{"id":5419,"date":"2021-07-07T20:39:27","date_gmt":"2021-07-07T18:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5419"},"modified":"2021-07-07T20:41:00","modified_gmt":"2021-07-07T18:41:00","slug":"predigt-zu-matthaeus-2816-20-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-matthaeus-2816-20-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Matth\u00e4us 28,16-20"},"content":{"rendered":"<h3>Auf der Br\u00fccke des Lebens | 6. Sonntag nach Trinitatis<strong> | <\/strong>11.07.2021 | Predigt zu Matth. 28,16-20 | verfasst von Klaus Wollenweber |<\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, vor wenigen Wochen las ich in einer Kirchenzeitung:<\/p>\n<p><em>\u201e4 Tauffeste und 45 Taufen. \u2026 Unter den 45 Menschen, die sich taufen lassen werden, sind Frauen und M\u00e4nner, Kinder und Erwachsene, sowie Ortsans\u00e4ssige und Zugewanderte aus dem Iran und aus Nigeria. \u2026 Die Taufen werden teils in den jeweiligen Gew\u00e4ssern, teils am Ufer an traditionellen Taufschalen stattfinden. \u2026 Dabei symbolisiert das Wasser die reinigende Kraft Gottes.\u201c <\/em>Hinzugef\u00fcgt war noch: <em>\u201e\u2026 nat\u00fcrlich weiter unter Einhaltung der Corona-Regeln.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Zum Sakrament der Taufe geh\u00f6rt der biblische Taufbefehl aus dem letzten Kapitel des Matth\u00e4us-Evangeliums; dies ist der f\u00fcr den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext (Matth. 28, 16-20 nach der NG\u00dc):<\/p>\n<p><strong>16 Die elf J\u00fcnger gingen nach Galil\u00e4a auf den Berg, den Jesus f\u00fcr die Begegnung mit ihnen bestimmt hatte. <\/strong><\/p>\n<p><strong>17 Bei seinem Anblick warfen sie sich vor ihm nieder; allerdings hatten einige noch Zweifel. <\/strong><\/p>\n<p><strong>18 Jesus trat auf sie zu und sagte: \u00bbMir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. <\/strong><\/p>\n<p><strong>19 Darum geht zu allen V\u00f6lkern und macht die Menschen zu meinen J\u00fcngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes <\/strong><\/p>\n<p><strong>20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>mit der Taufe beginnt der Lebensweg Gottes mit dem T\u00e4ufling. Auch wenn im sog. Taufbefehl Jesu nichts von Altersangaben oder Altersbegrenzung gesagt ist, gibt es zwischen christlichen Kirchen und Gemeinschaften unterschiedliche Regelungen: Meist geht es um die S\u00e4uglings- oder Kindertaufe. Diese wird von einigen Gemeinschaften radikal abgelehnt. Denn sie erkl\u00e4ren: Erst muss ein Mensch bekehrt sein, den Glauben an Jesus Christus bewusst in sich aufgenommen haben und in der Nachfolge Christi leben wollen, dann kann man sich taufen lassen; und zwar am besten durch eigenes v\u00f6lliges Untertauchen im Wasser als sichtbares Zeichen f\u00fcr das Untergehen, Sterben des alten Menschen und durch das Wiederauftauchen f\u00fcr das Neugeborenwerden zu neuem Leben, das Jesus Christus geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Andere weisen darauf hin, dass Jesus sich gerade Kindern zugewandt und betont hat, dass diesen das Reich Gottes geh\u00f6rt. Au\u00dferdem hei\u00dft es in biblischen Taufgeschichten, dass \u201eer und sein Haus\u201c sich taufen lie\u00dfen. Dazu geh\u00f6rten sicher auch Kinder; sie waren gewiss nicht ausgeschlossen! So wie in dem oben zitierten Zeitungsartikel betont wird: \u201eKinder und Erwachsene\u201c.<\/p>\n<p>Ich habe selbst Erwachsene im Taufunterricht gehabt und anschlie\u00dfend getauft. Zugleich jedoch denke ich, dass an einer S\u00e4uglings- oder Kindertaufe unmittelbarer sichtbar wird, dass bei einer Taufe der dreieinige Gott als der Handelnde im Mittelpunkt steht. Der kleine T\u00e4ufling hat noch keine eigenst\u00e4ndige Tat vollbracht, mit der er sich etwa eine gn\u00e4dige Zuwendung Gottes \u201everdienen\u201c oder \u201eerkaufen\u201c k\u00f6nnte. Gott schenkt dem T\u00e4ufling seine ewige Zuneigung \u201eohn` all mein Verdienst und W\u00fcrdigkeit\u201c, wie es Martin Luther bekannt hat. Taufe ist kein Werk des bekehrten Menschen, kein Dankesch\u00f6n des Menschen f\u00fcr das Gottesgeschenk des Glaubens. Nein! Gott allein handelt. Er nimmt den T\u00e4ufling als sein geliebtes Kind an, nennt ihn bei Namen und ist und bleibt lebenslang an seiner Seite.<\/p>\n<p>Auch wenn ich als Getaufter in meiner Lebensgeschichte mit Krisen durch ein finsteres, tiefes Tal gegangen bin und gehe oder gerade oben auf dem Gipfel meines Lebens mit einem ungeheuren, gl\u00fccklichen Weitblick wandere, &#8211; immer begleitet den Getauften und die Getaufte der lebendige Gott. Selbst wenn ich mich von Gott abwende und nichts mehr mit dem christlichen Glauben anfangen kann oder zu tun haben will, auch dann gilt die einmal gegebene Zusage Gottes in der Taufe: Du geh\u00f6rst zu dem lebendigen Gott; seine Liebe geh\u00f6rt dir. Eine Taufe ist nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen! Auch nicht zu wiederholen!<\/p>\n<p><em>\u201eMir ist alle Vollmacht gegeben\u201c <\/em>\u2013 so tritt Jesus den J\u00fcngern damals und uns h\u00f6renden Menschen heute entgegen. Er allein hat die Vollmacht zur Entsendung: \u201e<em>Gehet hin in alle Welt!\u201c <\/em>&nbsp;Er hat die Vollmacht zu geben und zu nehmen, zu entsenden und zur\u00fcckzunehmen. Diese Feststellung steht ohne Wenn und Aber am Anfang des Taufbefehls Jesu an seine J\u00fcnger. Und am Ende steht die einmalig ermutigende Zusage: <em>\u201eUnd siehe! Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.\u201c <\/em>&nbsp;\u201eSiehe!\u201c \u2013 ja, das k\u00f6nnen Sie und ich mit eigenen Augen sehen, &#8211; mit den Augen des Herzens sicher noch intensiver. Dann ist Sehen wie sp\u00fcren, erleben: <em>\u201eIch bin bei euch alle Tage\u201c \u2013 <\/em>im Wort, im H\u00f6ren, im Hinh\u00f6ren, im Lehren und im Handeln. Unsere Alltagsroutine verdeckt h\u00e4ufig diese frohe Botschaft, dass Gott uns begleitet. Wir denken eher: Gott ist unsichtbar. Denn wir machen hin und wieder die Erfahrung von Sackgassen, Irrwegen und Talfahrten in unserem Leben. Wir kennen m\u00fchsame, holprige Wege, auch wenn wir uns auf der Zielgeraden befinden. Sie und ich, wir erleben Bewegung in der eigenen Lebensgeschichte mit Gott. Wir sp\u00fcren und erfahren keinen Stillstand.<\/p>\n<p>In dem Taufbefehl hei\u00dft es un\u00fcberh\u00f6rbar: <em>\u201eGehet hin in alle Welt!\u201c <\/em>Wir haben entsprechend keinen \u201eStill-steh-Glauben\u201c, sondern einen \u201eHin-geh-Glauben\u201c. Unsere Bewegung ist davon gepr\u00e4gt, dass Jesus Christus selbst in der Taufe die Br\u00fccke zwischen Gott und uns gebaut hat, die Br\u00fccke \u00fcber den garstigen Graben der Verlassenheit, der Einsamkeit, der Verzweiflung und der Schuldigkeit. Dieser Br\u00fcckenbau ist kein Selbstzweck gewesen, sondern eine Einladung zur Lebensorientierung. Wir k\u00f6nnen die Br\u00fccke betreten und auf andere Menschen zugehen. Die Getauften treibt es gleichsam auf den anderen Menschen zu, auch wenn dieser oder diese noch z\u00f6gerlich nach Gott fragen.<\/p>\n<p>Die Aufforderung zu Gehen ist so herausfordernd, wie man es gar nicht so recht beschreiben kann. Wir k\u00f6nnen nur m\u00fchsam \u00fcbertragen: Geh in diese Welt der Technik, des \u00f6konomischen Denkens und der Finanzen, der Individualisierung und des digitalen Karrierehandelns. Geh! Das ist genau das Gegenteil zu dem R\u00fcckzug aus der realen Welt in eine eigene heile Welt des Inneren. Der getaufte Mensch geht befreit und frohgemut hinaus in das pulsierende Leben. Geh! Bleib auch nicht bei deinem Standpunkt stehen! Bewegt euch real und in Gedanken! Bleibt dynamisch Mitdenkende. Kein Mensch auf der Br\u00fccke \u00fcber dem Graben ist ausgeschlossen; zum Betreten der Br\u00fccke sind alle eingeladen \u2013 gleich welcher Herkunft und Hautfarbe. Ladet sie ein, die Konfessionellen und die Konfessionslosen, die Andersfarbigen und Andersdenkenden, die Armen und die Reichen. Auch die Corona-Distanz-Regeln k\u00f6nnen uns an dieser Bewegung nicht hindern, aufeinander zu zugehen. Jedem Menschen will Gott sagen: Ich nenne dich bei Namen; du geh\u00f6rst zu Gott; du kannst dies in dem gemeinsamen Gebet sp\u00fcren. Das gibt Mut und Gewissheit.<\/p>\n<p>Mich hat diese Glaubensaussage noch auf eine andere Betonung des Taufbefehls aufmerksam gemacht: <em>\u201eAls die J\u00fcnger<\/em> <em>auf dem Berg, den Jesus f\u00fcr die Begegnung mit ihnen bestimmt hatte, Jesus sahen, warfen sie sich vor ihm nieder; allerdings hatten einige noch Zweifel.\u201c <\/em>Das Leben als Getaufter auf der zur Bewegung bestimmten Br\u00fccke Jesu Christi bedeutet zugleich Faszination und Zweifel, Aufbruch und Verunsicherung. Ja, den Zweifel und das Zweifeln gibt es bei den engsten Vertrauten Jesu. Wie eine zweite Seite geh\u00f6rt der Zweifel zum Geh-hin-Glaube; er hat unterschiedliche Erscheinungsformen: Vom kritischen Nachfragen bis zum Leugnen von Bekenntnisaussagen. Zweifel und Zweifeln sind weder S\u00fcnde noch etwas B\u00f6ses. Sie geh\u00f6ren zum Glauben des Getauften an Jesus Christus, der uns selbst die Weite der Glaubensm\u00f6glichkeiten vor Augen gef\u00fchrt hat. <em>\u201eEinige aber zweifelten\u201c \u2013 <\/em>das sind un\u00fcberh\u00f6rbar die Einleitungsworte zum Taufbefehl. Es sind f\u00fcr uns Lebens\u00e4u\u00dferungen getaufter Menschen, die in Bewegung sind mit dem unerforschlichen Gott. Die befreiende Botschaft Jesu macht uns stark, uns mit unserer besch\u00e4digten, unsicheren Umwelt auseinanderzusetzen. Dazu geh\u00f6ren Sie und ich; wir werden zu dieser Herausforderung ermutigt; denn wir sind die von Gott seit der Taufe geliebten Menschen.<\/p>\n<p>Der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen<\/p>\n<p>Lied EG 200&nbsp; Ich bin getauft auf deinen Namen<\/p>\n<p>Bischof em. Klaus Wollenweber<\/p>\n<p>Bonn<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:Klaus.Wollenweber@posteo.de\">Klaus.Wollenweber@posteo.de<\/a><\/p>\n<p>Viele Jahre Gemeindepfarrer in der Ev. Keuzkirchengemeinde Bonn; ab 1988 theologischer Oberkirchenrat in der Ev. Kirche der Union (EKU) Berlin ( heute: Union Ev. Kirchen (UEK) in Hannover ); ab 1995 Bischof der \u201eEv. Kirche der schlesischen Oberlausitz\u201c mit dem Amtssitz in G\u00f6rlitz \/ Nei\u00dfe&nbsp; (heute: \u201eEv. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz\u201c (EKBO) ); seit 2005 im Ruhestand wohnhaft in Bonn. H\u00e4ufig aktiv in der Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Bonn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Br\u00fccke des Lebens | 6. Sonntag nach Trinitatis | 11.07.2021 | Predigt zu Matth. 28,16-20 | verfasst von Klaus Wollenweber | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. 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