{"id":5676,"date":"2021-08-25T09:46:38","date_gmt":"2021-08-25T07:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5676"},"modified":"2021-08-25T09:52:30","modified_gmt":"2021-08-25T07:52:30","slug":"predigt-zu-1-mose-41-16a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-1-mose-41-16a\/","title":{"rendered":"Predigt zu 1. Mose 4,1\u201316a"},"content":{"rendered":"<h3>Tatort | 13. So.n.Trinitatis | 29.8.21 | Predigt zu 1. Mose 4,1\u201316a | verfasst von Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Mord und Totschlag, das geh\u00f6rt am Sonntag eigentlich eher abends zum Programm. Der \u00abTatort\u00bb ist f\u00fcr viele Menschen fester Bestandteil des Sonntagabends, f\u00fcr mich selber oft auch. Heute aber werden wir bereits zu fr\u00fcher Stunde und erst noch in der Kirche konfrontiert damit.<\/p>\n<p>Tatort ist ausserhalb des Gartens Eden, T\u00e4ter und Opfer sind Br\u00fcder, es geht um Mord, es geht um schreiendes Blut, um Strafe und Bewahrung und um Gott. Um Himmels Willen, muss das sein? Ja, ich denke das muss sein. Insbesondere, weil es sich bei dieser Geschichte nicht um eine Begebenheit in grauer Vorzeit handelt, sondern um eine beispielhafte Beschreibung von Menschlichem und Allzumenschlichem. Im Grunde geht es um uns. Geht das f\u00fcr Sie? Dass wir uns mit der Geschichte zu befassen versuchen, als sei da von uns die Rede?<\/p>\n<p>Krimi also jetzt. Wie beim \u00abTatort\u00bb geht es zun\u00e4chst um das genaue Schauen und H\u00f6ren. Keine voreiligen Schl\u00fcsse zu ziehen.<\/p>\n<p>Da sind ein Mann und eine Frau, deren Namen Adam und Chawa keine Eigennamen sind, sondern Ausdr\u00fccke f\u00fcr Menschsein \u00fcberhaupt. Aus Erdboden Adama wurde der Mensch geformt und Chawa bedeutet Leben. Diese Urmenschen bekommen einen Sohn.<\/p>\n<p>Kain wird geboren. Der erste Mensch, der wie wir durch eine Geburt zur Welt kommt. Geboren von einer Frau. Chawa jubelt und dankt: Ich habe einen Sohn bekommen&nbsp;mit Hilfe des&nbsp;Herrn. Wunder des Lebens. Es ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Grund zur Dankbarkeit.<\/p>\n<p>Vater, Mutter und Kind. Eine erste Familie.<\/p>\n<p>Dass die Erz\u00e4hlung kein historisches Interesse verfolgt, sieht man an den fehlenden konkreten Details. Wie haben diese Menschen gewohnt? Was assen sie? Wie waren sie gekleidet? Wo genau hat sich alles abgespielt? Dar\u00fcber schweigt der Text.<\/p>\n<p>Der zweite Sohn bekommt den Namen Abel, das bedeutet auf hebr\u00e4isch \u00abWindhauch\u00bb. Dieser Name ist programmatisch. Sein Leben wird nach kurzer Zeit \u00abverwehen\u00bb.<\/p>\n<p>Auch da w\u00fcsste ich gerne mehr. Wie war das mit den Br\u00fcdern? Haben sie sich geliebt? Waren sie in br\u00fcderliche Rivalit\u00e4ten verwickelt? Wie ist der Altersunterschied? Usw. Aber eben, das Historische entspricht nicht dem Interesse des Textes.<\/p>\n<p>Ganz lapidar berichtet er weiter: Abel wurde Schafhirt, und Kain wurde Ackerbauer.&nbsp;Zwei verschiedene Wege, das Leben zu bestreiten. Ohne Wertung.<\/p>\n<p>Beide Br\u00fcder geben Gott etwas ab von den Ertr\u00e4gen ihrer Arbeit. Und da geschieht das Unverst\u00e4ndliche: <em>Gott sieht auf Abel und seine Gabe, auf Kain und seine Gabe sieht er aber nicht.<\/em> Das ist alles. Keine Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Das muss man aushalten k\u00f6nnen. Viele haben das nicht geschafft. Suchten nach Motiven und Erkl\u00e4rungen. Ergingen sich in Spitzfindigkeiten und malten sich Gr\u00fcnde aus f\u00fcr das Verhalten Gottes. Leider sehr pr\u00e4gend sind viele Darstellungen, die Sie vielleicht auch noch aus Kinderbibeln kennen. Der Rauch von Abels Opfer steigt geradewegs zum Himmel hinauf, w\u00e4hrend Kains Feuer kaum brennt und der Rauch am Boden bleibt. Gottes Anschauen wird abh\u00e4ngig gemacht vom richtigen menschlichen Verhalten. Im biblischen Text ist davon allerdings keine Rede.<\/p>\n<p>Und genau das ist es, was mich fasziniert, was mich herausfordert und mich trifft in meinen eigenen Erfahrung. Ist es nicht genau so? Es gibt Menschen, die scheinen vom Pech verfolgt. Sie verlieren ihren Arbeitsplatz, werden unheilbar krank, finden keinen Partner und bringen es auch finanziell auf keinen gr\u00fcnen Zweig. Andere haben einfach Gl\u00fcck, es scheint ihnen alles zu gelingen, Reichtum, Beziehungen, Karriere. <em>Gott sieht auf Abel und seine Gabe, auf Kain und seine Gabe sieht er aber nicht.<\/em><\/p>\n<p>Es gibt keinen ersichtlichen Grund. Alle moralischen Erkl\u00e4rungsversuche banalisieren das Ungl\u00fcck. Wir wissen nicht, warum das so ist, so ungerecht. Es gilt nur diesen vollkommen r\u00e4tselhaften, menschlicher Vorstellung entzogenen Gott, auszuhalten. Es gilt dessen unendliche Freiheit, sich dem Menschen zuzuwenden oder nicht, anzuerkennen.<\/p>\n<p>Die Reaktion des unbeachteten Kain, ist die nicht absolut nachvollziehbar? Er ist verletzt, entt\u00e4uscht, nicht anerkannt, verbittert. Da ist die klare Bevorzugung des anderen. Es trifft uns tief, wenn wir nicht die Beachtung kriegen, die wir brauchten. Kain wird zornig und senkt den Blick. In der anschliessenden Frage Gottes wird meiner Meinung nach sehr wohl sichtbar, dass Gott ihn, auch ihn, anschaut: <em>Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt?<\/em><\/p>\n<p>Nicht: Reiss dich mal ein bisschen zusammen! Nicht: Was hast du vor? Nicht: Vergleich dich doch nicht mit anderen!<\/p>\n<p><em>Du bist zornig. Dein Blick ist gesenkt.<\/em><\/p>\n<p>Dieser gesenkte Blick. Er verhindert das Ansehen des anderen. Er verhindert, dass man \u00fcberhaupt noch etwas sieht ausser sich selbst. Es verengt den Horizont. In dieser Haltung kann man gar nicht anders als auf der erlittenen Kr\u00e4nkung beharren.<\/p>\n<p>Schon vor dem Mord versucht Gott, zu Kain vorzudringen. Wie ein v\u00e4terlicher Freund versucht er ihm zuzureden:<\/p>\n<p><em>Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die S\u00fcnde an der T\u00fcr.<\/em><\/p>\n<p>Kain redet mit seinem Bruder Abel. \u00dcber den Inhalt des Gespr\u00e4chs schweigt sich der Text aus.<\/p>\n<p>Und dann geschieht das Ungeheuerliche: Kain erschl\u00e4gt seinen Bruder Abel.<\/p>\n<p>\u00abWo ist dein Bruder Abel?\u00bb, fragt Gott. Und bekommt darauf die unglaublich patzige, ja zynische Antwort Kains: \u00abBin ich denn der H\u00fcter meines Bruders?\u00bb<\/p>\n<p>Gott weiss was geschehen ist. Das Blut \u2013 nach biblischer Vorstellung das Leben \u2013 das Blut, das auf dem Acker vergossen wurde, schreit zu Gott. Und der h\u00f6rt. Er h\u00f6rt die Schreie des Opfers, von dem nichts \u00fcbrig ist ausser die Spur der Gewalt.<\/p>\n<p>Gott h\u00f6rt die Opfer und \u2013 das ist das erstaunliche \u2013 er wendet sich auch vom T\u00e4ter nicht ab.<\/p>\n<p>Hat Kain als M\u00f6rder nicht auch dasselbe Schicksal verdient wie sein Opfer? Ich erinnere mich an erbitterte Diskussionen \u00fcber die Legitimit\u00e4t der Todesstrafe in meinen jungen Erwachsenenjahren. M\u00f6rder m\u00fcssen einer gerechten Strafe zugef\u00fchrt werden, argumentierten die Verfechter der Todesstrafe. Sie f\u00fchrten die Kosten f\u00fcr die Unterbringung eines T\u00e4ters im Gef\u00e4ngnis ins Feld. Sie ereiferten sich \u00fcber die Haftbedingungen, die \u00abwie im Hotel\u00bb seien.<\/p>\n<p>Die T\u00e4ter m\u00fcssen bestraft werden, die Gesellschaft muss vor ihnen gesch\u00fctzt werden, aber vielleicht eben auch die T\u00e4ter vor der Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gott wendet sich vom T\u00e4ter nicht ab und er liefert ihn nicht der Rache der anderen aus.<\/p>\n<p>Der Fluch, der \u00fcber Kain kommt, ist nicht irgendeine erdachte Strafe Gottes, es ist die logische Konsequenz seines Handelns. Es ist ihm nicht mehr m\u00f6glich, den Boden zu bebauen, ohne das Blut seines Bruders schreien zu h\u00f6ren. Das macht ihn rastlos und heimatlos. Die Tat verfolgt ihn und qu\u00e4lt ihn.<\/p>\n<p>Dass er der Rache seiner Mitmenschen ausgeliefert sein wird, sozusagen vogelfrei, das erscheint ihm zu schwer, viel zu schwer.<\/p>\n<p>Und Gott zeichnet ihn. Er zeichnet ihn als T\u00e4ter und als den, der nicht get\u00f6tet werden darf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abel, in der Geschichte \u00abder Bruder\u00bb genannt, \u00abWindhauch\u00bb ist sein Name, nicht er ist es mit dem Gott spricht. Er hat eigentlich nichts zu sagen.<\/p>\n<p>Umso mehr ber\u00fchrt mich das Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem der Dichter Abel zu Wort kommen l\u00e4sst. Abel sprechen l\u00e4sst \u00fcber dieses geheimnisvolle Schicksal des Bruders. \u00dcber das Mal, das Brandmarkung ist und zugleich Schutz.<\/p>\n<p><em>Der blasse Abel spricht<\/em><\/p>\n<p><em>Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,&nbsp;<\/em><em><br \/>\nwas meine Augen nicht sahn.<br \/>\nEr hat mir das Licht verh\u00e4ngt.<br \/>\nEr hat mein Gesicht verdr\u00e4ngt<br \/>\nmit seinem Gesicht.<br \/>\nEr ist jetzt allein.<br \/>\nIch denke, er muss noch sein.<br \/>\nDenn ihm tut niemand, wie er mir getan.<br \/>\nEs gingen alle meine Bahn,<br \/>\nkommen alle vor seinen Zorn,<br \/>\ngehen alle an ihm verloren.<br \/>\nIch glaube, mein grosser Bruder wacht<br \/>\nwie ein Gericht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><em><\/em><\/p>\n<p>Wenn ich diesen Tatort jenseits von Eden untersuche und analysiere, wenn ich genau hinschaue und -h\u00f6re, gelingt es mir nicht diese Geschichte als alte Story, die mich nichts angeht, wegzulegen. Ich verstehe das Menscheln in dieser Geschichte, das auch meines ist.<\/p>\n<p>Der r\u00e4tselhafte Gott.<\/p>\n<p>Das Blut der Opfer, das zum Himmel schreit.<\/p>\n<p>Die S\u00fcnde, die an der T\u00fcr lauert, wenn ich meinen Blick nicht mehr von mir und meiner Kr\u00e4nkung weglenken kann.<\/p>\n<p>Leben mit Schuld.<\/p>\n<p>Aber nicht vogelfrei.<\/p>\n<p>Tatort Leben<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Rainer Maria Rilke,&nbsp;Werke, kommentierte Ausgabe in vier B\u00e4nden, Band 1&nbsp;Gedichte 1895 bis 1910, herausgegeben von Manfred Engel und Ulrich F\u00fclleborn, Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag, 1996, Seite 161.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tatort | 13. So.n.Trinitatis | 29.8.21 | Predigt zu 1. Mose 4,1\u201316a | verfasst von Verena Salvisberg | &nbsp; Liebe Gemeinde Mord und Totschlag, das geh\u00f6rt am Sonntag eigentlich eher abends zum Programm. Der \u00abTatort\u00bb ist f\u00fcr viele Menschen fester Bestandteil des Sonntagabends, f\u00fcr mich selber oft auch. Heute aber werden wir bereits zu fr\u00fcher [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5667,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,511,1,2,157,114,783,349,109,242],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-5676","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genesis","category-13-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-04-chapter-04-genesis","category-kasus","category-predigten","category-verena-salvisberg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5676"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5680,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5676\/revisions\/5680"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5676"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=5676"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=5676"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=5676"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=5676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}