{"id":5675,"date":"2021-08-24T09:43:25","date_gmt":"2021-08-24T07:43:25","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5675"},"modified":"2021-08-25T09:52:00","modified_gmt":"2021-08-25T07:52:00","slug":"5675-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/5675-2\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 10,23-37"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Imitatio Christi \u2013 das Leben des Christen |\u00a0<\/strong><strong>29.8.21 | 13. Sonntag nach Trinitatis | <\/strong>Lukas 10,23-37 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0verfasst von Rasmus N\u00f8jgaard |<\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die wohlbekannten Erz\u00e4hlungen und Gleichnisse rufen gerne eine automatische Reaktion hervor, dass wir schon wissen, was wir von ihnen halten sollen, ehe wir sie zu Ende geh\u00f6rt haben. Das gilt nicht zuletzt f\u00fcr das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Schnell sind wir uns dar\u00fcber einig, den Priester und den Leviten zu kritisieren, die es besser wissen m\u00fcssten. Oder die mehr raffinierte Reaktion, dass man weder dem Priester oder dem Leviten einen Vorwurf machen k\u00f6nne, denn ihre religi\u00f6sen Normen verboten es ihnen, den blutenden Mann am Stra\u00dfengraben anzur\u00fchren, nein, gl\u00fccklich ist der, der nicht an den toten Buchstaben des Gesetzes gebunden ist, sondern frei ist f\u00fcr spontanes Handeln. Da gibt es auch den Jubel dar\u00fcber, dass da ein Fremder und uns ganz unbekannter Mensch der Held der Erz\u00e4hlung ist. All die uns wohlbekannten Leute, mit denen wir rechnen, sehen nicht hin, denn wir wissen nie, woher unsere Rettung kommt und wer unser N\u00e4chster ist. Nicht Status, sondern die Einstellung ist entscheidend. Im Gegensatz zu einer Auslegung, die sie wohl fast als sozialistisch bezeichnen w\u00fcrde, steht die bombastische Auslegung von Margaret Thatcher. Auf einer gro\u00dfen internationalen Konferenz \u00fcber die \u00d6konomie der dritten Welt verwandte sie dieses Gleichnis als Argument daf\u00fcr, dass man die Zust\u00e4nde erhalten solle mit einer gesunden kapitalistischen Politik. Denn wenn der Samariter nicht gen\u00fcgend Reserven gehabt h\u00e4tte, um f\u00fcr den Notleidenden zu bezahlen, w\u00e4re der Arme ja verloren gewesen. So kann auch der barmherzige Samariter Ansto\u00df erregen. Andere Auslegungen, und die k\u00f6nnen genauso zahlreich und durchschaubar sein, gehen einen ganz anderen Weg und lesen das Gleichnis christologisch. Denn der fremde Samariter wird barmherzig genannt und gleicht darin dem Herrn selbst. Jesus verkleidet sich selbst als der Fremde, der zur gro\u00dfen \u00dcberraschung den Verlorenen rettet. W\u00e4hrend andere als einen Trumpf die Werte umkehren und den Knecht zum K\u00f6nig machen, so dass der Verwundete nun mit Christus am Kreuz verglichen wird, oder richtiger, wir sollten in dem Notleidenden stets den leidenden Christus sehen \u2013 auch wenn diese Auslegung im Eifer des Gefechts wohl vergisst, dass Christus der Erl\u00f6ser ist und nicht die Menschen.<\/p>\n<p>Ich sage nicht, dass auch nur eine dieser Auslegungen falsch ist, aber umgekehrt sage ich auch nicht, dass eine von diesen Auslegungen ersch\u00f6pfend ist. Meine wichtigste Pointe ist, dass wir vorsichtig sein sollen, wenn jemand versucht, ein Gleichnis eins zu eins auszulegen \u2013 dann folgt man wohl seiner eignen Tagesordnung. Wie sehen also ab von der Funktion des Gleichnisses selbst, dass die ganze Erz\u00e4hlung als ganze gesehen die Aufgabe hat, etwas Schwieriges zu beschreiben, das sich eben nicht eins zu eins \u00fcbersetzen l\u00e4sst, denn dann h\u00e4tte Jesus das ja nat\u00fcrlich getan. Das \u00dcberraschende ist jedoch, dass er kein Moralist ist \u2013 und dennoch Nachfolge verlangt. Hier geht es um <em>das ewige Leben und die Frage, wer mein N\u00e4chster ist<\/em>. Mit anderen Worten, wir erfahren nicht, was das ewige Leben ist oder wer der N\u00e4chste ist, aber wir n\u00e4hern uns dennoch einem Verst\u00e4ndnis davon, wie jeder von uns in der Situation erfahren kann, wer unser N\u00e4chster ist und wie wir ewiges Leben erlangen. Wir k\u00f6nnen das nur im Voraus nicht ausrechnen f\u00fcr uns alle und ein f\u00fcr alle Mal. Wir m\u00fcssen den Weg selbst gehen, oder wie Jesus sagt: \u201eGeh hin und tu desgleichen!\u201c<\/p>\n<p>Wenn du meinst, nicht kl\u00fcger geworden zu sein, dann hast du vermutlich mehr verstanden als wenn du ein Aha-Erlebnis gehabt h\u00e4ttest. Und wenn du meinst, dass du das ganze viel klarer verstanden hast, dann ist es auch mir wie allen meinen Vorg\u00e4ngern gelungen, das Schwierige einfach zu machen. Augustin hat einmal gesagt, wir sollen hoch vom Tiefen und tief vom Hohen reden. Und das tut Jesus in der Tat.\u00a0 Ja manchmal so klar, dass es allzu leicht ist, mit ihm fertig zu werden. Die Schwierigkeit besteht nicht darin, das Einfache schwierig zu machen, sondern umgekehrt darin zu vermeiden, dass man das Schwierige zu einfach macht. Jesus bringt mit rhetorischer Eleganz den Schriftgelehrten zu der Feststellung, dass der rechte Wandel gegen\u00fcber dem N\u00e4chsten Barmherzigkeit ist. Die einzige Weise, dem Gebot Jesu zu folgen, seinen N\u00e4chsten zu lieben wie sich selbst, ist mit anderen Worten das Tun der Werke der Barmherzigkeit. In welchem Umfang und gegen\u00fcber wem, darauf muss sich der einzelne aus guten Gr\u00fcnden selbst besinnen. Ganz wie der Schriftgelehrte. Trotz seiner Klugheit musste ihm der Weg zum ewigen Leben gewiesen werden in der einfachsten aller Handlungen, der Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist durch die Frage des Schriftgelehrten veranlasst, wie man ewiges Leben erlangt. Aber wir erhalten keine Antwort, denn Jesus wendet die Frage so, dass sie von N\u00e4chstenliebe handelt, und er beantwortet diese Frage mit einem Gleichnis, also nicht mit einer direkten Antwort, sondern in der Form einer Erz\u00e4hlung, die Selbstbesinnung bewirken soll. Die Lehre vom ewigen Leben, die Dogmatik, wird uns nicht erkl\u00e4rt. Eher ganz im Gegenteil. So ist es immer, wenn Jesus vom ewigen Leben, von der Herrlichkeit und der Verdammnis spricht. Deshalb haben wir uns in der evangelischen Theologie der letzten beiden Jahrhunderte von dem altkirchlichen und mittelalterlichen rechtlichen und wissenschaftlichen Eifer verabschiedet, ein Weltbild zu definieren, das sich zwischen Heil und Verdammnis bewegt. Buchst\u00e4blich und ganz konkret verstanden ist es evangelisch unhaltbar und damit unglaubw\u00fcrdig, davon zu reden, dass der Mensch entweder erl\u00f6st oder verdammt wird. Jede Rede von einem sogenannten <em>doppelten Ausgang<\/em> oder die ganz parallele Vorstellung von der <em>Allvers\u00f6hnung<\/em> ist absurd. Das sind historische Gespenster, mit denen sich nur eifrige Ritter der Gerechtigkeit besch\u00e4ftigen. Biblisch verstanden dient das nicht dem Ziel des Evangeliums, auch nicht dem Evangelium dieses Sonntags. Nun wissen wir vielmehr, dass das ewige Leben erfahren wird durch Barmherzigkeit gegen\u00fcber dem N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Barmherzigkeit ist eine ganz andere undogmatische Kategorie. Die Barmherzigkeit ist eine evangelische Lehre von der Nachfolge, und sie ersetzt die eschatologische Spitzfindigkeit von dem gerechten Urteil am Ende der Zeiten. Ja, ein solches Gericht gleicht der trickreichen Frage des Schriftgelehrten. Diese gro\u00dfe Frage l\u00e4sst sich aber nur im Nahen beantworten. Das ewige Leben entfaltet sich in der Barmherzigkeit dem N\u00e4chsten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass Gott nicht auch Heiliger Geist und Ewigkeit, allm\u00e4chtiger Sch\u00f6pfer ist. Hier wird vielmehr festgestellt, dass wir als Ma\u00dfstab und Vorbild nur das Leben Jesu haben mit seinen Worten und Taten. Alles andere ist Spinnweben.<\/p>\n<p>Gleichnisse und Geschichten mit einer Pointe, die jeder verstehen kann. Es ist aber schwer, sie aufzubrechen und in ihren Einzelteilen zu erkl\u00e4ren. Denn nicht die einzelnen Elemente sind entscheidend, sondern die Pointe. Die Gleichnisse haben oft die Funktion, den <em>Glauben<\/em> zu verbildlichen. Eine sichere Art und Weise, die Verbildlichung zu demontieren, besteht darin, dass man die Erz\u00e4hlung in ihre Einzelteile zerlegt und das Gleichnis uns selbst anpasst, wo es uns in Wirklichkeit auf das aufmerksam machen soll, was wir uns nicht selbst sagen k\u00f6nnen. Hier die Frage: <em>\u201eWer ist dann mein N\u00e4chster?\u201c<\/em> Die Antwort ist so einfach, aber dennoch so offen, dass es uns alle trifft. Es ist \u201eder, der die Barmherzigkeit an ihm tat\u201c.<\/p>\n<p>Es gibt zu denken, dass Jesus vom ewigen Leben reden kann und auch an anderer Stelle vom Gericht, von Tod und Auferweckung, ohne in eine geschlossene und eindeutige Sprache zu verfallen. Die Antwort wird stets uns selbst \u00fcberlassen, so dass auch wir dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnen, wie wir das ewige Leben ausl\u00f6sen, indem wir der Welt mit Barmherzigkeit begegnen. Anders k\u00f6nnen wir kaum den Versuch machen, Jesus zu gleichen, getrost im Glauben daran, dass er, der Barmherzige, uns versprochen hat, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Amen.<\/p>\n<p>Pastor Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p>DK-2100 K\u00f8benhavn \u00d8<\/p>\n<p>Email: rn(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Imitatio Christi \u2013 das Leben des Christen |\u00a029.8.21 | 13. Sonntag nach Trinitatis | Lukas 10,23-37 (d\u00e4nische Perikopenordnung) |\u00a0verfasst von Rasmus N\u00f8jgaard | \u00a0 Die wohlbekannten Erz\u00e4hlungen und Gleichnisse rufen gerne eine automatische Reaktion hervor, dass wir schon wissen, was wir von ihnen halten sollen, ehe wir sie zu Ende geh\u00f6rt haben. 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