{"id":5451,"date":"2021-07-13T17:53:52","date_gmt":"2021-07-13T15:53:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5451"},"modified":"2021-07-15T18:05:43","modified_gmt":"2021-07-15T16:05:43","slug":"5451-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/5451-2\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<h3><strong>Der Blick Jesu| 7. Sonntag nach Trinitatis | Predigt zu <\/strong>Lukas 19,1-10 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | verfasst von Marianne Frank Larsen |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201dIch verstehe nicht so viel von Religion, aber ich glaube, dass die Pointe in der Religion gerade ist, dass ein verr\u00fcckter Graf genauso viel wert sein kann wie ein gro\u00dfer K\u00fcnstler\u201c. So sagt Eldbj\u00f8rg zu ihrem Mann in Kerstin Ekmans Roman <em>Geschehnisse am Wasser<\/em>. Sie kommen gerade aus dem Speisesaal in einem Sanatorium in S\u00fcdfrankreich, wo sie neben einem \u00e4lteren deutschen Graf sa\u00dfen, der von nichts anderem&nbsp; reden kann als von adligen Wappenschildern und der die ganze Gesellschaft mit seinen endlosen lauten Erkl\u00e4rungen behelligte. Der Graf war bei der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg dabei gewesen. Er \u00fcberlebte, kam nach Hause und wurde dekoriert und lebt also 1970 gesund und munter. W\u00e4hrend da andere waren, die starben. Z.B. Franz Marc, einer der gro\u00dfen deutschen Maler, der in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ganz neue und andere Bilder in starken Farben malte. Er starb bei Verdun. Und das wirkte absto\u00dfend auf Eldbj\u00f8rgs Mann, dass der gro\u00dfe K\u00fcnstler, der im Begriff war, die europ\u00e4ische Bildkunst zu ver\u00e4ndern, in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben zugrunde ging, w\u00e4hrend der fette Graf weiterlebte. \u201eIch m\u00f6chte wissen, wie die Vorsehung so etwas ausrechnet\u201c, sagte er h\u00f6hnisch. Aber da antwortet Eldbj\u00f8rg: \u201dIch verstehe nicht so viel von Religion, aber ich glaube, dass die Pointe in der Religion gerade ist, dass ein verr\u00fcckter Graf genauso viel wert sein kann wie ein gro\u00dfer K\u00fcnstler\u201c.<\/p>\n<p>Eldbj\u00f8rgs Mann teilt die Menschen ein in verschiedene Kategorien. Der Graf ist l\u00e4cherlich und aufgeblasen. Der K\u00fcnstler dagegen ist sch\u00f6pferisch, original, tr\u00e4gt dazu bei, anderen Menschen einen ganz neuen Blick auf die Welt zu geben. Kein Zweifel, wer am wertvollsten ist \u2013 in den Augen von Eldbj\u00f8rgs Mann. Und in unseren Augen, denn wir tun ja dasselbe, meistens ohne dar\u00fcber nachzudenken. Wir teilen Menschen auf in verschiedene Kategorien: Initiativreiche, kreative Menschen, die einen Unterschied ausmachen, im Gegensatz zu den handlungsunf\u00e4higen verwirrten Menschen, die keinen Unterschied ausmachen. Warme und festliche Menschen, mit denen man gerne zusammen sein will, im Gegensatz zu den langweiligen Typen, die nur von sich selbst reden k\u00f6nnen und nie weiterkommen. Menschen, zu denen wir hinaufsehen, und Menschen, auf die wir herabblicken.<\/p>\n<p>Aber Eldbj\u00f8rg kennt eine andere Sicht auf Menschen. Die kennt sie u.a. von der wunderbaren Erz\u00e4hlung im heutigen Evangelium. Ein anderer Blick, der einen verr\u00fcckten Grafen und einen gro\u00dfen K\u00fcnstler so sieht, als w\u00e4ren sie genau gleich viel wert. Dieser Blick geh\u00f6rt dem Mann, der an diesem Vormittag nach Jericho kommt. Jericho ist bekannt f\u00fcr seine Mauern. Seinerzeit gab Gott Josua Kr\u00e4fte, diese Mauern durch seine Stimme umzust\u00fcrzen, so dass die Israeliten direkt hineingehen konnten. Die Mauern aus Stein sind gefallen. Aber andere Mauern haben sich stattdessen erhoben, unsichtbare Mauern zwischen Menschen wie den Mauern, die wir mit der Sicht auf einander errichten, die andere entweder einbeziehen oder abweisen. Unsichtbare Scheidelinien zwischen guten Mitb\u00fcrgern einerseits und Z\u00f6llnern wir Zach\u00e4us andererseits, berechnende Menschen, die von der r\u00f6mischen Besatzungsmacht daf\u00fcr bezahlt werden, Steuern einzutreiben und die von dem \u00dcberschuss fett leben, den die R\u00f6mer nicht sehen. Deshalb nennt man ihn einen s\u00fcndigen Mann, als Jesus mit ihm in sein Haus geht. Dann ist das an seinem rechten Platz.<\/p>\n<p>Nun ist das besondere an Zach\u00e4us, dass er zwar Oberz\u00f6llner und zudem auch sehr reich ist, aber er ist also auch sehr klein. Und nat\u00fcrlich ist da niemand, der daran denkt, ihm Platz zu machen. Aber in diesem kleinen dicken Z\u00f6llner wohnt offenbar anderes als kalte Berechnung. Da wohnt auch ein Wille, das zu verwirklichen, was er sich vorgenommen hat. Er <em>will<\/em> den Mann sehen, von dem alle reden. Und dann ist da eine Dreistigkeit, die man nicht gerade von einem Z\u00f6llner erwartet. Denn pl\u00f6tzlich sieht man, wie Zach\u00e4us alle seine W\u00fcrde aufgibt und auf B\u00e4ume klettert wie ein Schuljunge. Und da sitzt er nun, ironischer Weise hoch erhoben \u00fcber alle die, die auf ihn herabschauen, und er genie\u00dft die freie Aussicht auf den Weg und auf die, die da kommen. Ein kleiner dicker Z\u00f6llner in einem sehr gro\u00dfen Baum. Ein wunderbarer Anblick.<\/p>\n<p>Vielleicht hatte sich Zach\u00e4us gedacht, dass er gut versteckt zwischen den \u00c4sten des Feigenbaumes sitzen und sich in aller Unbemerktheit einen \u00dcberblick verschaffen konnte. Aber so l\u00e4uft es nicht. Denn da ist einer, der den Blick hebt und mitten durch den Bl\u00e4tterwald hindurch sieht, einer, der merkw\u00fcrdigerweise seinen Namen kennt und ihm zuruft und sagt, dass er vorhat, ihn zu besuchen. Zach\u00e4us muss v\u00f6llig \u00fcberrumpelt worden sein. Warum in aller Welt wirft Jesus unter allen Menschen seinen Blick grade auf ihn und will ihn besuchen? Ja, das ist deshalb, weil der Mann, der im heutigen Evangelium in die Stadt kommt, die Menschen anders sieht als wir. Er sieht in Zach\u00e4us offenbart nicht nur einen Z\u00f6llner, der auf Kosten anderer ein gutes Leben f\u00fchrt. Er sieht nat\u00fcrlich, was Zach\u00e4us tut. Aber er sieht mehr als das. Er sieht auch, wer Zach\u00e4us ist. Er sieht mitten durch die unsichtbaren Mauern hindurch, mit denen wir uns und einander umgeben, er sieht Zach\u00e4us als einen Menschen, der im Bilde Gottes geschaffen ist, einen wertvollen Menschen, der in seinen Augen genauso viel wert ist wie die guten Mitb\u00fcrger unten auf dem B\u00fcrgersteig. Mit diesem Blick rei\u00dft er die Mauern zwischen ihnen nieder.<\/p>\n<p>Wenn man im Zweifel sein sollte dar\u00fcber, was mit einem Menschen geschieht, der so gesehen wird, dann braucht man nur mit dem Blick Zach\u00e4us folgen, wie er vom Baum herunterklettert und nach Hause l\u00e4uft, um den Tisch zu decken, den braten in den Ofen setzt und Flaschen aufzieht, so dass er Jesus empfangen kann, wenn er kommt. Mit roten Backen vor Eifer. Und man kann die Bewegung in seiner Stimme h\u00f6ren, als er Jesus nach dem Essen hinausbegleitet und verspricht, die H\u00e4lfte seines Verm\u00f6gens den Armen zu geben und als das zur\u00fcckzuzahlen, um das er seine Mitb\u00fcrger betrogen hat. So sieht es aus und so klingt es, wenn die Freude einen Z\u00f6llner \u00fcberw\u00e4ltigt.<\/p>\n<p>Heute ist diesem Haus Heil widerfahren, sagt Jesus, und Heil \u2013 das ist die Befreiung, die darin liegt, nicht als berechnender Z\u00f6llner oder verr\u00fcckter Graf oder als gro\u00dfer K\u00fcnstler gesehen zu werden, sondern als ein wertvoller Mensch in den Augen Gottes. Trotz der wertenden Blicke anderer Menschen \u2013 und unserer Blicke. Der Blick, der uns erreicht quer durch die Bl\u00e4tter und uns als gleichwertige Menschen sieht, ganz gleich ob wir stark sind oder schwach, respektiert oder \u00fcbersehen, klein, jung, mittleren Alters oder alt. Diesem Blick begegnen wir immer, wenn wir in die Kirche kommen.&nbsp; Unter anderem deshalb kommen wir in die Kirche. Dass wir h\u00f6ren, da ist einer, der stets etwas mehr in uns sieht als wir selbst und alle anderen, einer der mehr sieht als das, was wir verm\u00f6gen, und das, was wir nicht k\u00f6nnen, einer, der uns stets als wertwolle Menschen seht und uns daran festh\u00e4lt, dass wir das sind. Und wohlbemerkt auch das, was jeder andere Mensch ist. Und immer dann, wenn wir dem bestimmten Blick begegnen, ist das Heil auch in dieses Haus gekommen \u2013 und in unsere H\u00e4user. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Marianne Frank Larsen<\/p>\n<p>DK 8000 Aarhus C<\/p>\n<p>mfl(at)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blick Jesu| 7. 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