{"id":5691,"date":"2021-08-25T08:35:22","date_gmt":"2021-08-25T06:35:22","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5691"},"modified":"2021-08-25T11:36:40","modified_gmt":"2021-08-25T09:36:40","slug":"predigt-zu-gen-4-1-16a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-gen-4-1-16a\/","title":{"rendered":"Predigt zu Gen. 4, 1-16a"},"content":{"rendered":"<h3>Kain und Gott | 13. So. n. Trinitatis | 29.8.21 | Gen. 4, 1-16a | verfasst von Thomas-M. Robscheit |<\/h3>\n<p>Friede sei mit Euch von Gott unserem Vater, Jesus Christus unserem Bruder und dem heiligen Geist, der uns Leben schenkt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Diese Geschichte der beiden Br\u00fcder Kain und Abel ist uns allen bekannt; manchmal erinnert man sich vielleicht nicht so genau, wer nun wen erschlagen hat, aber im Gro\u00dfen und Ganzen wei\u00df man, worum es geht: ein Bruder ist auf den anderen eifers\u00fcchtig. Wer Geschwister hat, der kennt das. Solche Spannung k\u00f6nnen sich (zumindest unter Kindern) auch mal gewaltsam l\u00f6sen. Es ist uns aber ganz allgemein klar, dass \u201eHauen doof ist\u201c und man schon gar nicht seinen Bruder oder andere Leute erschlagen darf. So f\u00fchrt die Moral dieser Erz\u00e4hlung schnell zu dem Satz: \u201eSoll ich meines Bruders H\u00fcter sein?\u201c Und selbst wenn Kain dies als echte Frage gemeint haben k\u00f6nnte, im Erz\u00e4hlzusammenhang ist es eine rhetorische Frage. Die Antwort ist klar: Ja, Du sollst Deines Bruders und auch Deiner Schwester H\u00fcter sein. Man k\u00f6nnte nun weiter dar\u00fcber Nachsinnen, was es bedeutet, dieser H\u00fcter zu sein, wie weit die Verantwortung geht und wer \u00fcberhaupt Bruder oder Schwester ist. Man k\u00f6nnte jetzt die Not anderer Menschen auff\u00fchren, an Afghanistan erinnern, die Fl\u00fcchtlinge in Ostpolen oder am Mittelmeer. Man k\u00f6nnte einen moralischen Spiegel hochhalten und deutlich machen, wie wenig wir bereit sind, H\u00fcter unserer Geschwister zu sein. K\u00f6nnte man. Aber unsere Geschichte ist weitaus verzwickter. Es geht hier nicht um N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p>Die Br\u00fcder Kain und Abel f\u00fchren ein normales Leben, sie arbeiten, sie sind Gott dankbar und zeigen das auch. Jedenfalls wollen sie das. Aber aus unerfindlichen Gr\u00fcnden piesackt Gott den einen und bevorzugt den anderen. Anders als Kinder vielleicht das Handeln ihrer Eltern ungerecht finden, es aber von den Eltern so nicht beabsichtigt ist, bevorzugt Gott objektiv einen der Beiden und ver\u00e4rgert damit Kain. Wie zum Hohn fragt dann Gott auch noch nach, warum Kain denn so ergrimmt sei. Den Finger nochmal richtig in die Wunde stecken und rumdrehen. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt das: den Bruder \u00e4rgern und immer mehr zur Wei\u00dfglut treiben, bis er explodiert. Einen logischen Grund gibt es daf\u00fcr nicht. Meistens ist man sogar selbst dann von dem Wutausbruch betroffen, m\u00f6glicherweise auch sehr schmerzhaft. So geht es Kain. Er wird verletzt und dann noch zus\u00e4tzlich ge\u00e4rgert: Wenn Du fromm w\u00e4rst, w\u00fcrde Dich das ja nicht st\u00f6ren\u2026<\/p>\n<p>Wie w\u00e4re die Geschichte ausgegangen, wenn Gott Kain in dieser Versuchung, in dieser seelischen Not und dem brennenden Neid auf den bevorzugten Bruder beigestanden h\u00e4tte? Da gewesen w\u00e4re und liebevoll Halt gegeben h\u00e4tte? Ihn im finsteren Tal seiner zerfressenen Seele Trost gegeben h\u00e4tte? H\u00e4tte Abel \u00fcberlebt und w\u00e4re Kain nicht zu einem unsteten Leben verurteilt worden?<\/p>\n<p>Die Geschichte von Kain und Abel ist kein historischer Bericht und deswegen ist die Frage danach, was w\u00e4re wenn hier nicht weiter relevant.<\/p>\n<p>Thematisiert wird der Neid unter Geschwistern, die Frage nach dem Fatalismus, mit dem man sein Leben in allen Widrigkeiten annimmt und nicht zuletzt die Frage nach Schuld, S\u00fchne, Strafe und Lynchjustiz. In allen diesen Punkten werden universelle menschliche Erfahrungen reflektiert und Verhaltensma\u00dfst\u00e4be gesetzt. Aber das Gottesbild, das der Verfasser des Textes und seine m\u00fcndlichen Quellen transportieren, ist fragw\u00fcrdig. Und das im Wortsinn. Es muss hinterfragt werden. Bringt Gott Menschen absichtlich in Bedr\u00e4ngnisse, in denen sie scheitern (k\u00f6nnen)? Und wenn ja: warum?<\/p>\n<p>Vielleicht, liebe Gemeinde, haben Sie in der letzten Zeit die Diskussion in unserer Kirchenzeitung \u201eGlaube und Heimat\u201c mitbekommen \u00fcber die \u201erichtige\u201c \u00dcbersetzung, nein: Auslegung, des \u201eVater unser\u201c. Wir beten: \u201c&#8230;und f\u00fchre uns nicht in Versuchung\u201c. Es gibt die Meinung, es sollte besser hei\u00dfen: \u201eund f\u00fchre uns in der Versuchung\u201c. Der Unterschied ist gravierend. Sind Versuchungen von Gott gewollt und geschickt oder gibt es sie und wir Menschen sind dankbar wenn wir darin gef\u00fchrt werden, Halt und Orientierung haben. Sympathischer ist mir der zweite Gedanke. Da schwingt f\u00fcr mich Psalm 23 mit:<\/p>\n<p>\u201eund ob ich schon wanderte im finsteren Tal, f\u00fcrchte ich kein Ungl\u00fcck, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab tr\u00f6sten mich. \u201e<\/p>\n<p>Dem uns vorliegenden Text des \u201eVater unser\u201c (der auf Griechisch ist &amp; ja bereits aus dem Aram\u00e4ischen, das Jesus gesprochen hat, \u00fcbersetzt wurde) wird das allerdings nicht gerecht. Da ist die Bitte ganz klar, dass Gott darauf verzichten m\u00f6ge, uns in Versuchung zu f\u00fchren. In diesem Duktus ist auch die Geschichte von Kain und Gott. Gott legt es darauf an: Wenn Du fromm bist, kannst Du frei den Blick heben, bei aller Ungerechtigkeit, mit der ich Dich drangsaliere. Du musst der Versuchung widerstehen, die S\u00fcnde \u00fcberwinden!<\/p>\n<p>Kain scheitert. Er hat nicht die innere Kraft und St\u00e4rke. F\u00fchre uns nicht in Versuchung!, fleht man da zu recht!<\/p>\n<p>Ist Gott so unmenschlich? Oder entstehen Zwickm\u00fchlen, Versuchungen und Entscheidungen zwischen Pest und Cholera, bei denen man sich nicht richtig entscheiden kann, einfach zwangsl\u00e4ufig? Weil der Mensch einen freien Willen hat? Weil Gut &amp; B\u00f6se moralische Kategorien sind, die f\u00fcr Menschen relevant sind, nicht aber f\u00fcr die Natur? Ja, weil man oft gar nicht klar zwischen Gut und B\u00f6se unterscheiden kann?<\/p>\n<p>Luther bringt den verborgenen Gott aus Jesaja 45,15 ins Spiel: Gott, den wir mit unseren menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben nicht begreifen k\u00f6nnen. Das bedeutet aber auch, dass ein Erkl\u00e4rungsversuch, Gott wolle Menschen wie den Kain in Versuchung f\u00fchren um sie zu testen, \u00fcberhebliches und allzu menschliches Denken ist. Wir k\u00f6nnen immer nur von unseren Begegnungen mit Gott sprechen. \u201eIch-Botschaften\u201c senden und weitergeben. Oft finden wir Geschichten in denen Menschen berichten, sie glauben, dass Gott Menschen in Versuchung f\u00fchrt und in Bedr\u00e4ngnis: Hiob, Abraham, der seinen Sohn opfern soll, oder eben Kain.<\/p>\n<p>Meine Gotteserfahrung ist eine andere &amp; meine Sehnsucht auch: ich vertraue darauf, dass Gott mir in den finsteren T\u00e4lern beisteht und mir Kraft geben kann in schwierigen Situationen: und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, f\u00fcrchte ich kein Ungl\u00fcck, denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab tr\u00f6sten mich.<\/p>\n<p>Der Friede Gottes, der gr\u00f6\u00dfer ist als unser sp\u00e4rliches Denken, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Jesus\u00a0 wird vom Teufel in Versuchung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kain und Gott | 13. So. n. 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