sagen, darum, in was f\u00fcr einem Ton wir von ihnen sprechen. Denn der Zorn beginnt mit den Worten.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft in der Bibel, dass Gott mit seinem Wort die Welt schuf und dass der Mensch als Gesch\u00f6pf im Bilde Gottes geschaffen auch die Macht des Wortes in den Mund gelegt bekommen hat. Auch unsere menschlichen Worte haben in diesem Sinne sch\u00f6pferische Kraft.<\/p>\n<p>Mit Schimpfworten nehmen wir einander das Leben \u2013 St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Die Erwachsenen, die mit Worten und im Tonfall signalisieren, dass Kinder eigentlich nie das Richtige tun k\u00f6nnen, die Erwachsenen, die auf die Idee kommen k\u00f6nnen, das Kind, mit dem sie zu tun haben als \u201ehirnlos\u201c oder \u201eIdiot\u201c zu bezeichnen, sie zerst\u00f6ren damit allm\u00e4hlich den Glauben des Kindes an sich selbst.<\/p>\n<p>Jesus nennt die Schimpfworte \u201eNichtnutz\u201c oder \u201eNarr\u201c. Ausdr\u00fccke, die diejenigen, die wir damit meinen, gleichsam vor die T\u00fcr setzen. Mit einem Nichtsnutz will niemand spielen, man nimmt ihn auch nicht ernst. Und ein Narr, das ist jemand, mit dem selbst Gott nichts zu tun haben will.<\/p>\n<p>Luther kannte seine Bibel, und er hat von Jesus gelernt. Er wei\u00df, dass wir einander Schaden zuf\u00fcgen und Schaden an der Seele nehmen k\u00f6nnen, ohne jemanden umzubringen. Er kennt die Macht des Wortes. Im Kleinen Katechismus legt er die zehn Gebote aus. Und man kann an der Auslegung des f\u00fcnften Gebotes merken, dass er sich die Rede Jesu in diesem Text zu Herzen genommen hat. Luther schreibt: \u201eDu sollst nicht t\u00f6ten. Was ist das? Wir sollen Gott f\u00fcrchten und leiben, dass wir unseren N\u00e4chsten an seinem Leben keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen N\u00f6ten\u201c. Es geht also nicht nur um Mord und Todschlag, sondern darum, in Wort und Tat eine andere Geschichte vom N\u00e4chsten zu erz\u00e4hlen als dass er ein Idiot ist, n\u00e4mlich dies, dass er ein Freund ist, den ich brauche und der mich braucht.<\/p>\n<p>Der Ton in dem, was Jesus hier sagt, ist nicht nur ernst, da ist auch Humor im Spiel in der provozierenden Art und Weise, in der er unser Leben zuspitzend beschreibt. Er macht deutlich, wie unm\u00f6glich unser Traum vom perfekten und unangreifbaren Leben ist. Weder die neurotische Gesetzestreue der Schriftgelehrten und Pharis\u00e4er noch unser eigenes Fassaden-Dasein, bei dem wir sorgsam T\u00fcren und Fenster schlie\u00dfen, wenn wir uns streiten, damit der Nachbar nicht mith\u00f6rt, \u00f6ffnen das Himmelreich f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Der einzige, der den Himmel f\u00fcr uns \u00f6ffnen kann, das einzige, was unserem Leben hier auf Erden etwas von der Herrlichkeit wiedergeben kann, zu der es geschaffen ist, ist Gott selbst. Er hat den Schl\u00fcssel, und diesen Schl\u00fcssel hat er in die Hand Jesu gelegt. Mit diesem Schl\u00fcssel will Jesus heute unser verschlossenes Leben \u00f6ffnen. Ihr redet viel von Gerechtigkeit, sagt Jesus. Und das ist gut so. Gerechtigkeit, dagegen ist nicht zu sagen. Gerechtigkeit ist notwendig zum Schutz der Schwachen. Aber wenn ihr Gerechtigkeit dazu verwendet, andere Menschen zu bewerten, wenn ihr darauf fixiert seid, herauszufinden, wessen Gerechtigkeit am gr\u00f6\u00dften und am besten ist und ob da jemand ist, der zu wenig Gerechtigkeit hat oder gar ganz ohne Gerechtigkeit ist und deshalb in euren Augen nicht gut genug ist, dann ist das nicht in Ordnung.<\/p>\n<p>Das Dasein ist bunt und kompliziert.&nbsp; Das wei\u00df Jesus. Denn er hat es mit uns geteilt. Er wei\u00df, auch wenn das Gesetz Gottes, das einfache Gesetz der Liebe, nicht etwas ist, was weder unbegreiflich oder ganz fern von uns ist, so verfehlen wir es dennoch. Das ist S\u00fcnde, und das nennt er S\u00fcnde: das Ziel verfehlen, das Leben verfehlen, das Gott uns anvertraut hat. Und dagegen muss etwas getan werden, aber also nicht so, dass man S\u00fcnder kategorisiert, indem man sie graduiert oder einige zu gr\u00f6\u00dferen S\u00fcndern macht als andere. Der Ehemann, der seiner Frau die Freude am Leben nimmt in einem lebensl\u00e4nglichen Meckern, ist kein feinerer S\u00fcnder als der, der im Gef\u00e4ngnis landete mit Blut an den H\u00e4nden. Und alles beginnt also mit den Worten, die Realit\u00e4ten schaffen, mit den zornigen und herablassenden Worten, die Abstand und Distanz schaffen und uns schlie\u00dflich vergessen lassen, dass wir f\u00fcr einander Mitmenschen sind.<\/p>\n<p>So sind f\u00fcr Jesus der Glaube an Gott und unsere Art und Weise, einander zu betrachten und zu behandeln, zwei Seiten ein und derselben Sache. Es macht keinen Sinn, hier in der Kirche zu sitzen und fromm auszusehen, wenn wir nachher hingehen und andere Menschen in den Schmutz ziehen.<\/p>\n<p>Wenn wir sagen, dass wir glauben, dann muss der Glaube auch in unserem Leben miteinander zu sp\u00fcren sein. Wir sollen nicht nur die zehn Gebote einhalten \u2013 hier also das f\u00fcnfte Gebot. Wir sollen es nicht nur unterlassen, einander umzubringen, auch wenn wir Lust dazu h\u00e4tten. Nein, wir sollen das B\u00f6se an der Wurzel packen: Unsere eigenen Worte, unsere Vorurteile, unsere Selbstsucht und unser Neid. Wir sollen den Zorn nicht Macht \u00fcber uns gewinnen lassen, und wir sollen auf die Worte achten, die wir benutzen, wenn wir zu und mit einander reden.<\/p>\n<p>Von Gott haben wir Worte in unserem Mund, Worte, die verkr\u00fcppeln k\u00f6nnen, Worte, die aufrichten k\u00f6nnen, Worte due guttun k\u00f6nnen, und Worte, die wehtun k\u00f6nnen. Mit den Worten haben wir teil an der Sch\u00f6pfermacht. Es gibt zu denken, dass zwischen Wort und Mord nur zwei Buchstaben verschieden sind.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen einander mit Worten verletzen. Wir k\u00f6nnen den Mut zum Leben erschlagen. Wir k\u00f6nnen Hass erregen und Kriege beginnen.<\/p>\n<p>Aber wir k\u00f6nnen also auch die Worte anders gebrauchen. Wir k\u00f6nnen Br\u00fccken bauen zu anderen Menschen. Und der erste Stein zu der Br\u00fccke wird gelegt, wenn wir verstehen, dass das, wovon Jesus heute spricht, nicht in erster Linie die anderen betrifft, sondern doch und mich.<\/p>\n<p>Oft haben wir vor allem einen Blick f\u00fcr das, was andere falsch sagen oder tun und was sie uns schulden. Aber Jesus kehrt also das Bild um, so auch heute. Wenn wir und hei\u00df gedacht und geredet haben \u00fcber das, was andere im denken und Tun falsch gemacht haben, dann sagt Jesus: Es k\u00f6nnte ja genau umgekehrt sein, dass dein Bruder etwas gegen dich hat. Gebraucht die guten Worte, die ihr habt, gebraucht die M\u00f6glichkeit, die ihr habt, um ins Gespr\u00e4ch zu kommen, vers\u00f6hnt euch miteinander, w\u00e4hrend ihr zusammen auf dem Wege seid. Dazu haben wir die Sprache und nicht daf\u00fcr, dass wir \u00fcber einander richten und andere verurteilen.<\/p>\n<p>So redete er und so lebte er. So starb er am Kreuz, ohne zu verdammen und zu richten, sondern er bat f\u00fcr seine Henker: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Deshalb besteht Hoffnung, auch f\u00fcr uns!<\/p>\n<p>Die Alten hatten die Steintafeln mit den Zehn Geboten. Wir haben Jesus und seine provozierenden Worte. Du sollst nicht t\u00f6ten. Das gilt noch immer. Dazu f\u00fcgt Jesus die Wahrheit \u00fcber die sch\u00f6pferische Macht der Worte. Er will, dass wir die Worte besonnen verwenden. Er will, dass wir gute Worte \u00fcber einander gebrauchen, vor allem auch die, die wir nicht m\u00f6gen \u2013 und das Wunderbare geschieht: Unsere Worte bewirken das, was sie sagen. Der, den wir einen Freund nennen, wird freundlicher, der, den wir einen Menschen nennen, wird menschlicher. Man muss nur damit beginnen! Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bischof Peter Fischer-M\u00f8ller<\/p>\n<p>Roskilde<\/p>\n<p>Email: pfm(at)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;Worte, die schaffen, was sie sagen | 6. Sonntag nach Trinitatis | Matth\u00e4us 5,20-26 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Peter Fischer-M\u00f8ller | Was in aller Welt soll das bedeuten? 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