{"id":5600,"date":"2021-08-10T17:40:32","date_gmt":"2021-08-10T15:40:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5600"},"modified":"2021-08-11T09:34:34","modified_gmt":"2021-08-11T07:34:34","slug":"predigt-zu-lukas-189-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-lukas-189-14\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 18,9-14"},"content":{"rendered":"<h3>Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner \u2013 Gott will sie beide | Predigt zu Lukas 18,9-14 |15. 8.2021|verfasst von Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p><em>Er sagte aber zu einigen, die \u00fcberzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:<\/em><\/p>\n<p><em>Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharis\u00e4er, der andere ein Z\u00f6llner. 11 Der Pharis\u00e4er stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, <\/em><em>dass ich nicht bin wie die andern Leute, R\u00e4uber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Z\u00f6llner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Z\u00f6llner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir S\u00fcnder gn\u00e4dig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.<\/em><\/p>\n<p><em>Denn wer sich selbst erh\u00f6ht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erh\u00f6ht werden.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser!<\/p>\n<p>Fett und aufgeblasen f\u00fcllte er die eine Seite des Bildes in meiner Kinderbibel &#8211; der Pharis\u00e4er nat\u00fcrlich. In der Mitte des Bildes eine kostbare Schale, in welche die Hand des Pharis\u00e4ers sehr augenf\u00e4llig ein Goldst\u00fcck wirft. Links im Bild, ganz am Rand ist der Z\u00f6llner zu sehen. Bescheiden h\u00e4lt er sich im Hintergrund &#8211; mit gezogenem Hut, den Stock in der Hand. Ein ungemein sympathischer Wandersmann. Hier die sich br\u00fcstende Selbstgef\u00e4lligkeit und da &#8211; ein paar Stufen niedriger &#8211; die Bescheidenheit in Person, sich verneigend und schlank.<\/p>\n<p>Liebes Kind, so wurde von diesem Bild viel tausendmal gepredigt, sei nicht wie der Pharis\u00e4er, stolz und angeberhaft. Den Z\u00f6llner nimm dir zum Vorbild, der sich zur\u00fccknimmt und im Hintergrund bleibt. Ganz so, wie man in den Poesiealben der damaligen Zeit lesen konnte:<\/p>\n<p><em>Sei das Veilchen im Moose,<\/em><\/p>\n<p><em>so still, bescheiden und rein.<\/em><\/p>\n<p><em>Nicht wie die stolze Rose,<\/em><\/p>\n<p><em>die stets bewundert will sein.<\/em><\/p>\n<p>Freilich, das von der Kinderbibel gemalte Bild passt nicht zu einer Geschichte, die unsere mitgebrachten Moral- und Wertvorstellungen gerade nicht best\u00e4tigen, sondern sie st\u00f6ren und durcheinanderbringen will.<\/p>\n<p>Jesus erz\u00e4hlt n\u00e4mlich so, dass die Sympathien seiner damaligen Zuh\u00f6rerschaft sich von vornherein dem Pharis\u00e4er und nicht etwa dem Z\u00f6llner zuwenden mussten. Keine Rede ist da von feister Sattheit, sondern uns wird ein Mann vor Augen gestellt, der zweimal in der Woche fastete, und das macht ja bekanntlich schlank. Dabei\u00a0 war die Triebfeder dieses Fastens nicht das Bem\u00fchen um Gesundheit und k\u00f6rperliches Wohlbefinden. Nein der Mann wollte mit seinem Fasten deutlich machen, dass Gott ihm noch wichtiger war als satt zu sein. Pharis\u00e4er, das waren Leute die davon durchdrungen waren: Es gen\u00fcgt nicht, dass wir einen Tempel und Priester haben f\u00fcr den Gottesdienst. Vor allem anderen kommt es darauf an, dass wir Laien Gott im Alltag unseres Lebens dienen. Und so verbrachten sie viel Zeit damit, im Gebet und im Gespr\u00e4ch mit anderen \u00fcber den Willen Gottes f\u00fcr ihr Leben in Beruf, Familie und dem Gemeinwesen nachzudenken. Leute, die ein Zehntel ihres Geldes dem Tempel und der Versorgung der Armen zur Verf\u00fcgung stellten. Das ist zehnmal mehr als unsere Kirchensteuer. Und dazu kamen noch die erheblichen Steuern und Z\u00f6lle, die von den R\u00f6mern zwangsweise eingetrieben wurden.<\/p>\n<p>Fasten und den Zehnten geben &#8211; das waren beileibe nicht nur \u00c4u\u00dferlichkeiten. Wo es um den Magen und noch mehr um den Geldbeutel geht, da zeigt sich, was einem Menschen wichtig ist, woran sein Herz h\u00e4ngt. Bei vielen Zeitgenossen h\u00f6ren beim Geld\u00a0 die Gem\u00fctlichkeit und auch das Christentum auf. Der Pharis\u00e4er aber, den Jesus uns hier vor Augen stellt, hat seinen Glauben mit Leib und Seele, mit Geld und Gut gelebt und damit seine Freude daran gehabt, ganzheitlich dem Willen Gottes zu entsprechen.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend dieser Mann im Tempel Gott daf\u00fcr dankt, dass sein Leben eine gute klare und \u00fcberzeugende Richtung hat und er nicht zu denen geh\u00f6rt, die mehr nach dem eigenen Wohl und Spa\u00df fragen als nach dem Willen Gottes &#8211; da f\u00e4llt sein Blick auf einen Z\u00f6llner, der sich im Hintergrund des Tempels herumdr\u00fcckt. Und der hatte auch allen Grund, dort im Halbdunkel zu bleiben und sich als S\u00fcnder zu bekennen. Denn am Willen Gottes lebte er vorbei. Stand er doch im Dienste der r\u00f6mischen Besatzungsmacht, im Dienst von Herren, die nicht nach dem Willen des einen Gottes, Sch\u00f6pfers des Himmels und der Erden, fragten,<\/p>\n<p>sondern die neben einer Vielzahl von G\u00f6tzen auch noch den r\u00f6mischen Kaiser verg\u00f6tterten. Z\u00f6llner &#8211; das waren Leute, die das Volk Gottes politisch und religi\u00f6s im Stich gelassen hatten, die sich \u00a0bedenkenlos an ihren Landsleuten bereicherten und nicht im Traum daran dachten, sich Abgaben f\u00fcr den Tempel und die Armen vom Munde abzusparen. Entsprechend unbeliebt und verhasst waren sie in Israel. H\u00e4tte man damals ein Bild vom Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner gemalt, fett und unsympathisch w\u00e4re der Z\u00f6llner, hager und glaubw\u00fcrdig der Pharis\u00e4er erschienen.<\/p>\n<p>Auf diesem Hintergrund wird die St\u00f6rung und die Provokation deutlich, die Jesus ausl\u00f6st, wenn er feststellt: statt des Gerechten kehrt der S\u00fcnder als von Gott gerechtfertigt in sein Haus zur\u00fcck. Was kein Mensch f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, am wenigsten der sich im Hintergrund haltende S\u00fcnder &#8211; das tut Gott. Was zwischen einem Menschen und ihm steht, das r\u00e4umt Gott aus dem Wege und sagt: Du bist mir recht. Dich will ich haben.<\/p>\n<p>Diesen grundlos barmherzigen Gott zum Zuge kommen zu lassen \u2013 darum geht es in dieser Geschichte und in ihrer Fortsetzung. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Die beiden im Tempel m\u00fcssen ja noch mitbekommen, was Jesus hier erz\u00e4hlt. Damit sie nicht &#8211; jeder in seiner Glaubens- und Lebenshaltung verschlossen bleiben, sondern erfahren, wie \u00f6ffnend und befreiend sich die Barmherzigkeit Gottes auswirkt.<\/p>\n<p>Und ich meine, das ist unter uns auch schon im Gange &#8211; darin, dass sich im Tempel unserer Kirche zwei ganz unterschiedliche Gruppen begegnen, die durchaus vergleichbar sind mit dem eindrucksvollen Pharis\u00e4er und dem eher zweifelhaft erscheinenden Z\u00f6llner. Auf der einen Seite die Gemeindeglieder, die mit Ernst Christen sein wollen, die mit ihrem Kommen den regelm\u00e4\u00dfigen Gottesdienst halten, aufrechterhalten, die die Arbeit ihrer Gemeinde mittragen und weder Zeit noch Kosten scheuen, um Christi willen zu helfen und zu lindern, wo immer ihnen das m\u00f6glich ist. Menschen, die bis in ihre berufliche und private Lebensf\u00fchrung hinein dem Willen Gottes nachzukommen suchen, deren Glaubw\u00fcrdigkeit \u00fcber jeden Zweifel erhaben und denen es zu verdanken ist, wenn Kirche und Christentum Vertrauen genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ihnen steht die gro\u00dfe Mehrheit der Gemeindeglieder gegen\u00fcber, die nicht auf Anhieb als Christen zu erkennen sind, die in der Kirche nur zu ganz bestimmten Gelegenheiten erscheinen &#8211; zu Weihnachten oder zur Konfirmation oder bei einem anderen famili\u00e4ren Anlass. U-Boot-Christen hei\u00dfen sie an der K\u00fcste, weil sie nur selten auftauchen. Und wenn sie es tun, dann auch mehr als Zaung\u00e4ste, weil die Gottesdienstordnung ihnen fremd und das Singen von Liturgie und Chor\u00e4len ihnen ungewohnt ist. Was ist von denen zu halten, die nur kommen, wenn sie die Kirche brauchen, sie aber sonst links oder rechts liegen lassen?<\/p>\n<p>F\u00fcr Gott geh\u00f6ren sie dazu, f\u00fcr ihn stehen die sogenannten Randsiedler in der Mitte, seinem Herzen sind die distanzierten Gemeindeglieder ganz nah. Davon sollen sie und wir alle hier so viel wie m\u00f6glich mitbekommen und auch mit nach Hause nehmen.<\/p>\n<p>Er liebt Gottesdienste, die den Gelegenheitsbesuchern, zu denen doch auch Konfirmandinnen und Konfirmanden geh\u00f6ren, ganz viel mitgeben von seiner Wertsch\u00e4tzung; Gottesdienste, in denen sie sp\u00fcren, dass sie willkommen sind und wir sie gern in unsere Mitte nehmen; Gottesdienste, in denen auch sie Gelegenheit haben, ihren Hunger nach gl\u00fcckendem Leben, ihre Sehnsucht nach Gott auszudr\u00fccken. Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pharis\u00e4er und Z\u00f6llner \u2013 Gott will sie beide | Predigt zu Lukas 18,9-14 |15. 8.2021|verfasst von Rudolf Rengstorf | Er sagte aber zu einigen, die \u00fcberzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharis\u00e4er, der andere [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5536,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,480,1,157,114,141,349,3,109,200],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-5600","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-11-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-18-chapter-18","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-rudolf-rengstorf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5600"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5614,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5600\/revisions\/5614"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5536"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5600"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=5600"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=5600"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=5600"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=5600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}