{"id":5548,"date":"2021-08-01T17:15:30","date_gmt":"2021-08-01T15:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5548"},"modified":"2021-08-01T17:23:58","modified_gmt":"2021-08-01T15:23:58","slug":"zeit-des-geistes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/zeit-des-geistes\/","title":{"rendered":"Zeit des Geistes"},"content":{"rendered":"<h3>1. Korinther 12,1-11; Lukas 19,41-48 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Man sagt, dass man die Vergangenheit nicht \u00e4ndern kann. Was geschehen ist, ist geschehen.<\/p>\n<p>In der gro\u00dfen Geschichte, der Weltgeschichte, l\u00f6st das eine Ereignis das andere ab in einem fortschreitenden Ablauf. Ein Jahr folgt dem anderen, ein Jahrhundert dem anderen. Wir k\u00f6nnen zwar auf die Idee kommen zu sagen: Es geht zur\u00fcck. Aber das tut es ja nicht. Es geht immer vorw\u00e4rts.<\/p>\n<p>In der kleinen Geschichte, in unserer pers\u00f6nlichen Geschichte, gilt dasselbe. Unsere eigene Geschichte verl\u00e4uft auch vorw\u00e4rts. Es begann mit einer Geburt, und nun sind wir da. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte, das ist der lineare Ablauf des Menschenlebens. Und bei diesem Zeitverlauf <em>ist<\/em> das geschehen, was geschehen ist. Manchmal k\u00f6nnen wir uns vielleicht so verhalten, als w\u00e4re das nicht so, aber wenn wir erst ein gewisses Alter erreicht haben, werden wir keine Kinder mehr.<\/p>\n<p>Neben der gro\u00dfen und der kleinen Geschichte gibt es jedoch eine dritte Geschichte. Das ist die Geschichte des Geistes, und die nimmt es nicht so genau mit der Reihenfolge. Die Geschichte des Geistes hat ein ganz anderes Zeitverst\u00e4ndnis. In der Geschichte des Geistes ist es deshalb nicht sicher, wenn etwas vorbei ist, dass es nicht wieder neu beginnen kann. In der Bibel finden wir deshalb immer wieder neue Wiederhollungen von altem Stoff. Und als ein Engel in der letzten Schrift der Bibel, der Offenbarung des Johannes, ank\u00fcndigt, dass die Zeit vorbei ist, und man dem Engel glaubt, folgen danach dennoch zw\u00f6lf neue Kapitel und eine Vision dar\u00fcber, dass es nicht vorbei ist, dass es erst richtig anf\u00e4ngt und dass ein neues Jerusalem kommt.<\/p>\n<p>In der Geschichte des Geistes ist das, was geschehen ist, nicht notwendigerweise geschehen. Oder ja, das ist es. Aber es ist nicht in dem Sinne geschehen, dass es ein Geschick ist, das nun f\u00fcr immer den Gang der Welt und die Geschichte des Menschen bestimmen wird.<\/p>\n<p>Der Psychologe Jung, der sich mit den bewussten und unbewussten Schichten besch\u00e4ftigt hat und unsere Tr\u00e4ume deutete, hat gesagt: Es ist nie zu sp\u00e4t f\u00fcr eine gl\u00fcckliche Kindheit. Um etwas davon geht es in der Geschichte des Geistes. In der Geschichte des Geistes ist es nie zu sp\u00e4t. In der Geschichte des Geistes geht es um ein Verst\u00e4ndnis von Zeit, wo man sehr wohl zur\u00fcckkehren kann oder wo es was auch gleichzeitig existieren kann.<\/p>\n<p>Wie nun bei der Ankunft Jesu nach Jerusalem. Wenn es nur eine lineare Zeit g\u00e4be, wo wie uns von A nach B bewegen und nichts anderes als das, kann seine Ankunft etwas \u00fcbertrieben wirken. Es ist ja ein ganz gew\u00f6hnlicher Tag wie viele andere in einer Stadt, wo Menschen ihren Gesch\u00e4ften nachgehen. Gestern war gestern, was geschehen ist, ist geschehen. Und nun sind wir hier, so muss das sein. Aber in der Geschichte des Geistes laufen die Dinge zusammen, und deshalb k\u00f6nnen Vergangenheit und Zukunft pl\u00f6tzlich auch mitreden.<\/p>\n<p>Als Jesus in die Stadt kommt, sieht er sie deshalb nicht nur so, wie sie gerade an diesem Tag aussieht. Er sieht ihr Potential, was sie pr\u00e4gt. Aber er sieht auch, wohin ihr Weg geht, und dabei kommen ihm die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Im Sprung voraus in der Zeit sieht Jesus den Untergang der Stadt. Nun liegt sie da mit ihrer goldenen Kuppel und ihrem bunten Stra\u00dfenleben. Aber da werden Tage kommen, wo kein Stein auf dem anderen zur\u00fcckbleiben wird in ihr.<\/p>\n<p>Das ist einer der Augenblicke, in denen Gott sehr menschlich erscheint. Er weint. Das ist kein unber\u00fchrbarer Gott, der sich in seinen Himmel zur\u00fcckgezogen hat, sondern ein Gott, der sich in unsere eigene Wirklichkeit begibt und sich von dem bewegen l\u00e4sst, was er sieht.<\/p>\n<p>Jesus weint, weil die Stadt und ihre Einwohner ihn etwas angehen. Er stellt sich vielleicht dadurch nicht gro\u00df dar \u2013 ein Gott mit feuchten Wangen. Aber wer w\u00fcrde er sein, wenn er nicht weinte? Wer kann ein Kind verstehen, das weint, wenn man nicht selbst geweint hat?\u00a0 Wie sollte das Sinn machen, davon zu singen, dass Gott auf die \u201eAugen haucht, die weinen\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, wenn Tr\u00e4nen fremd w\u00e4ren f\u00fcr Gott?<\/p>\n<p>Und es besteht Grund zum Weinen. All das, was so viel versprach und trotzdem nicht geschah. Alle die Chancen, die verpasst wurden, all die Vorhaben und unfertigen L\u00f6sungen. Am Anfang schuf Gott die Erde, und er sah, dass sie gut war. Aber seitdem hat es bei den Menschen gehapert mit der Verwaltung dessen, was gut war.<\/p>\n<p>Noch einmal, es kann vielleicht an so einem ganz gew\u00f6hnlichen Tage \u00fcbertrieben wirken, aber in der Geschichte des Geistes k\u00f6nnen einem sehr wohl die Tr\u00e4nen kommen, weil man hinter die Gegenwart hindurchschauen kann oder sie in einer gr\u00f6\u00dferen Perspektive sehen kann. Man kann z.B. ahnen, dass das Stra\u00dfenleben eines ganz gew\u00f6hnlichen Tages sich an anderen Tagen sehr wohl verwandeln kann und zu einem Haufen werden kann, der ruft: Kreuzigt ihn.<\/p>\n<p>Aber im selben Augenblick muss man noch einen Sprung nach vorn machen. Das gebietet uns die Geschichte des Geistes. Denn ja, der Tod erwartet die Menschen in der Stadt, aber das tut die Auferstehung auch. Und wer wei\u00df, vielleicht ist es dies, was die Tr\u00e4nen flie\u00dfen l\u00e4sst. Dass sich auch Freude in die Tr\u00e4nen mischt.<\/p>\n<p>In dem gew\u00f6hnlichen Ablauf der Geschichte geht es um die Voraussage des Untergangs von Jerusalem. Aber wir leben in der Zeit des Geistes, und hier ist nie von Untergang die Rede, ohne dass auch Leben mit im Spiel ist. Und so wie einmal vor langer Zeit eine Sch\u00f6pfung war und eine Geburt, kann es in der Zeit des Geistes sehr wohl zu einem neuen Beginn kommen. Ein neues Jerusalem, eine neue Chance, Erl\u00f6sung,<\/p>\n<p>In der kleinen Geschichte pflegen wir uns an eine bestimmte Version dessen zu binden, was unser Leben ist und geworden ist. Wir sind die, denen etwas gelungen ist, die geglaubt haben \u2013 oder auch es ist umgekehrt. In der Geschichte des Geistes k\u00f6nnen durchaus mehrere Versionen gleichzeitig existieren. Das ist wie mit dieser Stadt, in die Jesus kommt. In der Geschichte des Geistes kann sie ein Fiasko sein und ein Erfolg zugleich. Vergleicht man die kleine Geschichte mit der Geschichte des Geistes, dann macht es deshalb auch Sinn, im gleichen Atemzug von Trauer und Freude zu singen, sich selbst als Zweifler und Gl\u00e4ubigen zu beschreiben, in ein und demselben Gebet zu danken und um Hilfe zu bitten.<\/p>\n<p>In der Geschichte des Geistes existiert eine Gleichzeitigkeit wie nirgends sonst. Hier haben wir ein Buch, das sowohl ein Neues Testament enth\u00e4lt als auch ein Altes Testament und ein Evangelium, wo wir vor und zur\u00fcckspringen k\u00f6nnen in der Zeit oder wo sich verschiedene Spuren kreuzen oder auch zuweilen einander folgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns bedeutet das, dass wir uns nicht an eine bestimmte Version dessen binden m\u00fcssen, was unser Leben ist und was aus ihm geworden ist. Wenn das eine von uns gesagt ist, kann immer etwas anderes hinzugef\u00fcgt werden.<\/p>\n<p>Es gibt einen sinnlichen Ausdruck f\u00fcr eben diese Spannung und Doppelheit. Das sind die Tr\u00e4nen. Uns k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen kommen vor lauter Lachen. Uns k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen kommen, wenn wir unter physischem oder mentalem Druck zusammenbrechen. Uns k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen kommen, wenn wir eine M\u00f6glichkeit verspielt haben. Uns k\u00f6nnen die Tr\u00e4nen kommen, wenn wie eine neue Chance bekommen.<\/p>\n<p>Jesus weint, und mehr ist nicht erforderlich, damit wir wissen, dass dies die Zeit des Geistes ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zitat aus einem d\u00e4nischen Morgenlied vin Ingemann: \u201eNu titte til hinanden\u201c, V. 2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Korinther 12,1-11; Lukas 19,41-48 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Christiane Gammeltoft-Hansen | \u00a0Man sagt, dass man die Vergangenheit nicht \u00e4ndern kann. Was geschehen ist, ist geschehen. In der gro\u00dfen Geschichte, der Weltgeschichte, l\u00f6st das eine Ereignis das andere ab in einem fortschreitenden Ablauf. Ein Jahr folgt dem anderen, ein Jahrhundert dem anderen. Wir k\u00f6nnen zwar [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5534,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,474,1,185,157,283,114,522,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-5548","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-10-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-christiane-gammeltoft-hansen","category-deut","category-kapitel-19-chapter-19-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5548"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5552,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5548\/revisions\/5552"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5548"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=5548"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=5548"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=5548"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=5548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}