{"id":5587,"date":"2021-08-10T16:24:09","date_gmt":"2021-08-10T14:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5587"},"modified":"2021-08-10T16:24:42","modified_gmt":"2021-08-10T14:24:42","slug":"lukas-189-14-daen-perikopenord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-189-14-daen-perikopenord\/","title":{"rendered":"Lukas 18,9-14"},"content":{"rendered":"<h3>11. Sonntag nach Trinitatis | Lukas 18,9-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p><strong>Nicht der Blick auf eigenes Verdienst oder eigene S\u00fcndigkeit \u2013 sondern auf die Gottes Gnade. <\/strong><\/p>\n<p>Das kennt man ja so gut: Leute, die so selbstgerecht sind, dass sie nichts anderes sehen k\u00f6nnen als sich selbst. Leute, die unbedingt sich selbst in den sozialen Medien pr\u00e4sentieren m\u00fcssen mit all ihren Erfolgen im Berufsleben, ihrem perfekten Familienleben und Lebensstil, ihrer Wohlt\u00e4tigkeit und ihrer freiwilligen Arbeit und ihren gr\u00fcnen Rezepten. Leute, die auftreten wie der Pharis\u00e4er vorne im Tempel und Gott und allen Leuten erz\u00e4hlen, wie gut sie sind.<\/p>\n<p>Nein, gut dass man selbst so nicht ist. Gott ich danke dir, weil ich nicht bin wie andere Menschen, selbstgerecht und unsympathisch. Sondern dem\u00fctig. Ich kenne meine Fehler sehr wohl, ich pflege sie sogar. Ich wei\u00df, dass ich nicht vollkommen bin, deshalb bin ich so angenehm dem\u00fctig. Seht, wie dem\u00fctig ich bin, und seht was f\u00fcr ein schlechtes Gewissen ich habe &#8211; ganz wie der Z\u00f6llner im Tempel. Ich habe wirklich Selbsterkenntnis. Gut, dass ich nicht so bin wie andere Menschen. Und \u201ewer sich selbst erniedrigt, wird erh\u00f6ht werden\u201c, das muss f\u00fcr mich gelten. Ich \u00fcbertreffe alle mit meinem schlechten Gewissen. Gut, dass ich nicht bin wie andere Menschen.<\/p>\n<p>\u201eJesus sagte aber zu einigen, die \u00fcberzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die anderen, dieses Gleichnis\u201c. Eine Momentaufnahme von zwei klassischen Figuren: Der Pharis\u00e4er, der fromme und kluge Mann, der wirklich versucht, nach dem Gesetz zu leben, gerecht zu sein. Und der Z\u00f6llner, der selbsts\u00fcchtige und gierige Landesverr\u00e4ter, der Geld zusammen rafft f\u00fcr die R\u00f6mer und auch viel f\u00fcr sich selbst. Die beiden. Der Selbstgerechte und der S\u00fcnder. Der eine vorne, der andere ganz hinten im Tempel.<\/p>\n<p>Ist die Pointe in der Geschichte dann die, dass wir gegen\u00fcber Gott den Platz tauschen? Und wem ist damit gedient?<\/p>\n<p>Oder ist es auf dem Weg nach Hause vom Tempel, wo etwas geschieht? \u201eIch sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener\u201c, sagt Jesus.<\/p>\n<p>Kann man denn gerechtfertigt werden, wenn man es nicht ist? Kann ein Mensch \u00fcberhaupt gerechtfertigt sein?<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner narrt einen immer. Das hat sie in der ganzen Geschichte des Christentums getan, weil sie ja immer Leuten erz\u00e4hlt wurde, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit meinen, dass wir selbst gerechtfertigt sind, und andere verachten. So wie die Geschichte die beiden Positionen schildert, ist sie scheinbar ganz klar: Willst du der sein, der vorne steht und sich selbst lobt und sich l\u00e4cherlich macht? Willst du nicht lieber der sein, der hinten steht und sich vor die Brust schl\u00e4gt und sagt: \u201eGott sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig\u201c \u2013 der ist ja der Held. Willst du dich erh\u00f6hen, so dass du gedem\u00fctigt wirst, oder willst du dich dem\u00fctigen, damit du erh\u00f6ht wirst? Da ist die Wahl ja nicht so schwer. Ich will gerne erh\u00f6ht werden &#8211; da erniedrige ich mich nat\u00fcrlich. Ich will gerne alle anderen \u00fcbertreffen, was Gerechtigkeit angeht, deshalb betone ich meine Fehler und M\u00e4ngel. Ich bin ein viel elenderer S\u00fcnder als alle die anderen und verachte alle Selbstgerechten.<\/p>\n<p>In dieser Weise narrt die Geschichte uns, indem sie uns zu einem \u201eumgekehrten Pharis\u00e4er\u201c macht, wie man das nennen k\u00f6nnte. Sie verlockt uns dazu, die Position des Pharis\u00e4ers einzunehmen und dabei hoffentlich zu entdecken, dass wir das tun, auch wenn wir unsere Demut und Selbsterkenntnis hervorheben.<\/p>\n<p>Da stehen zwei M\u00e4nner im Tempel. Da k\u00f6nnen sie stehen bleiben mit dem, was sie von sich selbst erz\u00e4hlen. Aber der eine ging gerechtfertigt nach Hause.<\/p>\n<p>Gerecht. Das ist nicht etwas, was man ist, man wird gerecht gemacht.<\/p>\n<p>Das R\u00e4tsel der Geschichte liegt in dem Wort \u201egerecht\u201c. Was ist \u201eGerechtigkeit\u201c? Das ist ein Wort, das mit Jesus und seiner Geschichte einen anderen Sinn bekommt \u2013 sowohl in den Geschichten, die er erz\u00e4hlt, als auch in der Geschichte, die er selbst ist.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit bedeutete und bedeutet, dass man das Recht einh\u00e4lt, das Gesetz, die Regeln einh\u00e4lt, die f\u00fcr das Leben und die Gesellschaft da sind. Wir gebrauchen das Wort auch in diesem Sinne: Es muss gerecht zugehen \u2013 nach Recht und Gesetz, vor allem, wenn es um die Verteilung von G\u00fctern geht. Aber auch wenn es um die Einhaltung von Gesetzen geht, um Verbrechen und Strafe, und auch in dem mehr breiten Sinn, dass es w\u00fcnschenswert erscheint, dass es den Menschen gut geht, und dass es ungerecht erscheint, wenn jemand, den wir kennen und lieben, Ungl\u00fcck und Leid erf\u00e4hrt. Darin liegt die Idee, dass das Dasein gewisse Regeln hat, was recht ist, wonach sie die Dinge gerne richten sollen, wenn es gerecht zugehen soll. Und deshalb werden wir ersch\u00fcttert von Naturkatastrophen, denn die sind jenseits aller Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Aber kann ein Mensch gerecht sein? Ja, in diesem Sinn, wenn er sich an die Regeln h\u00e4lt und das Gute tut und sich mit seiner Selbstentfaltung im Rahmen h\u00e4lt, kurz wenn er ein ordentlicher Mensch ist. Das ist der Pharis\u00e4er ja, und daf\u00fcr dankt er Gott.<\/p>\n<p>Und das ist ja in Ordnung. Im geschieht ja nichts. Der andere ist es, der als ein anderer nach Hause geht, als der er vorher war.<\/p>\n<p>Denn das Verdienst des Z\u00f6llners ist nicht, dass er seine eigene Schuld und sein schlechtes gewissen und seine vielen S\u00fcnden hervorhebt. Es besteht vielmehr darin, dass ihm etwas fehlt.&nbsp; Er will etwas von Gott haben. Er bittet, fordert, ohne aufzuschauen, ohne \u00dcberredungs-Versuche, ohne zu argumentieren: \u201eGott sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig\u201c.<\/p>\n<p>Gott, gib mir das, was du hast und bist. Deine Gnade, deine Liebe, dein Leben. Das fehlt mir.<\/p>\n<p>Zu wem wagt man das zu sagen? Liebe mich. Frage nicht danach, was ich getan oder nicht getan, verdient oder vers\u00e4umt habe. Sei mir gn\u00e4dig. Siehe mich als einen, den du liebst.<\/p>\n<p>Das wagt man zu einem zu sagen, auf den man hofft und ohne den man nicht leben kann. Weil man gen\u00f6tigt ist, um das zu bitten, was einem fehlt.<\/p>\n<p>Das ist der Wendepunkt des Z\u00f6llners. Er geht in den Tempel, um etwas zu empfangen, nicht um da zu stehen. Er geht da hinauf mit seinem Mangel, um mit etwas anderem als sich selbst wieder davonzugehen.<\/p>\n<p>Er war es, der gerecht nach Hause ging. Wie gerecht? In der Geschichte Jesu ist Gerechtigkeit eine Beziehung der Liebe, ein Ruf zu einem Leben von dem, was der Z\u00f6llner von Gott empf\u00e4ngt, n\u00e4mlich der Gnade.<\/p>\n<p>Gnade ist die Liebe, die uns gegeben ist, ehe wir etwas dazu beitragen k\u00f6nnen, und die bei uns bleibt, ganz gleich was wir falsch gemacht haben. Wenn Gotts Gnade Gerechtigkeit ist, so bedeutet diese neue Gerechtigkeit, dass wir nach dem Recht leben, in einer Beziehung der Liebe zu stehen. Der Z\u00f6llner empfing einen neuen Weg, auf dem er in sein Haus ging. Er konnte aus dem Tempel in sein Haus gehen als einer, den Gott liebt \u2013 und vielleicht hat er das mit denen geteilt, denen er begegnete.<\/p>\n<p>Die Gerechtigkeit, die die Einhaltung von Gesetzen und Regeln ist, <em>steht<\/em>. Die Gerechtigkeit, die Gnade ist, <em>geht<\/em>.<\/p>\n<p>Diese Gerechtigkeit kann nie sagen: \u201eGott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie andere Menschen\u201c. Sie muss immer sagen: \u201eGott ich danke dir, dass ich ganz so bin wie die anderen Menschen \u2013 unvollkommen und geliebt\u201c. Die Gnade bewirkt, dass ein Mensch nicht nur das ist, was er getan hat und von sich selbst sagen kann, sondern immer auch das ist, wozu die Gnade ihn macht \u2013 ein ganzer und geliebter Mensch. Dazu kann sich keiner selbst machen, sondern das ist die Antwort auf das Gebet: \u201eGott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig\u201c.<\/p>\n<p>Diese Gerechtigkeit fand der Z\u00f6llner in der Geschichte Jesu, und sie fand Paulus bei Jesus. Der junge Pharis\u00e4er Paulus betrachtete die Jesus-Gl\u00e4ubigen mit Furcht und Verachtung und versuchte sie aus der Gesellschaft auszuschlie\u00dfen. Er dankte Gott daf\u00fcr, dass er nicht war wie sie \u2013 bis er pl\u00f6tzlich entdeckte, dass er genauso war wie sie \u2013 und getauft wurde. Dieser Paulus schrieb dann sp\u00e4ter von der Gerechtigkeit Gottes, wie sie ihm nun selbst in Jesus offenbart wurde:<\/p>\n<p><em>\u201eNun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart \u2026 die Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt S\u00fcnder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erl\u00f6sung, die durch Christus Jesus geschehen ist\u201c <\/em>(R\u00f6mer 3,21-24).<\/p>\n<p>Nein, da ist kein Unterschied zwischen Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner. Sie wechseln dauernd die Position in Bezug auf die Selbstgerechtigkeit, wie Paulus das selbst tat, vom Pharis\u00e4er zum Z\u00f6llner. Aber Paulus erhielt wie der Z\u00f6llner einen neuen Weg und konnte den Blick abwenden von sich selbst und seiner eigenen Schuld und eigenen M\u00e4ngeln und sagen: \u201eDurch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen\u201c (1. Korinther 15,10a).<\/p>\n<p>Die Gnade ist nie vergeblich. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Bisch\u00f6fin Marianne Christiansen<\/p>\n<p>Ribe Landevej 37<br \/>\n6100 Haderslev<\/p>\n<p>Email: mch(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | Lukas 18,9-14 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Marianne Christiansen | Nicht der Blick auf eigenes Verdienst oder eigene S\u00fcndigkeit \u2013 sondern auf die Gottes Gnade. Das kennt man ja so gut: Leute, die so selbstgerecht sind, dass sie nichts anderes sehen k\u00f6nnen als sich selbst. 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