{"id":5749,"date":"2021-09-08T20:48:27","date_gmt":"2021-09-08T18:48:27","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=5749"},"modified":"2021-09-08T21:53:08","modified_gmt":"2021-09-08T19:53:08","slug":"predigt-zu-galater-525-68","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zu-galater-525-68\/","title":{"rendered":"Predigt zu Galater 5,25-6,8"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Jeder Tag hat seine Hoffnung | 12.9.21 | 15. Sonntag nach Trinitatis | <\/strong>Galater 5,25-6,8; Matth\u00e4us 6,24-34 | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen |<\/h3>\n<p>Ein neuernannter Pr\u00e4sident hielt seine erste Neujahrsansprache f\u00fcr die Nation. Die Rede enthielt eine Vision f\u00fcr denAufbau er Nation. Die Vision lautete: \u201eJesus, nicht Caesar!\u201c<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident war Vaclav Havel, und die Rede wurde nach der samtenen Revolution in der fr\u00fcheren Tschechoslowakei gehalten. Die Worte waren nicht neu. \u201eJesus, nicht Caesar\u201c, das hatte der erste Pr\u00e4sident der Tschechoslowakei auch gesagt. \u00dcber das Jahrhundert hinweg redeten die beiden Staatsm\u00e4nner so mit einander und wiederbelebten nach Jahrzehnten der Unterdr\u00fcckung den Traum vom Bau einer Gesellschaft in der Kraft der Mitmenschlichkeit und des Geistes.<\/p>\n<p>Vaclav Havel beschrieb in seiner Rede eine Macht, die au\u00dferhalb des Menschen selbst liegt, die aber zugleich in unsere Welt und unser Leben hineinwirkt. Eine Macht, die mit der Welt der Realit\u00e4ten verbunden ist, die sie aber zugleich \u00fcbersteigt und die sich nicht nur mit dem Leben des einzelnen Menschen verbindet, sondern auch unser Leben in der Gemeinschaft betrifft.<\/p>\n<p>Ein Staatsmann, der von Geist redet und sich in seinem Denken \u00fcber die Gesellschaft davon bestimmen l\u00e4sst, ist ungew\u00f6hnlich. Fr\u00fcher einmal hat man zwar die Dichter mit besonderem geistigem Geh\u00f6r um Rat gefragt \u2013 auch in gesellschaftlichen Fragen. Aber das ist lange her. Stattdessen \u00fcbernahmen gro\u00dfe Ideologien das Wort, wie auch die \u00d6konomie mehr und mehr in den Vordergrund r\u00fcckte. Gott oder Mammon? In gesellschaftlichen Fragen ging es um letzteres, kein Gedanke an Liebe oder eine Botschaft von Vers\u00f6hnung und Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es auch zu weitschweifig, von einer gemeinsamen Wahrheit und einer geistigen Macht mitten in den Realit\u00e4ten dieser Welt zu reden, wo nun vieles sich im Umbruch befindet und es nicht mehr gen\u00fcgt, in alten L\u00f6sungsmodellen zu denken. Aber Havel war nicht der Meinung, dass Jesus zugunsten Caesars abzudanken habe, wenn sich die Wirklichkeit aufdr\u00e4ngt. Es war umgekehrt. Jesus meldete sich, als sich die Wirklichkeit aufdr\u00e4ngte. Mitten in einer Zeit des Aufbruchs war es deshalb diese Macht des \u00dcberschusses, auf die Havel verwies. So wie wir in dieser Zeit darauf verweisen m\u00fcssen, wo die Welt nicht weniger im Aufbruch ist. Die gro\u00dfen Gemeinschaften stehen unter Druck, einige ziehen sich zur\u00fcck, andere werden sich selbst \u00fcberlassen, und es kann schwer sein, eine gemeinsame Verantwortung geltend zu machen.<\/p>\n<p>Gott oder Mammon, Jesus oder Caesar? Das ist eine so intensive und ernste Frage wie damals. Es geht um die Frage danach, was f\u00fcr ein Leben wir uns w\u00fcnschen, woran wir uns orientieren, was f\u00fcr einen Ma\u00dfstab wir bei der Arbeit f\u00fcr das Gemeinwohl anlegen.<\/p>\n<p>Deshalb ist es auch \u00fcberraschend, ja provozierend, dass das Evangelium noch eine Aussage hinzuf\u00fcgt, die unmittelbar der ersten Aussage die Spitze zu nehmen scheint. \u201eSorget nicht\u201c, hei\u00dft es da. Wie das aber in einer Welt, wo es brennt und die Evakuierung aus dem Brennpunkt chaotisch und traumatisch ist? \u201eSorget nicht\u201c, das kann man zu jemandem sagen, der sich um mehr sorgt als n\u00f6tig, so wie man das zu dem Privilegierten sagen kann, dem Gesunden und dem, der besch\u00fctzt ist und dem ein Bett und eine Mahlzeit sicher ist. Aber in eine Welt gesprochen, in der so viele so wenig Grund unter den F\u00fc\u00dfen haben, erregt dies Widerspruch.<\/p>\n<p>Glaube kann Ruhe bedeuten. Ruhe, sich in seinem Leben zurechtzufinden, Ruhe, tiefer und l\u00e4nger nachzudenken, Ruhe einfach da zu sein.&nbsp; Aber Glaube kann nicht Ruhe bedeuten, wenn diese Ruhe die Wirklichkeit verleugnet und sich in sich selbst verschlie\u00dft, ohne sich darum zum k\u00fcmmern, was da drau\u00dfen passiert. \u201eEiner trage des andern Last\u201c, sagt deshalb Paulus auch in einem Verst\u00e4ndnis davon, dass Glaube verbunden ist mit Handeln und einer Aufmerksamkeit f\u00fcr das gemeinsame Leben und die besondere Lage des anderen.<\/p>\n<p>Wohl hat niemand auch nur einen Tag zu seinem Leben hinzugef\u00fcgt, indem er sich Sorgen macht. Aber die Sorge kann doch eine Anerkennung der Situation hier und jetzt bedeuten. Das kann ein mitmenschliches Signal sein, dass man den anderen oder die andere nicht allein lassen will mit seinen oder ihren unruhigen Gedanken. In dieser Weise kann die Sorge dazu beitragen, uns miteinander zu verbinden.<\/p>\n<p>Wenn Staatsm\u00e4nner \u00fcber Jahrhunderte hinweg davon reden, eine Gesellschaft auf Jesus und nicht Caesar zu gr\u00fcnden, so nicht deshalb, weil sie den Gang der Welt ohne Sorge betrachten. Es sind nicht resignierte, indifferente und desengagierte Leute, die hier reden. Es sind Menschen, die es wagen zu tr\u00e4umen und gro\u00df zu denken \u00fcber den Gang der Welt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es ja auch mit dem Handeln als Vorzeichen, dass wir die Worte h\u00f6ren sollen, dass wir nicht sorgen sollen. Dass dies eine Befreiung zum Handeln ist, die eine R\u00fcckwirkung hat auf das Sorgen. Die Befreiung, die z.B. darin lieg, dass wir die Zukunft nicht dem Gegner \u00fcberlassen wollen. Das Handeln in sich ist ja getragen von einer Hoffnung, es bringt Mitmenschlichkeit hervor, und dies auch wenn man sich manchmal ohnm\u00e4chtig f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Das Evangelium ist denn auch nicht die Erz\u00e4hlung von einem sorglosen Gott. Es ist vielmehr die Erz\u00e4hlung davon, wie Gott sich um den Menschen und seine Welt sorgt und deshalb seinen Sohn in den Kampf schickt, damit das f\u00fcr uns zu Leben wird. Und \u00fcberall, wo das Leben versiegt, schickt er seinen Geist in es hinein mit einem handelt, das signalisiert, dass Gott und Menschen zusammengeh\u00f6ren. Gesagt von dem sorgenden und handelnden Gott erh\u00e4lt die Aussage, dass wir nicht sorgen sollen einen anderen Klang. Es ist keine kalte Lebensregel mehr, sondern eine Verhei\u00dfung und eine Liebeserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Wir sind nicht nur ein Produkt der \u00e4u\u00dferen Welt. Wir k\u00f6nnen auf Kr\u00e4fte aus einer h\u00f6heren und tieferen Welt z\u00e4hlen. Und das kann einen Staatsmann sagen lassen: Jesus, nicht Caesar. Die Kraft des Geistes schlie\u00dft die Sorge nicht aus, das kann sie auch nicht, denn es geh\u00f6rt zum Wesen der Liebe, sich um den anderen zu sorgen. Aber das kann zum Handeln befreien, weil es die Hoffnung weckt auf die M\u00f6glichkeit der Ver\u00e4nderung. Nicht jeder Tag hat seine Plage, im Gegenteil: Jeder Tag hat seine Hoffnung. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Christiane Gammeltoft-Hansen<\/p>\n<p>DK-2000 Frederiksberg<\/p>\n<p>E-mail: cgh(at)km.dk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Tag hat seine Hoffnung | 12.9.21 | 15. Sonntag nach Trinitatis | Galater 5,25-6,8; Matth\u00e4us 6,24-34 | verfasst von Christiane Gammeltoft-Hansen | Ein neuernannter Pr\u00e4sident hielt seine erste Neujahrsansprache f\u00fcr die Nation. Die Rede enthielt eine Vision f\u00fcr denAufbau er Nation. 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