{"id":5702,"date":"2021-08-31T10:19:42","date_gmt":"2021-08-31T08:19:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5702"},"modified":"2021-08-31T10:21:18","modified_gmt":"2021-08-31T08:21:18","slug":"1-thessalonicher-521","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-521\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 5,21"},"content":{"rendered":"<h3>Gehen wir einkaufen! | 14. So. n. Trinitatis | 5. 9. 2021 | Predigt zu 1. Thess. 5,21 | verfasst von Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p><strong>In die Begr\u00fc\u00dfung einzuf\u00fcgen<\/strong><\/p>\n<p>[&#8230;] Der heutige Predigttext beschlie\u00dft einen Brief von Paulus mit zahlreichen Ratschl\u00e4gen und Mahnungen. Einige werden in der Lutherbibel im Fettdruck hervorgehoben. Einer von diesen soll das Leitmotiv oder eher die Leitfrage dieses Gottesdienstes werden: \u201ePr\u00fcft aber alles und das Gute behaltet.\u201c (1. Thess 5,21) [&#8230;]<\/p>\n<p><strong>Erweitertes Kyrie<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet.\u201c (1. Thess 5,21) Das ist die Aufgabe \u2013 oder wenn Sie gestatten \u201eChallenge\u201c \u2013 des Apostels Paulus an uns. Im Kyrie bringen wir unser Leben vor Gott, heute unter dem Leitmotiv \u201eWas ist gut?\u201c. Oder wenigstens: \u201eWas ist gut f\u00fcr uns?\u201c Drei Beispiele aus dem Alltag m\u00f6gen anrei\u00dfen, dass das nicht so leicht zu beantworten ist. Ich bitte Sie, Ihre Fragen mit den Beispielen im gemeinsamen Kyrie-Ruf zu vereinen.<\/p>\n<p>(1) \u201eIch wei\u00df schon selber, was gut f\u00fcr mich ist.\u201c rief die Tochter zornig und st\u00fcrmte auf ihr Zimmer. Und die Mutter schaute traurig hinterher. Wieder einmal war ein Gespr\u00e4ch aus dem Ruder gelaufen. Warum war ihre Tochter nur so bockig? Dabei machte sie sich doch nur Sorgen.<\/p>\n<p>Kyrie-Ruf (je nach lokaler Gewohnheit)<\/p>\n<p>(2) \u201eLangsam wei\u00df ich, was gut f\u00fcr mich ist.\u201c, sagte die junge Frau. Und sie dachte dabei an diverse Beziehungen, die nicht funktioniert hatten. Zur\u00fcckgeblieben war immer mehr Gesp\u00fcr f\u00fcr das, was sie nicht wollte bzw. was f\u00fcr einen Typ Mann sie nicht wollte. Und sie begann sich zu fragen, ob die Guten schon alle vergeben waren.<\/p>\n<p>Kyrie-Ruf<\/p>\n<p>(3) \u201eIch habe immer versucht, das Gute zu tun.\u201c, sagte die 45-j\u00e4hrige. \u201eAber ich wei\u00df nicht, ob das gut f\u00fcr mich war.\u201c Sie hatte sich wirklich bem\u00fcht, aber nun das Gef\u00fchl, zu kurz zu kommen. Und schon sah sie neue Verpflichtungen auf sich zukommen.<\/p>\n<p>Kyrie-Ruf<\/p>\n<p>\u201eWas ist gut?\u201c Oder wenigstens: \u201eWas ist gut f\u00fcr uns?\u201c All unser Bem\u00fchen und offenes Fragen legen wir zusammen in einem letzten Kyrie.<\/p>\n<p>Kyrie-Ruf<\/p>\n<p><strong>Predigttext <\/strong><\/p>\n<p>14 Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachl\u00e4ssigen zurecht, tr\u00f6stet die Kleinm\u00fctigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann.<\/p>\n<p>15 Seht zu, dass keiner dem andern B\u00f6ses mit B\u00f6sem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, f\u00fcreinander und f\u00fcr jedermann.<\/p>\n<p>16 Seid allezeit fr\u00f6hlich, 17 betet ohne Unterlass, 18 seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus f\u00fcr euch.<\/p>\n<p>19 Den Geist l\u00f6scht nicht aus. 20 Prophetische Rede verachtet nicht.<\/p>\n<p>21 Pr\u00fcft aber alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das B\u00f6se in jeder Gestalt.<\/p>\n<p>23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig f\u00fcr das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. 24 Treu ist er, der euch ruft; er wird&#8217;s auch tun. (1. Thess 5,14\u201324)<\/p>\n<p><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p>Das sind also die Ratschl\u00e4ge und Mahnungen, mit denen der 1. Thessalonicherbrief zu Ende geht. Es geht Paulus um das Leben in der Gemeinde, um Spiritualit\u00e4t, um Erfahrungen des Heiligen Geistes, die man suchen soll, \u2013 und um das Gute, das man suchen soll. Jedes dieser Themen verdiente eine eigene Predigt. Ich habe schon gesagt, f\u00fcr welches Thema ich mich entschieden habe. Ich bette das \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet\u201c f\u00fcr das Folgende in zwei weitere Verse aus dem Predigttext ein:<\/p>\n<p>15b Jagt allezeit dem Guten nach, f\u00fcreinander und f\u00fcr jedermann. [&#8230;]<\/p>\n<p>21 Pr\u00fcft alles und das Gute behaltet. 22 Meidet das B\u00f6se in jeder Gestalt.<\/p>\n<p><strong>\u201eDas mit dem Guten ist nicht so einfach&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Kyrie haben wir schon gemerkt, dass das mit dem Guten nicht so einfach ist.<\/p>\n<p>Da war die Mutter-Tochter-Debatte. Sie endete mit dem trotzigen \u201eIch wei\u00df schon, was gut f\u00fcr mich ist\u201c der Tochter. Jeder von uns, der deutlich \u00e4lter ist, wird wissen: \u201eNein, wei\u00df sie nicht.\u201c Ihr fehlt noch eine realistische Absch\u00e4tzung, welche Folgen ihre Entscheidungen haben und welche Risiken sie eingeht. Ich h\u00e4tte als Beispiel auch den Vater eines Jungen nehmen k\u00f6nnen. Nach einem Gottesdienst zur Entlassfeier aus der Hauptschule klagte er: \u201eWenn es um Dummheiten geht, kann ich sicher sein: Er ist vorne mit dabei.\u201c Dabei sch\u00e4tzte ich den Jungen eher als lieb-dusselig ein als gemeingef\u00e4hrlich. Die Sorgen der Eltern und das Streben der Kinder nach Selbstbestimmung \u2013 manchmal sto\u00dfen sie in heftigen Auseinandersetzungen aufeinander. Auch wer keine krisenhafte Pubert\u00e4t hinter sich hat, wird es gehasst haben, wenn jemand sagte: \u201eDas ist nicht gut f\u00fcr dich.\u201c Oder noch mehr, wenn es in Liebesfragen hie\u00df: \u201eDer, wahlweise die, ist nicht gut f\u00fcr dich.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEntdecke die M\u00f6glichkeiten\u201c, so sagt es ein Werbespruch, und das ist auch die Aufgabe der Jugend. Man muss selbstst\u00e4ndig werden und lernen, f\u00fcr sich zu entscheiden. Aber irgendwann schlie\u00dfen unsere Entscheidungen andere M\u00f6glichkeiten aus und geht das Entdecken in Versuch und Irrtum \u00fcber. Nehmen wir den Blick der Eltern auf ihre Teenager, die lieber daddeln und feiern wollen als lernen. Die besorgten Eltern sehen eben, wie Schulweg und Berufswahl langfristig viel wichtiger sind als die n\u00e4chsten Level beim Computerspiel oder eine durchgefeierte Nacht. Gewiss: Man kann Schulwege sp\u00e4ter noch korrigieren. Aber das braucht dann weit mehr Energie und Durchhalteverm\u00f6gen als in der Jugend. Noch ein anderes gro\u00dfes Thema f\u00fcr Jugendliche und junge Erwachsene: die Liebe. Auch das ist eine Lernaufgabe, oft mit Versuch und Irrtum. Vor Jahren verband sich eine Zeitschrift f\u00fcr Frauen mit dem Spruch: \u201eFrauen von heute nehmen nicht den ersten, sondern den Besten.\u201c Da hat sich offenbar etwas ver\u00e4ndert. \u201eDie Guten sind schon vergeben?, nein, bei uns gibt es sie noch\u201c, wirbt heute ein Parship-Portal. Und wo fr\u00fcher die Eltern die Partnerwahl arrangierten, hofft man jetzt auf den Algorithmus im Computerprogramm, dass es endlich passt.<\/p>\n<p>Irgendwann wird uns bewusst, wer wir geworden sind, \u2013 im Entdecken und Verpassen von M\u00f6glichkeiten, im Versuch und Irrtum. Nur manchmal erleben wir als Erwachsene noch die Aufregung und Spannung von Teenagern, \u2013 und ihre Unsicherheit und den Zwang zur Entscheidung, was denn nun gut f\u00fcr uns ist. Ich tippe die Beispiele nur an: Krisen in Partnerschaft oder Beruf, gesundheitliche Probleme als Weckruf, auch Zwischenbilanzen, wie beim dritten Beispiel im Kyrie. Im Raum der Kirche w\u00fcrde man vielleicht auch an Glaubenskrisen denken. Es gibt das Ganze aber auch andersherum, dass jemand merkt, dass er einen Neuanfang braucht, zum Suchenden wird und im christlichen Glauben ein neues Lebensfundament findet.<\/p>\n<p><strong>\u201eTu das, und Du wirst leben&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eTu das, und Du wirst leben&#8230;\u201c Das war jahrhundertelang die Verhei\u00dfung der Religionen. Sie sagten uns, was wir zu tun oder zu lassen hatten, wenn wir ein gutes Leben haben wollten. Und wenn es nicht gut war, so tr\u00f6steten sie mit einem besseren Leben im Jenseits, oder im Fall der s\u00fcdostasiatischen Religionen mit einer besseren Reinkarnation. Heutzutage ist die Autorit\u00e4t der Kirchen allerdings nicht mehr unangefochten. Aus eigenem Zutun, aber auch aufgrund der allgemeinen gesellschaftlichen Modernisierung.<\/p>\n<p>Der Apostel Paulus hat seinen Teil dazu beigetragen, als er das Christentum \u00fcber die Grenzen Israels hinaustrug. Alle Menschen sollten die Chance bekommen, an den Messias zu glauben, ohne sich allerdings dem Judentum anschlie\u00dfen und dem j\u00fcdischen Religionsgesetz unterwerfen zu m\u00fcssen. F\u00fcr Paulus reichte der pers\u00f6nliche Glaube an Jesus Christus als Orientierung und Ma\u00dfstab. Die Freiheit seines Glaubens erm\u00f6glichte ihm jenes \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet\u201c aus unserem Predigttext. Paulus war aber, das sehen wir deutlicher als er, nat\u00fcrlich auch gepr\u00e4gt von seiner Herkunft. Seine Verankerung im Judentum gab ihm bereits einen Ma\u00dfstab mit, und schon damals war er schockiert, was in den von ihm gegr\u00fcndeten Gemeinden auch noch als christlich durchgehen konnte.<\/p>\n<p>Auch Martin Luther hat seinen Teil dazu beigetragen, dass die Autorit\u00e4t von P\u00e4psten, Kirchenversammlungen, Bisch\u00f6fen, aber auch Priestern und Pastoren nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich war. Sie kennen vielleicht sein \u201eHier stehe ich und kann nicht anders\u201c vor dem Wormser Reichstag 1521: \u201eWenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgr\u00fcnden besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angef\u00fchrt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, da\u00df sie \u00f6fters geirrt und sich selbst widersprochen haben.\u201c<\/p>\n<p>Luthers Gewissen war noch gefangen in Gottes Wort, nicht im eigenen Urteilsverm\u00f6gen, auf das die Aufkl\u00e4rung so stark gesetzt hat. Vielleicht kennen Sie noch aus der Schulzeit Kants Definition: \u201eAufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus der selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit.\u201c Inwiefern selbst verschuldet? Weil die Menschen zu faul oder zu feige sind, sich ihres Verstandes selber zu bedienen. Kants Anh\u00e4nger unter den protestantischen Theologen machten im 18. und 19. Jahrhundert das \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet\u201c zu einem ihrer Lieblingsverse.<\/p>\n<p>Und das ist jetzt auch der Knackpunkt. Immer noch sind Menschen zu faul oder zu feige, sich ihres Verstandes zu bedienen. Und die wenigsten haben die St\u00e4rke und Kraft, sich an den Anspr\u00fcchen eines der gr\u00f6\u00dften deutschen Philosophen zu orientieren und dann auch vern\u00fcnftig zu handeln. Dieselbe Tochter, die so lautstark wei\u00df, was gut f\u00fcr sie ist, verfolgt die Beauty- und Fitness-Tipps im Internet. Dieselbe Frau, die was Festes sucht, ist beim ersten Treffen nicht fest genug. Und die gutwillige Frau, die sich fragt, ob sie nicht auf der Strecke bleibt, zeigt uns an, dass der Anspruch, Gutes zu tun, auch zur \u00dcberforderung werden kann.<\/p>\n<p>Also h\u00f6ren Sie von mir heute auch keinen globalen kategorischen Imperativ und keine Appelle, das in diesem oder jenem Sinn Gute zu tun. Ich schulde Ihnen aber die alte christliche Verhei\u00dfung: Wer an Jesus glaubt, mit dem soll es gut werden. An ihm sollen wir lernen, wer Gott ist und wer der Mensch, und das kann auch zu anderen Vorstellungen f\u00fchren, was gut und richtig ist. Die christliche Tradition hat ja an Jesus gelernt, dass nicht einfach St\u00e4rke und Selbstdurchsetzung ein gutes Leben ausmachen und auch nicht Ansehen, Erfolg und Gesundheit. Ein Leben, das sich mit Jesus verbindet, soll jedoch durch alle H\u00f6hen und Tiefen hindurch ein Leben mit Ewigkeitswert werden.<\/p>\n<p><strong>\u201eEs gibt nichts Gutes, au\u00dfer man tut es&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen wir also ein Beispiel aus der Alltagsethik, um das Christsein \u00fcben. Gehen wir einkaufen! F\u00fcr unser Beispiel brauchen wir nicht viel. Einfach nur etwas f\u00fcr den Tagesbedarf. (So wie mein Vater. Er hat nie ein Auto besessen. Gro\u00dfeinkauf, das war kein Konzept meiner Familie. Und so ist er auch als Witwer fast t\u00e4glich in den Supermarkt seines Vertrauens gegangen. Und da ging es nicht nur um den t\u00e4glichen Bedarf, sondern auch um den menschlichen Kontakt.) Heute soll es Pfannkuchen geben. Ein einfaches Gericht, aber ich mag es. Au\u00dferdem kann man Reste f\u00fcr Fl\u00e4dlessuppe verwenden. Eigentlich halte ich daf\u00fcr schon immer ein paar Pfannkuchen zur\u00fcck. Salz und Zucker habe ich zuhause. Schmalz f\u00fcr die Pfanne auch. Milch und Mehl brauche ich, und nat\u00fcrlich \u2013 Eier. Und f\u00fcr das Abendessen brauche ich auch noch etwas. Brot und was drauf.<\/p>\n<p>(Noch bevor wir einkaufen gehen, werden wir von Werbebotschaften begleitet. Ein paar haben sich in meine Erinnerung eingegraben:<\/p>\n<p>\u201eIch will so bleiben, wie ich bin. Du darfst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeiz ist geil.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHauptsache, Ihr habt Spa\u00df.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu willst es, du verdienst es.\u201c<\/p>\n<p>Solche Kernverse des Konsums passen f\u00fcr mich nicht mit gelebtem Christentum zusammen. Trotzdem bleiben mir solche Sch\u00f6pfungen in Erinnerung. Als j\u00fcngste Erfindung habe ich mir das \u201eBelohnbier\u201c eines Baumarkts gemerkt. Wo aber finde ich Gegenworte? In unserem Bibeltext ist z. B. das \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet\u201c neben den anderen Versen im Fettdruck gesetzt. Man sollte sie auswendig lernen&#8230;<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu meinem Mittag- und Abendessen und dem Supermarkt meines Vertrauens. Ich durchquere die Luftschleuse des Supermarkts und lege die Maske an. Das ist inzwischen Routine, ebenso wie die Desinfizierung der H\u00e4nde. Ich greife mir einen Korb. Ich will ja nicht viel. Milch und Mehl f\u00fcr die Pfannkuchen und Eier und was f\u00fcrs Abendessen. Die Kleinigkeiten kommen schnell zusammen. Brot und was drauf, Milch, Eier, das Mehl muss ich immer suchen. Vor der Kasse schau ich noch einmal in meinen Korb, ob ich alles habe. Mehl, Milch, Eier f\u00fcr das Mittagessen, Brot und Weichk\u00e4se f\u00fcr den Abend. Und eine Schokolade! Ich erinnere mich: An den Chips bin ich noch bewusst vorbei gegangen, weil die T\u00fcte immer so schnell leer wird. Na ja, wenn die Schokolade schon drin ist im Korb, darf sie mit. Nach der Kasse kontrolliere ich, ob auch alles korrekt abgerechnet ist. Dann verlasse ich den Supermarkt.<\/p>\n<p>Das ging aber schnell, werden Sie sagen. Und Sie haben recht. Bei meinem Einkauf ist so viel mehr abgelaufen, was Anlass zum Nachdenken werden kann. \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet.\u201c Lassen Sie uns den Weg also noch einmal gehen und uns auf den Weg eines achtsamen christlichen Lebensstils begeben. Ich durchquere die Luftschleuse und lege die Maske an. Das ist inzwischen Routine, ebenso die Desinfizierung der H\u00e4nde. In Corona-Zeiten sind Schutzma\u00dfnahmen gut f\u00fcr mich und f\u00fcr jeden. Das ist mein kleines St\u00fcck Mitverantwortung, und ich denke an die, die seit zwei Jahren in der Politik zu Entscheidungen gro\u00dfer Tragweite kommen m\u00fcssen. Und mir f\u00e4llt ein, dass Paulus den Christen das Gebet f\u00fcr die Obrigkeit aufgetragen hat. Von einem Ja und Amen zu allem hat er dabei nicht gesprochen. Man muss die Entscheider und ihre Entscheidungen also nicht m\u00f6gen. Aber man k\u00f6nnte daf\u00fcr beten, dass sie ihren Job gut machen.<\/p>\n<p>Ich greife mir einen Korb. Ich will ja nicht viel. Aus dem Augenwinkel sehe ich die R\u00fcckgabestation f\u00fcr Flaschen. \u201eSehr gute Entscheidung der Politik\u201c, denke ich mir, \u201edavon m\u00fcsste es mehr geben\u201c und denke an den M\u00fcll, der trotzdem noch in meiner Stadt herumliegt. Immerhin: Es ist gut, dass Umweltschutz nicht mehr allein Thema kirchlicher Initiativen und \u201egr\u00fcner Spinner\u201c ist. Wir sind weit gekommen seit den Achtzigerjahren und k\u00f6nnen immer noch so viel mehr tun. Es ist gut, dass immer mehr recycelt wird und noch Verwendbares in Tauschb\u00f6rsen, Second-Hand-L\u00e4den, Kleiderkreiseln oder Sozialkaufh\u00e4usern weitergegeben wird.<\/p>\n<p>Die erste Station auf meinem Weg durch den Supermarkt f\u00fchrt mich zum Brot. Manchmal sehe ich knallorange Aufkleber: 30 Prozent Abzug. \u201eSehr gute Entscheidung der Filialleitung\u201c, denke ich mir und danke den Mitarbeiterinnen der Filiale, die sich die M\u00fche der Kontrolle und Neuauszeichnung machen. (Vor Jahrzehnten und in einer anderen Stadt lobte ein Supermarkt einen F\u00fcnfer aus, wenn man ein abgelaufenes Produkt fand. Ich habe mir damals manchen F\u00fcnfer \u201everdient\u201c.) Ich freue mich, dass ich auf dieses Sonderangebot nicht (mehr) angewiesen bin. (Ich komme aus einer Familie, in der die D-Mark mehrfach umgedreht werden musste.) Eigentlich auch ein Grund zur Dankbarkeit und Demut.<\/p>\n<p>Nach dem Brot kommen in meinem Supermarkt die \u201eLebensmittel f\u00fcr den Abend\u201c: Knabberzeug, S\u00fc\u00dfigkeiten, Chips, Salz-Sticks und und und. (Ich bin versucht, nach den Chips zu greifen. Aber die sind so schnell leer, und au\u00dferdem m\u00fcssen die Corona-Pfunde nicht noch mehr werden. Daf\u00fcr werde ich an anderer Stelle schwach.) Na gut, eine Schokolade darf mit. Apropos Schokolade. Gl\u00fccklicherweise ist Fair-Trade inzwischen auch im Supermarkt meines Vertrauens angekommen. Ich erinnere mich, wie Schokolade, Kaffee und Tee, kleine Schmuckst\u00fccke und andere Kleidungsaccessoires nur im Welt-Laden zu haben waren. Heute kann man sich schon fast nicht mehr erinnern, wie viel Engagement zuerst in Kirchengemeinden investiert wurde. Trotzdem ein Beispiel, wie aus \u00dcberzeugungen gutes Handeln entsteht.<\/p>\n<p>Ich komme zur Milch. Ich wei\u00df nicht, wie es Ihnen geht. Ich schaue ganz selbstverst\u00e4ndlich auf das Ablaufdatum. Viele andere tun das offensichtlich auch. Die hinten stehenden Kartons sind ebenfalls schon angebrochen. Ganz automatisch will auch ich nach dem l\u00e4ngeren Haltbarkeitsdatum greifen. Aber warum? \u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet\u201c, das ist in diesem Fall die schneller ablaufende Milch. Wenn ich wei\u00df, dass ich die Milch heute anbrechen und weitgehend aufbrauchen werde: Wozu brauche ich das sp\u00e4tere Ablaufdatum? Mit dieser \u00dcberlegung greife ich zur offenbar \u00e4lteren Milch und trage so dazu bei, dass diese Milch nicht aussortiert werden muss. Ein kleiner Beitrag gegen die Lebensmittelverschwendung, und dann f\u00e4llt mir ein, dass ich meine Vorratshaltung \u00fcberpr\u00fcfen muss, wenn ich auch zuhause nichts wegwerfen will.<\/p>\n<p>Ich komme zu den Eiern. Wenn man mich fragen w\u00fcrde, was die Zahlen auf den Eiern bedeuten, ich k\u00f6nnte es aktiv nie sagen. Darum nur kurz die Erkl\u00e4rung der ersten Ziffer: 0 = \u00d6kologische Erzeugung, 1 = Freilandhaltung, 2 = Bodenhaltung, 3 = K\u00e4fighaltung. Je niedriger die Zahl, desto besser f\u00fcr das Huhn. Auch hier sehe ich, dass ich inzwischen eine Wahl habe. Sp\u00e4testens jetzt muss ich etwas zu den Preisen sagen: Fair gehandelt, \u00f6kologisch erzeugt oder wenigstens im Ansatz tierwohl. Das hat seinen Preis, und nicht jeder kann es sich so einfach leisten, zum teureren Produkt zu greifen. Andererseits: Wer es kann und das \u201ebessere\u201c Produkt kauft, tut auch den anderen etwas Gutes. Es hat sich ja gezeigt, dass die Qualit\u00e4t von oben nach unten einsickert. Viele No-Name-Produkte der Discounter werden in Produktpr\u00fcfungen ebenso gut wie die Markenware bewertet.<\/p>\n<p>Brot, Schokolade, Milch, Eier. Sie haben l\u00e4ngst verstanden, wie schon der einfache Einkauf zum Anlass f\u00fcr eine achtsame, vielleicht sogar christlich-bewusste Lebensf\u00fchrung werden kann. Ich setze die Einzelbeispiele deshalb nicht fort und gehe mit Ihnen zur Kasse. Da habe ich j\u00fcngst etwas Neues kennengelernt: einen Kassenbon in blau. Den gibt es bei meinem Supermarkt noch nicht, aber bei der Konkurrenz. \u201eDer blaue Bon\u201c lese ich da, ist \u201eaus verantwortungsvoller Waldwirtschaft, umweltfreundlich und recycelbar, ohne chemische Farbentwickler\u201c. \u201eBravo\u201c, denke ich mir, und mir f\u00e4llt auf, dass andere auf Dinge kommen, auf die ich noch nicht gekommen bin. \u201eIch muss die Welt nicht alleine retten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eGeistesgegenw\u00e4rtig leben&#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ein erstes Hinsehen, das viel genauer werden kann, ein erstes Urteilen, das im Blick auf den christlichen Horizont noch genauer werden kann, ein erstes Handeln, dessen Konsequenzen umfangreicher werden k\u00f6nnten. Ich h\u00e4tte \u00fcber die Preise f\u00fcr Milch und Butter sprechen k\u00f6nnen, \u00fcber Produktionsbedingungen und Lieferketten, \u00fcber die Arbeitsbedingungen der Verk\u00e4uferinnen, der Schlachter und vieler anderer. Aber: Die wenigsten unter uns sind Entscheider in Politik und Wirtschaft, oder kennen solche, die wir influencen k\u00f6nnten. Und au\u00dferdem hallt jeder lautstark vorgetragene Ratschlag an Politik und Wirtschaft auch in die Kirche zur\u00fcck. Ich kann ja weder garantieren, dass jeder Gremienkaffee in der Kirche fair gehandelt ist noch dass jede Gremienentscheidung in der Kirche menschen- oder umweltgerecht ist.<\/p>\n<p>Es hat sich aber hoffentlich angedeutet, was man alleine tun kann. Da hatte Kant dann doch auch etwas gefunden: Wenn man schon auf der Freiheit seines Handelns besteht, dann muss man dann auch ernsthaft und vern\u00fcnftig handeln. Und vielleicht kann man mit Gebet und Segen und mit Geschichten und Lernspr\u00fcchen aus der Bibel, die unbewusst zu einem ethischen Kompass werden, f\u00fcr sich noch mehr tun. Aus gemeinsamer \u00dcberzeugung und gemeinsamem Nutzen kann auch die gemeinsame Aktion werden. Vor Jahren waren es der Dritte-Welt-Verkauf im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst, die Eine-Welt-L\u00e4den oder der Kleider-Basar der Mutter-Kind-Gruppen im Gemeindehaus. Heute sind die richtigen Orte des Engagements vielleicht die Tafeln, die Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren, zugunsten von Armen und Bed\u00fcrftigen.<\/p>\n<p>\u201ePr\u00fcft alles und das Gute behaltet.\u201c Ich habe in dieser Predigt versucht, daraus eine erste Linie f\u00fcr unser Konsumverhalten zu ziehen. Ich wollte mit Ihnen etwas f\u00fcrs Mittag- und f\u00fcrs Abendessen einkaufen und daran zeigen, wie Alltag und Achtsamkeit sich verbinden k\u00f6nnen. Zur Achtsamkeit geh\u00f6rt jedoch auch, dass Predigten irgendwann enden. Aber vielleicht ist es so, dass, wenn nachher der Hunger gestillt wird, auch das Tischgebet bewusster gesprochen wird. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und derzeit als Religionslehrer am Melanchthon-Gymnasium N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gehen wir einkaufen! | 14. So. n. Trinitatis | 5. 9. 2021 | Predigt zu 1. Thess. 5,21 | verfasst von Hansj\u00f6rg Biener | In die Begr\u00fc\u00dfung einzuf\u00fcgen [&#8230;] Der heutige Predigttext beschlie\u00dft einen Brief von Paulus mit zahlreichen Ratschl\u00e4gen und Mahnungen. Einige werden in der Lutherbibel im Fettdruck hervorgehoben. 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