{"id":5746,"date":"2021-09-08T21:45:14","date_gmt":"2021-09-08T19:45:14","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5746"},"modified":"2021-09-08T21:46:21","modified_gmt":"2021-09-08T19:46:21","slug":"predigt-zu-lukas-175-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-lukas-175-6\/","title":{"rendered":"Predigt zu Lukas 17,5-6"},"content":{"rendered":"<h3>Einfach glauben | 15. Sonntag nach Trinitatis | 12.09.2021 | Predigt zu Lukas 17,5-6 | verfasst von Udo Schmitt |<\/h3>\n<ol>\n<li>Fr\u00fcher war alles besser \u2013 Teil 1: Kindlicher Glaube<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich habe meine Gro\u00dfmutter immer bewundert, sagte im Gespr\u00e4chskreis eine Frau mittleren Alters, ich habe sie f\u00fcr ihren Glauben bewundert; sie war sich so sicher, dass sie ihren Mann und alle anderen einmal wieder sieht, das war f\u00fcr sie v\u00f6llig klar und gar keine Frage. Ich w\u00fcnschte manchmal, ich h\u00e4tte etwas von diesem Glauben und dieser St\u00e4rke abbekommen. Damals hat man noch an Gott geglaubt. Ich f\u00fchle mich da heute immer ganz klein.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, ja fr\u00fcher. Fr\u00fcher war alles besser. Da waren die Kirchen voll. Heute ist nicht mehr viel los mit Christentum und Glauben. Kommt ihnen der Gedanke irgendwie vertraut vor? Die Sehnsucht nach einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit, in der alles irgendwie einfacher war, einleuchtender und klarer. So wie zu Kindertagen. Als ich noch ein Kind war, da war die Sache klar: Gott wohnt im Himmel und passt auf uns Menschen auf. Als ich gr\u00f6\u00dfer wurde, kamen immer mehr Fragen dazu: Wie kann man denn \u00fcbers Wasser gehen, Brote vermehren oder Tote zum Leben erwecken? Wie soll das alles gehen? Kann ich das noch glauben? Jetzt, wo ich erwachsen bin. Als ich Kind war, war mein Glaube gro\u00df, als ich gro\u00df wurde, wurde mein Glauben kleiner und kleiner.<\/p>\n<p>\u201eWenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder\u2026\u201c, hat Jesus zu seinen J\u00fcngern gesagt. Als diese ihn fragten, wer der Gr\u00f6\u00dfte ist im Himmelreich, da rief er ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sagte: \u201eWahrlich, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen\u201c (Matth\u00e4us 18,1-3). An Gott glauben, hei\u00dft, sich etwas von dem kindlichen Urvertrauen zu bewahren. Oder es wieder zu finden. Das Gef\u00fchl und die Gewissheit, dass, auch wenn ich nicht allen Fragen und Antworten kenne, ich doch darauf vertrauen kann, dass ich ein Kind Gottes bin und er der liebende Vater, der es gut mit uns meint.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Fr\u00fcher war alles besser \u2013 Teil 2: Apostolischer Glaubensmut<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Sehnsucht nach einer l\u00e4ngst vergangenen Zeit, in der alles irgendwie einfacher, einleuchtender und klarer war, ist nicht neu. Sie begegnet im Laufe der Geschichte immer wieder. Gerade in Zeiten gro\u00dfer Ver\u00e4nderungen und rasanten Wachstums w\u00fcnschen sich Menschen, sie k\u00f6nnten wieder zur\u00fcckkehren zu den einfachen Anf\u00e4ngen. Ad fontes! Zu den Quellen! Zur\u00fcck zu den Urspr\u00fcngen, riefen schon die Gelehrten am Ende des Mittelalters. Ebenso die Reformatoren, sie verwarfen die dekadente Papstkirche und kn\u00fcpften wieder bei dem an, was Jesus und seine J\u00fcnger selbst gesagt hatten. Zur\u00fcck zu den Urspr\u00fcngen und zur wahren Lehre. Die evangelischen Kirchen entstanden.<\/p>\n<p>Doch die Welt drehte sich weiter und ein Jahrhundert sp\u00e4ter beschrieben Pietisten die Geschichte der Kirche erneut als eine Geschichte des Verfalls (Gottfried Arnold) und sehnten sich nach der \u201ewahren Gemeine\u201c, nach einer Gemeinschaft, die wieder einfach lebt. Einfach so wie die Apostel damals. So soll es wieder sein: \u201eWach auf, du Geist der ersten Zeugen\u201c, dichtete dazu Karl Heinrich von Bogatzky (EG 241) und r\u00fchmt der Apostel Wachsamkeit und Heldenmut.<\/p>\n<p>Wiederum ein Jahrhundert sp\u00e4ter, wir sind mittlerweile in der Zeit der Romantik, als die ersten Eisenbahnen fuhren, da dichtete Philipp Spitta: \u201eKomm zu uns, werter Tr\u00f6ster, und mach uns unverzagt. Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit\u201c (EG 136). Und im n\u00e4chsten Lied im Gesangbuch, das auch von Spitta stammt, hei\u00dft es: \u201eR\u00fcste du mit deinen Gaben auch uns schwache Kinder aus, Kraft und Glaubensmut zu haben, Eifer f\u00fcr des Herren Haus\u2026 Gib uns der Apostel hohen, ungebeugten Zeugenmut, aller Welt trotz Spott und Drohen zu verk\u00fcnden Christi Blut\u201c (EG 137).<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Die Sehnsucht nach dem Ursprung<\/li>\n<\/ol>\n<p>Fr\u00fcher, ja fr\u00fcher. Fr\u00fcher war alles besser. Hie\u00df es auch vor 200 Jahren schon. Und sp\u00e4testens da war die &#8211; jetzt auch so genannte &#8211; \u201eUrgemeinde\u201c zu einem Idealbild und zu einer fast mystischen Gr\u00f6\u00dfe geworden. Damals, ja damals, da glaubten sie noch wirklich. Wir heute hingegen leben \u00e4ngstlich und gebeugt in einer schlaffen, schwachen, armen Zeit. Damals war der Glaube gro\u00df, heute sind wir ganz klein.<\/p>\n<p>So hei\u00dft es seitdem immer wieder. Wobei das, was an der Urgemeinde so fasziniert und vorbildlich erscheint, sehr verschieden ausfallen kann, je nach Mode und Couleur. Die einen r\u00fchmen die Einheitlichkeit, die br\u00fcderliche Eintracht und das Fehlen von Streit. Die anderen loben Bruderliebe und Diakonie, die G\u00fctergemeinschaft und die Armenpflege. Manch einer suchte in ihr sogar so etwas wie eine kommunistische Urgesellschaft (Karl Kautsky, 1908). Andere wiederum loben die missionarische T\u00e4tigkeit, die Verbindung von Lehre und Leben bei Paulus, und die Inkulturation als Beispiel daf\u00fcr, wie man auch heute das Evangelium ausbreiten solle.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach dem Einfachen und Urspr\u00fcnglichen gibt es bis heute. Gerade in Zeiten, die sich so rasant ver\u00e4ndern wie die unsrige. Die Welt, in der wir leben, wird uns entfremdet, noch w\u00e4hrend wir sie erleben, wird urbaner, vernetzter, globaler, komplexer. Mit einem Wort: un\u00fcbersichtlich. Gerade in solchen Zeiten sehnt man sich zur\u00fcck nach einem einfachen Leben. Bald schon leben wir fast alle in St\u00e4dten, Metropolen und Megacities von 20, 40, 60 Millionen Menschen. Gleichzeitig abonnieren immer mehr die Zeitung \u201eLandlust\u201c. Wir bestellen Technik im Internet &#8211; und bummeln beseelt auf Mittelalterm\u00e4rkten. Musik wird am Computer gesampelt und arrangiert, kaum einer der Macher singt oder spielt selbst ein Instrument, gleichzeitig erfreuen uns die \u201ehistorisch informierte Auff\u00fchrungspraxis\u201c mit dem qu\u00e4kenden Klang von Zink und Grifflochhorn, dem Geschepper von Cembalo und Klavizimbel. Alles m\u00f6glichst echt, m\u00f6glichst nah an dem, wie es fr\u00fcher einmal war.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Die Urgemeinde \u2013 ein romantischer Mythos<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber, mit Verlaub, war fr\u00fcher wirklich alles besser? Also mal davon abgesehen, dass ich selbst j\u00fcnger war und mir alles leichter fiel. Das wohl. Aber war die Zeit wirklich besser? Und war es damals einfacher und sorgenfreier zu leben? Wirklich? Oder wenigstens leichter zu glauben? Ich habe da so meine Zweifel. Und m\u00f6chte auch nicht unbedingt tauschen. Nicht mit einem Erwachsenen von damals und nicht mit einem Kind von heute.<\/p>\n<p>Auch die Urgemeinde ist ein Mythos. Eine romantische Idee, die Sehnsucht nach einer perfekten Anfangszeit. Eine naive Tr\u00e4umerei. Nat\u00fcrlich war auch schon die erste Christenheit nicht einig. Gerade Paulus zeugt davon in seinen Schriften, wie viel Streit und Parteienzwist es auch schon in den ersten Gemeinden gab. Wie viel Irrtum und wie viel Abweichung. Auch damals gab es schon Arme und Reiche, Kaufleute und Bettler, M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger und abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte, damals \u00fcbrigens noch Sklaven genannt. Und die Furchtlosigkeit und den hohen, heldenhaften Glaubensmut kann ich bei den Aposteln auch nicht erkennen. Immer wieder schimpft Jesus mit seinen J\u00fcngern, nennt sie furchtsam und kleingl\u00e4ubig. Als die Apostel, so steht es hier bei Lukas, ihn einmal bitten, er m\u00f6ge ihren Glauben doch vermehren und vergr\u00f6\u00dfern, da sagt er ihnen: Wenn ihr nur Glauben habt, so gro\u00df wie ein Senfkorn, reicht das schon, denn \u201edann k\u00f6nntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Rei\u00df dich aus und versetze dich ins Meer!, und er w\u00fcrde euch gehorchen.\u201c<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Ein kleiner Glaube<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es braucht nicht viel, sagt Jesus zu ihnen &#8211; und zu uns. Wenn euer Glaube nur so gro\u00df ist wie \u2013 sagen wir &#8211; ein Senfkorn, also winzig, gerade noch sichtbar und kaum der Rede wert, dann reicht das vollkommen. Ihr braucht nicht viel glauben. Ihr braucht nicht vollkommen und perfekt glauben. Ihr braucht nicht sorglos und zweifelsfrei glauben, nicht verbraucherfreundlich und abwaschbar&#8230; Es reicht, wenn ihr ein bisschen glaubt. Ein kleiner Glaube. Das ist schon ein Anfang. Und es reicht vollkommen, um viel zu bewegen \u2013 Gro\u00dfes zu bewegen und Festes.<\/p>\n<p>Ein Maulbeerbaum steht \u2013 so h\u00f6rte ich \u2013 an seinem Platz bis zu 600 Jahre lang. Seine Wurzeln sind alt und sie reichen tief. Ein Maulbeerbaum \u2013 so dachte ich \u2013 ist wie eine schlechte Angewohnheit, eine fest gef\u00fcgte und stark verkrustete Struktur, ist wie ein Fleck der nicht weg geht, ist wie die deutsche B\u00fcrokratie und die Steuern, mit all den Formularen, Antr\u00e4gen, Ausnahmen und Paragraphen, die kriegst du nicht weg, dein Lebtag nicht, die waren vor dir schon da und werden auch nach dir noch sein, da bleibst du immer nur zweiter Sieger und der Meister der Herzen. Was kann ich da schon tun. Ich bin doch so klein.<\/p>\n<p>Doch, sagt Jesus, mach dich nicht kleiner als du bist. Sei nicht so kleingl\u00e4ubig. Doch, du kannst, du kannst etwas bewegen in deinem Leben, ein kleiner Glaube, ein bisschen Glaube nur, ein kleiner Fussel Glaube nur, ein Fingerhut voll, und du schaffst das Allergr\u00f6\u00dfte, Allerschwerste und vielleicht sogar das Allerunwahrscheinlichste: Du kannst \u00fcber deinen eigenen Schatten springen. Deine Angst ablegen. Deine vorgefassten Urteile \u00fcberwinden. Auch die \u00fcber dich selbst. Und einfach glauben. Einfach glauben.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>Wo Menschen sich vergessen (HuE 2)<\/p>\n<p>Wach auf, du Geist der ersten Zeugen (EG 241)<\/p>\n<p>O komm, du Geist der Wahrheit (EG 136, HuE 174)<\/p>\n<p>Vertraut den neuen Wegen (EG 395, HuE 308)<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n<p><strong><u>&nbsp;<\/u><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einfach glauben | 15. 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