{"id":5445,"date":"2021-07-14T18:40:01","date_gmt":"2021-07-14T16:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5445"},"modified":"2021-07-14T18:40:01","modified_gmt":"2021-07-14T16:40:01","slug":"1-koen-17-1-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-koen-17-1-16\/","title":{"rendered":"1. K\u00f6n 17, 1-16"},"content":{"rendered":"<h3><strong>\u201eEs war einmal &#8230; und weil sie nicht gestorben sind &#8230;\u201c| 18. Juli 2021 | 7. Sonntag nach Trinitatis | Predigt \u00fcber 1. K\u00f6n 17, 1-16 |\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>gehalten in der Reformierten Kirche in Sch\u00f6ftland um 9.30 Uhr mit zwei Taufen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Gnade sei mit euch, von dem der da ist, der da war und der kommt. Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war einmal &#8230;<\/p>\n<p>Es war einmal ein weiser und gottesf\u00fcrchtiger Mann in einem fernen Land. Eines Tages, er sah eine grosse D\u00fcrre kommen, wurde er weit fortgeschickt, nach Osten, und er musste sich an einem kleinen Bach verstecken. Als er an das bezeichnete Fl\u00fcsschen kam, sah er sogleich, dass er das Wasser trinken konnte und als er dar\u00fcber nachdachte, wo er wohl etwas zu essen f\u00e4nde, da kamen Raben geflogen. Sie brachten Fleisch und Brot am Morgen und am Abend. Aber, o weh, der Bach trocknete aus, denn es regnete auch in jener Gegend nicht. Tagein tagaus schien die Sonne. Wieder musste der fromme Mann aus der Gegend fort, weiterziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt jemand diese Geschichte aus einem grossen, dicken Buch und dazu noch abends, wenn einem schon fast die Augen zufallen, dann glaubt man, ein altes M\u00e4rchen zu h\u00f6ren, dass schon lange niemand mehr hervorgeholt hat. Denn alles, was sich in M\u00e4rchen zutr\u00e4gt, ist schon sehr lange her und sehr weit weg. Gute Menschen geraten in M\u00e4rchen in Schwierigkeiten und Ausnahmesituationen. Aber Tiere k\u00f6nnen oft helfen, manchmal k\u00f6nnen sie sogar sprechen. Vor allem aber geht es am Ende trotz allen Hindernissen gut aus, sonst w\u00e4ren es keine <em>guten<\/em> Gutenachtgeschichten. M\u00e4rchen erz\u00e4hlen wir nicht aus Spass. Die meisten sind sehr ernst, handeln von Not und Gefahr. Es geht um Leben und Tod. M\u00e4rchen geben wir weiter, damit schon Kinder lernen, dass es zuletzt besser herauskommt als erwartet, dass es aber mehr als einen, dass es meistens drei Versuche braucht, ehe etwas gelingt, dass drei Wunder n\u00f6tig sind, um eine Herausforderung im Leben zu bestehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weil M\u00e4rchen viel mehr Wahrheit enthalten als so Manches, was wir sonst irgendwo h\u00f6ren oder lesen, gibt es auch in der Bibel Geschichten mit m\u00e4rchenhaften Z\u00fcgen, die wieder und wieder erz\u00e4hlt werden zum Trost, gegen die Hoffnungslosigkeit, um durchzuhalten in schweren Zeiten. Dieser Trost hat unterdessen viele Jahrhunderte gewirkt. Deshalb wird auch immer noch davon erz\u00e4hlt, obwohl es schon so lange her ist, dass wir beginnen m\u00fcssen mit \u201eEs war einmal &#8230;\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr diesen Taufsonntag habe ich drei m\u00e4rchenhafte Geschichten ausgesucht, die <em>wirklich wahr<\/em> sind. \u00a0\u2013 Den Anfang der ersten habe ich eben schon erz\u00e4hlt. Aber ich lese jetzt die ganze Geschichte aus dem 1. Buch der K\u00f6nige, Kapitel 17, 1-16 nach der \u00dcbersetzung von Martin Luther:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><sup>1 <\/sup><\/em><em>Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der\u00a0Herr, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe:<br \/>\nEs soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>2 <\/sup><\/em><em>Da kam das Wort des\u00a0Herrn\u00a0zu ihm:\u00a0<sup>3 <\/sup>Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan flie\u00dft.\u00a0<sup>4 <\/sup>Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen.\u00a0<sup>5 <\/sup>Er aber ging hin und tat nach dem Wort des\u00a0Herrn\u00a0und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan flie\u00dft.\u00a0<sup>6 <\/sup>Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach.\u00a0<sup>7 <\/sup>Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande.\u00a0<sup>8 <\/sup>Da kam das Wort des\u00a0Herrn\u00a0zu ihm:\u00a0<sup>9 <\/sup>Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon geh\u00f6rt, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>10 <\/sup><\/em><em>Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gef\u00e4\u00df, dass ich trinke!\u00a0<sup>11 <\/sup>Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit!\u00a0<sup>12 <\/sup>Sie sprach: So wahr der\u00a0Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig \u00d6l im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will\u2019s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen \u2013 und sterben.<\/em><\/p>\n<p><em><sup>13 <\/sup><\/em><em>Elia sprach zu ihr: F\u00fcrchte dich nicht! Geh hin und mach\u2019s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir\u2019s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em><sup>14 <\/sup><\/em><em>Denn so spricht der\u00a0Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und\u00a0dem \u00d6lkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der\u00a0Herr\u00a0regnen lassen wird auf Erden.\u00a0<sup>15 <\/sup>Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er a\u00df und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag.\u00a0<sup>16 <\/sup>Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem \u00d6lkrug mangelte nichts nach dem Wort des\u00a0Herrn, das er geredet hatte durch Elia.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>M\u00e4rchenhaft ist das!<\/p>\n<p>Und g\u00f6ttlich zugleich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>M\u00e4rchenhaft ist es, wie Elia vor dem Tod bewahrt wird, wie Gott selbst Elias Fluchthelfer wird, ihn fortbringt, versteckt, versorgen l\u00e4sst durch Raben und nachher wieder weiterschickt und rettet.<\/p>\n<p>M\u00e4rchenhaft ist auch das grosse Herz der Witwe, die nicht nur an ihren Sohn und an sich denkt, sondern auch noch f\u00fcr einen Fremden da ist. Die Witwe hat so gut wie nichts, aber davon hat sie die Kraft, etwas herzugeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Welt ist voller M\u00e4rchen, die die grosse und \u00fcberw\u00e4ltigende Wahrheit erz\u00e4hlen, dass es keinen Hunger geben m\u00fcsste, dass es \u00fcberreichlich von allem g\u00e4be, f\u00fcr alle mehr als genug und sogar so viel, dass fast kein Durchkommen ist. Kennt Ihr das M\u00e4rchen vom s\u00fcssen Brei? Die Br\u00fcder Grimm haben es sich erz\u00e4hlen lassen, aufgeschrieben und mitgeteilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der s\u00fcsse Brei<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>\u00abEs war einmal ein armes, frommes M\u00e4dchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und es begegnete ihm da eine alte Frau, die wusste seinen Jammer schon und schenkte ihm ein T\u00f6pfchen, zu dem sollt es sagen: &#8222;T\u00f6pfchen, koche,&#8220; so kochte es guten, s\u00fcssen Hirsebrei, und wenn es sagte: &#8222;T\u00f6pfchen, steh,&#8220; so h\u00f6rte es wieder auf zu kochen.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und assen s\u00fcssen Brei, sooft sie wollten.<\/p>\n<p>Auf eine Zeit war das M\u00e4dchen ausgegangen, da sprach die Mutter: &#8222;T\u00f6pfchen, koche,&#8220; da kocht es, und sie isst sich satt; nun will sie, dass das T\u00f6pfchen wieder aufh\u00f6ren soll, aber sie weiss das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt \u00fcber den Rand hinaus und kocht immerzu, die K\u00fcche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Strasse, als wollt\u2019s die ganze Welt satt machen, und ist die gr\u00f6sste Not, und kein Mensch weiss sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus \u00fcbrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: &#8222;T\u00f6pfchen, steh,&#8220; da steht es und h\u00f6rt auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der musste sich durchessen.\u00bb<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.<\/p>\n<p>Und <em>weil<\/em> sie \u2013 die M\u00e4rchen \u2013 nicht gestorben sind, leben sie noch heute.<\/p>\n<p>So bedrohlich viel zu essen zu haben, ist m\u00e4rchenhaft.<\/p>\n<p>Gerade genug zu essen f\u00fcr alle zu haben, ist mit Gottes Hilfe m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn noch w\u00e4hrend man lauscht, geht einem im Herzen auf, dass es kein M\u00e4rchen bleiben soll, sondern dass es auch Menschen m\u00f6glich ist, mit daf\u00fcr zu sorgen, dass Witwen und Waisen wie jene in Sarepta und politisch verfolgte Fl\u00fcchtlinge wie Elia einer war, nicht verhungern und verdursten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Menschen ist es m\u00f6glich, sich gegenseitig die Mehlt\u00f6pfe und \u00d6lkr\u00fcge immer wieder aufzuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Dieses Wunder k\u00f6nnte richtig allt\u00e4glich sein, kaum der Rede wert, wenn wir nur schon unseren \u00dcberfluss teilten \u2013 die Witwe ist einen wunderbaren Schritt weiter. Sie teilt sogar das vorl\u00e4ufig Letzte, was sie hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite verlangt Elia auch nicht Vollpension mit Dreigangmen\u00fc am Abend f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre von dieser offensichtlich armen Frau, sondern nur im Moment <em>\u00abein wenig Wasser im Gef\u00e4\u00df, dass ich trinke &#8230; (und) auch einen Bissen Brot\u00bb. <\/em>Der Prophet lebt bescheiden. Er h\u00f6rt auf Gottes Ruf und achtet den Rahmen des Erwartbaren.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Aber Gottes M\u00f6glichkeiten reichen viel weiter als nur einmal satt zu essen zu haben.<\/p>\n<p>Gott weist den Weg, er bringt die richtigen Menschen im passenden Moment zusammen, er gibt, dass \u00d6l und Mehl nicht mehr ausgehen. Die drei, die Witwe, ihr Sohn und der Prophet, leben weiterhin in kargen Verh\u00e4ltnissen und halten Mass. Sie wissen, dass es nur <em>eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig \u00d6l im Krug und ein Scheit Holz oder zwei<\/em> braucht zum Leben. Dazu aber haben sie reichlich Gottvertrauen, jeden Tag f\u00fcr sich zu nehmen, nicht ihre ganze Zukunft schon mit Sorgen zu \u00fcberziehen. Sie werden f\u00e4hig, sich auf Gottes Geleit zu verlassen, dass f\u00fcr alles gesorgt sein wird, wenn es so weit ist. Es geh\u00f6rt zur grossen Gnade Gottes, dass sie auch vorher nicht wissen m\u00fcssen, was noch auf sie zukommt, dass der Sohn schwer erkranken wird, dass Elia wieder weiter und fort muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und <em>weil<\/em> sie damals nach Gottes Willen nicht gestorben sind, nicht zugrunde gegangen sind in der d\u00fcrren Zeit, weil sie nicht verhungert, nicht verdurstet sind, erz\u00e4hlt man sich unter den J\u00fcdinnen und Juden von Elia auch Jahrhunderte sp\u00e4ter noch \u00e4hnlich m\u00e4rchenhafte Geschichten.<\/p>\n<p>Diese M\u00e4rchen haben keine Jahreszahl und nennen auch keinen genauen Ort auf der Landkarte, aber sie tragen die grossen Wahrheiten weiter,<\/p>\n<ul>\n<li>die \u00fcberlebenswichtig sind,<\/li>\n<li>die die Hoffnung h\u00fcten und Geduld \u00fcben,<\/li>\n<li>die die vorauslaufende Liebe Gottes anschaulich und begreiflich machen.<\/li>\n<li>Dass man sich auf Gott verlassen kann, dass es f\u00fcr den heutigen Tag genug ist,<\/li>\n<li>dass man darauf vertrauen kann, dass Gott f\u00fcr den morgigen Tag sorgen wird.<\/li>\n<li>Dass Gier und Masslosigkeit auch die besten M\u00f6glichkeiten im Leben verderben,<\/li>\n<li>dass Reichtum richtig fatal wird, wenn man vergisst, dass man als reicher <em>und<\/em> als armer Mensch anderen helfen und beistehen kann,<\/li>\n<li>dass es nur f\u00fcr die reichen Leute ein wenig schwieriger ist.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer j\u00fcdischen Geschichte wird davon ganz wahrhaftig erz\u00e4hlt. Sie handelt davon, dass nicht aufh\u00f6rt, was einmal angefangen hat \u2013 genau wie sich der Mehltopf und der \u00d6lkrug der Witwe immer wieder f\u00fcllen. H\u00f6rt also eine dritte und letzte Geschichte f\u00fcr heute:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00abEines Tages kam der Prophet Elias, als Bettler verkleidet, in ein kleines Shtetl im gro\u00dfen russischen Reich. Dort lebten zwei Br\u00fcder, ein armer und ein reicher. Bei dem Reichen rollte der Rubel, beim Armen nicht mal eine kleine Kopeke. Der arme Bruder war gut und freundlich, der reiche aber hart und geizig, und dachte nicht daran, seinem Bruder zu helfen.<\/p>\n<p>Der Prophet im Bettelgewand ging zuerst zu dem reichen Bruder, der gerade vor seinem Hoftor stand, und gr\u00fc\u00dfte ihn h\u00f6flich. \u201eSholem alejchem, einen guten Tag! Werter Herr, seid so gut und gebt mir ein bisschen Geld, nur eine Kopeke, dass ich mir etwas zu essen kaufen kann!\u201c<\/p>\n<p>Der Reiche schrie w\u00fctend: \u201eGar nichts kriegst du von mir! Verschwinde, du Schnorrer, oder ich hetze meinen Hund auf dich!\u201c \u00a0Doch der Hund, der knurrend und z\u00e4hnefletschend herbeigelaufen kam, wich zur\u00fcck vor dem Bettler und legte sich ganz sanft auf den Boden, sehr zum \u00c4rger seines Herrn.<\/p>\n<p>Der Bettler ging weiter, und bald kam er zur H\u00fctte des armen Bruders, klopfte an und bat: \u201eSeid so gut und gebt mir nur eine Kopeke, ich hab\u2019 Hunger!\u201c \u2013 \u201eDu siehst doch selbst, wie arm ich bin! Ich kann dir kein Geld geben, aber was ich habe, will ich mit dir teilen.\u201c Er lud den Bettler ein, sich zu setzen, und sie teilten sich das Wenige, was im Haus war: ein St\u00fcck Brot, ein halber Hering, heruntergesp\u00fclt mit etwas kaltem Tee, der noch von gestern \u00fcbrig war. Sie a\u00dfen und redeten miteinander, und dann stand der Bettler auf und schickte sich an, weiterzuziehen. Doch vorher bedankte er sich herzlich bei seinem Gastgeber und sagte: \u201eWas Ihr anfangt zu tun, soll kein Ende nehmen!\u201c Ein seltsamer Wunsch \u2013 dass man mit dem, was man beginnt, nicht aufh\u00f6ren soll?!<\/p>\n<p>Der arme Mann dachte sich nicht viel dabei. Er sah nur, dass auf dem B\u00e4nkchen sein Talles, sein Gebetsschal, liegen geblieben war, und er legte ihn zusammen. Er traute seinen Augen nicht: Auf einmal lag da noch ein Talles, aber ein viel sch\u00f6nerer Schal als sein eigener, von ganz feinem Stoff. Also faltete er den auch zusammen. Doch da lag noch ein dritter und ein vierter, und die Schals nahmen kein Ende. Da erst begriff er, was der Bettler gemeint hatte, und dass das kein einfacher Bettler gewesen war, sondern der Prophet Elias! Schlie\u00dflich war seine ganze Stube voll mit Gebetsschals; er machte einen Laden auf und verkaufte sie, und seine Not hatte ein Ende.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verbreitete sich die Nachricht davon wie ein Lauffeuer und gelangte auch zu den Ohren des reichen Bruders. Der dachte sich sein Teil und h\u00e4tte sich den Bart ausrei\u00dfen k\u00f6nnen, dass er zu dem vermeintlichen Bettler so grob gewesen war. Er hoffte inst\u00e4ndig, dass dieser sich noch einmal sehen lie\u00dfe, und ihm auch so einen Segensspruch geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Er dachte sich: \u201eIch werde bestimmt nicht blo\u00df Tuch um Tuch zusammenlegen wie mein Bruder, der Nichtsnutz, der Schnorrer! Ich werde goldene Rubel z\u00e4hlen!\u201c Und f\u00fcr alle F\u00e4lle stellte er eine ganze Stube mit leeren Truhen voll, in die er die Haufen Gold hineinf\u00fcllen wollte. Auf den Tisch legte er eine Goldm\u00fcnze, damit er etwas h\u00e4tte, womit er anfangen k\u00f6nnte zu z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich! Kurz darauf sah er den Bettler von ferne, lief ihm entgegen und rief: \u201eScholem alejchem, teurer Freund \u2013 kommt herein und seid mein Gast!\u201c Und er bat den Bettler unter vielen Verbeugungen in sein Esszimmer. Es gab zu essen und zu trinken von allem, was gut und teuer ist: eine k\u00f6stliche H\u00fchnerbr\u00fche, gefilten Fisch, ganze gebratene H\u00fchner und zum Nachtisch einen s\u00fc\u00dfen Kugel-Auflauf, dazu die besten Weine\u00a0\u2013\u00a0es war so fein wie bei Rothschilds!<\/p>\n<p>Als sie mit dem Mahl fertig waren, stand der Bettler auf und sagte zu seinem Gastgeber: \u201eIch danke Euch! M\u00f6ge das, was Ihr beginnt, kein Ende nehmen!\u201c<\/p>\n<p>So ein Schlammassel! dachte sich der reiche Mann\u00a0und schob den Bettler rasch hinaus, denn er konnte es nicht erwarten, mit dem Z\u00e4hlen der Goldm\u00fcnzen zu beginnen. Er st\u00fcrzte in die Stube mit den leeren Truhen und griff schon zu der M\u00fcnze, mit der er anfangen wollte, doch dann besann er sich, dass er ja die ganze Nacht hindurch z\u00e4hlen w\u00fcrde, und es daher nach all dem Wein, den er getrunken hatte, besser w\u00e4re, sich vorher zu erleichtern. Also ging er auf den Hof in eine dunkle Ecke \u2026 Nun, was soll ich euch sagen \u2013 der Wunsch des Propheten Elias ging in Erf\u00fcllung!<\/p>\n<p>Und so steht er noch und pischt bis zum heutigen Tag!\u00bb<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Nein, zuletzt musste auch dieser reiche Mann einmal sterben; er steht nicht mehr da im Hof in einer dunklen Ecke &#8230;<\/p>\n<p>Aber die Verheissungen Gottes sind nicht gestorben. Sie gelten zuerst den Armen, die zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel haben: <em>Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem \u00d6lkrug soll nichts mangeln &#8230;<\/em><\/p>\n<p>So \u00fcberlegen wir genau, was wir anfangen \u2013 und alles, was gut ist, m\u00f6ge um Gottes Willen kein Ende nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als unsere Vernunft, der st\u00e4rke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>D\u00f6rte Gebhard, Pfarrerin<\/p>\n<p>Mail: doerte.gebhard@web.de<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Quelle: <a href=\"https:\/\/www.grimmstories.com\/de\/grimm_maerchen\/der_susse_brei\">https:\/\/www.grimmstories.com\/de\/grimm_maerchen\/der_susse_brei<\/a>, abgerufen am 1. 7. 2021. Frei nacherz\u00e4hlt von einem Gemeindeglied.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nacherz\u00e4hlt nach Moira Thiele, Der Wunsch des Propheten Elia auf <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\">www.hagalil.com<\/a>, abgerufen am 1. 7. 2021. Auch diese Geschichte wird \u2013 gek\u00fcrzt und frei \u2013 von einem Gemeindeglied vorgetragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs war einmal &#8230; und weil sie nicht gestorben sind &#8230;\u201c| 18. Juli 2021 | 7. Sonntag nach Trinitatis | Predigt \u00fcber 1. 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